DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Plötzlich berühmt: Mamoudou Gassama.
Plötzlich berühmt: Mamoudou Gassama.Bild: EPA/AP POOL

Der Spiderman von Paris – Chronik eines modernen Märchens

Ein Sans-Papiers wird über Nacht zum Star, ja gar zum Helden der Nation. Die wundersame Geschichte des Mamoudou Gassama.
29.05.2018, 04:4729.05.2018, 14:58

Mamoudou Gassama. Erst gestern war das ein unbekannter Name eines unbekannten Einwanderers aus Mali. Heute kennt ihn die ganze Welt. Denn: Gassama ist ein Held. Den Spiderman von Paris nennen sie ihn jetzt. 

Dabei hätte Gassama, streng genommen, gar nicht tun dürfen, was ihn zum Helden machte. Ja, er hätte zu jenen Zeitpunkt gar nicht am Ort des Geschehens sein dürfen, er hätte nicht in Paris, nicht in Frankreich, nicht in Europa sein dürfen.

Denn Gassama ist ein Sans-Papiers, einer der ohne gültige Papiere heimlich eingereist war, ein «Illegaler», wie ihn manch ein Politiker nennen würde. Oder zumindest war er das bis zu jenem Moment, der sein Leben total auf den Kopf gestellt hat.

Gassama, 22-jährig, seit rund sechs Monaten in Frankreich, ist am Samstagabend unterwegs, um sich irgendwo den Champions League-Final zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool anzusehen. Er kommt an einem Häuserblock vorbei. Davor auf der Strasse haben sich Menschen angesammelt. Sie schauen nach oben, reden und schreien wild durcheinander.

Dort oben, im vierten Stock klammert sich ein kleines Kind an der Aussenseite eines Balkongeländers fest. Nachbarn versuchen vergeblich das Kind hochzuziehen. Gassama sieht die Szene, rennt los, springt und bekommt das Geländer des untersten Balkons zu fassen. Innerhalb von 30 Sekunden klettert er von Balkon zu Balkon bis in den vierten Stock. Schnell zieht er das Kind hoch und hebt es auf sicheren Boden zurück. Die Menge unter ihm johlt und jubelt. 

Als Polizei und Feuerwehr eintreffen, ist alles schon vorbei. Die Sanität kümmert sich um den kleinen Buben, der abgesehen von einem abgerissenen Fingernagel mit einem Schock davon gekommen ist. Weil der Vater seinen Sohn unbeaufsichtigt liess, wird dieser festgenommen. Das Kind kommt in die Obhut des Jugendamtes. 

Jemand hat die spektakuläre Rettungsaktion gefilmt und auf den sozialen Medien veröffentlicht. Mehrere Millionen Male wird das Video angeklickt und weiterverbreitet. Ein Held ist geboren.

Schliesslich erfährt auch Staatspräsident Emmanuel Macron von der Geschichte. Kurzerhand lädt er Gassama in den Elysée-Palast ein. Am Samstag noch ein Untergetauchter, einer, der sein Heimatland Mali vor langer Zeit verlassen hatte, wie er erzählt, der über Burkina-Faso, Niger und Libyen mit dem Boot nach Italien gelangte, ist am Montag nun unterwegs zum höchsten Mann im Land. Begleitet von Blitzlichtgewitter der Journalisten und Mikrofonen, die ihm ins Gesicht gehalten werden.

Doch Gassama ist kein Mann der grossen Worte. Er sagt lediglich: «Ich hörte viele Leute schreien. Ich bin losgerannt, um zu sehen, was ich machen kann. Ich kriegte einen Balkon zu fassen und bin dann einfach so hochgeklettert, Gott sei Dank habe ich ihn gerettet.» 

Gassama bei Macron.
Gassama bei Macron.Bild: EPA/AP POOL

Auch als Macron mehr über den Vorgang der Rettung wissen will, ihn fragt, wo seine Kraft und Geschicklichkeit herrühren, sagt er nur: «Ich spiele Fussball, jogge und gehe ins Fitnesszentrum.» Macron verspricht dem Retter ein sofortiges Einbürgerungsverfahren. Ausserdem werde man ihm zu seinem Traumjob verhelfen: Gassama möchte Pariser Feuerwehrmann werden.

Dann verleiht er ihm die nationale Ehrenmedaille für Zivilcourage und Selbstlosigkeit und sagt: «Bravo.» Gassama senkt den Blick und antwortet: «Merci.» 

«Merci», sagt Gassama.
«Merci», sagt Gassama.Bild: EPA/AP POOL
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

63 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Spooky
29.05.2018 06:43registriert November 2015
Ein Mensch!
2796
Melden
Zum Kommentar
avatar
Überdimensionierte Riesenshrimps aka Reaper
29.05.2018 06:42registriert Juni 2016
Nun, er hat die volle Aufmerksamkeit der Feuerwehr hoffe ich doch 🙂
2157
Melden
Zum Kommentar
avatar
Turicum 17
29.05.2018 06:29registriert Mai 2016
Die Geschichte rührte mich zu Tränen
17417
Melden
Zum Kommentar
63
Ukraine hofft weiter auf Austausch von Mariupol-Kämpfern – das Nachtupdate ohne Bilder

Drei Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erwartet Präsident Wolodymyr Selenskyj weitere schwere Wochen für sein Land. Erneut fordert er mehr Waffen vom Westen, damit die Ukraine sich verteidigen kann.

Zur Story