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Kampuschs Kampf um Kontrolle – eine Frau, die nie wieder Opfer sein will

26.08.2016, 05:4426.08.2016, 07:30
Natascha Kampusch. (Archivbild, 2013)
Natascha Kampusch. (Archivbild, 2013)Bild: EPA

Da sitzt sie, diese Natascha Kampusch. Die 28-Jährige trägt ein schlichtes, schönes schwarzes Kleid, darüber eine weisse Baumwolljacke. Sie ist stets ruhig, denkt erst sorgfältig nach, bevor sie spricht, und wenn sie dann etwas sagt, drückt sie sich gewählt aus. Diese Frau will die Kontrolle behalten – die ihr das Schicksal über acht Jahre verwehrt hat.

Auch bei «Markus Lanz», in dessen Talkshow die Österreicherin mit ihrer Mutter geladen war. Die Wienerin, die als Zehnjährige Wolfgang Priklopil in die Hände fiel, will nie mehr Opfer sein. Die Zügel behält sie in der Hand – was sich an dem Haus ihres Entführers zeigt, das Kampusch immer noch zwei Mal monatlich besucht. Es wurde ihr als Priklopils einziger Besitz überschrieben.

Der Täter Wolfgang Priklopil nahm sich das Leben.
Der Täter Wolfgang Priklopil nahm sich das Leben.Bild: AP

Sie hat es nicht zu dem Schmerzensgeld gemacht, das ihr zusteht. «Es war nicht so leicht, Käufer dafür zu finden», sagt sie erst. Dann sagt sie, sie habe Angst vor Käufern, die Prikopil bewundern. Kurz darauf versichert sie, dass sie es sofort abgeben würde, wenn es eine «passende Möglichkeit geben sollte». Und etwas später betont sie, dass es ihr wichtig sei, dort hingehen zu können: «Da ich mich jahrelang dort aufhielt, und es wäre sicher demütigend, jemanden bitten zu müssen.»

Selbst die Einrichtung kaum verändert

Nein, die heutige Natascha Kampusch lässt die Zügel nicht mehr so schnell los. Aber wie fühlt sie sich denn bloss in diesem Haus, dessen Einrichtung sie kaum verändert hat? Wo im Wohnzimmer beim Steinkamin noch ein Petrol-farbenes Ledersofa neben einer Schnaps-Vitrine steht – unter dunkler Vertäfelung. Nur die wenigen Bücher in der Holzanrichte sorgen für blasse Farbtupfer.

Kampusch in dem Haus, das zuvor Priklopil gehörte.
Kampusch in dem Haus, das zuvor Priklopil gehörte.Bild: APA/ORF

Warum hat sie es nicht renoviert? «Weil das auch sehr viel Geld kostet. Dann hätte ich das auch alles überwachen müssen.» Stimmt ja, nicht die Kontrolle verlieren! Und wie sieht es in ihrem Herzen aus in diesem Gruselkabinett in Wien? Sie gehe dort «meistens halt mit Unbehagen» hin. Sie spricht über Gefühle, gibt aber nicht preis, was tief in ihrer Seele geschieht. Das klingt dann so: «Ich fühle mich dann nicht sehr wohl. Es ist zwar nur ein Haus, also eine Sache, aber es ist unangenehm.»

Kampusch mit ihrem Buch «Zehn Jahre Freiheit».
Kampusch mit ihrem Buch «Zehn Jahre Freiheit».Bild: APA

Weil es für die Behörden ein «ungenehmigter Hohlraum» war, hat sie das Loch im Keller, in dem sie hauste, zuschütten lassen. Heute sei es ein «befreiendes Erlebnis, das Ganze von aussen zu betrachten». Sie hat sich mit ihrem Schicksal konfrontiert, sie hat das Haus «besetzt»: Natascha Kampusch will Herrin der Lage sein.

Kampuschs Mutter ist das komplette Gegenteil

Kampuschs Mutter Brigitte Sirny ist das genaue Gegenteil. Für sie gebe es den Ort des Verbrechens gar nicht mehr. «Ich habe ihn von der Landkarte gestrichen.» Das Buch ihrer Tochter, «Zehn Jahre Freiheit», habe sie nicht lesen können – zu schmerzvoll. 

Nach der Befreiung sehen sich Mutter und Tochter vorerst nicht sehr häufig. Natascha wird in einer psychiatrischen Einrichtung behandelt. Für das Opfer in dieser Tragödie war die Wiederkehr in den Schoss der Gesellschaft eine «Überforderung».«Ich stand unter Schock.» Wer würde das nicht? Die Mutter sucht die Nähe zu ihrer verlorenen Tochter. Doch die muss sich selber suchen und weist Brigitte zurück. Die Familie brauchte Zeit, einander wiederzufinden.

Ihre bestimmte Art und ein TV-Interview 2006 werden als «zu stark» bewertet: Weil Natascha nicht das Opfer spielen will, fangen Medien an zu spekulieren. Kampusch wird unterstellt, sie habe ihre Gefangenschaft begünstigt, sei Priklopil nahe gewesen. Die Wienerin taucht ab. «Ich wollte nicht, dass etwas über mich berichtet wird, was nicht der Wahrheit entspricht.» Die junge Frau muss lernen, dass es auch in der Welt da draussen falsche Fünfziger gibt.

Heute ist ihre Odyssee «in den Hintergrund getreten». «Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Leider», sagt Kampusch.

Sie macht nun eine Ausbildung, will studieren. Den Staat, der Hinweise übersah und ihr Leiden begünstigt hat, will sie nicht verklagen. Sie hatte darüber nachgedacht, aber dann gab es «unvorhergesehene Anfeindungen und Anklagen», sagt die junge Frau. Und der Staat wolle keinen Präzedenzfall schaffen. 

Das braucht diese starke Frau auch nicht. Sie schafft sich ihren eigenen.

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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Marie_Elle
26.08.2016 09:44registriert Januar 2016
Interessant ist, dass z.T. dieselben, die Kampusch als geld-/mediengeil usw. verurteilen, für Amokläufer, die früher gemobbt wurden umso mehr Verständnis zeigen.
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