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Barcelona galt schon seit Jahren als Dschihadisten-Zentrum.
Barcelona galt schon seit Jahren als Dschihadisten-Zentrum.Bild: EPA/EFE
Interview

«Barcelona ist das Zentrum der Dschihadisten in Spanien – Winterthur jenes der Schweiz»

Religionswissenschaftler Johannes Saal hat sich auf die Bildung von Terrornetzwerken und Radikalisierung von Muslimen spezialisiert. Im Interview spricht er über das Dschihadisten-Zentrum in Barcelona und jenes in Winterthur.
18.08.2017, 18:5019.08.2017, 11:20

Spanien hat eines der härtesten Anti-Terrorismus-Gesetze in Europa und hat versucht, mit vielen Verhaftungen auch konsequent gegen radikalisierte Gruppen vorzugehen. Dennoch kam es zum Attentat. Sind die Behörden und die Gesellschaft letztendlich machtlos?
Johannes Saal: Machtlos würde ich nicht sagen. Präventive und repressive Massnahmen können das Risiko von Terrorakten minimieren. Doch ein Geheimdienst hat nicht die Ressourcen, um die ganze Szene zu überwachen – um jede Person auf dem Radar zu haben. Es wird immer Gruppen geben, die sich fern der Gesellschaft isolieren und radikalisieren. Selbst in Ländern wie der Schweiz, in der Muslime vergleichsweise gut in die Gesellschaft integriert sind.

Religionswissenschaftler Johannes Saal von der Universität Luzern.
Religionswissenschaftler Johannes Saal von der Universität Luzern.

Ist das Terrorziel Barcelona ein Zufall?
Barcelona ist eine hochfrequentierte Stadt und viele Touristen kommen hierher – das reicht, um die Stadt als Terrorziel interessant zu machen. Doch es gibt einen weiteren Grund: Barcelona ist das Zentrum der Dschihadisten in Spanien. Hier verhaftete die Polizei in den letzten Jahren am meisten radikalisierte Muslime. Dies ist immer ein Indiz auf grosse Pläne, die verfolgt werden, und somit kaum ein Zufall, dass der Anschlag hier geschah. 

«In Winterthur gab es den glücklichen Zufall, dass die An'Nur-Moschee pleite ging und die Miete nicht mehr bezahlen konnte.»
Johannes Saal

Gibt es in jedem Land ein Dschihadisten-Zentrum?
Viele Netzwerke entstehen über persönliche Kontakte und meistens über radikale Moscheen, in denen sie sich treffen können. Dies hat es in allen europäischen Ländern. In Deutschland gibt es Wolfsburg, in der Schweiz fällt mir spontan Winterthur ein. 

Wie kommt es dazu?
Entscheidend ist, wie die örtlichen Behörden zu Beginn reagieren. Lässt man die Gruppierungen, die sich bilden, einfach machen, muss man sich nicht wundern, wenn dann plötzlich ein Netzwerk entsteht, das nicht mehr so einfach zu unterbinden ist. 

Wie ist die Situation in Winterthur? Haben Sie das Gefühl, dass die Behörde hier die Situation noch unter Kontrolle hat?
In Winterthur gab es den glücklichen Zufall, dass die An'Nur-Moschee pleite ging und die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Aber dass es von den Behörden Druck gab, habe ich in den letzten Jahren nicht gesehen. Die Stadtverwaltung hat das Problem immer heruntergespielt. Aber da ist Winterthur keine Ausnahme. Auch Österreich hat es jahrelang ignoriert, bis man vor dem Problem stand, dass sich die Netzwerke frei entwickeln konnten und sich immer mehr Personen radikalisierten. 

Und dann wird es immer schwieriger, die Entwicklung noch zu stoppen. 
Genau. Im Fall von Winterthur sehe ich eine positive Entwicklung. Die Moschee, in der sich die radikalisierten Muslime trafen, ist weg. Natürlich treffen sich die Personen jetzt einfach ausserhalb und das Problem ist somit nicht ganz beseitigt. Nur wird es für die Gruppe zukünftig schwieriger, weitere Personen zu rekrutieren. Die Gefahr vorher bestand darin, dass Konvertiten, die eigentlich keine Ahnung vom Islam haben, in eine solche Moschee kommen. Der Islam, der ihnen dann präsentiert wird, ist ein ziemlich radikaler Islam, der dann aber gar nicht gross hinterfragt wird. 

Terroranschläge in Barcelona und Cambrils

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Terroranschläge in Barcelona und Cambrils
quelle: epa/efe / david armengou
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