«Dann hört man die Explosionen»: Wir haben Tschernobyl besucht
Wie mir meine zweitägige Erkundung zeigte, hat die Sperrzone von Tschernobyl in der Ukraine viele Gesichter. Das Gebiet um das Kraftwerk, wo sich 1986 ein Unfall ereignete, und insbesondere die Geisterstadt Prypjat gleichen einer Zeitkapsel. Doch der Krieg und die Bedrohung von der nur etwa fünfzehn Kilometer entfernten belarussischen Grenze sind allgegenwärtig.
Ein Überblick über das heutige Tschernobyl.
Die Duga-Antenne
Anton, mein Reiseführer und Fotograf, der in den sozialen Medien eine grosse Fangemeinde hat, betont: Das Erlebnis dieser gigantischen Antenne lässt sich am besten vom Boden aus geniessen. Kein Foto kann diesem gewaltigen und nun völlig nutzlosen Bauwerk gerecht werden.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Wir fahren über 30 Minuten durch Waldgebiete auf einer schmalen Strasse, die ausschliesslich von Soldaten benutzt wird. «Nicht anhalten», rät mir Anton, als wir einige am Strassenrand sehen.
Etwa auf halber Strecke des Wanderwegs ist ein riesiges Waldgebiet verwüstet. «Die Brände», fasst Anton zusammen. Im Jahr 2020 wütete das Feuer auf Zehntausenden Hektar der Zone. Noch heute sind die Spuren dieser Zerstörung sichtbar.
A forest fire near the abandoned Chernobyl nuclear plant has been put out, Ukrainian officials say https://t.co/efV4ppCtBh pic.twitter.com/g1TcWlgCuQ
— Reuters (@Reuters) April 15, 2020
An einer Stelle sehen wir Duga in der Ferne auftauchen, jene Anlage, die 150 Meter hoch und 700 Meter breit ist. Meinen Berechnungen zufolge könnte die Titanic sechsmal in das Rechteck passen, das diese Antenne bildet.
Diese gewaltige Metallkonstruktion konnte in den 1970er-Jahren Funksignale über Tausende von Kilometern senden und empfangen. Ihr charakteristisches Geräusch gab ihr den Spitznamen Woodpecker (Specht) – ein Geräusch, das sogar am Telefon zu hören war und weltweit Beschwerden auslöste.
Der Rest ihrer Geschichte liegt im Dunkeln, und ihr eigentlicher Zweck ist weiterhin unklar. Auch ist nicht eindeutig geklärt, warum die Sowjetunion ihre Nutzung gegen Ende der 1980er-Jahre schrittweise einstellte. Es liegt nahe, dass die Entspannung im Kalten Krieg dabei eine Rolle spielte.
Bei unserer Ankunft am Fusse der Antenne verlassen zwei Soldaten gerade das Areal mit einem Auto. Das Gelände um die Antenne ist heute kaum noch von Interesse und wird vom Militär nur noch zu Übungszwecken genutzt. Die Anlage ist von Sand umgeben und eignet sich daher hervorragend für Zielübungen.
Wir gehen um das beeindruckende Bauwerk herum. Kabel hängen herab, und Bäume wachsen sowohl am Boden als auch in den oberen Bereichen der Konstruktion, die einem riesigen Drahtgerüst ähnelt. Drähte so dick wie ein Auto.
Nach einem Spaziergang kehren wir durch einen Tunnel zurück. Einst beherbergte dieses Betonbauwerk sämtliche Antennenkabel und elektronischen Schaltkreise. Heute ist alles entfernt worden, sogar die Fahrzeuge, mit denen man die mehrere Hundert Meter lange Tunnelstrecke durchquerte.
Die ukrainische Armee
Unterwegs, in den Cafés – überall begegnen wir Soldaten. Sie lassen sich sicherlich nicht frohmütig in der Zone nieder, da diese immer noch kontaminiert ist.
Anton gibt mir die wenigen Details, die er kennt – man darf nie zu viel preisgeben, damit keine Informationen an den Feind gelangen. Sicher ist aber, dass die abermals wildwüchsigen Wälder und die verlassene Stadt ein ideales Übungsgelände für Soldaten bieten.
bild: ANADOLU
Wir kehren ins Zentrum von Prypjat zurück. Dort haben Regimenter in einem Häuserblock im Stadtzentrum Quartiere bezogen. Auf dem Dach eines der wenigen Gebäude, die nicht vom Wildwuchs übernommen wurden, sehen wir Antennen, wie sie fürs Kabelfernsehen verwendet werden. Genau das, was man besser nicht fotografieren sollte.
Anton führt mich zum ehemaligen Kulturzentrum von Prypjat. Im ersten Stock herrscht Verwüstung. Man kann nicht sagen, ob das Militär die Hunderte Quadratmeter Glas zerstört hat. Jedenfalls liegt jetzt alles auf dem Boden.
Wer hat denn hier einen Thron hingestellt?
Anschliessend fahren wir zum Hotel Polissia, benannt nach dieser bewaldeten Region. Unser Ziel ist – trotz der Risiken –, die elf Stockwerke zu erklimmen. Die örtlichen Behörden wissen das nicht zu schätzen, da die Spitze des Gebäudes einsturzgefährdet ist. Ich mache mich also voller Vorfreude auf den Weg.
Unterwegs finden wir auf dem Boden den Akku einer kleinen Drohne. Als wir die Treppe hinaufsteigen, bemerke ich, dass einige Möbel verschoben wurden. Es scheint eindeutig: Dieses Gebäude wird aktiv genutzt.
Wie andere Orte eignet es sich hervorragend für Übungen. Oft ist die verlassene Stadt Prypjat während Militärübungen komplett gesperrt, selbst für Berechtigte. Anton bringt es auf den Punkt:
Im obersten Stockwerk des Hotel Polissia herrscht eine besondere Atmosphäre. Nicht nur, weil man die Umgebung – Atomkraftwerk, Riesenrad, Roter Wald – überblicken kann, sondern auch, weil in diesem elften Stockwerk, das der Kälte und dem Wind ausgesetzt ist, ein Baum gewachsen ist.
Das Kernkraftwerk
Der «Sarkophag» des Atomkraftwerks, der den Reaktorblock 4 umschliesst, ist von vielen Orten aus sichtbar, unter anderem vom Dach des Hotel Polissia. Wir haben uns ihm mehrmals genähert, aber die erlaubten Ansichtsperspektiven sind begrenzt. Zur Erinnerung: Ich muss alle meine Fotos dem Militär vorzeigen, wenn ich die Sperrzone verlasse.
Dennoch sind einige Aufnahmen möglich, insbesondere vom Ausstosskegel, der nie fertiggestellt wurde. Der Bau begann 1970, und das Kraftwerk nahm 1981 den Betrieb auf. Nach der Explosion von Reaktor 4 im April 1986 und der Evakuierung des Gebiets wurde der Bau der Reaktoren 5 und 6 unterbrochen.
Die Kuppel über dem Kraftwerk erfüllt mehrere Zwecke. Sie hält Strahlung zurück, sichert das Kraftwerk im Falle eines erneuten Zwischenfalls und schützt das Gelände vor äusseren Bedrohungen. Möglicherweise war sich die Ukraine dessen bei der Installation nicht bewusst. Doch als im vergangenen Februar eine russische Drohne von der Konstruktion gestoppt wurde, bewies die Kuppel ihre Nützlichkeit.
Während meines Besuchs klafft die Grube noch immer. Für die Ukraine war ein Baubeginn nur mit ausländischer Hilfe denkbar, daher musste man erst die nötigen Mittel aufbringen. Mein Reiseführer ruft aus:
Anton erzählt mir, dass Finanziers aus verschiedenen Ländern, darunter auch aus der Schweiz, nach Tschernobyl reisten und das Innere des Kraftwerks besichtigten, dessen Betrieb Anfang der 2000er-Jahre endgültig eingestellt wurde.
Aufgrund eines Missverständnisses konnte ich den Reaktor nicht von innen besichtigen. Wie mir Anton erklärt, hätte das aber einen weiteren Tag gedauert. Der Führer und Fotograf zeigt das Innere dieses riesigen Bauwerks gerne in den sozialen Medien. Er sagt:
Als wir an der Kuppel vorbeigehen, sehen wir auch die «Überreste» der Reaktoren 5 und 6, deren Bau nie abgeschlossen wurde.
Das wilde Leben
Anton, mein Reiseführer auf meiner zweitägigen Reise, überschüttete mich fast ununterbrochen mit Informationen. Während ich zuhörte, beobachtete, ging, filmte und fotografierte, versuchte ich, so viele Informationen wie möglich festzuhalten, sowohl auf meinem Handy als auch in meinem Kopf.
Der Fotograf und Reiseführer aus der Blütezeit von Tschernobyl erzählte mir:
Diese sind sozusagen die einzige gänzlich «wilde» Pferdeart der Welt, alle anderen sind oder waren in der Vergangenheit domestiziert.
Tschernobyl hat sich in der Tat zu einem fantastischen Naturparadies entwickelt, da menschliche Präsenz heute sehr selten ist. Man kann daher verwilderten Katzen begegnen, Wildschweinen, Bären, Wölfen …
Auf unserer Reise haben wir in den zwei Tagen nicht viel Glück. Ich vermute, die Schüsse und Explosionen, deren Erschütterungen wir mehrmals spüren, verscheuchen die Säugetiere.
Doch plötzlich, mitten auf der Strasse, stossen wir auf eine Pferdefamilie. Anton schaudert, während ich den Wagen anhalte, um die Kameras bereitmachen zu können. Anton erklärt:
Die Tiere sind nicht besonders scheu; sie halten einfach Abstand. Die Herde wirft einen Blick in unsere Richtung, doch da rast ein Militärfahrzeug vorbei. Glücklicherweise schrecken die Pferde nicht auf und suchen ruhig Zuflucht am Strassenrand, am Wald angrenzend. Wir holen unsere Kameras heraus und geniessen diese einfache, wilde Begegnung.
Weniger romantisch ist, dass wir oft streunenden Hunden begegnen, besonders in der Stadt. In der ersten Nacht hören wir sie aus allen Richtungen heulen. Es sei denn natürlich, es handelt sich um die berüchtigten Wölfe …
Ein letztes Mal ausweisen
Beim Verlassen der Sperrzone muss man noch durch die Sicherheitskontrolle. Das ist zwar alles schön und gut, aber wenn die Agenten mit einem Geigerzähler auf einen zukommen, fragt man sich unweigerlich, ob man etwas Dummes gemacht hat.
Bevor wir die Sperrzone verlassen dürfen, müssen wir einem Offizier vor Ort unsere Fotos zeigen. Ich halte meine Kamera und mein Handy bereit, aber der Soldat untersucht nur meine Nikon und findet nichts Verdächtiges. Ich hatte mich penibel an die Regeln gehalten. Ich möchte nicht nur möglicherweise selbst nach Tschernobyl zurückkehren, ich will auch nicht, dass Anton wegen meines Besuchs in Schwierigkeiten gerät.
Wir müssen noch eine letzte Kontrolle durchlaufen, eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen, die mich leer schlucken lässt. Was würde passieren, wenn wir etwas zu ausgelassen gewesen wären und der Alarm bei der Konrolle losginge? Letztendlich läuft aber alles glatt. Ich verlasse die Zone mit einem vollen Kopf und einem Körper, der von Gefühlen überwältigt ist.
