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Kopenhagen ein Jahr danach

Die unvergessenen Stunden des Terrors

Menschenmassen in den Strassen von Kopenhagen bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Terroranschläge vom 14. Februar 2015 
Bild: Reuters



13 Stunden und 27 Minuten. So lange versetzte der Terror in Gestalt eines jungen, hasserfüllten Mannes Kopenhagen in Angst und Schrecken. Ein Jahr später könnte es Antworten auf viele offene Fragen geben.

Es ist kurz nach ein Uhr nachts, und in den Bars rund um den Bahnhof Nørreport in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen tobt das Leben. Angetrunkene Menschen stehen draussen in der Februarkälte zusammen.

Ein paar Strassen weiter torkelt ein junger Mann an einer Synagoge vorbei. Er bleibt stehen, wirkt, als müsste er sich übergeben. Dann schiesst er dem jüdischen Wachmann Dan Uzan unvermittelt mitten ins Gesicht.

Die Fakten zu den Terroranschlägen in Kopenhagen vom 14. Februar 2015

Am Nachmittag des Valentinstags 2015 und der darauffolgenden Nacht erschüttern zwei Terroranschläge Kopenhagen. Zwei Menschen sterben, mehrere Polizisten werden verletzt. Täter ist ein 22 Jahre alter Däne palästinensischer Abstammung. Omar El-Hussein schiesst zuerst auf das Kulturcafé Krudttønden im Stadtteil Østerbro, wo gerade eine Diskussionsveranstaltung zum Thema «Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit» stattfindet. Unter den 35 Gästen ist der schwedische Künstler Lars Vilks. Vor dem Café erschiesst El-Hussein den 55-jährigen Filmemacher Finn Nørgaard. Die anschliessende Grossfahndung der Polizei bleibt erfolglos. Später sucht der Täter eine Synagoge in der Innenstadt auf, wo zu dem Zeitpunkt etwa 80 Menschen eine Bar Mizwa feiern. Er erschiesst den 37 Jahre alten freiwilligen Wachmann Dan Uzan. Wieder kann der Schütze fliehen. Gegen 5 Uhr morgens trifft ihn die Polizei vor einem Haus im Stadtteil Nørrebro an. Der Attentäter eröffnet nach Angaben der Polizisten das Feuer und wird getötet. Die Ermittler nehmen fünf Männer fest, die el-Hussein mit Waffen und Unterkunft geholfen haben sollen. Einen von ihnen entlassen die Behörden im Januar 2016 aus der Untersuchungshaft. Im März soll den mutmasslichen Helfern der Prozess gemacht werden. (sda/dpa)

Uzan stirbt durch die Schüsse des Angreifers, wie schon ein anderer vor ihm an diesem Tag, der Filmemacher Finn Nørgaard. Ein Jahr ist es her, doch die Terroranschläge vom 14. Februar 2015 haben sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Hauptstädter eingebrannt.

Student war Täter

Der Mann, der den Dänen ihre Unbeschwertheit und der Stadt ihre Unschuld nimmt, ist Omar Abdel Hamid el-Hussein, 22 Jahre alt. Er ist Kopenhagener mit palästinensischen Wurzeln. Bevor er die friedliche Hauptstadt in einen Terrortatort verwandelt, arbeitet er auf seine Hochschulreife hin. Sein Rektor nennt ihn «fleissig und begabt».

An image released by Danish police of Omar Abdel Hamid El-Hussein and received by Reuters on February 16, 2015. Danish police said on Monday they had charged two people with aiding the man suspected of shooting dead two people in attacks on a synagogue and an event promoting free speech in Copenhagen at the weekend. The shootings, which Prime Minister Helle Thorning-Schmidt called acts of terrorism, sent shockwaves through Denmark and have been compared to the January attacks in Paris by Islamist militants that killed 17. Danish media widely reported the gunman to be Omar Abdel Hamid El-Hussein. REUTERS/Danish Police handout/Scanpix Denmark  (DENMARK - Tags: CRIME LAW TPX IMAGES OF THE DAY) ATTENTION EDITORS - DENMARK OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN DENMARK. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. NO COMMERCIAL SALES

Attentäter Omar Abdel Hamid el-Hussein auf einer undatierten Aufnahme der dänischen Polizei.
Bild: SCANPIX DENMARK/REUTERS

Doch aus seinem Hass auf Juden macht der impulsive Mann kein Geheimnis. Wegen Körperverletzung wird er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Doch er kommt früher frei.

Am Ende dieser Nacht im Februar 2015 liegt er tot vor einer Haustür im von vielen Migranten bewohnten Stadtteil Nørrebro. Ein Einsatzkommando der Polizei hat ihn erschossen.

Taten nicht vertuscht

El-Hussein hat sich nicht viel Mühe gegeben, seine Taten zu vertuschen. In einem Taxi lässt er sich am Nachmittag in dunkler Skikleidung und mit einem rot-orangenen Halstuch vermummt zum Kulturcafé Krudttønden im bürgerlichen Stadtteil Østerbro bringen.

Mit Schüssen durchlöchert er die Glaswand des Cafés, während drinnen Intellektuelle über Kunst und Meinungsfreiheit diskutieren. Der 55-jährige Filmemacher Nørgaard gerät vor dem Gebäude in seine Schusslinie.

The scene outside the Copenhagen cafe, with bullet marked window, where a gunman opened fire Saturday, Feb. 14, 2015, in what is seen as a likely terror attack against a free speech event organized by an artist who had caricatured the Prophet Muhammad. The police believe there was only one shooter in the attack on a Copenhagen cafe that left one person dead and three police officers wounded during a free speech event. (AP Photo/Polfoto, Janus Engel) DENMARK OUT

Einschusslöcher beim Kulturcafé Krudttønden kurz nach dem Anschlag am 14. Februar 2015
Bild: AP/POLFOTO

Nørgaard stirbt – der Attentäter verschwindet unerkannt. Er fährt zurück nach Nørrebro und setzt sich in ein Internetcafé. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Er hatte Helfer. Ab März stehen vier Männer wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht. Sie sollen ihm Waffen besorgt und eine Unterkunft geboten haben.

Lange unentdeckt

Wie el-Hussein so lange unentdeckt bleiben und in der Nacht einen weiteren Anschlag verüben konnte, ist vielen bis heute trotzdem ein Rätsel. Die Tatsache kostet Uzan das Leben.

In den Kneipen um den Nørreport ist die ausgelassene Stimmung danach abrupt zu Ende. Ungewissheit und Schrecken machen sich breit. Die Wirte schenken kein Bier mehr aus, aber die Feiernden dürfen die Bars auch nicht verlassen.

Erst am Morgen atmet Kopenhagen auf, nachdem Polizisten rund 30 Schüsse auf el-Hussein abgefeuert haben. Aber die 13 Stunden und 27 Minuten lassen die Stadt monatelang nicht los.

Mohammed-Krise wieder ganz nah

Plötzlich ist die Mohammed-Krise wieder ganz nah. Dabei ist es zehn Jahre her, dass Karikaturen des Propheten in der «Jyllands-Posten» eine gewaltsame Protestwelle in der islamischen Welt auslösen.

Anschlagsversuche wie der auf den Zeichner Kurt Westergaard machen die Dänen seitdem unruhig. Westergaard soll auf der Todesliste der Islamisten stehen – genau wie der Künstler Lars Vilks, dem der Angriff auf das Kulturcafé in Østerbro vermutlich galt. «Mein Leben hat sich in dem Moment verändert», sagt der Schwede der Nachrichtenagentur DPA über den Nachmittag im Februar 2015.

Seine Bodyguards brachten ihn sofort aus der Gefahrenzone. «Es war nur einen kurzen Moment lang wirklich angsteinflössend», sagt Vilks. Doch seitdem lebt der Künstler an einem geheimen Ort, muss jedes Mal umziehen, wenn jemand herausfindet, wo er wohnt. «Ich habe keine Angst», sagt er. Oft hätten das aber die Menschen um ihn herum.

Medien schwiegen seit den Anschlägen zu Themen, die eine starke Reaktion bei Islamisten hervorrufen könnten. «Nach den Attacken – gegen Charlie Hebdo in Paris und auch in Kopenhagen – standen die Leute erst für die Meinungsfreiheit ein», sagt er. «Aber sehr bald kam die Frage auf: Ist es das wirklich wert?» Vilks will trotzdem weiter über das Thema diskutieren. (sda/dpa)

Terroranschläge in Kopenhagen am 14. Februar 2015

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