DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Tagebuch eines Landeis, Teil II: Was passiert, wenn du als «Stadtkind» dein Kaff besuchst

Luzern. Wird im folgenden Text als Grossstadt behandelt. Seid nicht verwirrt. Bild: KEYSTONE

Wer vom Land in die grosse Stadt zieht, muss irgendwann auch wieder zurück. Zumindest für einen kurzen Besuch. Das hat ein bisschen was von einem Videospiel.



Seit fünf Jahren schlage ich mich nun durch den städtischen Alltagswahnsinn. Und wenn ich mir nicht gerade den Fünflieber vom Luzerner Bahnhofspenner abschnorren lasse, den ich eigentlich für meinen überteuerten Kaffee ausgeben wollte, fahre ich auch mal wieder zurück aufs Land.

Inzwischen sind auch meine Eltern aus dem Kuhkaff meiner Jugend weggezogen und residieren in einem grosszügigen 5000-Seelen-Dorf (es liegt quasi daneben). Sie nennen es liebevoll «ein Städtchen». Irgendwie herzig. Andererseits nenne ich Luzern ja auch eine Grossstadt. Egal.

Jedenfalls hat dieses neue Dorf tatsächlich einen ÖV-Anschluss. So mit Zügen und Bussen – ich glaub, man kann sogar irgendwo ein Fahrrad mieten. Das volle Programm also. Trotz all diesem verkehrstechnischen Überfluss geh' ich jeweils zu Fuss. Ich find einfach, dass man wegen zwei Haltestellen nicht extra den Bus nehmen muss – auch wenn diese zwei Haltestellen auf dem Land mehr als nur 500 Meter auseinander liegen. (Es sind 502 Meter).

Wenn man als Ex-Landei wieder zurück in seine alte Heimat kommt, ist das immer sehr spannend. Man schaut Dinge plötzlich ganz anders an, muss sich das eine oder andere gefallen lassen und sich einigen Herausforderungen stellen. Ein bisschen wie in einem Videospiel. Und es gibt auch hier einen Endboss.

Start drücken

Bild: watson

Spielumgebung laden

Nach einer fast zweistündigen Fahrt, bei welcher die Züge immer kürzer und das Handy-Netz immer schwächer wird, komme ich endlich an. Kaum stehe ich auf dem Bahnsteig, fährt der Zug auch schon wieder los. Schon klar, er muss sich beeilen, immerhin hat er noch 5000 andere schnuckelige Provinzbahnhöfe abzuklappern. 

Subaru Legacy
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Subaru_Legacy_Station_rear_20080225.jpg

Subaru Legacy – der Ferrari der Bauern. Bild: wikipedia

Drehe ich mich nach rechts, begrüsst mich auf der anderen Seite des Gleises ein verwittertes, schief hängendes Schild. «Blumen zum selber schneiden». Zu meiner Linken hat es einen grösseren Parkplatz. Hier herrschen Kombis mit Allradantrieb vor – vorzugsweise der Marke Subaru.

Level 1

Das erste Level ist eigentlich recht easy. Kaum habe ich den Bahnhof verlassen, höre ich hinter mir einen riesigen Radau. Reflexartig drehe ich mich um, bereit, vor jeder noch so grossen Gefahr panisch davonzurennen. Dank meiner messerscharfen Sinne erkenne ich aber sofort, dass es sich bloss um die Kirchenuhr handelt, die gerade zwölf Uhr schlägt.

Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Kirchenuhr gehört hätte. Schliesslich war die grösste Sehenswürdigkeit in meinem alten Kaff der 40 Meter hohe Kirchturm. Doch meine Zeit in der Stadt hat mich vergessen lassen, wie laut so ein Gebimmel sein kann. Besonders, wenn man praktisch daneben steht. Zwar hat es in der Stadt auch Kirchen, diese werden aber dezent vom Lärm des Strassenverkehrs überdeckt.

Kirchenglocken? Da klingelt es auch bei Emily: «Danke Kirchenglocken, ich wollte eh nicht schlafen!»

Video: watson/Emily Engkent

Level 2

Wenn ich so durch das Dorf gehe, laufe ich ganz bestimmt früher oder später jemandem über den Weg, den ich kenne. Noch schlimmer ist aber, wenn ich jemandem über den Weg laufe, den ich nicht kenne – die Person aber mich. 

Tritt so eine Situation ein, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren. Grundsätzlich läuft es immer sehr ähnlich ab und ist mit etwas Diplomatie schnell überwunden.

Zuerst gibt mir der Fremde, in diesem Falle ein älterer Mann, zu verstehen, dass er mich kennt:

«Bist du nicht der Junge vom Scherrer?»

Die korrekte Reaktion wäre hier natürlich, zu nicken und meinerseits so etwas zu sagen wie:

«Ah, du bist doch der P. aus K., der zusammen mit J. drei Kinder namens H., G. und E. hat, oder? Und wie geht es eigentlich eurem Kanarienvogel? Hat er immer noch die Syphilis?»

Die viel wahrscheinlichere Reaktion – und darin bin ich wirklich gut – ist aber: «Äh, ja?»

Aufmerksam, wie die Landleute sind, erkennt er natürlich sofort, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wer er eigentlich ist. Er nimmt mir das aber nicht etwa übel. Vielmehr klärt er mich nun ausführlich über seine Person auf. Das klingt dann etwa so:

«Ja weisst du nicht mehr? Ich bin doch der P. aus K. und habe mit der J. drei Kinder. Den H., die G. und unseren Jüngsten, den E. Wir haben einen Kanarienvogel. Der hatte mal Syphilis. Ist aber jetzt alles wieder gut.»

Kanarienvogel mit Haube
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsche-haube_satinet_gelb_schimmel.jpg

Redet ihr über mich? Bild: Wikipedia

Ist mir dann immer noch kein Licht aufgegangen, fängt er garantiert an, mir eine Anekdote von früher zu erzählen:

«Dein Vater war immer bei uns, als du etwa drei Jahre alt warst. Du hast dann immer stundenlang den Kanarienvogel angestarrt. Weisst du nicht mehr?»

Spätestens hier tue ich dann so, als hätte ich voll die Ahnung, wovon er redet. Ich zeige mich höflich interessiert, sag dann, dass ich weiter muss – wir Stadtmenschen haben ja eh nie Zeit, weisch – und verabschiede mich.

Level 3

Migros und Coop teilen sich in diesem Städtchen die Herrschaft. Aldi-Kinder kennt hier niemand. Also gehe ich noch kurz in den von mir bevorzugten Laden, um mir eine kleine Stärkung zu holen. (Es ist der mit dem orangen Logo.)

An der Kasse wartet dann das nächste Level auf mich. Hier herrscht eine andere Zeitzone. Minuten werden zu Stunden, in denen sich die Kassiererin mit den ihr anvertrauten Kunden über allerlei mega wichtige Dinge unterhält. Die Themenvielfalt ist dabei so gross, wie die Fusselsammlung in der Jackentasche meines Grossvaters:

Waschmittel

Das neue Universalwaschmittel. Beseitigt einfach jeden Fleck, imfall. Ich weiss das jetzt. Aus Gründen. wBild: watson

Bezahlt wird natürlich hauptsächlich mit echtem Geld. Und natürlich wird am Schluss in den unendlichen Tiefen des Portemonnaies immer noch nach einem «Füferli» gesucht. Gefunden wird es zwar selten, aber das stört hier nicht wirklich jemanden.

Und dann komm ich, der Depp aus der Stadt, und will mit meinem Smartphone bezahlen. Nicht falsch verstehen: Das geht schon. Nur ist es dann so, als würde der einzige Scheinwerfer in einem dunklen Raum auf mich gerichtet werden. Und das mag ich nicht. Also geb ich der Kassiererin schon mal eine Zehnernote und sage ganz kleinlaut:

«Moment, ich habe vielleicht noch etwas Münz.»

Endboss

Endlich habe ich alle drei nötigen Level abgeschlossen. Frohen Mutes gehe ich also den schmalen Fussgängerweg neben dem Fluss entlang. Doch es dauert nicht lange, da taucht er auf: mein Endgegner. In Form dreier rund 90-jähriger Frauen. Vreni, Vroni und Veronika. (Die Namen habe ich unter Umständen erfunden.)

Da sind sie also. Lauernd, moralisch in den 50er-Jahren verhaftet, bereit, jeden zu verurteilen, der an ihnen vorbeigeht und nicht in ihr Weltbild passt. Besonders erpicht sind sie auf solche «jungen Schlitzohren» wie mich. Einen besonderen Gefallen tust du ihnen, wenn du ohne zu grüssen an ihnen vorbeigehst. Dann laufen sie zur Höchstform auf.

Drei ältere Frauen auf einer Bank (ja, auch die Person ganz rechts ist eine Frau).

Nicht Vreni, Vroni und Veronika. (Der rechts ist glaub ein Mann.) Bild: shutterstock

Es ist nicht so, als würden sie mir ins Gesicht sagen, was sie von mir halten. Aber da sie nicht mehr mitbekommen, was ausserhalb eines Zwei-Meter-Radius akustisch so vor sich geht, denken sie, dass das auch umgekehrt der Fall ist. Also plappern sie so laut drauf los, dass ich sie sogar trotz meiner Kopfhörer sehr gut verstehe.

Selbstverständlich grüsse ich höflich. Sie grüssen zurück. Ich geh an ihnen vorbei, ihre Blicke haften fest an mir. Wüsste ich nicht, was gleich passiert, ich würde mich fast geschmeichelt fühlen. 

Und dann geht es los. Es scheint fast so, als wären sie sauer, dass ich so höflich war und ihnen somit weniger Angriffsfläche biete. Zuerst sind meine Kopfhörer dran. Dieses moderne Technikzeug, das dafür sorgt, dass ich nicht mehr mitkriege, was um mich herum passiert. Generell sollte ich diese nur zuhause tragen, hinter verschlossenen Türen, wo ich niemanden damit belästige.

Typ mit Kopfhörern Bundesarchiv
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-140-1210-03A,_Panzersoldat_mit_Kopfh%C3%B6rer.jpg

Früher war einfach alles besser. Bild: wikipedia

Weiter geht es mit meinem T-Shirt. Was soll das da drauf bitte darstellen? Eine Katze? Und wieso trägt die eine Brille? Und die Katze hat ja auch Kopfhörer an! Sowieso haben mich die drei hier noch nie gesehen. Bin ich etwa ein Auswärtiger? Ich behalte einen kühlen Kopf, lächle und schon bin ich an ihnen vorbei und ausser Hörweite.

Den Rest ihrer mit Sicherheit sehr konstruktiven Kritik habe ich dann leider nicht mehr mitgekriegt. Ich bin mir aber sicher, dass als nächstes meine Bein- und Fussbekleidung an der Reihe gewesen wäre. Zum Glück hatte ich wenigstens lange Hosen an. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, was passiert wäre, wenn sie mich mit einem entblössten Knöchel erwischt hätten.

Liebe/r Mint-User ...
... Nicht erschrecken! Aus technischen Gründen sowie aus Gründen der optischen Einheit der watson-Materie führen wir das Ressort «Mint» auf der watson-Homepage ab kommender Woche unter dem Namen «Leben» und im herkömmlichen watson-Layout weiter. Eure Redaktor/Innen und die Inhalte bleiben dieselben.

Etwas Werbung für das Landleben will ich aber schon noch machen:

Finden die drei alten Damen sicher auch nicht toll: Alle trinken einfach überall Bier!

Video: watson/Emily Engkent

Das könnte dich auch interessieren:

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Biden hält an Waffendeal mit VAE fest

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Fail-Dienstag

23 Lustigkeiten, die dein Leben im Lockdown wenigstens ETWAS besser machen

Da sind wir ja wieder! Interessant, wie doch die Zeit vergeht. Erst noch sassen wir im letzten Lockdown. Und jetzt sitzen wir hier, immer noch im Lockd ....

GENUG DER SCHLECHTEN LAUNE! Wer will denn hier gleich murren? Ist ja kaum auszuhalten!

Jetzt ist Zeit für gute Laune! Hier kommen die lustigsten Fails der Woche!

Letse go!

Das war knapp.

(Alt, aber gut.)

Unten geht's weiter mit den Fails ...

(Mami, ohne Hals.)

(Ob es nur darum mein Lieblings-Fail ist, weil ein Kind darin failt? Vielleicht ... Aber …

Artikel lesen
Link zum Artikel