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BERLIN, GERMANY - DECEMBER 14:  Filmmaker Laura Poitras stands on the stage as former National Security Agency (NSA) contractor turned whistleblower Edward Snowden is seen on a video conference screen during an award ceremony for the Carl von Ossietzky journalism prize on December 14, 2014 in Berlin, Germany. Poitras, Snowden and journalist Glenn Greenwald (the latter two in absentia) were awarded the prize by the International League for Human Rights for having 'put their personal freedom on the line to expose abuse of power' by Germany and the United States in their revelations of the extent of government surveillance on ordinary citizens in the name of 'national security' in the wake of terrorist attacks. The prize is named for journalist and Nobel Peace Prize winner Ossietzky, who died from complications from being held as a dissident in a Nazi concentration camp. A bid to allow Snowden, who has temporary asylum in Moscow, to testify in Berlin before an NSA parliamentary inquiry is ongoing.  (Photo by Adam Berry/Getty Images)

Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras gehört zu den Personen, denen sich der Whistleblower dank starker Verschlüsselung anvertrauen konnte.
Bild: Getty Images Europe

Kommentar

Edward Snowden kommt ins Free-TV. Das ist dringend nötig

Der Oscar-prämierte Film über den NSA-Whistleblower Edward Snowden kommt zum richtigen Zeitpunkt ins Fernsehen: Seit den Anschlägen in Paris haben seine Kritiker Oberwasser. Und die starke Verschlüsselung von Threema und Co. gerät immer stärker unter Beschuss.



Zwar strahlt die ARD «Citizenfour» heute Abend erst um 23 Uhr aus. Doch soll der Oscar-prämierte Film mit dem Whistleblower Edward Snowden bereits ab 18 Uhr in der Online-Mediathek verfügbar sein, wie der öffentlich-rechtliche Sender mitteilt. Man kann die Doku also anschauen, wenn es passt und man noch richtig wach ist. 

Dass der knapp zweistündige Film nun erstmals im deutschen Free-TV gezeigt wird, geschieht zum richtigen Zeitpunkt. Es scheint, als seien Snowdens Enthüllungen bei Politikern und Journalisten in Vergessenheit geraten. Oder besser: Sie werden bewusst ausgeblendet, weil populistische Forderungen gerade mehr gefragt sind.

«In Zeiten, in denen Terroristen sich wahllos Opfer aussuchen und jede Lücke im Sicherheitssystem nutzen, um effektiv zuschlagen zu können, ist es höchste Zeit, einige Ideale über Bord zu werfen.»

Arthur Rutishauser, Chefredaktor «Sonntagszeitung».
quelle: sonntagszeitung, 22. November 2015

Nach den blutigen Anschlägen von Paris mehren sich hierzulande die Stimmen, dass man den Geheimdiensten weitreichende Befugnisse einräumen solle und die Verschlüsselungs-Technik besser kontrollieren müsse. 

Der Chefredaktor der «Sonntagszeitung», Arthur Rutishauser, kommentierte in der gestrigen Ausgabe: «In Zeiten, in denen Terroristen sich wahllos Opfer aussuchen und jede Lücke im Sicherheitssystem nutzen, um effektiv zuschlagen zu können, ist es höchste Zeit, einige Ideale über Bord zu werfen.»

Ideale über Bord werfen?

Mit seinem Editorial (Titel: «Die naive Sorglosigkeit derer, die bisher verschont wurden») positioniert sich Rutishauer, der ab dem 1. Januar nebst der «Sonntagszeitung» auch die Reaktion des «Tages-Anzeigers» leitet, als Hardliner in Sachen Terror-Bekämpfung. Zum Schluss schreibt der Wirtschafts-Journalist: «... solange wir gezwungenermassen vor der Wahl stehen zwischen etwas mehr Ano­nymität im Netz und der Sicherheit an öffent­lichen Orten, muss die Antwort eindeutig sein.»

Sprich: Dem Kampf gegen den Terror, respektive vermeintlich mehr Sicherheit, ist die Privatsphäre der Bürger zu opfern, starke Verschlüsselung ist des Teufels und innovative Firmen wie Threema sollen gezwungen werden, mit dem Staat zu kooperieren.

«Es sind ausschliesslich Politiker, die solchen kindischen Mist verzapfen. Es wäre Magie. Es ist unmöglich.»

Duncan Campbell, Journalist.
quelle: heise.de

Dezidiert anderer Meinung sind zwei renommierte Journalisten aus dem angelsächsischen Sprachraum, die kürzlich an einer Security-Konferenz in Wien auftraten, wie heise.de berichtet. Der Brite Duncan Campbell, ein preisgekrönter investigativer Journalist, hat vor 15 Jahren das amerikanische Satelliten-Abhörsystem Echelon enthüllt. Und auch sein US-Kollege James Bamford berichtet seit Jahrzehnten über Geheimdienste.

Die unabhängigen Experten halten die Massenüberwachung für gescheitert und sprechen sich öffentlich für starke Verschlüsselung aus. So zerzaust Campell denn auch die krude Idee, in abhörsichere Apps wie Threema Hintertüren einzubauen, damit die Geheimdienste trotzdem heimlich mitlauschen können: «Politiker träumen von magischen Geräten, die gegen alle Feinde geschützt sind, aber der Regierung offen stehen», meint der Brite. «Es sind ausschliesslich Politiker, die solchen kindischen Mist verzapfen. Es wäre Magie. Es ist unmöglich.»

epa04686822 An undated handout photo made available by the National Security Agency (NSA) shows an aerial view of the headquarters of the NSA in Fort Meade, Maryland, USA. One person was killed and one person injured on 30 March 2015 when a vehicle tried to ram a gate at a military installation that is home to the US National Security Agency. Shots were fired at Fort Meade, Maryland, outside Washington during the incident, but few other details were available. Television images showed police investigating at the scene.  EPA/NSA / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

NSA-Hauptsitz in den USA: Die Codeknacker haben viel zu tun.
Bild: EPA/NSA

Falsche Prioritäten

Campell sagt, dass die Geheimdienste viele Wege hätten, um Verschlüsselung zu umgehen. Aber es sei harte Arbeit. Dem pflichtet sein amerikanischer Kollege bei: «Wenn Sie Ende-zu-Ende verschlüsseln, zwingt das die Regierung dazu, spezifische Überwachung einzusetzen (statt Massenüberwachung), zum Beispiel, in dem sie Tastaturen verwanzen.»

Und genau dies soll in der Schweiz in Zukunft ja möglich sein, sobald die Revision des entsprechenden Gesetzes (BÜPF) in Kraft tritt und der Einsatz von Staatstrojanern offiziell erlaubt ist. Der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber erklärte übrigens gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass er nicht zögern würde, solche Schnüffelprogramme schon heute einzusetzen, wenn es um die Überwachung eines Terrorverdächtigen gehe.

Deutschsprachiger Trailer zu «Citizenfour»

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YouTube/Moviepilot Trailer

Einen Taxifahrer erwischt

Hingegen besteht bei der Massenüberwachung ein grundsätzliches Problem und das heisst Big Data: Die Geheimdienste erstickten in den gesammelten Daten und setzten ihre Prioritäten falsch, gibt der US-Journalist Bamford zu bedenken. Die NSA habe mit der Massenüberwachung einen Taxifahrer in San Diego erwischt, der 7500 US-Dollar an eine somalische Gruppe geschickt hatte. «Das ist alles, was wir für die Milliardeninvestitionen (...) bekommen haben.»

Die neuste Masche sei nun, Edward Snowden für die schrecklichen Taten der Islamisten verantwortlich zu machen. Aber Tatsache sei, dass die Geheimdienste schon alle grossen Terrorangriffe vor Snowdens Enthüllungen verpasst hätten. Eines der eindrücklichsten Beispiele war natürlich 9/11: Damals erfuhr die NSA aus dem Fernsehen von den Flugzeugen, die ins World Trade Center rasten.

ANLAESSLICH DER ANNAHME DES NEUEN NACHRICHTENDIENSTGESETZES DURCH DEN NATIONALRAT, AM DIENSTAG, 17. MAERZ 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Les antennes paraboliques des telecommunications de Leuk/Loeche photographiees ce mardi 10 janvier 2006. (KEYSTONE/Andree-Noelle Pot)

Das Schweizer Abhörsystem Onyx in Zimmerwald, Kanton Bern.
Bild: KEYSTONE

HUMINT statt SIGINT

Die angelsächsischen Journalisten sind sich laut Bericht einig, wie Anschläge am ehesten zu verhindern sind. «Echte Terrorismusbekämpfung würde eine Abkehr von der Wirtschafts- und Politikspionage sowie eine Abkehr von der Investition in riesige IT-Anlagen erfordern.»

Statt den gesamten weltweiten Datenverkehr zu erfassen und Rechenzentren auszuwerten, müssten die Geheimdienste wieder verstärkt ihr ursprüngliches Handwerk ausüben. Zu dieser Arbeit gehöre es, Verdächtige zu beschatten und Sprachspezialisten zur Auswertung von verdächtigem Material heranzuziehen. Im Geheimdienstjargon werden solche Aktivitäten HUMINT genannt, das Kürzel steht für «Human Intelligence».

Bleibt anzumerken, dass dies auch der Haltung von Edward Snowden entspricht. Der NSA-Whistleblower kritisiert die aus dem Ruder gelaufene «Signal Intelligence» (SIGINT) nicht nur aus demokratischen Überlegungen, sondern auch weil sie ineffizient sei. Nur schade, dass er sich seit längerem nicht mehr via Twitter zu Wort gemeldet hat.

So schützt man sich

Als Folge der NSA-Affäre bieten inzwischen verschiedene Gruppen komplette Lösungen, um das Internet wieder sicherer zu machen. Bekannt sind vor allem Guardian Project (guardianproject.info), Electronic Frontier Foundation (eff.org) und schweizerische Organisationen wie digitale-gesellschaft.ch oder privacyfoundation.ch. Auf deren Webseiten finden sich weitere Tools und Tipps zur Wahrung der Privatsphäre. (sda)

Als Fazit gilt in Erinnerung zu rufen, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt. In einer Demokratie könnten Terroranschläge nur ausgeschlossen werden, wenn die Bürger auf sämtliche Freiheitsrechte verzichten würden. Der deutsche Jungpolitiker Lasse Becker brachte es 2013 auf den Punkt: «Sonst kommt als Nächstes die ständige Handy-Ortung und die elektronische Fussfessel für alle Bürger.»

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9 Kommentare
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User01
23.11.2015 16:27registriert April 2014
Ich stell mir schon mal eine Schüssel Popcorn bereit, um die überwachungsbefürwortenden Kommentare der Digital Immigrants zu geniessen.
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bertol
23.11.2015 17:28registriert November 2015
Wenn man in Apps wie Threema Hintertüren einbaut, entzieht man ihnen faktisch die Existenz-Berechtigung. Gegen welches Gesetzt verstösst es eigentlich, die eigene Privatsphäre gewahrt wissen zu wollen? Dachte, in einer freien Gesellschaft habe man Anspruch darauf. Ich bin schon vor geraumer Zeit von der Datenkrake WhatsApp zu Threema gewechselt -- und mit mir noch einige andere Nicht-Terroristen.
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