International
Analyse

Dreht Donald Trump durch – oder ist alles nur Show?

epa11633128 Former US president and republican presidential candidate Donald Trump makes fun of US president Joe Biden's Golf swing during a campaign rally at the Bayfront Convention Center in Er ...
Am Wochenende ist Donald Trump noch einen Schritt weitergegangen. Bild: keystone
Analyse

Dreht Donald Trump durch – oder ist alles nur Show?

Der Irrsinn des Ex-Präsidenten hat möglicherweise Methode.
30.09.2024, 12:4730.09.2024, 14:34
Mehr «International»

«Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode», lässt Shakespeare seinen tragischen Helden Hamlet klagen. Diese Beobachtung lässt sich auch auf das Verhalten von Donald Trump übertragen, vor allem auf dasjenige in den letzten Tagen. Dass der Ex-Präsident Kamala Harris als «sehr dumme Person» bezeichnet, oder sie als «verrückt» oder «radikale linke Spinnerin» beschimpft, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Am Wochenende ist Trump noch einen Schritt weitergegangen. Jetzt erklärt er gar, Harris sei «geistesgestört».

Dabei finden das Trumps Wahlkampf-Strategen und seine Unterstützer suboptimal. Immer wieder bitten sie ihn schon fast auf den Knien, solche Ausfälle zu unterlassen, weil sie ihm mehr schaden als nützen würden. Vergeblich.

Trump erzählt auch Verschwörungstheorien, wie sie absurder nicht sein könnten. Waren es bisher bloss Windräder, die Krebs erzeugen und Wale killen, oder waren es Elektromotoren in Segelschiffen und Haie, so faselt er mittlerweile etwas über Haustier-essende Haitianer. Abermals schlagen sich die Profis in seinem Umfeld die Hände vors Gesicht und flehen den Ex-Präsidenten an, er solle sich doch auf politische Themen fokussieren, auf die Inflation und die Situation an der Grenze. Ebenfalls vergeblich.

Lt. Gov. Mark Robinson, R-NC., speaking on the first day of the Republican National Convention, Monday, July 15, 2024, in Milwaukee. (AP Photo/J. Scott Applewhite)
Gehört zur Trump-Freak-Show: Mark Robinson.Bild: keystone

Auch das Umfeld von Trump ist zu einer Freak-Show verkommen. Jüngstes Beispiel ist Mark Robinson, der republikanische Kandidat für das Amt des Gouverneurs im Bundesstaat North Carolina. Trump hat ihn in den Vorwahlen unterstützt und als «Martin Luther King auf Steroiden» angepriesen, obwohl bereits damals bekannt war, dass Robinson frauen- und schwulenfeindliche Äusserungen getan und den Holocaust verharmlost hatte. Seit bekannt geworden ist, dass Robinson auf einer schwarzen Porno-Webseite auch Kommentare wie «Ich bin ein schwarzer Nazi» abgesondert und für die Wiedereinführung der Sklaverei plädiert hat, muss Trump befürchten, diesen so wichtigen Swing State erneut zu verlieren.

Robinson ist keine Ausnahme. Kurz zuvor hat Trump die rechtsextreme Verschwörungstheoretikerin Laura Loomer – eine 9/11-Leugnerin – mit an die Gedenkfeier der Anschläge nach Manhattan geschleppt. Der Ex-Präsident umgibt sich regelmässig mit mehr als dubiosen Gestalten; mit Marjorie Taylor Greene beispielsweise, die einst behauptet hat, die kalifornischen Waldbrände seien durch «jüdische Laserkanonen im All» entfacht worden.

Oder mit Matt Gaetz, gegen den die Ethik-Kommission des Abgeordnetenhauses immer noch ermittelt, ob er Sex mit Minderjährigen gehabt habe. Oder mit seinem kurzzeitigen Sicherheitsberater Michael Flynn, der mittlerweile mit der QAnon-Sekte verbandelt ist. Oder mit Kristi Noem, der Gouverneurin von South Dakota, die damit prahlte, ihren jungen Hund erschossen zu haben. Oder, oder, oder.

FILE - Arizona Republican gubernatorial candidate Kari Lake, right, speaks as former President Donald Trump listens during a rally, Oct. 9, 2022, in Mesa, Ariz. (AP Photo/Matt York, File)
Kari Lake,Do ...
Darf am Trump-Rally auftreten: Kari Lake.Bild: keystone

Dabei ist bekannt, dass Trump und auch die Grand Old Party (GOP) darunter leiden. Seit seinem überraschenden Sieg gegen Hillary Clinton hat der Ex-Präsident fast nur noch Niederlagen eingefahren. Die Republikaner haben trotz bester Ausgangslage in den Zwischenwahlen 2022 ein mehr als bescheidenes Resultat erzielt und wichtige Nachwahlen verloren. Die mangelnde Qualität der von Trump portierten Kandidaten hat jeweils eine entscheidende Rolle gespielt.

Sei es in Georgia, wo der ehemalige Football-Star Herschel Walker den zweiten Senatssitz der GOP an die Demokraten abgeben musste. Sei es in Pennsylvania, wo der TV-Arzt Dr. Oz eine Schlappe erlitt, oder sei es in Arizona, wo die ehemalige TV-Kommentatorin Kari Lake nicht als Gouverneurin gewählt wurde und es wahrscheinlich in fünf Wochen auch nicht als Senatorin schaffen wird.

Trumps Wahnsinn hat zwei völlig gegensätzliche Erklärungen. Für die einen ist er schlicht nicht die hellste Kerze auf der Torte. Dazu kommt sein pathologischer Narzissmus, der dazu führt, dass er nur Speichellecker um sich duldet. So wurde der Ex-Präsident während seines Prozesses in Manhattan stets von einer Assistentin begleitet, deren Aufgabe darin bestand, ihn regelmässig mit für ihn vorteilhaften Storys zu füttern.

Trump nur in der Öffentlichkeit ein Clown

Die andere Erklärung lautet wie folgt: Trump spielt nur in der Öffentlichkeit den Brutalo-Clown. Als erfahrener Marketing-Experte weiss er, dass es praktisch keine unentschlossenen Wählerinnen und Wähler mehr gibt. Entscheidend ist es daher, diejenigen zur Urne zu bewegen, die ihn grundsätzlich mögen, deren Wahlverhalten jedoch unzuverlässig ist. Diese sogenannten «low-propensity supporters» will Trump gezielt motivieren, ihre Stimme möglichst bereits jetzt per Briefpost abzugeben.

Clare Malone fasst diese These im «New Yorker» folgendermassen zusammen: «Für das Trump-Team gilt folgende Theorie: Weshalb sollen wir unsere Energie verschleudern, um die Menschen davon zu überzeugen, für einen der unbeliebtesten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte zu stimmen? Befeuern wir besser unsere treue Basis und finden Trump-Fans, die normalerweise nicht zur Urne gehen.»

Eugene Robinson, vielfach ausgezeichneter Kommentator der «Washington Post», kommt zu einem ähnlichen Schluss: «Es ist naheliegend anzunehmen, dass Trumps ‹sich der Basis anbiedernde Kampagne› gar nicht so verrückt ist, wie es den Eindruck macht. (…) Die an die untersten Instinkte appellierenden Aufrufe werden Trump wahrscheinlich wenig neue Wähler bringen, aber er hält damit die bestehenden bei der Stange.»

Diese Theorie beruht auf dem Wissen, dass die Menschen sehr vergesslich sind. Susan Glasser stellt ebenfalls im «New Yorker» fest: «Diejenigen, die sich über ‹sie fressen die Hunde›-Aussagen lustig machen, übersehen, dass sich das Gelächter bald verflüchtigen wird, die Beschimpfung jedoch bleibt. So funktioniert Propaganda.»

Former White House national security aide Fiona Hill returns from a break to testify before the House Intelligence Committee on Capitol Hill in Washington, Thursday, Nov. 21, 2019, during a public imp ...
Vergleicht Trump mit Putin: Fiona Hill.Bild: AP

Der von Trump verehrte Wladimir Putin beherrscht diese Propaganda-Methode seit langem. Fiona Hill, Russland-Expertin und ehemalige Sicherheitsberaterin, erklärt daher: «Es ist verblüffend: RT (Russlands Propaganda-Sender) und VT (Vance-Trump) sind identisch. Es ist die gleiche missbräuchliche Verwendung der Zuwanderung und falscher Informationen.»

Mit seiner «Irrsinns-Strategie» geht Trump ein hohes Risiko ein. Er mag damit einige «low-propensity-supporters» an die Urne locken. Umgekehrt schreckt er damit auch die noch verbliebenen anständigen Republikaner und konservativen Unabhängigen ab. Ob seine Rechnung aufgehen wird, wird sich am 5. November zeigen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Donald Trump gibt Kamala Harris die Schuld am Börsencrash
1 / 8
Donald Trump gibt Kamala Harris die Schuld am Börsencrash
KAMALA IST INKOMPETENT!!!
quelle: screenshot truth social
Auf Facebook teilenAuf X teilen
TV-Debatte zwischen Harris und Trump: Diese Momente sind am meisten aufgefallen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
184 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Remus
30.09.2024 13:02registriert Dezember 2016
Wir Menschen neigen dazu, möglichst alles rational erklären zu wollen. Wieso können wir nicht einfach glauben was wir sehen? Nämlich dass Trump wirklich verrückt ist und dies einfach nicht mehr verstecken kann/ will?
37513
Melden
Zum Kommentar
avatar
Jein
30.09.2024 13:06registriert August 2017
Trump zeigt seinen wahren Charakter vor allem wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, nach der Niederlage in 2020 und jetzt auch wieder. Die Theorie wonach er hinter verschlossenen Türen normal ist wurde von diversen Leuten aus seinem Umfeld widerlegt, das ist nur noch etwas das Leute sagen um zu legitimieren warum sie ihn noch unterstützen.
3345
Melden
Zum Kommentar
avatar
Therealmonti
30.09.2024 13:11registriert April 2016
Dass Trump nicht alle Tassen im Schrank hat, ist schon seit Jahren klar.

Und dass dieser Irre reelle Chancen hat, zum 2. Mal US-Präsident zu werden zeigt, in was für einem Zustand dieses Land ist.
3389
Melden
Zum Kommentar
184
    Eine der letzten: Code-Knackerin mit 101 Jahren gestorben

    Im Zweiten Weltkrieg half sie den Briten beim Knacken verschlüsselter Nachrichten: Charlotte «Betty» Webb war eine der letzten Code-Knackerinnen von Bletchley Park – nun ist sie im Alter von 101 Jahren gestorben, wie die britische Nachrichtenagentur PA meldete.

    Zur Story