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Microsoft Word auf Samsung-Smartphone

«Microsoft Office» ist die am stärksten verbreitete Bürosoftware. Und die Gefährlichste. Bild: Shutterstock

Europa im Würgegriff? So schlimm ist die Abhängigkeit von Microsoft

Statt auf Open-Source-Software setzen Verwaltungen auf den Quasi-Monopolisten Microsoft. Die wirtschaftlichen Folgen haben unabhängige Journalisten untersucht. watson hat in der Schweiz nachgehakt.



Das Wichtigste in Kürze

Erschreckende Resultate

Die Ergebnisse seien in verschiedener Hinsicht beunruhigend, fasste der deutsche «Tagesspiegel» in einem am Montag publizierten, ausführlichen Bericht mit dem Titel Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft zusammen:

  1. Die Abhängigkeit der Staaten von Microsoft verursache stetig steigende Kosten. Jahr für Jahr kassiere das Unternehmen allein für die Verteilung von Programm-Kopien an die 50 Milliarden Dollar an Lizenzgebühren.
  2. Die Abhängigkeit blockiere den technischen Fortschritt in den staatlichen Behörden.
  3. Die Abhängigkeit untergrabe systematisch das europäische Beschaffungs- und Wettbewerbsrecht.
  4. Mit der Abhängigkeit einher gehe ein erdrückender politischer Einfluss des US-Konzerns in Europa.
  5. Microsoft instrumentalisiere Schulen und Universitäten ungehindert für sein Marketing. Dies sei «das klassische Drogendealer-Modell», urteilte ein Experte. Bis die Kunden abhängig seien, kriegten sie den «Stoff» gratis.
  6. Die Abhängigkeit von Microsoft setze die staatlichen IT-Systeme samt den Daten ihrer Bürger einem hohen technischen und politischen Sicherheitsrisiko aus.
«Viele staatliche Verwaltungen sind so abhängig von diesem einen Anbieter, dass sie nicht mehr die Wahl haben, welche Software sie nutzen wollen.»

Der Informatiker und Jurist Martin Schallbruch, der bis 2016 Abteilungsleiter für Informationstechnik und Cybersicherheit im deutschen Bundesinnenministerium war. quelle: tagesspiegel

Ok, schlimm für die EU. Aber was ist mit der Schweiz?

watson hat bei einem Microsoft-kritischen Wissenschaftler nachgefragt: Matthias Stürmer leitet an der Universität Bern die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit. Der EVP-Politiker amtet als Geschäftsführer der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit und setzt sich für Open-Source-Softwares ein.

Die Abhängigkeit von Microsoft sei auch in der Schweiz riesengross, konstatiert der Experte und erinnert an ein folgenschweres Gerichtsurteil in Zusammenhang mit der Beschaffung von Microsoft-Software beim Bund: 2011 unterlagen Open-Source-Anbieter vor Bundesgericht mit einer Beschwerde gegen einen 42-Millionen-Deal. Seither habe die Verwaltung «einen Freipass, Microsoft-Produkte einzukaufen, wie es ihr beliebe».

Es geht auch anders

In einigen Wirtschaftssektoren folge die professionelle Software-Entwicklung längst einem nachhaltigen Prinzip, hält der Tagesspiegel fest. Google oder Siemens etwa arbeiteten in erster Linie mit «Open-Source»-Programmen, also mit Softwares, deren Quellcode offengelegt und mit anderen geteilt wird. Jeder Programmierer und jede Firma dürfe die Open-Source-Software verwenden. Gleichzeitig müssten diese Nutzer ihrerseits alle Verbesserungen, die sie vornehmen, öffentlich zugänglich machen. «So können die Unternehmen zwar mit dem Verkauf solcher Softwares kein Geld verdienen. Gleichzeitig aber nutzen sie die Arbeit von Programmierern rund um die Welt, ohne dafür bezahlen zu müssen.» Sprich: Es profitieren alle, nicht nur ein Quasi-Monopolist.

Pikantes Detail: Das Bundesgericht setzt seit jeher bewusst auf Microsoft-Alternativen. Für das oberste Gericht sei wichtig, die Langlebigkeit der Akten zu garantieren, hält Matthias Stürmer fest. Dieses Ziel sei nur durch den offenen Standard Open Document Format (ODF) zu erreichen. Zunächst hätten die Juristen StarOffice genutzt, seit einigen Jahren OpenOffice.org

«Viele sehen Microsoft als Gott-gegeben an, was ja völlig absurd ist.»

Als zynisch bezeichnet der Wissenschaftler die gängige Praxis beim Bund und anderen öffentlichen Stellen – wie etwa den Kantone Graubünden und Solothurn – «offene Ausschreibungen» für Microsoft-Produkte zu machen. Diese so genannten «In-Brand Wettbewerbe» seien ein Witz. Denn bei den Lizenz-Verkäufern herrsche logischerweise kaum Wettbewerb, da sie ihre Lizenzen alle beim Hersteller, also Microsoft, einkaufen müssten.

In der EU herrscht die gleiche (fragwürdige) Vergabepraxis

«(...) Das sei etwa so, als wenn der Staat den Kauf von Autos nur unter den Händlern von Volkswagen ausschreibe, spottet der niederländische Jurist Matthieu Paapst, der die Software-Beschaffung der öffentlichen Hand für seine Doktorarbeit an der Universität Groningen untersucht hat. Sein Fazit: ‹Die Praxis, Microsoft-Produkte für die öffentliche Verwaltung ohne offene Ausschreibung zu beschaffen, bricht das geltende EU-Recht.›»

quelle: tagesspiegel

Damit geht's zurück in die Schweiz:

Einzig in der Stadt Bern forme sich Widerstand gegen Microsoft, hält Matthias Stürmer fest. Dort habe der Stadtrat letztes Jahr einen 843'000-Franken-Kredit genehmigt, um das Potenzial von Open-Source-Software (OSS) zu ergründen.

Noch gebe es aber auch in Bern viele Abhängigkeiten zu Microsoft, so dass mehr als fraglich sei, ob die Stadt selbst bei so einem Kredit «aus der Mangel von Microsoft» komme.

Und auf nationaler Ebene?

Er erhoffe sich sehr, dass die neue Open-Source-Strategie der Bundesverwaltung die Situation verbessere, sagt Stürmer. Bis 2018 soll der Bundesrat einen Plan vorlegen, respektive vorgeben, wie sich die Schweizer Behörden mittelfristig von der Abhängigkeit von Microsoft-Produkten lösen können.

Laut Stürmer muss sich dafür zunächst einmal das Bewusstsein einstellen, dass eine derartige Abhängigkeit von einem einzelnen übermächtigen Anbieter überhaupt ein Problem ist – denn das sei noch längst nicht überall der Fall. «Viele sehen Microsoft als Gott-gegeben an, was ja völlig absurd ist.»

Warum sind Microsoft-Programme gefährlicher als Open-Source-Software?

Es sei kein Zufall, dass alle grossen Hackerangriffe auf staatliche europäische Institutionen in den letzten Jahren stets über Sicherheitslücken in Microsoft-Programmen erfolgten, hält der Tagesspiegel fest. Microsoft-Programme seien komplex (im Vergleich mit der Open-Source-Konkurrenz) und verwundbar. Insbesondere die Bürosoftware («Office») und die damit hergestellten Dateien seien das wichtigste Einfallstor für Cyberattacken.

Dazu passen aktuellen Meldungen über eine manipulierte «Word»-Datei, die das Dridex-Botnet verbreitet und Windows-Computer mit einem Banking-Trojaner infiziert.

«Betroffen sind alle gängigen Versionen des Textverarbeitungsprogramms, inklusive der aktuellsten Variante für Windows 10. Der Fehler in Word erlaubt es Angreifern, ausführbaren Code in Word-Dokumenten zu verschicken. Wird die manipulierte Datei geöffnet, wird eine Verbindung zu einem Server hergestellt, der von den Angreifern kontrolliert wird.»

quelle: futurezone.at

Word-Nutzer sollten derzeit besonders misstrauisch sein bei Mails: Textdokumente sollte man nur öffnen, wenn die Quelle absolut vertrauenswürdig ist. Und man sollte die Office-Software sofort aktualisieren! Microsoft hat am Dienstag einen «Patch» veröffentlicht, um die Sicherheitslücke zu schliessen.

Was sagt Microsoft?

Microsoft wollte keine der vom Recherche-Netzwerk gestellten Fragen beantworten und verweigerte eine Stellungnahme.

watson hat bei der Schweizer Vertretung des US-Konzerns angefragt. Die Antwort steht aus und wird hier nachgeliefert.

Update: Microsoft Schweiz hat bis heute (27. April) nicht auf die Medienanfrage geantwortet.

Aufschlussreiche Videos

Die Stadt München setzte jahrelang auf Open-Source-Software, und will nun in die Arme «des Monopolisten» Microsoft zurückkehren. Was steckt dahinter?

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Video: YouTube/Investigate Europe

So tönt es aus Rom...

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Video: YouTube/Investigate Europe

Fragen & Anregungen

Der Autor beantwortet gerne Fragen und reagiert auf begründete Kritik. Die Spielregeln für User-Kommentare sind in diesem Beitrag zu finden.

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