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Im Zürcher Opernhaus als Regisseur gefeiert, in Moskau als Angeklagter vor Gericht 

07.11.2018, 16:56

Über ein Jahr sitzt der russische Theatermacher Kirill Serebrennikow schon in Hausarrest. Trotzdem hat er gearbeitet: In Zürich feierte seine Inszenierung von Mozarts «Così fan tutte» Premiere. Doch in Moskau steht er vor Gericht in einem Prozess, der selbst ein bitteres Theaterstück ist.

Als frostiges Signal an die Kulturszene in Russland hält die Staatsmacht Gericht über Kirill Serebrennikow, den Liebling der Moskauer und der internationalen Theaterszene.

Kirill Serebrennikow, Alexej Malobrodski, Sofia Apfelbaum und Juri Itin (vrnl.) am Mittwoch vor Gericht in Moskau.  
Kirill Serebrennikow, Alexej Malobrodski, Sofia Apfelbaum und Juri Itin (vrnl.) am Mittwoch vor Gericht in Moskau.  
Bild: EPA/EPA

«Ich habe nichts gestohlen», sagte der 49-jährige Regisseur am Mittwoch zu Beginn der öffentlichen Hauptverhandlung in einem Untreueprozess in Moskau. Absurd, unverständlich nennt er die Vorwürfe. Ein Jahr im Hausarrest hat er schon hinter sich.

Absurdes Theater

Mit dem renommierten Theatermacher sind seine Ex-Mitarbeiter Alexej Malobrodski und Juri Itin angeklagt sowie Sofia Apfelbaum als frühere Beamtin des Kulturministeriums. Die Anklage wirft ihnen vor, bei einem Theaterprojekt 133 Millionen Rubel (rund 2 Millionen Franken) staatlicher Zuschüsse unterschlagen zu haben.

Es ist wie absurdes Theater: Vier kluge, redegewandte Angeklagte in den Fängen einer stumpfen Gerichtsmaschinerie. Die Richterin in Saal 433 des Meschtschanski-Stadtbezirksgerichts spricht absichtlich leise. Dabei ist ihr Mikrofon eingeschaltet, denn das Rascheln der Akten ist deutlich zu hören.

Im Zürcher Opernhaus hat Kirill Serebrennikow aus dem Arrest heraus die Mozart-Oper «Così fan tutte» inszeniert.
Im Zürcher Opernhaus hat Kirill Serebrennikow aus dem Arrest heraus die Mozart-Oper «Così fan tutte» inszeniert.
Bild: Monika Rittershaus

Erfolg beim Moskauer Publikum

Anderthalb Stunden rasselt ein nervöser junger Staatsanwalt die Anklageschrift herunter, spricht von «kriminellen Absprachen». Gezeichnet wird das Bild einer Betrügerbande, die nur deshalb Theaterstücke aufgeführt habe, um Staatsgeld beiseite zu schaffen.

Dabei hatte das Projekt einmal allerhöchsten Segen. Präsident Dimitri Medwedew wollte, als Wladimir Putin ihm von 2009 bis 2011 den Kreml überliess, die moderne Seite Russlands zeigen. Serebrennikow schlug das Programm «Platforma» vor, das Theater, Tanz, Musik und Medien verbinden sollte. Die Aufführungen von 2011 bis 2014 waren ein Riesenerfolg beim hippen Moskauer Publikum.

Gagen bar bezahlt

Reingeritten hat ihn die gängige Praxis an russischen Theatern, dass viele Gagen und Auslagen bar bezahlt werden. Chefbuchhalterin Nina Masljajewa wandelte das Buchgeld aus dem Ministerium bei Firmen gegen Kommission in Bargeld um. Diese Barsummen hält die Staatsanwaltschaft für unterschlagen, obwohl alle Schauspieler und Tänzer entlohnt worden sind und nie eine Aufführung ausgefallen ist.

Doch es hapert an der Dokumentation. Chefproduzentin Jekaterina Woronowa hat nach Abschluss von «Platforma» die Unterlagen vernichtet, wie sie in einem Film der Journalistin Katerina Gordejewa sagt. Woronowa ist im Ausland, wird mit Moskauer Haftbefehl gesucht. Buchhalterin Masljajewa arbeitet als Belastungszeugin mit den Ermittlern zusammen.

Solidarität von Kulturschaffenden

Im Gerichtssaal herrscht Gedränge. Journalisten und Diplomaten verfolgen den kulturpolitisch wichtigen Prozess. Schauspieler aus dem Gogol-Theater werfen einen Blick auf ihren Chef Serebrennikow. Auch die bekannte Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ist da, um ihre Solidarität zu zeigen. «Ich spüre die Unterstützung meiner Freunde, von Künstlern, die hier zum Prozess kommen», sagte Serebrennikow der Deutschen Presse-Agentur in einer Verhandlungspause.

Regieanweisungen per Videobotschaft

Trotz des Hausarrests arbeitet Serebrennikow weiter. Für das Zürcher Opernhaus hat er aus dem Arrest heraus die Mozart-Oper «Così fan tutte» inszeniert. Seine Anweisungen gab er per Videobotschaft, die Proben geleitet hatte der Choreograph Evgeni Kulagin.

Die Staatsoper Stuttgart 2017 brachte die Märchenoper «Hänsel und Gretel» auf die Bühne, auch wenn er die Inszenierung nicht fertigstellen konnte. In den Deutschschweizer Kinos läuft am 15. November Serebrennikows Film «Leto» über den sowjetischen Rockstar Viktor Zoi an, den er daheim am PC geschnitten hat. (whr/sda/dpa)

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