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Dutzende digitale Tode gestorben: Alfonso.
Dutzende digitale Tode gestorben: Alfonso.
bild: screenshot

Die unglaubliche Geschichte hinter diesem Mann, der bei jedem Terroranschlag stirbt

Sein Gesicht war auf BBC, New York Times und anderen Medien-Portalen zu sehen: Alfonso ist der Mann, dessen Tod schon Dutzende Male im Netz verkündigt worden ist. Nur, Alfonso ist gar nicht gestorben. Höchstens für seine Freunde. Eine Spurensuche im Netz.
07.07.2016, 12:1309.07.2016, 11:49

Tod Nr. 1: Am 29. Mai erwischt es Alfonso. Alfonso ist einer der 56 Passagiere in der EgyptAir-Maschine 804, die um halb 3 morgens vom Radar verschwindet und anschliessend vermutlich über dem östlichen Mittelmeer abstürzt.

Tod Nr. 2: Am 12. Juni stirbt Alfonso wieder. Diesmal ist er unter den Partygästen im Pulse-Nachtclub in Orlando, die von Omar Mateen hingerichtet werden.

Tod Nr. 3: Der jüngste Tod Alfonsos datiert vom 28. Juni. An diesem Tag ereignet sich der Anschlag auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul. Wieder ist Alfonso zur falschen Zeit am falschen Ort. 

Eine offizielle Bestätigung für das Ableben des jungen Mannes gibt es nicht – weil Alfonso in Wahrheit auch nie gestorben ist.

«Ruhe in Frieden, mein Bruder, ich vermisse dich, Alfonso.»

Ob die Geschichte stimmt oder nicht, wird man wohl nie herausfinden, aber ungefähr so könnte es sich zugetragen haben: Alfonso, der mit echtem Namen anders heisst, ist ein junger Mann, er lebt irgendwo in Mexiko, hat einen Job, Freunde, und er macht in seiner Freizeit Dinge, die junge Männer mit zu viel Zeit und einer guten Internetverbindung machen: Sie trollen andere Leute im Netz. Harmloses Zeug, aber keine Teenager-Streiche, wie ein ehemaliger Kollege des tot-lebendigen Alfonsos bestätigt. Wieso? «Weil es Spass macht.»

Dann begann Alfonso, seine Freunde um Geld zu bitten. Kleine Summen, grössere Summen, für einen Flug, für neue Pneus, für sein Motorrad. Es sei kein Problem, er habe genug Geld. Er werde es zurückzahlen. «Er sprach immer wieder von Geld, Autos, Reisen», erzählt ein Marcos, ehemaliger Kollege, auf Twitter. Aber Alfonso zahlte nie zurück. Ein «Fucker» sei er, ein «Schwindler», ein «mieser Abzocker». Ein Prahler, ein Hochstapler. 

Irgendwann Anfang 2016 hatte einer von Alfonsos Freunden genug von den Ausflüchten. Alfonso hatte von ihm angeblich 25'000 Pesos geliehen – umgerechnet 1200 Dollar. Peter, so der Name des Freundes, reichte eine Zivilklage und eine Strafanzeige ein. Die ultimative Drohung. Alfonso weigerte sich noch immer, zu zahlen.

Was nachher kam, das hätte Alfonso eigentlich vorausahnen können als leidenschaftlicher Troller. Seine ehemaligen Freunde, ungefähr 15 an der Zahl, begannen, Fotos von Alfonso mit willkürlichen Ereignissen in Verbindung zu setzen – Ereignisse, die Alfonso entweder ins schlechte Licht rückten, oder ihn ins digitale Grab beförderten. 

Wer machte sich im Netz lustig über eine Terrordrohung in einem Fussballstadion? Alfonso. Wie lautet die Identität des Brooklyn-Attentäters? Alfonso. Wer war am Terroranschlag in Medina beteiligt? Alfonso. In die Kamera blickt ein aufgeweckter junger Mann, mal mit grauem Lacoste-Shirt, mal im Jacket, die Haare immer sorgfältig zur Seite gekämmt.

Es ist ein verzerrter Ghostbusters-Ruf: «Who you gonna blame?» – «Alfonso!»

Dass sie mit ihrer Strategie Erfolg haben und das Geld dereinst zurückerhalten werden, daran glaubt die Troll-Truppe nicht. Auch ins Justiz-System setzen sie kein Vertrauen, obwohl die Klage noch hängig ist. «It's Mexico, man. Shit country». Was sie wollen, ist eine monströse Variante des digitalen Prangers. Was sie wollen, ist, das dumme Gesicht des «Fuckers» im Zusammenhang mit möglichst vielen abstrusen Vorfällen zu sehen. Und natürlich die Genugtuung, wenn ein weiteres Online-Portal auf den Hoax hereinfällt. «Aiaiaiaiaia». 

Wieso gehen BBC, «New York Times» und das gesamte soziale Netzwerk einer Gruppe von gelangweilten Digital Natives auf den Leim? Es ist ganz einfach, erklärt Marcos. «Du nimmst sein Bild, fügst ein paar Hashtags hinzu und betest für deinen vermissten Freund oder Bruder.» Manchmal schreiben sie auf Twitter auch direkt Journalisten von lokalen Zeitungen an. «Und dann beissen sie an, dann hängen sie am Haken. Das ist die Formel». So einfach ist es. Smiley mit Sonnenbrille. Ein bisschen digitale Selbstjustiz und ganz viel Spass daran, die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen.

Skrupel? «Nein, keine Skrupel». In Mexiko sei das, was sie machen, nicht illegal. Ausserdem habe er es ja verdient. Ein paar Tausend Franken Schulden gegen die Zurschaustellung im Netz. Das klingt für die Troll-Truppe aus Mexiko Stadt nach einem fairen Deal. 

Ob Alfonso wirklich existiert und, falls ja, ob sich die Geschichte so abgespielt hat oder nicht, ist unklar. Ein Gerichtsdokument soll bezeugen, dass Alfonso einem Mitglied der Troll-Truppe tatsächlich Geld schuldet. Ob das Dokument echt ist oder nicht, kann nicht verifiziert werden. 

BBC hat nach dem Absturz der EgypAir-Maschine eine Zusammenstellung der Fake-Todesmeldungen im Netz publiziert – darunter auch diejenige von Alfonso. Der britische Sender schreibt, dass Photos von Alfonso im Dezember 2015 das erste Mal im Netz die Runde gemacht haben.

Auch die «New York Times» reagierte schliesslich auf den Hoax. Die bekannteste Zeitung der Welt hatte nach dem Anschlag auf einen Schwulenclub in Orlando ein Bild Alfonsos in einer Opfergalerie publiziert. Mittlerweile ist an der entsprechenden Stelle ein Korrigendum zu lesen: 

«Das Bild des Mannes bei Minute 2:24 wurde entfernt. Nach der Publikation des Videos kamen Informationen ans Licht, die in Frage stellten, ob der Mann tatsächlich unter den Opfern ist.»

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NY-Times-Korrigendum.
bild: screenshot/nytimes

Und Alfonso? Der französische Nachrichtensender France24 hat mit ihm gesprochen – oder zumindest mit jemandem, der sich als Alfonso ausgibt.

«Pics or it didn't happen», besagt Nummer 32 der «Rules of the Internet». Im Fall von Alfonso könnte der Umkehrschluss gelten: «Pics, therefore it must have happened.»<br data-editable="remove">
«Pics or it didn't happen», besagt Nummer 32 der «Rules of the Internet». Im Fall von Alfonso könnte der Umkehrschluss gelten: «Pics, therefore it must have happened.»
«Mein Bild ist überall im Netz, weil sich irgendjemand nach einem Rechtsstreit einen Scherz erlaubt hat. Ich habe die Personen, die mir das angetan haben, nie gemeldet, weil in Mexiko in solchen Fällen sowieso nie etwas passiert. Jetzt taucht das Photo in verschiedenen Geschichten auf. Ich habe einige Medien kontaktiert, darunter BBC und die «New York Times» und habe sie gebeten, mein Photo zu löschen, aber sie haben nie geantwortet.»

«Fake», schreibt Marcos, France24 habe nie mit Alfonso gesprochen. «Die ‹fucking Frenchs› sind auf einen Fake-Twitter-Account hereingefallen». Er wisse aber nicht, wer dahinter stehe.

Auf der in der Anklageschrift festgehaltenen Telefonnummer Alfonsos meldet sich niemand. Alfonsos Freundin, die ebenfalls in den Rechtsstreit verwickelt sein soll, weil gewisse Beträge über ihre Kreditkarte geflossen seien, scheint ebenfalls untergetaucht. 

Vielleicht ist die ganze Geschichte ein Hoax-Hoax, ein Meta-Hoax. Vielleicht existieren weder Alfonso noch die Troll-Truppe oder vielleicht sind ihre Absichten ganz anders gelagert. Die Myriaden Schlupflöcher im Netz machen es einem einfach, seine Spuren zu verwischen und seine Absichten zu verschleiern. Das ist der aktive Part. Für den passiven Part, für Alfonso, so es ihn denn gibt, und für all die anderen Alfonsos, deren Bilder, Videos und persönliche Daten ungefragt und ungewollt im Netz publiziert werden, besteht diese Möglichkeit nicht. Was einmal ins Web gespeist wird, das bleibt.

bild: screenshot/france24
Cyber-Mobbing: Eine rechtliche Einschätzung
Martin Steiger, auf digitales Recht spezialisierter Rechtsanwalt, sagt, dass ein ähnlicher Fall von Cyber-Mobbing in der Schweiz in erster Linie als Persönlichkeitsverletzung behandelt würde. «Ein Opfer könnte sich zivilrechtlich zur Wehr setzen – einerseits gegen die verantwortlichen Personen, sofern bekannt, und andererseits gegen mitwirkende Medien und Provider. In diesem Rahmen ist es unter anderem auch möglich, auf Genugtuung und Schadenersatz zu klagen.» Schweizerische Opfer könnten dabei an ihrem Wohnsitz in der Schweiz klagen und müssten sich nicht an ein ausländisches Gericht wenden. Je nach Sachverhalt seien beim Cyber-Mobbing auch Straftatbestände erfüllt, zum Beispiel üble Nachrede oder Verleumdung. «In diesem Fall kann sich ein Opfer auch strafrechtlich zur Wehr setzen», so Steiger. In der Praxis sei es allerdings häufig sehr aufwendig, bisweilen auch unmöglich, unbekannte Täter zu ermitteln. Ein zivilrechtliches Vorgehen gegen Cyber-Mobbing ist mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden, den viele Opfer leider nicht zu tragen vermögen würden.

(wst)

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