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Rentenreform: Zahlt die Kassiererin für den Millionär?

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Die Kassiererin gerät ins Zentrum der Rentendebatte.Bild: KEYSTONE

Zahlt die Kassiererin für den Millionär? Was es mit der AHV-Streitfrage auf sich hat

In der Debatte um die Rentenreform rücken die Frauen ins Zentrum. Bürgerliche Nationalrätinnen warnen, bei einem Zuschlag von 70 Franken bei der AHV seien Frauen mit geringem Lohn die Dummen. Die Realität aber ist komplizierter.
03.03.2017, 07:4603.03.2017, 15:32
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Im Streit um die Altersvorsorge 2020 sind die Fronten verhärtet. National- und Ständerat halten verbissen an ihrem jeweiligen Modell fest, mit dem sie die Senkung des Umwandlungssatzes in der 2. Säule kompensieren wollen. Was die Waadtländer FDP-Nationalrätin Isabelle Moret in Rage versetzt: «Es kann nicht sein, dass eine Migros-Kassiererin ein Jahr länger arbeitet, um die höhere Rente für vermögende Herren zu finanzieren», sagte sie der Zeitung «Nordwestschweiz».

Moret bezog sich auf den Ständerat, der Neurentnern einen Zuschlag von 70 Franken bei der AHV gewähren will. Während die Mehrheit des Nationalrats den Koordinationsabzug abschaffen will, damit die Versicherten mehr Geld in die Pensionskasse einzahlen können. In der Debatte am Dienstag legte Isabelle Moret nach: Die Kassiererin müsse länger arbeiten, damit Bundesrat Alain Berset eine um 70 Franken höhere Rente erhalte: «Das ist nicht gerecht.»

Nationalraetin Isabelle Moret, FDP-VD, spricht an der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 28. Februar 2017 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Isabelle Moret in der Debatte am Dienstag.Bild: KEYSTONE

Ihre süffige Analogie hat einen Haken: Die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre ist gerade bei der FDP unbestritten. Dennoch wiegt der Vorwurf schwer: Müssen Tieflöhnbezüger – viele davon Frauen – dafür blechen, dass ein Millionär (oder Bundesrat) 70 AHV-Franken erhält, die er gar nicht braucht? Die Zürcher Freisinnige Regine Sauter rieb dies im Nationalrat der Gegenseite unter die Nase: «Die Frauen bezahlen den Rentenzuschlag, den Sie, liebe Ratslinke, beschliessen.»

Deutlich höhere Lohnabzüge

Ein happiger Vorwurf, doch Widerspruch erhalten die beiden FDP-Nationalrätinnen ausgerechnet von einer Parteikollegin, der ehemaligen Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi. Die ausgewiesene Sozialpolitikerin hatte vor ihrem Rücktritt 2015 aktiv am Ständerats-Modell mitgearbeitet. Als Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für die berufliche Vorsorge ist sie weiterhin in die Thematik involviert. Mit dem Beispiel der Kassiererin kann sie wenig anfangen.

Im Prinzip begrüsst Egerszegi die Abschaffung des Koordinationsabzugs: «Auf den ersten Blick ist das sehr positiv, alle können eine zweite Säule aufbauen. Bei näherer Betrachtung aber hat diese Lösung gewaltige Nachteile.» Wirklich profitieren könnten nur die Jungen, meint Egerszegi und nennt als Beispiel eine 45-jährige Coiffeuse, die nie oder nur wenig in die berufliche Vorsorge einbezahlt hat. Mit dem Nationalrats-Modell wären 13,5 Lohnprozente für die 2. Säule fällig.

Nur eine geringe Rente

«Sie muss einen beträchtlichen Teil ihres kleinen Einkommens abgeben, ohne gross profitieren zu können», sagt die frühere Ständerätin. Denn mit 45 Jahren hat die Coiffeuse kaum eine Chance, eine substanzielle Pensionskassen-Rente zu beziehen. Ein ähnliches Beispiel erwähnte die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel in der Debatte am Dienstag. Eine Kassiererin im Alter von 44 Jahren mit einem Einkommen von 55'000 Franken hätte nach dem Nationalratsmodell eine Mehrbelastung von 7,8 Prozent. Beim Ständerat wären es laut Humbel 1,9 Prozent.

Bundesrat Alain Berset und Christine Egerszegi (FDP/AG), von rechts, unterhalten sich waehrend der Debatte zur Aufsicht ueber die soziale Krankenversicherung am Dienstag, 9. September 2014 im National ...
Christine Egerszegi im Gespräch mit Alain Berset.Bild: KEYSTONE

Das Nationalratsmodell belastet Geringverdiener – auch Junge – somit durch hohe und schmerzhafte Lohnabzüge. Für manche Kassiererin dürfte der 70-Franken-Zuschlag bei der AHV das kleinere Übel sein, selbst wenn Millionäre oder Bundesräte davon profitieren. Einen weiteren Aspekt erwähnen die SP-Frauen in einem Communiqué: «40 Prozent der Frauen haben keine 2. Säule, für sie ist die Erhöhung der AHV-Renten um 70 Franken pro Monat essentiell.»

Frauenprotest wegen Rentenalter

Dennoch proben gerade linke Frauen den Aufstand gegen die Rentenreform. Sie stossen sich an der Erhöhung des Rentenalters, die auch die SP-Frauen als «bittere Pille» bezeichnen. Dabei nehmen sie auch eine Konfrontation mit den Linken im Parlament in Kauf, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

In der Westschweiz wird das Referendum vorbereitet. Christine Egerszegi ist nicht überrascht. Sie verteidigt das gleiche Rentenalter für Mann und Frau als Voraussetzung für eine Flexibilisierung: «Damit kann jeder den Rückzug aus dem Arbeitsleben selber gestalten.»

Ist das Rentenalter 65 für Frauen gerecht?

Vom Ständeratsmodell ist die Aargauer Freisinnige nach wie vor überzeugt, es sei «in sich stimmig». Seine Chancen im parlamentarischen Tauziehen sind intakt. Es ist absehbar, dass im Nationalrat am Ende genügend «Abweichler» auf die 70 Franken umschwenken werden, insbesondere Grünliberale und Bauernvertreter. Weil das Referendum so gut wie feststeht, muss danach das Volk überzeugt werden – sowohl die Kassiererin wie der Millionär.

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62 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Domimar
03.03.2017 09:44registriert August 2016
Wird jetzt das wieder so ein Monster-Abstimmungspaket, in das einfach mal alles reingesteckt wird? Na da sind wir ja gespannt, auf was sich die Räte einigen. Im Moment fällt es mir noch schwer, eine Meinung zu fassen. Allerdings habe ich Mühe, mit einer generellen Erhöhung des Rentenalters. Die körperliche Verfassung eines Menschen ist auch von Branche zu Branche unterschiedlich. Ein 65jähriger Maurer hat andere Beschwerden als ein 65jähriger Bürogummi. Ein solcher könnte vielleicht bis 70 arbeiten, rein körperlich, aber ist das wirklich das Ziel? Und wer stellt ihn noch ein?
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N. Y. P. D.
03.03.2017 08:28registriert Oktober 2015
Liebe Schweizerinnen und Schweizer

Habt Ihr mitbekommen, was im Moment geschieht ?

In einigen Firmen wurden die Umwandlungssätze in den letzten Jahren von 6,5 % auf nun 4,5 %* gesenkt.
Ich denke, in 5 Jahren sind alle bei 4,5%.
Das heisst, die Pensionskassen-Rente wird um 30,7 % gekürzt. Statt 2521.- im Monat kriegt ihr 1875.- im Monat.
*ZKB,Sulzer,TA Media etc.

Und wir diskutieren wegen lächerlicher 70 Franken. Eine Ablenkung sondergleichen vom grossen Ganzen.
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FrancoL
03.03.2017 09:36registriert November 2015
«Es kann nicht sein, dass eine Migros-Kassiererin ein Jahr länger arbeitet, um die höhere Rente für vermögende Herren zu finanzieren», sagte sie der Zeitung «Nordwestschweiz»

Schön dass für Frau Moret die Schweiz in Kassiererinnen und vermögende Herren einteilt. Nun ich wage zu behaupten dass die weit grössere Mehrheit nicht zu den vermögenden Herren zählt, das sollte Frau Moret wissen.

Es ist für mich ein riesen Kindergarten wenn eine Politikerin so argumentiert!
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