Weihnachtszeit-TV des Wahnsinns: Geld ist geil und alles ist erlaubt
Und dann hat Mozart Sex mit der französischen Königin Marie Antoinette. Weil? Weil nice Idee halt! Wieso nicht? Ein Mann, eine Frau, ein Trieb. Geht immer. Historisch korrekt? Fragt nicht, egal! Und Mozarts Schwester Maria Anna hat Sex mit Mozarts intrigantem Widersacher Salieri. Und Papa Mozart liebt eine Woman of color, von denen es damals, im Wien der 1780er-Jahre, erstaunlich viele gegeben haben muss. Jedenfalls, wenn man «Mozart/Mozart» glaubt, dem vermutlich komplett unter LSD geschriebenen Vorweihnachts-Sechsteiler mit dem ultimativ bekloppten Titel von ARD und ORF.
Denn darum geht es ja in diesen Tagen: Um den Zauberglauben. Und um Wunderkinder natürlich. Überhaupt um Wunder. Aus Maria schlüpft ein jungfräulich empfangenes Baby. Aus Nüssen schlüpfen Ballkleider für Aschenbrödel. «Mozart/Mozart» ist, als hätten die Serienmacher Grittibänz im Benz gesehen und sich gedacht, ey, lass uns auch sowas machen! Brainrot! Hirnverrottung! Aber hochkulturell, wie geil ist das denn! Drogen nehmen und losschreiben!
Szenewechsel: Eine deutsche Beate und eine deutsche Heidelinde wollen im ZDF ihr «Drüselkästchen» versteigern. Ein Drüselkästchen also. Das klingt wie eine latent perverse Mischung aus Drüsen und Grusel. Nach einem barocken Operationsbesteck-Behälter zum Beispiel. Oder nach etwas, in dem man Nachgeburten aufbewahrt.
Es sieht auch latent pervers aus, ein Gekröse aus Porzellan, Puten, Wappen und Gold. Es stammt von der Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur Meissen. Wahrscheinlich bewahrte man darin königliche Nachgeburten auf. Nein, Quatsch, hochgestellte Damen des königlichen Hofes sollen darin die Fadenresten von ihren hochadeligen Näharbeiten aufbewahrt haben. Die «Drüsel» eben.
Beate und Heidelinde und ihr Drüseldings sind in die aktuelle Lieblingssendung der Deutschen geraten. Sie heisst «Bares für Rares» (seit 2013), ist die allererfolgreichste Sendung im deutschen Nachmittags-Fernsehen und Jahr für Jahr NOCH erfolgreicher und deshalb kriegt sie auch immer mehr Abendtermine im ZDF.
Moderiert wird «Bares für Rares» von Horst Lichter, der eigentlich Koch ist und früher alles mit einem Kilo «Bütterchen» aufwertete, etwa die «Kartöffelchen». Wie niemand sonst weiss er deshalb, dass in etwas scheinbar Bescheidenem (wie einer Kartoffel) etwas Köstlich-Kostbares schlummern kann. Zudem ist jemand, der kochen kann, von Natur aus ein emphathischer Mensch. Einer, der es versteht, anderen Gutes zu tun.
Jetzt sind wir in der Weihnachtssendung von «Bares für Rares». Sie wurde bereits im Oktober auf Schloss Drachenburg aufgezeichnet, was dem Enthusiasmus der Statistinnen und Statisten, die Weihnachtsfreude darzustellen hatten, aber natürlich keinen Abbruch tat. Unter mehreren mit Lichtern und Kugeln geschmückten Bäumen empfängt da Horst Lichter Menschen mit grossen Erwartungen. Irgendwo in ihrem überschaubaren Leben befindet sich so ein Drüselkästchen voller Hoffnung, das Geld ausspucken soll wie Aschenbrödels Nüsse Ballkleider. Und dieses schleppen sie nun – nach dem Vorbild der britischen «Antiques Roadshow» (seit 1979) – ins Fernsehen.
Beate und Heidelinde haben Glück: 11'200 Euro gibts von einander überbietenden Antiquitätenhändlern! Sensationell! Weihnachtswunder! Gut, wenn das Kleinod repariert ist, wird es im Handel dafür bis zu 40'000 Euro geben, das wissen die berechnenden Händlerinnen und Händler natürlich, das sagen sie Beate und Heidelinde aber nicht.
Pech hat dagegen Larissa Marolt. Ja, auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen rezykliert ungeniert «Germany's Next Topmodel»-Teilnehmerinnen. Larissas Hybris, die früher schon sichtbar war, erwartet 7000 Euro für irgendeine massenhaft produzierte Jubiläumsbrosche, die Sisis Gatte Franzl einst in Umlauf brachte. Leider wurde die Sendung im Oktober aufgezeichnet. Oktober ist einfach noch nicht nah genug am «Sissi!»-«Franzl!»-Wahnsinn der Weihnachtstage. Nicht einmal die Hälfte wird für Franzls Brosche geboten. Horst Lichter tröstet Larissa Marolt mit einem angeblich selbstgebackenen Guetsli.
Szenenwechsel: Eine patente, idealistische, natürlich schöne und junge Single-Amerikanerin verzichtet bei einer Sparrunde in der Firma auf ihren Job, um den eines Familienvaters zu sichern. Zum Trost über die eigene Arbeitslosigkeit reist sie nach Europa, in ein winterliches Fantasiekönigreich an der französischen Grenze, und verliebt sich dort – zack, die Bohne! – in den Prinzen. Keine Ahnung mehr, wo ich dieses Wintermärchen von einem Film gesehen habe und wie es heisst, «A Prince for Christmas», «The Holiday Prince», «Royal Holiday» vielleicht?
Oder: Eine patente, kapitalistische, natürlich schöne und junge Single-Amerikanerin reist nach Paris, wo sie ein edles kleines Champagnerlabel für ihren bösen amerikanischen Grosskonzern aufkaufen soll. In einer zauberhaften Buchhandlung verliebt sie sich in einen jungen Franzosen, dessen Lieblingsbuch was wohl ist? Na? Ihr dürft genau einmal raten! Richtig: «Le petit prince». Der Beau ist selbst ein Prinz – im übertragenen Sinn –, nämlich der Erbe jenes zum Kauf stehenden Champagnerlabels samt Märchenschloss. Titel: «Champagne Problems» (Netflix), was sonst.
Oder: Eine patente, luxussüchtige, natürlich schöne und junge Amerikanerin mit einer komplexen Beziehungs-Architektur (sie gleicht den Gebäuden von Frank O. Gehry, die ihrerseits explodierten Ostereiern gleichen), verlässt nach Jahren ihren Job als Marketing-Expertin für Luxusgüter in Paris und eröffnet in Rom eine neue Agentur. Sie deklariert nach der Weltstadt der Liebe Rom zur noch grösseren Weltstadt der Liebe und macht sich in High Heels auf Trüffelsuche. Ihr Ex, der verwuschelte Sternekoch aus Paris, wird durch einen adeligen Römer aus der Kaschmirbranche ersetzt. Ja, genau, willkommen zurück in «Emily in Paris» auf Netflix! Spielt zwar nicht zur Weihnachtszeit, ist aber wenige Tage vor Weihnachten in die 5. Staffel gestartet.
Und was lernen wir aus diesem Rausch des vergoldeten Kitsches, der tatsächlich immer aussieht wie ein Drüselkästchen?
Fest steht jedenfalls dies: Geld, Adel, Mode, Kultur, Savoir vivre (Champagner, Trüffel, Kaschmir) sitzen seit Jahrhunderten in Europa. Die Liebe ebenfalls. Sex auch. Die amerikanische Invasion in Europa ist immer weiblich. Das ist die Matrix der romantischen Weltverteilung. Oder übt bei diesen Drehbüchern etwa schon die KI?
Und: Am Ende jedes hier erwähnten Machwerks sind die Teilnehmenden (erfolg)reicher als zu Beginn beziehungsweise beschenkt (ausser Larissa Marolt), um es weihnachtlicher auszudrücken. Kitsch kaschiert den nackten Kapitalismus. Ein Schloss ist mehr wert als der Prinz, der darin wohnt und die Königin, die darin thront. Marie-Antoinette wurde vor 232 Jahren geköpft, Sisi vor 127 Jahren erstochen, Versailles und die Wiener Schlösser stehen immer noch.
Steine überdauern. Und vielleicht etwas Porzellan. Und die Kunst. Zum Beispiel Mozarts Musik. Aber gewiss nicht «Mozart/Mozart». Oder «Champagne Problems». Die Seele des Weihnachtsfilms will keine Ewigkeit. Sie ist kurzatmig und panisch glitzernd wie der letzte Sonntagsverkauf vor dem Fest.
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