Leben
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Das lange Warten auf die Bullen: Eine Hausbesetzung im Kaff vor 25 Jahren

alle bilder; jürg odermatt

Stell dir vor, du besetzt mit deinen Punk-Freunden ein Haus – und es interessiert (erst mal) niemanden.

jürg odermatt



Es klopfte. Vor der Tür stand ein Mann in Gümmeler-Vollmontur. In der einen Hand sein Rennrad, in der anderen einen Brief, den er mir in die Hand drückte. «Poscht vom Schtadtpräsidänt!», sagte er. Dann schwang sich der drahtige Stadtschreiber Schlatter auf sein Velo, um auf dem Nachhauseweg nach Herblingen noch einige imaginäre Bergpreiswertungen für sich zu entscheiden. Endlich, Mann!

Wir waren ein Dutzend Leute zwischen 20 und knapp 30 und hatten im Frühling 1990 an der Fulachstrasse in Schaffhausen ein Haus besetzt. Rein, ritschratsch! Profimässig die Fenster im Erdgeschoss mit Brettern verrammelt. Bummtschak! Der Besetzeralltag lief gemächlich an, jeden Abend luden wir Gspändli von der Gasse ein. Wir spielten Pingpong und am Töggelikasten, tranken grosse Biere, drehten grosse Tüten, die Crew von der Genossenschaftsbeiz «Fass» brachte übriggebliebenes Essen vorbei, Leute kamen zu Besuch, alte und junge, die cool fanden, was wir machten. Tagsüber hängten wir auf der Terrasse in der Frühlingssonne und fühlten uns: tammiguet! Fast schon revolutionär aufgekratzt.

Nur etwas irritierte: Es gab null Reaktion der Politik und schon gar nicht der Ordnungshüter.

Diese Trägheit im Kaff, nicht zu fassen! Die stärker Politisierten unter uns besannen sich nach ein paar Tagen auf Häuserkampf-Basics:

«Wir müssen Transpis machen und raushängen!»

«Instand Besetzt!» sprayten wir auf einen grossen Lappen, mit einem Kreis ums A. Eh! Ein Mitsquatter und heutiger «Milk and Wodka»-Comicer steuerte das passende Banner mit Totenköpfen bei, all das flatterte alsbald an der Fassade gegen den provinziellen Mief an.

Als danach immer noch nichts passierte, wurde es uns zu blöd.

Wir schrieben dem Stadtpräsi ein Telegramm:

«Haben besetzt. Wollen verhandeln.»

Bamm! Bamm! Bis es klopfte und der Stadtschreiber Schlatter uns via Brief zum Treffen mit einer offiziellen Verhandlungsdelegation einlud. Wir bestimmten, wo das über die Bühne zu gehen hatte, und wählten das «Fass»-Sitzungszimmer. «Die Stadt» musste sich in die Alternativchnelle bemühen. Yes, Sir! Sie kamen zu dritt. Der «Milk and Wodka»-Comicer gehörte mit zu unserer Delegation. Er hatte – technologisch für damals weit draussen – einen Walkman dabei, mit dem man auch aufnehmen konnte. Und genau das tat er. Er hatte das Gerät in der Innentasche seiner Lederjacke geschoppt und schnitt unsere Verhandlungen mit. Wieso, weiss ich nicht mehr so genau.

Länglichen Referierens kurzer Sinn war, dass halt leider nicht gehe, was wir machten: In just dieser Liegenschaft sollten Asylsuchende unterkommen, dummer Zufall, kannmannixmachen. Es leierte. Leierte tatsächlich, ein hoher Ton, ein Quietschen in der Luft. Was war das? Die Stadtdelegation begann, sich umzuschauen. Unser Comicer zog darauf son bisschen die Schultern ein und murmelte nach einer endlosen Weile: «Sorry, ich mo moll ufs Klo.»

Das Leiern und Quietschen kam eindeutig aus seinem Innern: Der Walkman konnte zwar aufnehmen, aber wenn die Kassettenseite voll war, stellte das Teil nicht ab, sondern: quietsch!

Wir mussten raus aus dem besetzten Haus.

Und als wohlerzogene provinzielle Postpunks, HC-Hippies und Garagenrocker gingen wir. Allerdings nicht ganz im Sinn der Stadtoberen: Wir hatten nur 200 Meter entfernt eine noch viel geilere leerstehende Hütte in einem der bevorzugten Schaffhauser Wohnquartiere, auf dem Emmersberg, entdeckt und nahmen sie in einer klassischen Nacht-und-Nebel-Aktion in Beschlag.

Während wir uns noch schlapplachten über unseren cleveren Move, latschte am nächsten Morgen die Polizei in unser neues Heim. Frische Gipfeli hatten sie nicht dabei. Dafür rote Köpfe: Der Scheffpolizist Brigger sah aus wie ein Züriberg-Schönheitschirurg, aber bei seinen eigenen Stirnfalten angesichts der Besetzerhorde hätte auch eine Familienpackung Botox nicht gereicht. Er war: not amused, redete von den üblichen «feuerpolizeilichen Bedenken» und stellte uns ein Ultimatum. Schliesslich landeten wir, ein halbdreckiges Dutzend KleinstadtrevoluzzerInnen, in einer leerstehenden Haushälfte mit drei Dreizimmerwohnungen, die uns die Stadt als Zwischenlösung für ein Jahr andrehte.

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In der «E79» gab es keine Heizung (mehr), nur kaltes Wasser, dafür prächtige Champignonkulturen an Wänden und in Balken. Wir nisteten uns – oft zu zweit – in den Zimmern ein, manche bastelten Hochbetten, andere brachen Decken heraus. Deda baute eins der ehemaligen Badezimmer über ein Jahr lang zu einem wahren Wohngesamtkunstwerk um und war fast fertig, als wir wieder ausziehen mussten.

Vor dem Haus gabs einen Garten, da hängten wir «arbeitsscheuen Asozialen» (local press) in der Frühling- und Sommersonne und mischten dezent die allg. Wohnquartieridylle auf.

Das Rezept zur Bewältigung des toughen Besetzeralltags: frische Luft und viel Schlaf!

Einmal fuhr ein Motorrad vorbei, und jemand schmiss einen faustgrossen Stein in unsere Richtung, umwickelt mit einem Blatt Papier, darauf stand: «Haut ab!»

Politik und Presse schossen sich auch ein bisschen auf uns ein, aber in der Prä-Social-Media-Ära blieb alles provinziell und also harmlos.

Die Gesetze der Physik spielten: Die beengten Verhältnisse beim Zusammenwohnen führten zu Druck. Ein Ventil waren die vielen Bands, in denen fast alle spielten. Es gab illegale Kellerkonzerte, Partys und allerhand Allotria, Tonträger und Fanzines entstanden, man probierte, bastelte, wich kaum einer Bieridee aus: Als Gast der Combo Nevertscheks (sic!) schaufelte ich an einer Silvestersause im Skelettkostüm grosse Mengen Konfetti in ein Publikum, das sich wie Bolle amüsierte – in dieser Nacht spielten gleich neun Bands aus unserem Squatter-Umfeld.

«Hey, Mützenmann, spiel härter, lauter, schneller!» – Garage-Rock'n'Roll im Silvester-Party-Keller!

Der Druck und die Beengung führten aber auch zu persönlichen Dramen, Trennungen, gebrochenen Herzen und Knochen, manche waren ein ganzes Jahr kaum je unbekifft.

Apropos: Hinter dem Haus hatte es einen Gartenblätz, dort wurde das grünere Gras angebaut und gedieh gar prächtig. Eines Morgens platzte Andy herein in die Runde kaffeetrinkender Eben-erst-Erwachender.

«Wär vo eu hät s Gras gärntet?»

Niemand von uns hatte. Dafür fiel auf, dass Claude auf der Gasse vor dem Domino zwei Abende später aus riesigen Säcken Weed vertickte. Die «E79» war immer auch eine Anlaufstelle für Streuner, Asis und RumtreiberInnen, und er war einer davon (gewesen).

Die allermeisten BesucherInnen waren allerdings nett – oder zumindest nette Nervensägen. Wie Erich, der, als es Herbst und kälter wurde, mit seinem Citroën-Kastenwagen jede Nacht kurz vor 12 vorfuhr. Der energische Verfechter einer Instinkt-Ernährung ohne Erhitzen der Speisen («Kochen tötet») schlich oft in unsere Küche, lupfte die Topfdeckel und wärmte sich einen Rest Spaghetti mit Sugo auf. «Jo, ich sündige wider», grinste er essend.

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Vielleicht noch ne Prise Himalayasalz? Der Sugo schmeckt, essen jetzt! Denn Erich fährt bald schon mal den Wagen vor.

Erich kam auch am Morgen. Mit rohem Fisch – der bereits streng roch und den er «zum Probieren» auf den Tisch legte –schaffte er es locker, den einen oder anderen toughen Besetzer mit seinem Zmorgemüesli in die Flucht zu schlagen.

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Wenn der Mann mit dem rohen Fisch kommt, wird sogar die Milch im Califora sauer.

Glorreich war die Idee, eine Videonacht in unserer guten Stube zu veranstalten. Das zu diesem Zweck selbstfabrizierte Popcorn füllte etliche 110-Liter-Abfallsäcke, zur Erweiterung der Spasszone ass man die kleinen Pilze, die eine Delegation bei einem Ausflug im Jura bei frischen Kuhfladen gefunden hatte. Am Morgen danach sah's entsprechend aus, als wäre eine Rinderherde stampedemässig durch unser Wohnzimmer galoppiert.

Der Winter wurde hart.

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Der Winter wurde nicht nur hart, sondern auch: unheimlich.

Aus Baumulden fischten wir alte Kanonenöfen, ein paar kriegten wir von einem sympathisierenden Handwerker geschenkt, wir installierten die Dinger und heizten uns mit Holz und Kohle durch die kalte Jahreszeit. Im nächsten Frühling zog ich in eine kleine Luke unterm Dach, dort hatte gerade mal das Bett Platz, stehen konnte man nicht, schlafen ging aber prima.

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Verdichtetes Wohnen, Squatter-Style: Unterm Hausdach war noch Platz für (m)ein Bett.

Nach einem guten Jahr war dann alles aus.

Die Leute verteilten sich. Ich zog in eine Wohnung in einem alten Haus, mit etlichen befreundeten Nachbarn, und genoss es auch, einfach mal die Tür hinter mir zumachen zu können. Wir waren dabei eine von gerade mal drei Häuserbesetzungen in Schaffhausen. Der Wohnungsmarkt meint es seither ja nicht wirklich netter mit Leuten, die mit wenig Geld durchs Leben kommen wollen und sich dabei auch unorthodoxere Formen des Zusammenlebens vorstellen können.

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Proper: Heute sieht die ehemalige «E79» aus, wie ein Haus im Emmersberg-Quartier auszusehen hat.

Auch im Kaff arbeiten Standortmarketing, Immobilienbüros und ein wenig hinterfragter Trend zur «Aufwertung» an der Zerstörung der Grundlagen solcher Existenzen. Wohnen ist schweineteuer. Die Nischen verschwinden, und es wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht gibt es unter anderem gerade darum auch keins, das sich lohnen würde ...

Heute arbeiten die ehemaligen «E79»-BesetzerInnen als Pflegefachfrau, Comicer, Telefoninstallateur, Desktopperin, Uni-Administrator, Sozialarbeiter, einer führt ein Guesthouse in Kambodscha, eine wurde Burg-Schauspielerin, einer wirtet in einer Ausflugsbeiz im Solothurner Jura und bauert gleichzeitig, einige sind politisch aktiv, einige spielen immer noch in Bands.

Meinereiner verdient seine Brötchen als Korrektor, schreibt ab und zu und macht Musik. Manchmal hat die Geschichte ironische Wendungen in der Hinterhand: Während ich gerade an diesem Text übers Häuserbesetzen im Kaff schrieb, wurde meiner Partnerin und mir unsere Wohnung gekündigt: Eigenbedarf. Aber ja: Live is Life, wussten schon Opus.

Live is Life – live:

abspielen

Video: YouTube/HEY-U Mediagroup

Die einen wollen Häuser besetzen, die anderen hier hin: 30 Städte, in denen jeder unter 30 leben will

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12
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Chrigi-B 19.08.2017 17:14
    Highlight Highlight Anglizismen 😬😩🙈🔫
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:31
      Highlight Highlight Fremdwörter ;-)!

  • dä dingsbums 19.08.2017 16:18
    Highlight Highlight Tolle Geschichte!
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:31
      Highlight Highlight Danke, dingsbums! Da freut mi. PS: Toller Nick!
  • Sapperletti 19.08.2017 10:42
    Highlight Highlight Danke für den Artikel! Spannend zu lesen, was vor meiner Zeit so im Kaff passierte :)
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:30
      Highlight Highlight Gern geschehen, huehnliontour! Mir ists vor Jahren wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es schon immer junge Leute mit wilden/komischen Ideen gab, wohl an fast jedem Ort, wos ein paar junge Leute gibt. Insofern lohnt es sich durchaus, mal bei den eigenen Eltern, Grosseltern oder anderen älteren Leuten zu bohren...
  • Mia_san_mia 19.08.2017 07:34
    Highlight Highlight Cooler Artikel. Aber ich könnte nie so pennermässig leben.
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:26
      Highlight Highlight Danke! Na ja: Auch wenn ichs mir nicht mehr vorstellen kann, möchte ichs nicht missen. Fast ohne Geld leben in einem der reichsten Länder der Welt, ist schon fast ne Grenzerfahrung ;-).
  • Lichtblau 18.08.2017 22:52
    Highlight Highlight Was für ein unterhaltsamer Artikel, der durchaus auch meine Zürcher Erfahrungen zu einem etwas früheren Zeitpunkt spiegelt. Anstatt Typen à la "kochen tötet" übte bei uns die "AAO Aktionsanalytische Organisation" um Otto Müehl als "Untermieter" den Urschrei. Für mich ist im Beitrag dies der Schlüsselsatz: "Und (ich) genoss es auch, einfach mal die Tür hinter mir zumachen zu können." Da blühten wir nach dem Auszug auch regelrecht auf. In der WG galt eine geschlossene Tür als dekadente Zweierkiste-Allüre.
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:22
      Highlight Highlight Danke, Lichtblau! Ich nehme mal an, du bewegtest dich eher so in den 68er-Ausläufern. Denn Ideen, dass «der Mensch» sich selbst befreien kann, dass es etwas Besseres gibt als den Alltag, dass es wichtigere Dinge gibt als Geld auszugeben und dafür zu arbeiten, sowas war bei uns bereits Geschichte. Wir gingen die Sache eher pragmatisch an. Schade eigentlich, mir gefallen solche Ideen. Aber vermutlich eher: theoretisch. Urschrei-Untermieter tönen ja schon wäng streng ;-).
  • Reiser 18.08.2017 22:10
    Highlight Highlight Was für ein wunderbarer Artikel; besten Dank dafür!
    • JuergOdermatt 21.08.2017 11:12
      Highlight Highlight Ciao Reiser! Vielen Dank für die Blumen. Freut mich natürlich. Das Schreiben dieses Artikels artete in eine eine ziemliche Zeitmaschinenreise aus – vor allem auch, als ich die Fotos wieder mal sah (übrigens aus den Alben von zwei «Ehemaligen», merci ihnen dafür, you know who you are) ...

Hörner wegen Smartphones? Was uns sonst noch so wachsen könnte (oder sollte)

Wie eine Studie angeblich zeigt, schlägt unser Lebensstil mit Smartphone und Co. bereits auf unsere Anatomie durch. Wir fragen uns, was als nächstes kommen könnte.

Australische Forscher wollen herausgefunden haben, dass uns aufgrund unseres Handy-Konsums (oder eher: durch die dadurch geänderte Körperhaltung) Hörner am Hinterkopf wachsen. Wir wollen den Teufel aber so schnell nicht an die Wand malen, auch wenn Hörner womöglich ein wenig dazu verleiten mögen.

Veränderungen können ja auch eine erleichternde Komponente beinhalten, da unnötiger Ballast abgeworfen wird. Aber Hörner? Am Hinterkopf? Naja. Darum stellt sich nun die dringliche Frage, welche …

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