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Im Starbucks ist das Duzen ganz normal.  bild: shutterstock/watson

Firmen setzen immer mehr auf das «Du» – stirbt das «Sie» in der Schweiz bald aus?

Umgangsformen: Inzwischen duzt uns nicht nur der Konzernchef, sondern oft auch der Schuhverkäufer. Warum uns das nicht gleichgültig ist und wir uns trotzdem immer seltener «Sie» sagen.

sabine kuster / Aargauer Zeitung



Mit vielen Firmen sind wir längst per Du. Beziehungsweise sie mit uns. Facebook meldet: «Du warst lange nicht mehr aktiv.» Zalando wünscht: «Viel Spass mit deinem neuen Kleid!» und Starbucks ruft: «Sabine, dein Kaffee!»

Damit verstossen die Konzerne gegen die eisernste aller Anrede-Regeln: einander unbekannte Erwachsene siezen sich. Viel mehr ist von der einst klaren Umgangsform nicht geblieben. Das «Du» erobert die Schweiz. Zwar schleichend, aber nicht unbemerkt. Wo ein Unternehmen beschliesst, dass sich intern alle zu duzen haben (Ikea, PwC, Mobility ...) gibt das zu reden.

watson duzt

watson ist mit seinen Lesern seit zwei Jahren konsequent per Du. Zuvor bestimmte die Situation die Ansprache: auf der Front und in der App siezten wir die Leser, auf Facebook & Co. dagegen wählten wir das vertraulichere Du. Mehr dazu hier.

Und heftig diskutiert wird, wenn wie bei «Coop to go» plötzlich auch Kunden geduzt werden. Ebenso viele Leserbriefe werden geschrieben, wenn das Gegenteilige geschieht und jemand das «Sie» verordnet, wie im letzten November, als verschiedene Zürcher Schulkreise beschlossen, die Hortmitarbeiterinnen müssten gesiezt werden.

Findest du es okay, wenn Firmen uns immer öfter duzen?

«Wir werden beim Duzen hellhörig»

Warum kümmern uns die beiden kleinen Wörter so? Horst Simon überrascht das nicht. Er ist Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich seit bald 20 Jahren mit Anredeformen. «Ein grosser Teil unserer Kommunikation dient nur dazu, unser soziales Umfeld zu pflegen», sagt er. «Kein Wunder, werden wir beim Thema Duzen hellhörig.»

Wir haben eine klare Meinung zum Thema. Unser Kommentar von letztem Sommer: 

Es liegen viele Fettnäpfchen bereit. Selbst mit Siezen kann man jemanden beleidigen. «Duzen sich in einer Gruppe die einen und andere werden gesiezt, so fühlen sich Letztere ausgeschlossen», sagt Horst Simon. Manche Senioren fühlen sich dann statt respektiert uralt.

«Das Alter und die Hierarchie sind heute nicht mehr so wichtig, wenn es darum geht, ob man jemanden duzen kann», findet Simon. «Der wichtigste Faktor ist die Gemeinsamkeit.» Wohnt man im selben Haus, arbeitet man im selben Büro, ist man gemeinsam in einem Verein oder trifft man sich an einer Party? In solchen Situationen wird heute auch ein Fremder meist geradeheraus geduzt. Kinder siezen ihre Eltern schon lange nicht mehr und inzwischen herrscht das «Du» auch in den Lehrerzimmern, wo man sich einst formeller mit «Kollege» ansprach.

«In den 70ern haben wir uns alle geduzt.»

Sprachwissenschaftler Horst Simon.

Andernorts in Europa ist die Höflichkeitsform bereits ausgestorben. In Schweden und Dänemark wird sie nur noch ausnahmsweise benutzt, zum Beispiel gegenüber der Königsfamilie.

Gesellschaft wird informeller

«Das ‹Sie› wird selten», sagt Horst Simon. Das habe damit zu tun, dass die Gesellschaft allgemein informeller werde. Auch für die Kleidung haben sich die Regeln gelockert. Aber dass die Höflichkeitsform nächstens aussterben wird, glaubt der Sprachwissenschafter dann doch nicht. «Im ersten Kontakt im beruflichen Umfeld ist das ‹Sie› einigermassen stabil», sagt Simon. Und teilweise werde sogar wieder öfter gesiezt: Zum Beispiel siezten die Marktfrauen zu Hause in Berlin Kreuzberg ihre Kunden wieder. «In den 70ern haben wir uns alle geduzt.»

Das Duzen hat viel mit der Stimmung in einer Gesellschaft zu tun. Die Jugendlichen in den 70ern wollten mit dem «Du» ein Zeichen setzen. Und auch in Gebieten, wo die Sozialdemokratie stark war, ist das «Du» verbreitet: Unter Genossen galten alle als gleich und man musste zusammenhalten.

Daher habe sich Dänemark des «Sie» entledigt, sagt Simon. Auch in Schweden legt man viel Wert auf Gemeinsamkeit. Hinzu kommt, dass die schwedische Höflichkeitsform grammatikalisch umständlich ist. Beides, eine umständliche Grammatik oder eine neue Kultur, kann das «Sie» verdrängen. Im Englischen geschah das Gegenteil: Das alte Du («thou») bedingte eine umständliche Verbform und so setzte sich das Sie («you») mit den einfachen Endungen durch.

Dass uns amerikanische Firmen duzen, hat aber weniger mit nur einer Anredeform im Englischen zu tun, sondern mehr mit der kumpelhaften Kultur. Die zunehmende Mobilität und die internationalen Konzerne beschleunigen die Verbreitung.

«Sie glauben, sie können uns so eher zum Kaufen überreden»

Knigge-Trainerin Susanne Zumbühl.

Verändert hat sich die Höflichkeitsform immer, bloss nicht so schnell. Laut Horst Simon kennt man das «Ihr» aus Briefen im Europa des 9. Jahrhunderts. Frankreich, Russland – und auch die Berner – blieben bei dieser 2. Person Plural. Im 16. Jh. sprach man einander mit «er» und «sie» an – Italien blieb bei dieser 3. Person Singular. Einige wenige europäischen Sprachen entwickelten die Höflichkeitsform im 17. Jh. noch einen Schritt weiter, dazu gehörte das Deutsch, wo sich mit dem «Sie» die 3. Person Plural etablierte.

Teilweise waren mehrere Höflichkeitsformen gleichzeitig in Gebrauch und mancherorts war es üblich, je nach Gespräch zu wechseln. «Gerieten zwei in einem Drama in Streit, siezten sie sich plötzlich», sagt Simon, «so schuf man kurzzeitig Distanz.» Im Nibelungenlied haben sich zwei Könige plötzlich geduzt, als der eine dem anderen eine peinliche Bettgeschichte gestand.

Das «Du» stellt Nähe her. Das kann man strategisch nutzen. Das wissen auch die Firmen, wenn sie uns duzen. «Sie glauben, sie können uns so eher zum Kaufen überreden», sagt Susanne Zumbühl, Knigge-Trainerin in Zürich. Als sie noch im Personalwesen gearbeitet habe, habe immer mal wieder einer versucht, ihr per Du Informationen zu entlocken. 

«Per Du rutscht einem eher mal etwas raus», sagt Zumbühl. «Man beschimpft auch eher jemanden und ist respektloser.» Sie findet das Verschwinden des «Sie» keine gute Entwicklung. Simon sieht die Diskussion locker. Er sagt: «Sprache hat immer auch etwas Spielerisches und der Mensch passt sich schnell an.»

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