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In this grab taken from video provided by ERITV, Ethiopia's Prime Minister Abiy Ahmed, centre right is welcomed by Erirea's President Isaias Afwerki as he disembarks the plane, in Asmara, Eritrea, Sunday, July 8, 2018. With laughter and hugs, the leaders of longtime rivals Ethiopia and Eritrea met for the first time in nearly two decades Sunday amid a rapid and dramatic diplomatic thaw aimed at ending one of Africa's longest-running conflicts. (ERITV via AP)

Historisch: Eritreas Staatschef Isayas Afewerki (Mitte) empfängt Äthiopiens Ministerpräsident Ahmed Abiy am Flughafen Asmara (rechts) zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags.  Bild: AP/ERITV

Plötzlich Frieden in Eritrea: «Bei den Flüchtlingen wird es nun knallhart ums Geld gehen»

Vom Frieden mit Erzfeind Äthiopien profitiere das eritreische Regime, sagt Professor Magnus Treiber. An der Menschenrechtslage werde sich kaum etwas verbessern. Trotzdem würden die europäischen Staaten nun versuchen, Flüchtlinge nach Eritrea zurückzuschaffen.



Die Hintergründe

Das Interview

Herr Treiber, was bedeutet der Friedensvertrag zwischen Äthiopien und Eritrea?
Magnus Treiber:
Der Vertrag kommt auf jeden Fall überraschend. Im Frühjahr war mir zwar bereits klar, dass sich etwas tun würde in der Region – weil Äthiopien unter dem damaligen Ministerpräsidenten Hailemariam Desalegn auf eine schwere Staatskrise zusteuerte. Allerdings hätte ich niemals damit gerechnet, dass nur wenige Monate nach der Ablösung Hailemariams durch Abiy Ahmed ein Friedensabkommen mit Erzfeind Eritrea zustande kommt.

Welche Umstände haben dieses Abkommen ermöglicht?
Sowohl Äthiopien als auch Eritrea sind Staaten, die permanent unter Spannung stehen. In Äthiopien mit seinem komplexen Geflecht verschiedener Völkergruppen spitzte sich der Unmut über die Regierung seit 2015 immer stärker zu. Das Regime kam im Frühjahr zum Schluss, dass es nur mit einem Wechsel an der Spitze überleben kann.

Und wie half dieser Führungswechsel dem Friedensvertrag?
Der bisher wenig bekannte, neue Ministerpräsident Abiy Ahmed aus der grössten Volksgruppe der Oromo versucht derzeit, eine eigene Machtbasis zu schaffen. Mit dem Friedensangebot an Eritrea versucht er, einige einflussreiche Kräfte im Land auf seine Seite zu ziehen. Der Konflikt mit Eritrea ist eine Belastung und sein Ende wird von Teilen der Gesellschaft herbeigesehnt. Vermutlich drängten auch die USA und die EU Abiy zu diesem Schritt.

Magnus Treiber

Magnus Treiber ist Professor für Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Eritrea und Äthiopien. Bild: zvg

Das Regime in Eritrea hat Hunderttausende als Flüchtlinge aus dem Land getrieben, wo ein repressiver und militarisierter Staat herrscht. Als Rechtfertigung diente der Konflikt mit Äthiopien. Was ändert sich nun?
Die Regierung von Langzeitherrscher Afewerki warf dem «Westen» immer vor, sich im Krieg auf die Seite Äthiopiens geschlagen zu haben. Damit rechtfertigte sie die Militarisierung und die Unterdrückung der Opposition, die teilweise von Äthiopien unterstützt wird. Das Wegfallen dieser Drohkulisse verunsichert das Regime in Eritrea. Afewerki überlegte denn auch monatelang, wie er auf das Friedensangebot Äthiopiens reagieren soll.

«Das Wegfallen dieser Drohkulisse verunsichert das Regime in Eritrea.»

Und warum ging er auf den Deal ein?
Ein Friedensabkommen stärkt seine Position. Zuvor war er international isoliert und es wurde erwartet, dass in den nächsten Jahren entweder sein Regime zusammenbricht oder er aus Regierungskreisen heraus gestürzt wird. Jetzt ist Afewerki wieder ein Player, mit dem eine Transition möglich ist. Für die Unterzeichnung des Friedensvertrags bekommt er internationale Anerkennung und wird nun Forderungen stellen.

Zurückhaltende Reaktion in der Schweiz

Für das Staatssekretariat für Migration SEM «wäre es verfrüht», sich bereits jetzt zum Inhalt des Friedens- und Freundschaftsvertrags oder zu dessen allfälligen Auswirkungen zu äussern, sagt SEM-Sprecher Lukas Rieder auf Anfrage von watson. Dazu gehöre etwa die künftige Zahl eritreischer Asylsuchender.
Mit insgesamt 3375 Asylgesuchen war Eritrea 2017 das wichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz. 2016 waren es noch 5178 Gesuche. Von den Gesuchen im Jahr 2017 entfielen 818 auf Familienzusammenführungen, 616 auf das europäische Relocation-Programm, 1315 auf Geburten und 164 auf Mehrfachgesuche. Selbständig gelangten 462 eritreische Asylsuchende in die Schweiz.

Eritrea steht international wegen seiner Flüchtlinge im Fokus. Welche Forderungen kann das Land da überhaupt stellen?
Bei den Flüchtlingen wird es jetzt knallhart ums Geld gehen. Solange die westlichen Länder die eritreischen Flüchtlinge als Problem wahrnehmen, werden sie zu Finanzhilfen für das eritreische Regime bereit sein, als Gegenleistung für die Entspannung gegenüber Äthiopien. Gehen die Flüchtlingszahlen deutlich zurück, fehlt Eritrea dieses Druckmittel. Anders als etwa Nordkorea mit seinen Atomwaffen fällt das Land dann in den westlichen Hauptstädten wieder aus den Traktanden.

Eine wichtige Fluchtursache in Eritrea ist der Nationaldienst, den theoretisch alle Bewohnerinnen und Bewohner des Landes leisten müssen. Es gibt keine gesetzliche Höchstdauer und Desertion wird hart bestraft. Wird der Nationaldienst nun abgeschafft?
Der national service wurde tatsächlich mit Verweis auf den Konflikt mit Äthiopien eingeführt. Er war allerdings je länger desto mehr einfach eine Quelle für billige Arbeitskräfte bei Regierungsprojekten. Jetzt steht die Regierung unter Zugzwang, ihn zurückzufahren. Allerdings werden dann hunderttausende junger Menschen aus dem Nationaldienst auf den «normalen» Arbeitsmarkt gelangen. Dieser existiert de facto aber gar nicht, weil es keine funktionierende Wirtschaft gibt. Um diese Herausforderung zu meistern, wird die Regierung Hilfsgelder fordern.

«Eritrea stehen unruhige Jahre voller Gewalt bevor.»

Das heisst im Umkehrschluss: Mit dem Wegfall des Nationaldienstes wären Eritreer keine politischen Flüchtlinge mehr, sondern Wirtschaftsflüchtlinge.
Das ist falsch. Die europäischen Staaten und die USA werden die Lage in Eritrea zwar schönreden, als ob nun die legitimen Fluchtgründe sukzessive wegfallen würden. Die Realität ist aber eine andere. An der Menschenrechtslage hat sich nichts verbessert und wird es in absehbarer Zukunft auch nicht. Auch 2016, als die Schweizer Behörden auf einer Fact-Finding Mission eine verbesserte Menschenrechtslage fest stellten, gab es ausser einer oberflächlichen Charmeoffensive des Regimes absolut keine Veränderungen.

Worin besteht diese Charmeoffensive?
Bei Flüchtlingen, die der Regierung dafür Geld bezahlen, wird bei Kurzbesuchen in der Heimat auf eine Strafverfolgung verzichtet. So können sie teilweise etwa kranke Angehörige besuchen oder Papiere organisieren. Ein langfristiges Leben in Sicherheit und ohne Verfolgung ist ihnen deshalb noch lange nicht möglich. Das Regime in Eritrea verletzt weiterhin fundamentale Menschenrechte – insbesondere bei jenen, die aus dem Ausland zurückkommen.

File - In this Feb. 10, 1999 file photo, an Eritrean soldier guards Ethiopian prisoners of war near Asmara, Eritrea. Qatar and the Arab nations now allied against it have made inroads in the Horn of Africa in recent years by establishing military bases now being used in the Yemen war, as well as managing ports and showering friendly nations with foreign aid. The Qatar diplomatic crisis now is shaking those East African nations amid an increasingly fierce competition for influence. (AP Photo/Sami Sallinen, File)

Äthiopische Kriegsgefangene in einem eritreischen Armeelager (Archivbild von 1999). Bild: AP/AP

Langfristig betrachtet: Könnte der Frieden mit Äthiopien zu einer politischen Öffnung Eritreas führen?
Es wird auf jeden Fall zu einer Veränderung kommen. Die eritreische Führung macht sich Gedanken über eine Transition, welche die eigene Herrschaft absichert. Denn viele Mitglieder des Regimes haben im Unabhängigkeitskrieg mitgekämpft und werden langsam alt. Ich bin aber nicht optimistisch, dass dieser Prozess friedlich ablaufen wird und eine Entwicklung hin zu mehr Demokratie einleitet. Eher stehen dem Land unruhige Jahre voller Gewalt bevor – das lehrt einem der Blick auf die Geschichte der Region.

«Wird Abiy ermordet, ist nicht nur der innenpolitische Öffnung Äthiopiens, sondern auch der Frieden mit Eritrea in Gefahr.»

In Äthiopien sieht es besser aus. Der neue Ministerpräsident Abiy Ahmed hat zahlreiche politische Gefangene freigelassen. Sind Sie da optimistisch?
In Äthiopien sieht es momentan tatsächlich aus, als würde sich die Menschenrechtslage verbessern. Abiy hat etwa die Direktoren von fünf berüchtigten Gefängnissen entlassen und angekündigt, sie für ihre Verbrechen zu belangen. Das macht ihn sehr populär, in der Diaspora wird er derzeit wie ein Messias verehrt. Aber Abiy muss sich jetzt erst mal beweisen. Ausserdem ist er nicht ohne Gegner. Bei einer Kundgebung Ende Juni in Addis Abeba vor hunderttausenden Anhängern explodierte in seiner Nähe eine Granate. Eine Person wurde getötet und über 150 verletzt. Der Anschlag zeigt: Es gibt Kräfte im Land, die ihn gerne tot sehen würden. Wird Abiy ermordet, ist nicht nur der innenpolitische Öffnung Äthiopiens, sondern auch der Frieden mit Eritrea in Gefahr.

Eritreer produzieren in Zürich eine Radiosendung

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Video: srf

Folter in Eritrea

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    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 12.07.2018 07:52
    Highlight Highlight Wenn die Régime von Äthiopien und Eritrea besser miteinander auskommen, ist das grundsätzlich erfreulich!
    Dass sich deswegen die verzweifelte Lage von Eritreern, die zu möglicherweise lebenslangem Militärdienst gezwungen werden, wesentlich verbessert, ist deswegen aber noch lange nicht gesagt!
    Das ist vergleichbar mit den Absprachen und Territoriums-Aufteilungen von Mafia-Organisationen und Gangs.
    Wenn die weniger mit anderen Mafia-Organisationen und Gangs rivalisieren und kämpfen müssen, haben sie dafür mehr Zeit, in der sie "ihre eigenen Leute" drangsalieren und auspressen können...
    5 30 Melden
  • Die Redaktion 12.07.2018 01:36
    Highlight Highlight Die angefügte Reportage zeigt unter welchen Bedingungen Migranten unser Supermarkt-Gemüse ernten und produzieren. Unfassbar und dennoch möchten sie nicht zurück.
    Wisst ihr, wir können schon so weiter machen wie bis anhin, nur werden wir uns dann immer schneller ändern müssen, je länger wir warten. Viele wird es wie ein Blitz treffen. Wer jetzt schon seinen Lebenstil an die unabänderbare Zukunft anpasst ist klar im Vorteil. Die Welt muss zusammen wachsen, denn jeden zum Feind zu haben verbraucht unnötig Ressourcen.
    Ich werde nicht mit dem Finger auf euch zeigen, da ich selbst betroffen bin.
    Play Icon
    12 41 Melden
  • Die Redaktion 11.07.2018 17:22
    Highlight Highlight Selbst wenn "Frieden" herrscht, ist das präsidiale Einparteiensystem in Eritrea de facto eine Diktatur. Solange als Strafe für Deserteure auch von Folter nicht zurück geschreckt wird, ist es untragbar Oppositionelle zurück zu schicken.


    Viele senden einen Teil des hier erwirtschafteten Geldes ins Heimatland. Hier muss man unterschieden, ob das Geld für Familienangehörige oder die Regierung gedacht ist. Wer diese Regierung unterstützt soll mit seinem Geld mitfahren, sofern er sich seiner Tat bewusst ist und auch weiterhin so handelt.

    Grundsätzlich steht das wohl jeder Person im Vordergrund.
    13 57 Melden
  • The greatest man who ever inhaled oxygen 11.07.2018 14:08
    Highlight Highlight Ich persönlich hoffe das man jetzt die Asylanerkennung bei Eritreern drastisch verringert. Zumal Desertation kein anerkannter Fluchtgrund ist und die aller wenigsten politisch verfolgt sind.

    Frieden zwischen den beiden trotz den Regimes ist deutlich besser als brutaler Bürgerkrieg um einen aus dem Amt zu entfernen wie wir in der Causa Syrien gelernt haben. Der Globale Süden sowie der Nahe Osten sind für Demokratie nicht bereit. Daher wird jedes Aufzwingen von unsererseite aus in ein Desaster enden.
    115 37 Melden
    • geissenpetrov 11.07.2018 15:06
      Highlight Highlight @guy:
      "Der Globale Süden sowie der Nahe Osten sind für Demokratie nicht bereit. Daher wird jedes Aufzwingen von unsererseite aus in ein Desaster enden."
      Aktuell sind die westlich-abendländischen super Demokratien gerade dabei sieben Länder des globalen Südens in Schutt und Asche zu bomben.
      Bevor der Kampf gegen den Terror begonnen hat, im Jahre 2001, gab es lediglich ein paar Hundert Terroristen. Jetzt sind es wohl Zehntausende.
      Insofern haben sie Recht: es ist ein Desaster. Ein Desaster, dass wir verursacht haben!
      52 45 Melden
    • Ueli der Knecht 11.07.2018 15:58
      Highlight Highlight Du machst ein Durcheinander, the guy...:

      "Der Globale Süden sowie der Nahe Osten sind für Demokratie nicht bereit."

      In Ägypten wurde demokratisch gewählt, und auch im Gaza-Streifen. Bestens überwacht, fair, alles korrekt und demokratisch.

      Aber das Resultat passte dem Westen nicht. Denn in Ägypten wurde Mursi gewählt und im Gaza die Hamas. Also wurden die demokratischen Resultate vom christlich-abendländischen Westen nicht akzeptiert und umgestossen.

      Der Nahe Osten wäre schon bereit für Demokratie. Aber der Westen missbraucht den Begriff "Demokratie" nur als Deckmäntelchen für ihr Diktat.
      52 54 Melden
    • Posersalami 11.07.2018 16:16
      Highlight Highlight Nein der Nahe Osten ist nicht bereit für Demokratie.

      Eine grundlegende Bedingung für Demokratie ist so etwas wie ein Bürgertum. In den meist noch tribal geprägten Gesellschaften im Nahen Osten führte eine "richtige" Demokratie (welche Demokratie soll es denn eigentlich sein? Wie in Frankreich? England? USA? Schweiz?) nur in die nächste Katastrophe.

      Einzig der Iran hat in der Region wohl die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.
      37 10 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Theor 11.07.2018 13:48
    Highlight Highlight Ich hoffe persönlich, dass bald viele abgewiesene Asylanten endlich nach Eritrea ausgeschafft werden können. Keine Migrantengesellschaft in der Schweiz ist problematischer. Leider ist das Asylwesen für Eritrea ein rentables Geschäftsfeld, dass sie nicht so einfach opfern werden. Bis man Eritreaer ausschaffen kann, wird es noch zehn wenn nicht gar zwanzig Jahre dauern.

    Im Umkehrschluss könnte man dann aber endlich adäquat echten Flüchtlingen helfen, die wirklich unsere Unterstützung zu Gute hätten...
    289 100 Melden
    • Flötist 11.07.2018 13:53
      Highlight Highlight Das wird nicht 10 Jahre dauern.
      21 12 Melden
    • memento 11.07.2018 14:54
      Highlight Highlight Das wird nie passieren...
      37 10 Melden
    • geissenpetrov 11.07.2018 14:55
      Highlight Highlight @Theor:
      "Keine Migrantengesellschaft in der Schweiz ist problematischer."
      Stimmt das? Ich kenne eine handvoll Eritreer und ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, dass diese Problematisch wären. Die sind voll in Ordnung, aufgestellt, nett, gehen einer Arbeit nach und geben sich ausserordentlich Mühe die Sprache zu lernen.
      Das ist natürlich meine perönliche Meinung. Mich nähme einfach Wunder, wie Du zu Deiner gekommen bist.
      81 76 Melden
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