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Neues Feindbild: Die Hipster. bild: shutterstock

Der durchgestylte und totgestaltete Mai 2018

Die Hipster sind die neuen Bünzli, wird kritisiert. Aber was ist falsch daran, das Leben zu gestalten?



In der «NZZ am Sonntag» hat sich Christine Steffen kürzlich darüber beklagt, dass in Zürichs Trendquartieren «alles so furchtbar gemütlich» sei. «Es sind jene Orte in den Szenenquartieren, an denen die Stadt besonders hip sein möchte – und an denen sie so durchgestylt und totgestaltet ist, dass sie einen im besten Fall in eine melancholische Tiefenentspannung fallen lässt. Im schlechteren fühlt man sich leer.»

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Kulturzentrum Kosmos in Zürich. Alternativ-Treff oder Hipster-Hochburg?

Als Paradebeispiel eines durchgestylten Ortes nennt Steffen das Kosmos. Das neue Kulturzentrum am Ende der Europaallee umfasst Kinosäle, eine Bar, einen sehr gut sortierten Buchladen mit Cafébar, ein Restaurant mit ausgewählter Küche und es werden regelmässig Diskussionsveranstaltungen durchgeführt.

Weichgespülte Pseudoweltläufigkeit

Das Kosmos ist multikulti, biologisch, urban, feministisch – es ist so ziemlich alles, wofür die 68er vor 50 Jahren auf die Strasse gegangen sind, wofür sie mit Slogans wie «Die Fantasie an die Macht» gekämpft haben. Davon will Steffen nichts wissen. Sie sieht darin «eine weichgespülte Pseudoweltläufigkeit, die am Ende nichts anderes als ziemlich provinziell und ein bisschen bünzlig» ist.

Die Revolte im Mai 1968 in Paris ist Symbol geworden für den Aufstand gegen alles Bünzlige und Engstirnige. Studenten und Jugendliche hatten die Schnauze voll von der Prüderie und Bigotterie ihrer Eltern. Sie lehnten sich gegen diktatorische Väter, frömmelnde Mütter, überhebliche Professoren und heuchlerische Priester auf und proklamierten einen Lebensstil im Sinne von Sex & Drugs & Rock’n Roll.

Die kulturelle Saat ist aufgegangen

Die Studenten hatten damals auch ziemlich naive Vorstellungen von einer gerechten sozialistischen Gesellschaft. Das ging arg in die Hosen. Ihre Forderungen nach einem neuen Lebensstil jedoch sind auf fruchtbaren Boden gefallen: Die Sexualität ist befreit worden, auch Homosexualität ist weitgehend akzeptiert.

Picture handed by the Paris Prefecture de Police Museum on the students' riots of May 68. Paris in May 1968 was the scene of massive confrontations between police and students joined by workers out on a general strike and brought the government to the verge of collapse.  EPA/PREFECTURE DE POLICE MUSEUM  EDITORIAL USE ONLY

Studenten protestieren im Mai 1968 in Paris.  Bild: EPA

Autoritäre Väter sind auch in konservativen Familien selten geworden, Professoren können nicht nur Noten austeilen, sie haben auch Bewertungen von Studenten zu verdauen; und Priester und Pfarrer müssen ihre letzten verbliebenen Schäfchen sorgfältig hegen und pflegen.

In den reichen Ländern – und dort vor allem in den Städten – haben wir heute andere Sorgen. Tylor Cowen, ein einflussreicher US-Ökonom, spricht von einer «selbstzufriedenen Klasse» die sich ausbreitet. In einem Interview mit watson erklärte er: «Unsere Welt ist eine Welt der Gentrifizierung. Ein neues Restaurant im Quartier, eine abnehmende Kriminalität – darunter verstehen wir heute Fortschritt.»

Die goldigen 30 Jahre sind vorbei

Die Hipster-Welt ist klein und begrenzt geworden, nicht weil wir alle bünzlig geworden sind, sondern weil sich die wirtschaftlichen Bedingungen verändert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich die 68er Rebellen in den «goldigen 30 Jahren» austoben. Es herrschte Vollbeschäftigung. Wer sich eine Auszeit gönnen wollte, konnte ohne Bedenken seinen Job kündigen im Wissen, jederzeit auf gleicher Stufe wieder einsteigen zu können.

Heute müssen selbst Hochschulabgänger jahrelange Praktika absolvieren und hunderte von Bewerbungen einreichen, bevor sie eine anständig bezahlte Festanstellung finden. Wer es geschafft hat, der setzt es nicht wieder aufs Spiel. Er zelebriert die Entspanntheit,«als wäre sie ein Hobby», wie Steffen nörgelt.

Das Dilemma der Hipster-Generation

Die Hipster-Generation im Mai befindet sich in einem Dilemma, gerade bei uns. Die meisten haben ein harmonisches Verhältnis mit ihren Eltern. Sie haben eine gute Ausbildung genossen, sie haben einen anständig bezahlten Job, und sie leben in Zürich, einer Stadt mit sehr hoher Lebensqualität, wie auch Steffen einräumt.

Im Kultfilm «Der Dritte Mann» sagt der zwielichtige Harry Lime den legendären Satz: «In der Schweiz hatten sie brüderliche Liebe, 500 Jahre Frieden und Demokratie – und was haben sie hervorgebracht? Kuckucksuhren.»

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Harry Lime und die Kuckucksuhren im «Dritten Mann». Video: YouTube/Leo Salazar

Abgesehen davon, dass Graham Greene wie die meisten Briten nicht wusste, dass Kuckucksuhren nicht aus der Schweiz, sondern aus dem Schwarzwald stammen, trifft er den Nagel auf den Kopf: Es ist sehr viel aufregender, eine bessere Welt erschaffen zu wollen, als darin zu leben. Gönnen wir also den Hipstern vor dem Kosmos ihre «supergesunden, supergerechten, supersorgfältig zubereiteten Produkte» – auch wenn sie nicht ganz billig sind.

«Superfood» – sinnlos teure Importprodukte im Trend

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Video: srf

Hipster, Yuppie und Yuccie: Der Katalog der Subkulturen

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    Alle Leser-Kommentare
  • Skeptischer Optimist 22.04.2018 16:36
    Highlight Highlight Der Hipster ist ein Spiesser, nicht weil er "gestaltet", oder wie er gestaltet, sondern weil seine Gestaltungen uniform und vorhersehbar sind. Shabby chic über alles. Hipster orientieren sich an sich selber und sind von sich selber begeistert. Wie alle Konformisten glauben sie an die Ueberlegenheit der eigenen Weltsicht, ohne sich zu fragen, ob dies nicht etwas engstirnig sein könnte.
  • chicadeltren 21.04.2018 20:16
    Highlight Highlight So ein Quatsch. Früher hat sich die Mehrheit der Schweizer sicher nicht getraut andauernd den Job zu künden um zu reisen, Sprachen zu lernen oder die 5. Ausbildung anzufangen. Heute ist dies fast der Normalfall, die Loyalität des Personals und entsprechend auch der Arbeitgeber nimmt somit ab und die Individualitätssuche endet letztendlich in Austauschbarkeit. Man kann nicht immer den 5er unds Wäggli ha.
  • TheRealSnakePlissken 21.04.2018 18:21
    Highlight Highlight Ist irgendwie witzig, dass die NZZ am Sonntag den Tagi und die SonntagsZeitung auf einmal links überholen will. Es gab ja immer schon den - und heute auch die - Schwerintellektuellen, bei dem das Glück des kleinen Mannes unter Generalverdacht stand: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“ - Ich sag nur: Mir sind in Cafés sitzende Hipster lieber als missgelaunte Dauerkulturkritker und Verschwörungstheoretikern, die sogar den Sonnenschein verfluchen, weil sie mal wieder nichts auf ihren Bildschirmen erkennen, wenn sie am trollen und haten sind 😉
  • Spooky 21.04.2018 18:12
    Highlight Highlight Ich verstehe den Titel nicht.

    Was haben die Hipster mit dem Mai 2018 zu tun?

    • .:|Caballito de Mantequilla|:. 21.04.2018 19:48
      Highlight Highlight Das ist doch völlig logisch: mit den Freimauren und den Reptiloiden! Hipster und Mai 2018, das stand schon im Mayakalender! Nostradamus und Baphometh und Chemtrails und ein wenig Crystalmeth.
    • äti 22.04.2018 12:42
      Highlight Highlight Mai 1968, Frankreich !
    • Spooky 23.04.2018 06:49
      Highlight Highlight Ach so! Ja klar. 50 Jahre. Danke.
    Weitere Antworten anzeigen
  • äti 21.04.2018 16:54
    Highlight Highlight Einmal Hipster, immer Hipster !
  • N. Y. P. D. 21.04.2018 15:57
    Highlight Highlight Hipster Kaffeemaschine

    Lasst die Hipster Hipster sein. Sie sind trendy und haben ihre Haare schön und fahren mit Veloklammern umher. Kaufen bio und wählen vermutlich links. Also alles im grünen Bereich..

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  • N. Y. P. D. 21.04.2018 15:52
    Highlight Highlight Hipster Drahtesel
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  • N. Y. P. D. 21.04.2018 15:52
    Highlight Highlight Hipster Einkaufskorb

    Bio-Kunststoff auf Basis von Zuckerrohr, Herkunft Brasilien. Nieten aus vernickeltem Messing. In zwei Farben erhältlich. Hergestellt in Schweden.
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    • N. Y. P. D. 21.04.2018 18:00
      Highlight Highlight Und hey :

      Bio - Kunstoff ! Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst.
    • N. Y. P. D. 21.04.2018 23:25
      Highlight Highlight Man lernt nie aus.

      Ich dachte tatsächlich, dass Kunststoff immer Plastik ist.
    • Fish'n'chips 22.04.2018 06:37
      Highlight Highlight Es gibt zum Beispiel PLA, Polymilchsäure, sieht aus wie PET und co, wird auch so benutzt, zersetzt sich aber in UV-Licht, ist also biologisch abbaubar. Ein sehr interessanter Werkstoff!
    Weitere Antworten anzeigen
  • Karl33 21.04.2018 15:26
    Highlight Highlight Ich kann diese feministisch-einseitigen Betrachtungen unserer Gesellschaft gar nicht mehr ernst nehmen.

    Während Christine Steffen in der NZZ beiläufig über Männer herzieht "Autoritäre Väter sind (...) selten geworden", zeigt uns Claudia Blumer im Tagi konkreter, wie heute Väter systematisch verars...t werden, und fordert konkret. Im Artikel von heute über Männer, die die Frau bezahlen müssen, die sie mit einem fremden Mann und einem Kuckuckskind betrogen hat

    " Die Wahrheit nicht verschleiern:
    Männer sollen ihre Vaterschaft jederzeit abklären lassen können, ohne Einverständnis der Mutter."
    • Ms. Song 22.04.2018 11:45
      Highlight Highlight Das sind zwei unterschiedliche Themen. Ich bin ganz bei dir, wenn es ums Thema Vaterschaft im rechtlichen Sinne geht. Das muss endlich angepasst werden.
      Ich bin aber froh, dass die Zeit der autoritären Väter, die über ihre Familien herrschten, vorbei sind. Ich litt noch unter diesem Familienmodel und es schnürt mir heute noch die Kehle zu. Hier hat sich die Gesellschaft super entwickelt. Jetzt muss nur noch das Recht modernisiert werden, damit Gleichberechtigung herrscht
    • Karl33 22.04.2018 17:36
      Highlight Highlight Pond, zu den angeblich autoritären Väter heute wieder ein Artikel in der Sonntagszeitung. Über Mütter, die die Täterinnen sind. Aber unbestraft und unbehelligt durchkommen, weil 'Frauen ja sowas nie tun'.

      Lesen Sie den Artikel "Das Böse im Weib "
  • phreko 21.04.2018 15:20
    Highlight Highlight Löpfe, kriegst du da keinen Krach mit den Junioren in der Redaktion?



    • Philipp Löpfe 21.04.2018 15:43
      Highlight Highlight Nein. Weshalb?
    • TanookiStormtrooper 21.04.2018 16:42
      Highlight Highlight Ach halb so wild... Emily kommt dann einfach mit ein paar Flaschen Wein an seinen Schreibtisch und zwingt ihn ein Wein Doch zu machen. ;)

      #löpfe4weindoch
  • Gzuz187ers 21.04.2018 15:12
    Highlight Highlight Und wo ist der Punk bei den Subkulturen?
    • James McNew 22.04.2018 22:05
      Highlight Highlight Kann sich heute keiner leisten...
  • Phrosch 21.04.2018 14:56
    Highlight Highlight Darf ich darauf hinweisen, dass sich der britische Autor Graham Greene mit e am Schluss schreibt.
    • Philipp Löpfe 21.04.2018 15:01
      Highlight Highlight Du darfst, danke.

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