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Zertifikatskontrolle bei der Eröffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus in Zürich.
Zertifikatskontrolle bei der Eröffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus in Zürich.Bild: keystone
Analyse

Kaum wird es ein wenig kälter, geht es wieder los

Ein paar Tage mit tieferen Temperaturen haben genügt, um in den «Impfmuffel»-Kantonen die Corona-Fallzahlen ansteigen zu lassen. Deshalb ist die Zertifikatspflicht nötiger denn je.
21.10.2021, 16:5825.10.2021, 15:47

In einer Woche ändert sich manches. Zum Beispiel die Meinung des Bundesrats zur epidemiologischen Lage. Sie habe sich «stark verbessert», sagte Gesundheitsminister Alain Berset nach der Sitzung in Luzern vom 13. Oktober. Deshalb werde der Bundesrat in einer der nächsten Sitzungen die Notwendigkeit der Zertifikatspflicht noch einmal prüfen.

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Es war ein Steilpass nicht nur für die «üblichen Verdächtigen» aus der SVP. Auch Mitte-Politiker forderten in der Sonntagspresse eine Lockerung oder sogar Aufhebung der Zertifikatspflicht – darunter der Zuger Ständerat Peter Hegglin, der mit Covid-19 auf der Intensivstation lag und es ohne zusätzliche Sauerstoffzufuhr «nicht geschafft» hätte.

Bundesrats-PK 13.10.2021

Video: watson

Ein paar Tage genügten, um solche Ideen ins Reich der Phantasie zu verweisen. Der Bundesrat habe über Lockerungen und Aufhebungen diskutiert, am Ende aber entschieden, bei der Zertifikatspflicht zu bleiben, sagte Alain Berset am Mittwoch. Von einer Verbesserung der Lage war keine Rede mehr. Es gelte, «die Kontrolle nicht zu verlieren», mahnte Berset.

R-Wert steigt wieder über 1

Nach mehreren Wochen mit rückläufigen Fallzahlen hat eine Trendwende eingesetzt. In der Mehrheit der Kantone liege der R-Wert über 1, erläuterte Berset. Am stärksten betroffen sind – wen wundert’s? – die Zentral- und die Ostschweiz, wo die Impfskepsis gross ist und sich die Hochburgen des Widerstands gegen das Covid-Zertifikat befinden.

Das Deprimierende an dieser Entwicklung ist: Sie war so etwas von vorhersehbar.

Kaum ist es ein wenig kälter geworden, geht es wieder los. Denn noch befinden sich die Temperaturen im Mittelland tagsüber im zweistelligen Bereich. Man wagt kaum daran zu denken, was abgehen könnte, wenn der Winter seine Zähne zeigt. Auch der Effekt der Herbstferien-Rückkehrer ist noch nicht in den aktuellen Zahlen «eingepreist».

In den russischen Spitälern wie hier in Moskau sterben mehr Menschen als je zuvor an Covid-19.
In den russischen Spitälern wie hier in Moskau sterben mehr Menschen als je zuvor an Covid-19.Bild: keystone

Nun bewahrheitet sich, was für halbwegs vernünftige Menschen stets klar war: Die Kombination aus Delta-Variante, tiefer Impfquote und kalter Jahreszeit ist ein Rezept für ein erneutes Desaster. Im Ausland zeigt sich das deutlich, besonders in Osteuropa, wo sich zu wenige Menschen impfen lassen. Lettland befindet sich wieder im Lockdown.

Die Impfung wirkt

In Russland ist die Zahl der Corona-Toten so hoch wie nie zuvor. Der Bürgermeister von Moskau erwägt eine geradezu dystopische Massnahme: Einen viermonatigen «Hausarrest» für ungeimpfte Menschen über 60 Jahre und Chronischkranke. Auch in Grossbritannien, das früh und schnell geimpft hat, nehmen die Neuinfektionen stark zu.

Ein Effekt allerdings ist durchs Band erkennbar: Die Impfung wirkt. Selbst in Ländern mit tiefer Quote trägt sie dazu bei, eine Überlastung der Spitäler zu verzögern oder zu verhindern. Auf den Intensivstationen liegen überwiegend Ungeimpfte. Nur bei älteren Menschen kommt es nach Impfdurchbrüchen vermehrt zu Spitaleinweisungen.

Dies lässt darauf schliessen, dass eine Booster-Impfung angebracht wäre. Ethisch ist sie angesichts der immer noch krassen Ungleichheit bei der weltweiten Impfstoffverteilung zwar fragwürdig, aber zumindest für Risikopersonen wäre sie angebracht. Andere Länder haben längst damit begonnen, doch in der Schweiz ist der Booster immer noch nicht zugelassen.

Zertifikat für Genesene

Einmal mehr fragt man sich, was beim Heilmittelinstitut Swissmedic abgeht. Auch das sehr wirksame Astrazeneca-Vakzin ist nach wie vor nicht erhältlich. Dafür wird Moderna weiterhin uneingeschränkt verabreicht, obwohl mehrere nordeuropäische Länder ihn wegen möglicher Herzmuskelentzündungen für Menschen unter 30 Jahren ausgesetzt haben.

Demo am 16. Oktober in Lugano: Für manche ist nicht die Krankheit das Problem, sondern die Medizin.
Demo am 16. Oktober in Lugano: Für manche ist nicht die Krankheit das Problem, sondern die Medizin.Bild: keystone

Die Impfung ist nicht ohne Risiken, aber das gilt für eine Infektion mit Sars-Cov-2 erst recht. Trotzdem will der Bundesrat nun den Ungeimpften entgegenkommen, mit einem Zertifikat für Genesene. Es gibt Hinweise, dass eine «natürliche» Immunität mindestens so gut wirkt wie die Impfung. Allerdings gibt es zum Thema Antikörper noch wenig «belastbare» Studien.

Eine Anti-Impf-Mentalität

Ausserdem bestehe die Gefahr, dass Bundesrat seine für November geplante Impfoffensive untergrabe, kritisierten die Tamedia-Zeitungen. Vielleicht glaubt er ja selber nicht an den Erfolg der Impfwoche, denn weder die Zertifikatspflicht noch das Vakzin von Johnson & Johnson oder die kostenpflichtigen Tests haben die Impfbereitschaft signifikant erhöht.

Man kommt auch in diesem Fall zu einem deprimierenden Fazit: In der Schweiz gibt es nicht nur eine verbreitete Impfskepsis, sondern eine veritable Anti-Impf-Mentalität. Das erstaunt wenig, wenn man sieht, wie eifrig in den einschlägigen Kanälen Horrorstorys über angebliche Impftote verbreitet werden, von anonymen Accounts (Bots?) und ohne konkreten Beweis.

Ohne Zertifikat wird es nicht gehen

In der realen Welt gibt es kaum «Impfopfer», ausser es handelt sich um alte Menschen mit Vorerkrankungen wie den früheren US-Aussenminister Colin Powell. Die Ignoranz der Impf- und Massnahmengegner und ihre Abneigung gegenüber der Wissenschaft werfen auf jeden Fall kein gutes Licht auf das angeblich so herausragende Schweizer Bildungssystem.

Das aber ist ein Thema für sich. Vorerst geht es darum, wie die Schweiz den Winter ohne Lockdowns überstehen kann. Die Antwort ist bekannt: Ohne Zertifikat wird es nicht gehen. In den fünf Wochen bis zur Abstimmung über das Covid-19-Gesetz wird sich diese Erkenntnis durchsetzen, auch wenn gewisse Befürworter derzeit im «Panikmodus» sind.

Nicht schaden würde auch eine stringentere Kommunikation von Alain Berset. Es ist verständlich, dass ihm die ständigen Anfeindungen an die Nieren gehen. Aber auf die Rufe nach einer Exit-Strategie gibt es nur eine klare Antwort: Der Schlüssel zum Ausstieg aus der Pandemie sind leere Spitalbetten. Und die erreicht man mit der Impfung und dem Zertifikat.

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quelle: keystone / peter schneider
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