«Marty Supreme»: Chalamet ist superb als Pingpong-Hochstapler, gebt ihm einen Oscar!
Als der ungarische Tischtennisspieler Alojzy Ehrlich 1943 nach Auschwitz deportiert wird, fällt er den Nazis positiv auf: Ehrlich ist leicht, hat geschickte Hände und kann blitzschnell kombinieren. Sie haben eine Aufgabe für ihn. Er soll Bomben entschärfen. Alleine, in sicherem Abstand zu allen anderen.
Eines Tages entdeckt Ehrlich einen leeren Bienenstock. Er bricht eine Honigwabe entzwei und schmiert sich am ganzen Körper mit Honig voll. Nachts, in der Dunkelheit der KZ-Zelle, lecken seine Mitgefangenen den Honig von seinem Körper. Es ist für sie eine Extramahlzeit. Ehrlich überlebt das KZ, wandert nach Paris aus und wird Spieler in der französischen Tischtennis-Nationalmannschaft.
Regisseur Josh Safdie und sein Co-Drehbuchautor Ronald Bronstein stolperten bei den Recherchen zu «Marty Supreme» über die wahre Geschichte von Ehrlich und beschlossen, sie in einer winzigen Szene zu verwenden. Man hält sie unweigerlich für erfunden, sie wirkt eine Spur zu sehr nach Holocaust-Kitsch. Dabei ist sie eines von vielen historischen Mosaikstückchen, die Safdie und Bronstein bei ihren jahrelangen Recherchen zu Tischtennis und jüdischem Leben gesammelt haben.
Denn auch ihr Titelheld, der Tischtennisspieler Marty Mauser (Timothée Chalamet), ist jüdisch. «Ich bin Hitlers grösster Alptraum», sagt er von sich, «schaut mich doch an. Ich bin hier. Ich bin ganz oben. Ich bin das ultimative Produkt von Hitlers Niederlage.» Ganz oben ist Marty noch lange nicht, doch Hochstapeln gehört zu seinen Überlebenstaktiken.
Es ist 1952, Marty ist ein kleiner Schuhverkäufer aus kleinen Verhältnissen in New York, und Tischtennis ist sowas wie die Kleinkunst unter den Sportarten. Doch Marty hält sich für einen Superstar und er will, dass die Welt dies endlich begreift. Weshalb er auch nicht nur eine, sondern gleich zwei Geliebte hat, erstens Rachel Mizler (Odessa A'zion), mit der er schon zur Schule gegangen ist und auf deren Ei seine Spermien im Vorspann höchst unzweideutig zuschwadern. Zweitens die mehr als doppelt so alte Kay Stone (die schön selbstironische Gwyneth Paltrow), die in den 30er-Jahren ein Filmstar war und jetzt allzu verzweifelt ein Comeback anstrebt.
Zwanghaft, hyperaktiv, hochneurotisch und dauerschwafelnd hechelt Marty dem American dream hinterher und dabei entwickelt sich sein Leben zu einer einzigen und grandiosen Orgie des Scheiterns. Einzig die Tischtennis-Turniere sind sein Safe space, da ist er Herr der Lage, alles andere ist eine neue Steigerung von Versagen – seine Versuche, zu Geld zu kommen, seine Frauengeschichten, seine Familie (dass seine Mutter von Fran Drescher, der jüdischen «Nanny» der Nation gespielt wird, ist natürlich eine besonders nette Aufmerksamkeit).
Das ist alles zusammen ganz, ganz, grossartig. Ein komisches Fest, ein superschneller Thriller auch, ein Pointen- und Slapstick-Feuerwerk, und Timothée Chalamet bewegt sich darin mit einer überragenden Leichtigkeit, fliegt einem Pingpong-Ball gleich durch den Film. Er ist dafür geboren, er ist dabei so viel besser als in seinen ernsten epischen Rollen. Wie sein Chocolatier Willy Wonka ist auch Marty Mauser ein genialer Verkäufer seiner eigenen Verrücktheit, ist dreist überambitioniert und entwaffnend charmant zugleich – ganz wie Chalamet selbst (gebt dem Mann seinen Oscar für Marty, vielleicht kann er sich dann endlich mal entspannen).
Doch im Gegensatz zu «Wonka» ist «Marty Supreme» kein Märchen – Marty braucht Geld und ist jüdisch und die Demütigungen der christlichen amerikanischen Elite, die er dafür hinnehmen muss, sind diabolisch und schmerzhaft. Aus dem Kampf gegen den europäischen Antisemitismus ist ein neuer, subtiler, amerikanischer Antisemitismus erwachsen, Kay Stones Mann etwa gibt den Juden die Schuld am Tod seines Sohnes, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte.
Marty Mausers amerikanischer Traum ist komplex und voller Hindernisse, doch Josh Safdie, der vor sieben Jahren mit seinem Bruder Benny die Juweliers-Komödie «Uncut Gems» gedreht hat, serviert ihn spannend, intelligent und flirrend. Sein Marty Mauser steht dem anderen grossen Schuhverkäufer der amerikanischen Populärkultur, Al Bundy in «Eine schrecklich nette Familie», in Sachen Gelächterförderung in nichts nach.
P.S. Und ausserhalb des watson-Kellerabteils, wo sich unsere redaktionseigene Pingpong-Anlage befindet, wurde vermutlich noch nie bei einem Tischtennisturnier so sehr mitgefiebert wie bei Martys virtuoser Ball-Akrobatik auf der Kinoleinwand.
«Marty Supreme» läuft ab dem 26. Februar im Kino.
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