Schweiz
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«Mutter hatte immer ein Bier in der Hand»: Die Kinder leiden still – das soll sich ändern

Heute beginnt die Nationale Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern. In der Schweiz wachsen etwa 100'000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Jasmin* ist eines von ihnen. Die 23-Jährige hat ihre Mutter fast an den Alkohol verloren.

Noemi Lea Landolt / ch media



Bild

Jasmin hat ihre Mutter fast an den Alkohol verloren. bild: Severin Bigler/chmedia

«Meine Mutter ist Alkoholikerin. Natürlich habe ich realisiert, dass meine Mutter irgendwie anders war als andere Mütter. Im Denken und Sprechen war sie verlangsamt. Dass sie alkoholsüchtig ist, habe ich erst als Teenager richtig realisiert, als Mitschüler sagten: ‹Hey, deine Mutter ist Alkoholikerin.› Es ist nicht so angenehm, als 13-Jährige damit konfrontiert zu werden. Was soll man darauf antworten? Ich habe beschlossen, keine Kolleginnen und Kollegen mehr zu mir nach Hause einzuladen, um Hausaufgaben zu machen oder zu spielen.

Es war mir peinlich. Sie sollten nicht sehen, wie viel Bier meine Mutter trinkt. Ich habe mich von gewissen Personen distanziert. Zu meinem eigenen Schutz und auch, um meine Familie zu schützen. Wenn trotzdem jemand zu mir nach Hause kommen wollte, habe ich Ausreden erfunden. Ich habe zum Beispiel gesagt, meine Mutter sei krank.

«Ich habe immer gesagt, es gehe mir gut und ein Lächeln aufgesetzt. Niemand sollte wissen, dass etwas zu Hause nicht gut ist.»

Als Kind war es normal für mich, dass sie immer ein Bier in der Hand hatte. Es war auch nicht so, dass sie sich im Suff um nichts mehr gekümmert hat. Sie nahm ihre Pflichten weiterhin wahr und mein Vater und meine Grosseltern waren ja auch noch da. Sie haben versucht, meinem Bruder und mir Normalität zu geben.

Anlaufstellen: Hier finden Betroffene Hilfe

Kinder und Jugendliche, die sich Sorgen machen, weil ihre Eltern Alkohol trinken, können sich direkt an die Suchtberatungsstellen unter www.papatrinkt.ch oder www.mamatrinkt.ch wenden.

Die Suchtberatungsstellen helfen auch suchtkranken Eltern im Einzelgespräch oder im Elternkurs. Weitere Informationen gibt es online unter: www.elternundsucht.ch oder unter der Gratisnummer 0800 104 104

Über den Alkoholkonsum meiner Mutter haben wir nicht gesprochen. Mir ist einfach aufgefallen, dass sie abends oft erst sehr spät nach Hause kam. Wenn sie um 21 Uhr nicht da war, wusste ich, sie würde irgendwann kommen, wenn wir Kinder schon im Bett waren. Manchmal hörte ich meine Eltern dann streiten.

Der Suchtmonitor Schweiz: 100'000 Alkoholkranke in der Schweiz

Sehr lange habe ich mit niemandem über die Alkoholsucht meiner Mutter gesprochen. Ich habe mich zurückgezogen und war auch nicht ganz ehrlich, wenn Leute mich fragten, wie es mir gehe. Ich habe immer gesagt, es gehe mir gut und ein Lächeln aufgesetzt. Niemand sollte wissen, dass etwas zu Hause nicht gut ist. Ich habe die Gefühle unterdrückt und mich darauf konzentriert, die Schule und die Lehre gut abzuschliessen. Ich hatte das Gefühl, ich könne das alles selber lösen. Bis ich einen Zusammenbruch hatte.

Richtig schlimm war die Zeit, als es meiner Mutter körperlich nicht mehr gut ging. Sie hatte angefangen, Blut zu erbrechen und ihre Leber war entzündet. Die Komplikationen wurden so schlimm, dass es lebensbedrohlich für sie wurde.

Damals steckte ich mitten in der Ausbildung. Trotzdem war ich einmal bis morgens um vier Uhr bei ihr im Spital und sass um acht Uhr wieder in der Schule oder erschien zur Arbeit. Ich habe funktioniert. Habe geschaut, dass meiner Mutter nichts passiert, sie am Leben bleibt und daneben mein eigenes Leben weitergeführt.

In dieser Zeit stellte ich mir oft die Frage, warum sie weitertrinkt. Sie merkte doch, dass ihr Körper nicht mehr kann. Ich war wirklich wütend auf sie, weil sie nicht begriff, dass ich sie als Mutter noch brauche und nicht wollte, dass sie so früh stirbt.

In dieser schwierigen Zeit habe ich das erste Mal mit ihr über ihren Alkoholkonsum gesprochen. Ich habe ihr auch gesagt: ‹Wenn du nicht aufhörst, hast du keine Tochter mehr.› Es war eine Handlung aus Verzweiflung.

«Ich war wirklich wütend auf sie, weil sie nicht begriffen hat, dass ich sie als Mutter noch brauche und nicht möchte, dass sie stirbt.»

Inzwischen weiss ich, dass es nicht immer produktiv ist, Alkoholiker unter Druck zu setzen, weil manche dann aus Trotz oder Verzweiflung weitertrinken. Aber so weit habe ich damals nicht überlegt. Ich habe es einfach gesagt und anscheinend brauchte sie diesen Nachdruck, um den Weg der Abstinenz zu gehen. Inzwischen ist sie seit eineinhalb Jahren trocken und ich bin stolz auf sie.

Unsere Beziehung ist heute wieder besser. Meine Mutter hat ihr Leben komplett verändert. Sie suchte Hilfe bei der Suchtberatung, geht regelmässig zu den Anonymen Alkoholikern und geht einer Beschäftigung nach. Sie ist sich bewusst, was sie getan hat und welche Verletzungen sie durch ihr Verhalten in der Familie verursacht hat. Im Nachhinein weiss ich, dass sie nichts dafür kann, weil ihre Sucht sie im Griff hatte.

Trotzdem bin ich ihr böse, weil sie so lange gebraucht hat, das alles einzusehen. Heute frage ich sie regelmässig, wie es läuft mit der Abstinenz. Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig. Meine Mutter hat mich schon so oft enttäuscht, gesagt, sie höre auf mit dem Alkohol auf, und dann trotzdem weitergetrunken. Das hat mich mitgenommen und unsere Beziehung belastet. Würde sie ein Bier trinken, wäre es mir lieber, wenn sie mir das sagen würde, anstatt es vor mir zu verheimlichen.

Als ich noch zu Hause bei meinen Eltern wohnte, konnte ich ihren Konsum kontrollieren. Deshalb bin ich mit einem schlechten Gefühl ausgezogen. Meine Mutter war damals noch nicht ganz stabil und ich war mir nicht sicher, ob sie wirklich standhaft bleiben würde. Ich habe mir ständig Gedanken gemacht, habe bei jedem Anruf von ihr gedacht, es sei etwas Schlimmes passiert. Es war ein Zwang für mich, sie zu kontrollieren.

Gleichzeitig plagte mich das schlechte Gewissen, dass ich nicht mehr dort sein würde, wenn etwas wäre. Es fällt mir bis heute schwer, auch einmal auf mich und meine Bedürfnisse zu hören. Das habe ich in meiner Kindheit nie richtig gelernt. Ich habe immer zuerst für die anderen geschaut. Zu akzeptieren, dass sie die Verantwortung für sich selber trägt, ist schwierig. Es geht ja um meine Mutter.

Seit eineinhalb Jahren bin ich bei einer Psychologin, die mir hilft, die Erlebnisse meiner Kindheit aufzuarbeiten. Ich hatte so lange alle Emotionen geschluckt, bis es mich zusammenlegte und mein Partner sagte, so gehe es nicht weiter, ich müsse mir Hilfe holen. Ich merkte selber, dass ich immer traurig war und mich ausgelaugt fühlte, obwohl ich eigentlich eine Frohnatur bin, die gerne und viel lacht.

Aber damals habe ich alles negativ gesehen. Trotzdem schämte ich mich zuerst, Hilfe zu holen. Inzwischen bin ich aber froh, dass ich den Mut hatte. Es ändert sich nichts, wenn man nichts sagt. Es wird nur schlimmer.»

*Name geändert

Aufgezeichnet von Noemi Lea Landolt (aargauerzeitung.ch)

Vodka: Die häufigste Todesursache unter Russlands Männern

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Video: srf

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Peter Mü 11.02.2019 20:56
    Highlight Highlight Wir sind auf dem besten Weg in die 30iger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In Deutschland wurden auch alle nicht konformen Eltern entmündigt, mit irgendwelchen Argumenten, und die Kinder nach Partei und Staatsvorgaben erzogen, um dann gute Staatsbürger zu werden. Im Aargau werden die eltern gezwungen schon mit 4 Jahren die Kinder dem Staat zu übergeben. Sonst könnten sie ja eigene Ideen entwickeln.
  • MariniP 11.02.2019 16:31
    Highlight Highlight Mir läuft eine Träne über die Wange, wenn ich das lese. Viele Szenen, vor allem die Abgabe der Verantwortung und die Schuldgefühle kann ich nur zu gut nachvollziehen. Ich verbrachte meine Jugend damit meinen alkoholkranken Vater von diesem weg abzubringen. Viele Unfälle, Diskussionen etc änderten nichts, auch heute nicht. Ich warte auf den Moment der Selbsterkennung seinerseits und hoffe bis dahin.
  • Whitchface 11.02.2019 13:52
    Highlight Highlight Speziell zu sehen, wie es einer anderen Person im gleichen alter mit ähnlichen Problemen ergangen ist. Ich, männlich 23 Jahre (2 Geschwister) alt, habe mit gut 12 Jahren meinen Vater an Krebs verloren. Unsere Familie konnte damit nur schwer umgehen und auch meine Mutter stiess an ihre Grenzen. Es dauerte Jahre, bis ich das Suchtverhalten meiner Mutter als solches erkannte und hatte auch bis heute leider nie die Kraft mit ihr darüber zu sprechen. Trotz allem konnte sie ihre Pflichten immer einhalten, nur Zuneigung kam in meiner Kindheit definitiv zu kurz. Ich wünsche Dir viel Kraft Noemi.
  • Janis Joplin 11.02.2019 13:14
    Highlight Highlight Gut, dass es deine Mutter eben noch geschafft hat (meine schaffte es nicht), den Rank zu finden.

    Viel Kraft euch beiden auf dem weiteren Weg.
  • salamandre 11.02.2019 10:48
    Highlight Highlight ...und leider ändert sich auch selten was, wenn man es nicht auch selbst Ändert.
    Schöner Bericht!
  • elbrutalo 11.02.2019 10:37
    Highlight Highlight Sehr stark das Sie über Ihre gefühle so sprechen kann.
    Wie macht man diesen schritt aus der Verzweiflung? Ich weiss nicht weiter
    • Phrosch 11.02.2019 11:49
      Highlight Highlight Elbrutalo, ich würde empfehlen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. An vielen Orten gibt es das Blaue Kreuz, (http://blaueskreuz.ch) oder andere Suchtberatungen (bei Google „Suchtberatung“ und Wohnort oder -kanton eingeben), die auch Angehörige unterstützen können. Ich wünsch Ihnen viel Mut und Kraft zu diesem Schritt.
    • mostlyharmless 11.02.2019 12:20
      Highlight Highlight Meine Erfahrung mit dem Blauen Kreuz war sehr gut. Innert kürzester Zeit wurden mir die Augen geöffnet über Schuldgefühle, Co-Abhängigkeit, Selbstwertgefühl. Vor allem auch ohne Wut auf den Süchtigen zu evozieren.
      Das grösste Hindernis, mich ans Blaue Kreuz zu wenden waren Loyalitätskonflikte; Ich hoffe Sie können sich bald zu diesem Schritt überwinden.
    • MonImago 11.02.2019 13:31
      Highlight Highlight Wenn du nicht weiter weisst, wie du schreibst, dann wende dich mutig an Fachleute. Manchmal braucht es ein paar Anläufe bis die richtige Beratungsstelle gefunden ist. Alles kann besser werden oder sogar gut. Aber manchmal braucht man Hilfe um den „Berg“ zu überqueren. Sozusagen ein „Bergführer“;)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Corny 11.02.2019 10:03
    Highlight Highlight Man ist das ganze Leben davon geprägt, auch wenn es bei meiner Mutter nicht der Alkohol sondern diverse andere Süchte sind. Aber jetzt, mit fast 65 lässt sie sich doch noch helfen.
    • Eh Doch 11.02.2019 10:08
      Highlight Highlight es ist nie zu spät
    • Maya Eldorado 11.02.2019 11:28
      Highlight Highlight Jeder Mensch wird in seiner Kindheit geprägt. Zum Glück überwiegen bei vielen die positiven Prägungen, die einem im Leben unterstützen.

      Meine Kindheit war sehr negativ geprägt. Ich hatte die Ehre als "schwarzes Schaf" geboren zu werden. Das was ich erlebte, nennt man in der Erwachsenenwelt Mobbing. Dazu kamen noch sexuelle Uebergriffe.....
      Dabei ist noch zu sagen, dass meine Mutter unter keiner der bekannten Süchte litt. Sie machte das mit "klarem" Verstand.
  • youmetoo 11.02.2019 09:46
    Highlight Highlight Da habe ich mehr Glück gehabt. Ich stamme aus einer Philosophen-Familie. Damit meine ich: mein Vater soff viel.
  • Eh Doch 11.02.2019 09:39
    Highlight Highlight Kenne ich sehr gut, ist nicht schön
  • Alex_Steiner 11.02.2019 09:36
    Highlight Highlight Die Lösung ist klar... keine Kinder kriegen. Prost! 🍻
    • sikki_nix 11.02.2019 10:07
      Highlight Highlight Nach dieser Logik sollte man auch keine Beziehung haben odet sich generell einfach nicht mit Menschen umgeben, welche unter deiner Alkoholsucht leiden.
    • Alex_Steiner 11.02.2019 10:28
      Highlight Highlight @sikki_nix: Klar, nimm meinen schwarzen Humor doch einfach ernst. Echt tolle Idee.
      You must be fun at parties... 🍻
    • 's all good, man! 11.02.2019 11:39
      Highlight Highlight Dieser «You must be fun at parties»-Spruch ist dann auch irgendwann mal ausgelutscht...

      Mir auch klar, dass du deinen Beitrag ironisch gemeint hast. Manchmal ist es halt trotzdem einfach weder wirklich lustig noch angebracht.
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