«Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode», lässt Shakespeare seinen tragischen Helden Hamlet klagen. Diese Beobachtung lässt sich auch auf das Verhalten von Donald Trump übertragen, vor allem auf dasjenige in den letzten Tagen. Dass der Ex-Präsident Kamala Harris als «sehr dumme Person» bezeichnet, oder sie als «verrückt» oder «radikale linke Spinnerin» beschimpft, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Am Wochenende ist Trump noch einen Schritt weitergegangen. Jetzt erklärt er gar, Harris sei «geistesgestört».
Dabei finden das Trumps Wahlkampf-Strategen und seine Unterstützer suboptimal. Immer wieder bitten sie ihn schon fast auf den Knien, solche Ausfälle zu unterlassen, weil sie ihm mehr schaden als nützen würden. Vergeblich.
Trump erzählt auch Verschwörungstheorien, wie sie absurder nicht sein könnten. Waren es bisher bloss Windräder, die Krebs erzeugen und Wale killen, oder waren es Elektromotoren in Segelschiffen und Haie, so faselt er mittlerweile etwas über Haustier-essende Haitianer. Abermals schlagen sich die Profis in seinem Umfeld die Hände vors Gesicht und flehen den Ex-Präsidenten an, er solle sich doch auf politische Themen fokussieren, auf die Inflation und die Situation an der Grenze. Ebenfalls vergeblich.
Auch das Umfeld von Trump ist zu einer Freak-Show verkommen. Jüngstes Beispiel ist Mark Robinson, der republikanische Kandidat für das Amt des Gouverneurs im Bundesstaat North Carolina. Trump hat ihn in den Vorwahlen unterstützt und als «Martin Luther King auf Steroiden» angepriesen, obwohl bereits damals bekannt war, dass Robinson frauen- und schwulenfeindliche Äusserungen getan und den Holocaust verharmlost hatte. Seit bekannt geworden ist, dass Robinson auf einer schwarzen Porno-Webseite auch Kommentare wie «Ich bin ein schwarzer Nazi» abgesondert und für die Wiedereinführung der Sklaverei plädiert hat, muss Trump befürchten, diesen so wichtigen Swing State erneut zu verlieren.
Robinson ist keine Ausnahme. Kurz zuvor hat Trump die rechtsextreme Verschwörungstheoretikerin Laura Loomer – eine 9/11-Leugnerin – mit an die Gedenkfeier der Anschläge nach Manhattan geschleppt. Der Ex-Präsident umgibt sich regelmässig mit mehr als dubiosen Gestalten; mit Marjorie Taylor Greene beispielsweise, die einst behauptet hat, die kalifornischen Waldbrände seien durch «jüdische Laserkanonen im All» entfacht worden.
Oder mit Matt Gaetz, gegen den die Ethik-Kommission des Abgeordnetenhauses immer noch ermittelt, ob er Sex mit Minderjährigen gehabt habe. Oder mit seinem kurzzeitigen Sicherheitsberater Michael Flynn, der mittlerweile mit der QAnon-Sekte verbandelt ist. Oder mit Kristi Noem, der Gouverneurin von South Dakota, die damit prahlte, ihren jungen Hund erschossen zu haben. Oder, oder, oder.
Dabei ist bekannt, dass Trump und auch die Grand Old Party (GOP) darunter leiden. Seit seinem überraschenden Sieg gegen Hillary Clinton hat der Ex-Präsident fast nur noch Niederlagen eingefahren. Die Republikaner haben trotz bester Ausgangslage in den Zwischenwahlen 2022 ein mehr als bescheidenes Resultat erzielt und wichtige Nachwahlen verloren. Die mangelnde Qualität der von Trump portierten Kandidaten hat jeweils eine entscheidende Rolle gespielt.
Sei es in Georgia, wo der ehemalige Football-Star Herschel Walker den zweiten Senatssitz der GOP an die Demokraten abgeben musste. Sei es in Pennsylvania, wo der TV-Arzt Dr. Oz eine Schlappe erlitt, oder sei es in Arizona, wo die ehemalige TV-Kommentatorin Kari Lake nicht als Gouverneurin gewählt wurde und es wahrscheinlich in fünf Wochen auch nicht als Senatorin schaffen wird.
Trumps Wahnsinn hat zwei völlig gegensätzliche Erklärungen. Für die einen ist er schlicht nicht die hellste Kerze auf der Torte. Dazu kommt sein pathologischer Narzissmus, der dazu führt, dass er nur Speichellecker um sich duldet. So wurde der Ex-Präsident während seines Prozesses in Manhattan stets von einer Assistentin begleitet, deren Aufgabe darin bestand, ihn regelmässig mit für ihn vorteilhaften Storys zu füttern.
Die andere Erklärung lautet wie folgt: Trump spielt nur in der Öffentlichkeit den Brutalo-Clown. Als erfahrener Marketing-Experte weiss er, dass es praktisch keine unentschlossenen Wählerinnen und Wähler mehr gibt. Entscheidend ist es daher, diejenigen zur Urne zu bewegen, die ihn grundsätzlich mögen, deren Wahlverhalten jedoch unzuverlässig ist. Diese sogenannten «low-propensity supporters» will Trump gezielt motivieren, ihre Stimme möglichst bereits jetzt per Briefpost abzugeben.
Clare Malone fasst diese These im «New Yorker» folgendermassen zusammen: «Für das Trump-Team gilt folgende Theorie: Weshalb sollen wir unsere Energie verschleudern, um die Menschen davon zu überzeugen, für einen der unbeliebtesten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte zu stimmen? Befeuern wir besser unsere treue Basis und finden Trump-Fans, die normalerweise nicht zur Urne gehen.»
Eugene Robinson, vielfach ausgezeichneter Kommentator der «Washington Post», kommt zu einem ähnlichen Schluss: «Es ist naheliegend anzunehmen, dass Trumps ‹sich der Basis anbiedernde Kampagne› gar nicht so verrückt ist, wie es den Eindruck macht. (…) Die an die untersten Instinkte appellierenden Aufrufe werden Trump wahrscheinlich wenig neue Wähler bringen, aber er hält damit die bestehenden bei der Stange.»
Diese Theorie beruht auf dem Wissen, dass die Menschen sehr vergesslich sind. Susan Glasser stellt ebenfalls im «New Yorker» fest: «Diejenigen, die sich über ‹sie fressen die Hunde›-Aussagen lustig machen, übersehen, dass sich das Gelächter bald verflüchtigen wird, die Beschimpfung jedoch bleibt. So funktioniert Propaganda.»
Der von Trump verehrte Wladimir Putin beherrscht diese Propaganda-Methode seit langem. Fiona Hill, Russland-Expertin und ehemalige Sicherheitsberaterin, erklärt daher: «Es ist verblüffend: RT (Russlands Propaganda-Sender) und VT (Vance-Trump) sind identisch. Es ist die gleiche missbräuchliche Verwendung der Zuwanderung und falscher Informationen.»
Mit seiner «Irrsinns-Strategie» geht Trump ein hohes Risiko ein. Er mag damit einige «low-propensity-supporters» an die Urne locken. Umgekehrt schreckt er damit auch die noch verbliebenen anständigen Republikaner und konservativen Unabhängigen ab. Ob seine Rechnung aufgehen wird, wird sich am 5. November zeigen.
Und dass dieser Irre reelle Chancen hat, zum 2. Mal US-Präsident zu werden zeigt, in was für einem Zustand dieses Land ist.