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Amarna Miller während ihres Interview-Marathons. bild via instagram.com/amarnamiller

Interview

«Nicht die Frauen, sondern die Männer werden im Porno-Business ausgebeutet»



Das Video zur Porno-Messe von Barcelona schlug ein wie eine Bombe: Darin hält Pornodarstellerin Amarna Miller der spanischen Gesellschaft den Spiegel vor und kritisiert ihre Heuchelei.

Seither eilt die 25-Jährige Madrilenin von einem Pressetermin zum nächsten. Im Interview mit watson verrät sie, welche Kritik sie am meisten trifft und warum auch die Porno-Industrie ein Hort der Heuchelei ist.

Wie lange überlegten Sie, als man Sie anfragte, in besagtem Video mitzuspielen? 
Amarna Miller:
Der Regisseur kam auf mich zu, und ich sagte sofort zu, obwohl das Skript nicht von mir stammt. Noch am selben Tag wurde gedreht. Es sind alles Themen, die mir wichtig sind und über die ich immer wieder öffentlich spreche. Man kennt mich in Spanien und weiss, dass ich oft kritisiere.

Zur Person

Amarna Miller (Jahrgang 1990) aus Madrid ist eine spanische Pornodarstellerin, Regisseurin und Buchautorin. Sie hat Kunst an der Europäischen Universität von Madrid studiert. Sie ist offen bisexuell und praktiziert Polyamorie und BDSM.

Welche Reaktionen haben Sie auf das Video erhalten?
Viele finden es grossartig. Andere sind mit der Kritik einverstanden, aber finden die Form ungeeignet. Daneben gibt es auch Kritik an meiner Person. Gestern Nacht habe ich entschieden, aus Selbstschutz nicht mehr so viel Zeit mit den sozialen Medien zu verbringen. Am meisten treffen mich die Angriffe der Feministinnen. Sie können einfach nicht akzeptieren, dass ich Sex-Arbeiterin und Feministin bin.

Warum nicht?
Nicht alle, aber viele denken immer noch, dass eine Industrie, die männliche Fantasien kommerzialisiert, mit Feminismus unvereinbar ist. Es ist doch so, seit tausenden Jahren wird das weibliche Begehren vom Patriarchat kontrolliert. Es schreibt uns vor, wie wir zu lieben und unsere Beziehungen zu führen haben und was wir mit unseren Körpern und unseren Fantasien machen. Heute können wir das selbst entscheiden. Die Tatsache, dass ich mich nackt im Internet zeige, weil es mir gefällt, ist feministisch. Und es zwingt Leute, ihre Stereotypen zu hinterfragen. 

Sie haben auch selbst bei Pornofilmen Regie geführt. Unterscheiden sich diese von Filmen männlicher Regisseure?
Bevor ich Darstellerin wurde, arbeitete ich als Regisseurin und hatte meine eigene Produktionsfirma. In meinen eigenen Projekten suchte ich nach neuen Wegen, Sexualität und sexuelle Beziehungen darzustellen, vor allem in der Ästhetik der Videos. Natürlich hatte ich auch Aufträge, die sich nicht mit diesen Vorstellungen deckten und klassische Männerfantasien bedienten. Aber das ist in jedem Job so. Man muss auch Dinge machen, die nicht hundertprozentig den eigenen Vorstellungen entsprechen.

Einer unserer Leser schreibt zum Thema Ausbeutung, dass die Porno-Industrie einer der wenigen Orte ist, wo Frauen mehr verdienen als Männer. Stimmt das?
Ja, das stimmt leider, fast doppelt so viel.

Wie lässt sich das erklären?
Ganz einfach, Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage nach weiblichen Darstellerinnen ist viel grösser als nach männlichen Darstellern.

Haben Sie jemals einen männlichen Kollegen getroffen, der sich ausgebeutet fühlte?
Ja, und es sind gerade nicht die Frauen, sondern die Männer, die ausgebeutet werden. Ich weiss nicht, wie es in der Schweiz ist, aber in Spanien ist die Porno-Industrie völlig unterreguliert. Es gibt keine Gesetze, keine Verbände, keine Gewerkschaften. Wer sich misshandelt fühlt, hat keine Anlaufstelle. Ich sage immer, ich würde nie Porno-Darsteller werden.

(Bilder via instagram.com/amarnamiller)

Wie bitte?
Als Mann wirst du schlecht bezahlt, und Produzenten erachten es als völlig selbstverständlich, dass du alles mitmachst. Als Frau kann ich wählen und sagen, ich mache nur Lesbenszenen, oder nur Selbstbefriedigung oder ausschliesslich Vaginalverkehr. Männer hingegen werden nicht einmal gefragt. Sie müssen alles machen, egal ob Heteroszenen, Gruppensex, Doppelpenetration. Die Ungleichheit ist enorm. Und der Rassismus erst ...

... es gibt Rassismus in der Porno-Industrie?
Und wie! Weibliche Darstellerinnen erhalten mehr Gage, wenn sie mit einem schwarzen Mann Sex haben als mit einem weissen. Und wenn ein schwarzer Mann mit einer weissen Frau Sex hat, heisst das «interracial». Für Sex zwischen einer schwarzen Frau und einem weissen Mann hingegen gibt es keine spezielle Bezeichnung.

Klingt so, als gäbe es auch in der Porno-Industrie Heuchelei.
Auf jeden Fall. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel: Die Kategorien sind zum Teil lächerlich. «Bizarr» heisst zum Beispiel BDSM oder Sex mit Transsexuellen oder mit übergewichtigen Frauen. Analsex, Gangbangs oder Doppelpenetration hingegen werden als «normal» klassifiziert. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meinen Job und es wäre falsch, zu generalisieren. Aber es gibt Probleme in dieser Branche und es ist wichtig, sie anzusprechen. Dabei wollen wir nicht als Opfer wahrgenommen werden, sondern als Menschen mit Anliegen und Rechten.

Sie sind 25. Was sind Ihre nächsten Karriereschritte?
Mir gefällt mein Beruf als Pornodarstellerin und ich habe vorerst keine Pläne, etwas anderes zu machen. Aber ich mag viele Dinge und bin Neuem gegenüber aufgeschlossen. Ich habe aktuell viele interessante Angebote und möchte nicht allzu weit in die Zukunft planen. Mir scheint, wenn es dann anders kommt, ist man vielleicht frustriert. Oder man ist dermassen auf den Plan fokussiert, dass man viel anderes verpasst. Ich mag Kunst, Fotografie und Video, ich reise und ich schreibe gerne – irgendeine Kombination davon wird es sein.

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