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epa04947609 British actor Stephen Fry poses on the green carpet for the movie 'The Man Who Knew Infinity' during the opening night of the Zurich Film Festival (ZFF), in Zurich, Switzerland, 24 September 2015. The festival runs from 24 September to 04 October.  EPA/DOMINIC STEINMANN

Ach, war das schön: Stephen Fry am Zurich Film Festival im letzten Herbst.
Bild: EPA/KEYSTONE

12 Millionen sind jetzt Twitter-Waisen: Trolle haben Stephen Fry vertrieben. Verpisst euch doch selbst!

Ein Witz erzeugt einen Shitstorm, ein Twitter-Held tritt ab. Die Hysterie der Political Correctness hat wieder einmal zugeschlagen.



Ich gesteh's gleich, ich bin in dieser Sache befangen und ich bin enorm betrübt, dass er Twitter jetzt verlassen hat: Stephen Fry ist mein Idol. Mein einziges. Also ein 58-jähriger Brite, dessen bester Freund seit Jahrzehnten Dr. House, pardon Hugh Laurie, ist (Fry ist Götti von einem von Lauries Kindern), der 12 Millionen auf Twitter beglückte, der grossartige Bücher schreibt, noch grossartigere Moderationen macht, ein enorm grossartiger Komiker (zum Beispiel in «A Bit of Fry and Laurie») und total liebenswürdiger Schauspieler und Mensch ist.

«A Bit of Fry and Laurie»: Naked Bible Study

abspielen

YouTube/BBCWorldwide

Fry ist ein Sprach- und Sprechkünstler, ist der Mann, der die schwärzesten Witze und grössten Beleidigungen in die schönsten Worte und den angenehmsten Tonfall kleiden kann. Er tut also genau das, was ein Publikum von einem prototypischen Briten erwartet. Er tut das Gleiche wie Ricky Gervais, nur klingt es bei ihm hübscher. Stephen Fry machte mir Twitter zu Heimat. Manchmal sitze ich vor dem Fernseher und lerne seine Moderationen auswendig. Am liebsten, wenn er die BAFTAs, diese letzten massiv wichtigen Filmpreise vor den Oscars, moderiert. So auch am vergangenen Sonntag, dem Valentinstag.

Shitstorms sind ein Unding der Unberechenbarkeit.

Und dieser Sonntag wurde zum Grund, wieso Stephen Fry jetzt seinen Twitter-Account gelöscht hat. Weil ihm schon während seiner Moderation am Sonntag ein Shitstorm entgegen kam. Fry hatte Jenny Beavan, die Kostümbildnerin von «Mad Max: Fury Road» mit folgenden Worten von der Bühne verabschiedet: «Nur eine bedeutende Filmkostüm-Designerin kommt als Obdachlose gekleidet zu einer Preisverleihung.» Als «Baglady» verkleidet also.

epa05161295 Jenny Beavan poses in the press room after winning the Best Costume Design award for 'Mad Max: Fury Road' during the 69th annual British Academy Film Awards at the Royal Opera House in London, Britain, 14 February 2016. The ceremony is hosted by the British Academy of Film and Television Arts (BAFTA).  EPA/ANDY RAIN *** Local Caption *** 51788314

Jenny Beavan war am Sonntag modisch gesehen eine Erleuchtung.
Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Er sprach damit bloss aus, was alle vor dem Fernseher dachten und wofür sie Beavan heimlich bewunderten: Sie hatte fünf Minuten gebraucht, um sich für die BAFTAs anzuziehen, ihr Outfit passte zweifellos zum harten Industrial Design von «Mad Max», und sie hatte sich dem ganzen mehrstündigen Verkleidungs-Prozedere jeder andern Frau im Saal verweigert. 

Was die Twittergemeinde nicht wusste: Fry und Beavan sind privat gute Freunde. Sie haben schon mehrfach beruflich zusammengearbeitet. Fry twitterte deshalb ungewohnt aggressiv aus dem Backstage-Bereich der Show:

«Will all you sanctimonious fuckers fuck the fuck off Jenny Beavan is a friend and joshing is legitimate. Christ I want to leave the planet»

Stephen Fry

«Verpisst euch, ihr verfickten, scheinheiligen Ärsche, Jenny Beavan ist eine Freundin, und jemanden aufzuziehen, ist erlaubt. Jesus, ich will diesen Planeten verlassen!»

Beavan gab sofort ein Interview, in dem sie jede Betroffenheit dementierte. Aber der Shitstorm ging weiter und wurde immer schlimmer, nicht nur verletzte (linke) Frauen äusserten sich in den politisch überkorrektesten Tönen, auch (rechte) homophobe Fundamentalisten kamen wieder einmal aus ihren Höhlen gekrochen und schrieben, dass sie Fry schon immer für einen verdammten Perversling gehalten hätten. 

Am Montag erklärte Stephen Fry auf seiner Homepage seinen Rücktritt von Twitter:

«Der Raum begann zu stinken»

Bild

Er präzisierte seine Kritik an der hysterischen Political Correctness, die auf den sozialen Medien um sich greift, und verabschiedete sich mit dem Martin-Luther-King-Zitat «Free at last».

«Ich bin frei, endlich frei»

«Der Spass ist vorbei ... Lasst uns trauern über das, was aus Twitter geworden ist. Ein Jagdrevier für die Scheinheiligen, Selbstgerechten, die es lieben, zu kritisieren, vorschnell zu urteilen und beleidigt zu sein – schlimmer noch, zu beleidigen im Namen von andern, die sie gar nicht kennen ... Es ist egal, ob sie denken, dass sie Frauen, Männer, Transsexuelle, Muslime oder Humanisten verteidigen ... Sie bringen vernünftige Menschen dazu, eine total gegenteilige Meinung vertreten zu wollen. Ich habe Leute gehört, die ihren Säkularismus in einer Art herausgeschrien haben, dass ich sofort zum evangelikalen Christen werden wollte ... Ich fühle heute nichts als eine massive Erleichterung, als wäre ein Felsblock von meiner Brust gerollt. Ich bin frei, endlich frei.»

Stephen Fry musste sich schon früher harsche Kommentare anhören: Als er gestand, schwere Depressionen zu haben; als er einen jüngeren Mann heiratete. Und deshalb ist jetzt fertig. Fertig mit seinen vielen Retweets, mit denen er unzählige soziale Engagements unterstützte. Fertig mit seinen eigenen kleinen Kunstwerken, die Twitter zu einem schöneren Planeten machten. Sie sind jetzt weg, irgendwo verglüht wie erloschene Sternschnuppen. Und: Er wandert auch gleich noch nach Amerika aus, wie sein Mann am Dienstag bekannt gab.

Leute, ehrlich, werdet locker! Ein Witz ist ein Witz ist ein Witz, gerade in so einem Rahmen. Die «Baglady» war übrigens nicht der einzig derbe Joke der BAFTAs gewesen: Rebel Wilson sagte zu Idris Elba, sie stehe am Valentinstag nun einmal auf Schwarze, «weil ich soziologisch darauf konditioniert bin, an diesem Tag Schokolade gut zu finden». Da schauten alle amerikanischen Gäste total schockiert. Auf Twitter kratzte das niemanden. Shitstorms sind ein Unding der Unberechenbarkeit. Danke dafür, ihr pissenden Trolle. Jetzt habt ihr den Besten vertrieben. Verpisst euch!

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