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Salvador Dalís «Der Christus des Hl. Johannes vom Kreuz».  bild: wikimedia

Kommentar

Religion ist infantiler Aberglaube und gehört nicht in eine Verfassung des 21. Jahrhunderts

Erst beteten die Menschen zur Sonne. Dann wurde aus der Sonne ein Gott. Einer, der eine «historische» Dimension bekam und in dessen Namen Kriege geführt wurden. Es ist Zeit, dass Religion und Staat endlich vollständig getrennt werden.

Claude Cueni
Claude Cueni



Als sich Neanderthaler und Homo Sapiens vor rund 100'000 Jahren zum ersten Mal die Köpfe einschlugen und gegenseitig die Frauen raubten, haben sie sich wahrscheinlich mit Grimassen, Lauten und Gesten verständigt. Gemeinsam war ihnen die Furcht vor den Naturgewalten, vor Stürmen, Donner, Blitzen, Feuersbrünsten und Erdbeben. Sie flüchteten in ihre Höhlen, starrten in den Sternenhimmel und warteten, dass die Sonne wieder geboren wurde und ein neuer Tag begann.

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Der Sonnentempel während der späten Herrschaft der Inkas aus Paul Marcoys Reisetagebuch,1875. bild: doaks

Die Sonne als Mutter aller Götter

Seit Urzeiten haben die Menschen die Sonne angebetet, denn ihre Strahlen spenden Wärme, bringen die Natur zum Blühen und sind der Ursprung jeder Lebensform auf diesem Planeten. Die Sonne thront monumental unter dem Firmament und egal, wo man sich befindet, man entkommt ihr nicht. Ihre Strahlen scheinen für jedes Geschöpf auf dem Erdball. Die Sonne kann wärmen, aber auch verbrennen, man liebt und fürchtet sie zugleich. «Furcht hat die Götter erschaffen», schrieb der griechische Philosph Lukrez bereits vor zweitausend Jahren.

Zum Autor: 

Claude Cueni ist 1956 in Basel geboren. Er schrieb historische Romane (u.a. «Giganten», «Cäsars Druide»,     «Das grosse Spiel») Thriller, Theaterstücke, Hörspiele und über 50 Drehbücher für Krimiserien wie «Tatort» und «Europcops». Für Blackpencil designte er jahrelang Computergames, darunter den Welthit «Catch the Sperm». Claude Cueni erkrankte nach dem Tod seiner ersten Ehefrau an Leukämie und lebt heute, in zweiter Ehe, mit seiner Frau in Basel. Sein autobiographischer Roman «Script Avenue» war auf Platz 4 der Schweizer Bestsellerliste und wurde in 13 Sprachen übersetzt. Sein ebener erschienener, neuester Wurf heisst «Godless Sun», den Dokumentarfilm über Cueni  findest du hier: «Selbstmitleid ist Zeitverschwendung».

Die Jäger und Sammler jener Zeit streiften in nomadisierenden Kleingruppen über Land und suchten Wild, Knollen und Fische. Sie gingen gemeinsam auf die Jagd, nahmen am Lagerfeuer das Abendmahl ein, tranken das Blut der Beute und brachten der Sonne ein Opfer dar. Sie waren aufeinander angewiesen und festigten ihre Gemeinschaft mit Körperbemalungen, Ritualen und Opfergaben an die göttliche Sonne, auf dass sie immer scheine und sie beschütze.

Mit der Zeit wurden auch Naturgewalten als göttliche Erscheinungen verstanden, Götter wurden in den Ozeanen vermutet, in den Wäldern, in wilden Tieren und in all den Dingen, die man sich nicht erklären konnte. Jede offene Frage wurde mit der Existenz eines Gottes beantwortet, jede Erscheinung als Tat eines Gottes verstanden. Die Antike kennt hunderte von Göttinnen und Göttern, Hunderte von göttlichen Transsexuellen und Schimären. Aber die Mutter aller Götter war stets die Sonne.

In den frühen Mythologien der verschiedensten Kulturen finden wir gleichnishafte Geschichten, die bereits alles enthalten, was Jahrtausende später im Christentum und anderen «jungen» Religionen wieder auftauchen sollte. Die frühen Weisheitslehren erzählen von einem nicht näher definierten «kosmischen Geist» im Universum. Da alles Leben auf die Sonne zurückzuführen ist, war die Sonne stets das natürliche Symbol für diesen «kosmischen Geist».

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Was aussieht wie ein «kosmischer Geist» mit Glutaugen ist in Wahrheit eine Sternen-Kita. NGC 2467 nennen Astronomen den Sternenhaufen im südlichen Sternbild Puppis. bild: astropix

Noch bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. beteten Christen kniend vor der göttlichen Sonne (bis es Papst Leo X. endgültig verbot), noch bis ins 6. Jahrhundert hiess es im christlichen Gebet: «Unser Herr, die Sonne». Papst Leo X., der den Beinahmen «der Grosse» erhielt, hatte für die Evangelienberichte nur Spott übrig:

«Wie viel die Fabel von Christus uns und den unsrigen genutzt hat, ist bekannt.»

Papst Leo X.

Der römische Kaiser Konstantin der Grosse versuchte zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Land unter einer spirituellen Klammer zu festigen. Aus dem Sonnengott Mithras wurde ein christlicher Gott, man errichtete Basiliken über den heidnischen Mithräen, und obwohl offiziell zum Christentum konvertiert, belegt der Sonnengott Helios auf seinen Münzen, dass er immer noch die Sonne verehrte.

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Helios war in der griechischen Mythologie der Sonnengott. Er lenkte den Sonnenwagen über den Himmel, der von vier Feuerrössern gezogen wurde.

Die kopierte Religion, die aus alten Mythen «historische Wahrheiten» machte 

Das Christentum ist nichts anderes als eine «Copy & Paste»-Religion und hat nichts Einmaliges. Die Figur Jesus ist ein Plagiat. Nebst Mithras gibt es die Erlösergestalten Osiris, Horus, Krishna, Bacchus, Orpheus, Hermes, Baldur, Adonis, Herkules, Attis und Thor, die allesamt verblüffend ähnliche Geschichten erzählen, von der jungfräulichen Geburt bis zur Opferung zum Wohle der Menschheit.

Die Kreuzigung des Sonnengottes wird bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. dargestellt – mit der Figur Orpheus. Die Fleischwerdung des Göttlichen im Menschen ist ein zentraler Punkt der meisten Religionen: In jedem Menschen und in jedem Lebewesen schlummert der göttliche Funke. Das »Göttliche« braucht keine Kirche.

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«Die Erschaffung Adams», Ausschnitt aus Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle. bild: wikimedia

Die Erfolgsgeschichte des Christentums liegt darin begründet, dass die uralten mythologischen Weisheiten und Symbole simplifiziert und für eine breite ungebildete Masse verständlich gemacht wurden. Doch indem jede mythische Aussage konkretisiert wurde, erstickten die Pfaffen gleichzeitig jeden spirituellen Funken.

Es war eine Form der Infantilisierung, und der Gipfel war die Personifizierung des «kosmischen Geistes» in der Gestalt eines real existierenden Menschen. Aus alten Mythen wurden «historische Wahrheiten». Das «Historisieren der Mythologie» ist das Fundament der meisten heute existierenden Religionen.

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bild: imgur

Herrscher erkannten rasch den Nutzen von Religionen und ernannten sich zu Söhnen der Götter. Sie machten sich die göttliche Macht zu eigen und wurden zum Nadelöhr zwischen Gott und den Menschen.

Religiosität: «eine Störung des Gehirnlappens»?

Heute sind Religionsgemeinschaften Milliarden schwere Konzerne, die sich kaum von anderen multinationalen Konzernen unterscheiden. Sie bieten Dienstleistungen an und verkaufen Fantasy. Man stelle sich vor, British Airways flöge Destinationen an, die es gar nicht gibt und BMW verkaufte unsichtbare SUVs? Religion ist die grösste Betrugsgeschichte der Menschheit.

Religion widerspricht sämtlichen Naturwissenschaften. Der grösste Feind der Religionen sind nicht die Atheisten, sondern die Wissenschaft, der Wohlstand und die Bildung.

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Ein Buch zu lesen, reicht meist nicht. bild. twitter/manuelmilesi

Die Tempel der traditionellen Landeskirchen bleiben zunehmend leer. Das liegt weniger an der dreisten Prunksucht ihrer katholischen Exponenten und an den tausendfachen pädophilen Verbrechen ihrer Angestellten, sondern vor allem daran, dass der Zeitungsleser des 21. Jahrhunderts den Glauben an einen barmherzigen und allmächtigen Gott längst verloren hat.

Die Menschen fragen sich – wie damals 1755 nach dem grossen Erdbeben von Lissabon und erst recht nach Ausschwitz – wie es möglich war, dass ein Gott sowas zulässt. Der schottische Philosoph David Hume zog den logischen Schluss:

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Vor zweitausend Jahren waren Reflexionen über Atheismus den Philosophen vorbehalten, im Spätmittelalter ersetzten Weltumsegler wie Magellan und Wissenschaftler wie Galileo Galilei aufgrund ihrer astronomischen Beobachtungen Glauben durch Wissen. Nach den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, die Vernunft und Wissen dem Glauben entgegensetzten, folgten später Betrachtungen aus psychologischer Sicht.

Sigmund Freud nannte Religion eine «Kindheitsneurose», eine «wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit», um sich «Glückversicherung und Leidensschutz» zu schaffen. In jüngster Neuzeit hat die Diskussion auch die Forschungslabors der Neurologen erreicht: Einige nennen Religiosität «eine Störung des Gehirnlappens».

Infantiler Aberglaube gehört nicht in eine Verfassung des 21. Jahrhunderts

Die Menschen im Westen verlieren den Glauben, aber nicht den Aberglauben. Ernährungsbibeln, Fitnesskulte und Verschwörungstheorien sind die «Neuen Religiösen Bewegungen». Man sucht die Fresstempel der Hohen Priester der Kulinarik auf, geisselt seinen Körper auf dem Kreuzgang und huldigt der eigenen Magersucht, man glaubt Dinge, die es gar nicht gibt.

Esoterisch angehauchte Patch-Work-Religionen und dynamische Freikirchen mit poppigen Bühnenshows liegen im Trend. Gleichgesinnte finden zusammen, entwickeln gemeinsame Rituale, Symbole, Insiderwissen und erfinden ein Vokabular, das nur für Eingeweihte verständlich ist. Wie in allen Religionen gibt es Abspaltungen, Abtrünnige. Bei der Küchenreligion sind das die Veganer und Vegetarier, die mit schier religiösem Eifer belehren und bekehren wollen.

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bild: imgur

Die traditionellen Religionen sind zur Privatsache geworden wie Kuchenbacken oder Tennisspielen. Es ist deshalb an der Zeit, dass Religion und Staat vollständig getrennt werden und Religionsgemeinschaften behandelt werden wie andere Vereine auch. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Staaten im 21. Jahrhundert noch für handverlesene Religionsgemeinschaften Steuern eintreiben und mancherorts sogar Aktiengesellschaften und andere juristische Personen per Gesetz zur Zahlung von Kirchensteuern verpflichten.

Auch im Hinblick auf die Zunahme von ultrakonservativen religiösen Weltanschauungen, die im Zuge der Migrationsströme in den freien Westen fliessen, wäre eine scharfe Trennung von Kirche und Staat ein unmissverständliches Signal, dass der Rechtsstaat nie und nimmer einer Religion untergeordnet wird, die mangels Abstraktionsvermögen vortestamentarische Sitten durchsetzen will.

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US-Präsident John Adams, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten. bild: watson

John Adams hatte wohl recht. Eine Welt ohne Religion ist keine schlechtere Welt. 90 Prozent der Nazis waren Christen, es gibt kaum einen militärischen Konflikt in den letzten 2000 Jahren, der nicht auf die Religion zurückzuführen ist. Die grausamsten Foltermethoden sind von christlichen Inquisitoren erfunden und praktiziert worden.

Jeder zivilisatorische Fortschritt musste stets gegen die Religion erkämpft werden. Wird dieser Prozess verhindert, stagniert eine Gesellschaft und scheitert wie alle arabischen Staaten gescheitert sind.

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bild: watson

Eine Gesellschaft braucht für ihr Bestehen ohne Zweifel Gemeinsamkeiten, Rituale. Im 21. Jahrhundert sind das in der freien Welt: eine gemeinsame Ethik, Menschenrechte, Empathie für sozial Schwache und eine anständige Lebensführung, in der man anderen nicht antut, was man selber nicht erleiden möchte.

Klingt ziemlich religiös? Aber dafür braucht man weder Tempel noch Priester. Religion ist die grösste Betrugsgeschichte der Menschheit. Sie ist infantiler Aberglauben und gehört nicht in eine Verfassung des 21. Jahrhunderts.

Mehr Munition für Atheisten:

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Kommentar

Liebe Koriander-Hasser, ihr NERVT

Ach, du findest Koriander grusig? Jö. Aber, hey, du kannst nichts dafür, du Ärmster. Deine Gene sind schuld.

Jüngst, in der Kommentarspalte:

Ach, ihr Ärmsten! All die feinen Tacos, die indischen Chutneys, die Thai-Curries und und und, die ihr nicht essen könnt!

Mein Beileid.

Aber wisst ihr was? Ihr könnt nichts dafür.

Nein, es ist nicht so, dass Koriander eklig ist, und wir alle, die ihn gerne haben, Geschmacksbanausen sind. Nein. Der Grund ist genetisch.

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