Schweiz
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In this image made from video, 104-year-old David Goodall arrives at Basel Airport in Switzerland, Monday, May 7, 2018. A 104-year-old Australian scientist has arrived in Switzerland before his planned assisted suicide this week, insisting he’s unbowed about his intentions to die willingly and hopeful that his premeditated death will send a message to legislators back home. (AP Photo)

David Goodall bei seiner Ankunft in der Schweiz. Bild: AP/ap

Darum inszeniert der 104-jährige Australier David Goodall seinen Freitod in Basel

Der 104-jährige Australier ist in die Schweiz gereist, um hier zu sterben – und einen Beitrag zur globalen Sterbehilfe-Debatte zu leisten.

Andreas Maurer und Michael Nittnaus / nordwestschweiz



Im Ankunftsbereich des Basler Euro-Airports stehen die Kameras bereit. Journalisten des australischen Senders ABC, der amerikanischen Agentur AP, eines chinesischen Mediums und dieser Zeitung beziehen Stellung. Ankommende Touristen und Geschäftsleute fragen sich: Wird eine Fussballmannschaft erwartet? Oder ein Filmstar?

Der Easyjet-Flug aus Bordeaux kommt elf Minuten früher an als geplant. David Goodall (104) wird von einem Flughafenmitarbeiter in einer Leuchtweste durch den Zoll geschoben und stoppt vor den Journalisten. Doch Goodall hat eine andere Sorge: «Ist mein Gepäck dabei?» Als ihm dies versichert wird, begrüsst er Henny Penny, die Hündin einer Begleiterin, und nimmt sie auf den Schoss. Dann erst stellt er sich den Fragen.

Goodall kneift seine milchigen Augen zusammen und dreht ein Ohr in die Richtung der Reporter, um sie trotz seiner Schwerhörigkeit zu verstehen. Über die Lautsprecheranlage werden die Passagiere aus Amsterdam gebeten, ihr Gepäck abzuholen. Goodall spricht gleichzeitig darüber, weshalb er seine letzte Reise angetreten hat. Warum er aus Australien über Frankreich in die Schweiz geflogen ist, um hier zu sterben.

Nüchtern und humorvoll

Er klingt verbittert, wenn er sich über seinen Gesundheitszustand und den behindertenunfreundlichen Basler Flughafen beklagt. Zuversichtlich, wenn er über seine Mission, die Sterbehilfe-Legalisierung, und seine letzten drei bevorstehenden Tage spricht. Und amüsiert, als er darauf angesprochen wird, dass er an Auffahrt sterben werde. Das sei ihm nicht bewusst gewesen, sagt er, blinzelt und lacht.

Bild

Goodall am Basler Flughafen. bild: bz basel / Michael Nittnaus

Wenn Goodall seinen eigenen Zustand analysiert, spürt man die Distanziertheit eines Wissenschafters. Goodall ist in Australien ein bekannter Botaniker, der die Elsevier-Buchreihe «Ökosysteme der Welt» herausgegeben hat. Er redet über sich, als handle es sich um einen Fall im Biologiebuch. Der Mann, der 1914 in England geboren wurde und seit 1948 in Australien lebt, gibt dem Tod mit seinem britischen Humor eine gewisse Leichtigkeit.

Volles Programm bis zuletzt

Goodall hat sich entschieden, aus seinem Sterbewunsch eine Mediengeschichte zu machen. Zu seinem 104. Geburtstag Anfang April lud er den Staatssender ABC ein. Er blies die Kerzen auf der Torte aus und sagte in die Kamera: «Ich bedaure es sehr, dieses Alter erreicht zu haben. Ich will sterben.» Das sei nicht traurig. «Traurig ist», sagte er, «wenn man davon abgehalten wird.» Er sei nicht todkrank, aber seine Lebensqualität habe sich verschlechtert. Nach einem Sturz lag er zwei Tage in seiner Einzimmerwohnung, bis er entdeckt und ins Spital eingeliefert wurde. Danach versuchte er erfolglos, sich das Leben zu nehmen. Über die Organisation Exit International, die nichts mit dem Schweizer Verein Exit zu tun hat, stellte er den Kontakt zur Baselbieter Stiftung Eternal Spirit her.

«Ich bedaure es sehr, dieses Alter erreicht zu haben. Ich will sterben.»

David Goodall

Die Schweiz ist nicht das einzige Land, in dem Sterbehilfe legal ist. Auch in Holland, Belgien und Luxemburg dürfen Ärzte ihren Patienten unter bestimmten Voraussetzungen ein Sterbemittel zur Verfügung stellen. Doch die Schweiz ist das einzige Land, in dem die Dienstleistung auch Ausländern angeboten werden darf. Deshalb ist Goodall um den Globus geflogen.

An seinem 104. Geburtstag wünscht sich David Goodall zu sterben

abspielen

Video: YouTube/BBHH HHBB

Es ist eine Weltreise und trotzdem ein Kurztrip. Am Mittwoch flog er in Perth ab und verabschiedete sich von seiner Familie am Flughafen. Beim Zwischenstopp in Bordeaux traf er weitere Angehörige. Da er dreimal verheiratet war und vier Kinder in verschiedenen Ländern hat, ist seine Familie über die ganze Welt verteilt.

Am Montag landet er in Basel. Am Dienstag wird ein Arzt seinen Sterbewunsch abklären. Am Mittwoch lädt er zu einer Medienkonferenz. Am Donnerstag wird er im Sterbezimmer in Liestal eine Infusion mit Natrium-Pentobarbital aufdrehen. Nach dreissig Sekunden wird er einschlafen. Innert vier Minuten wird der Herzstillstand eintreten.

Aktuelle Debatte in der Schweiz

In Australien hat Goodall mit seiner Reise eine Sterbehilfedebatte ausgelöst. In der Schweiz ist Sterbetourismus zwar Alltag, und dennoch ist Goodall ein spezieller Fall. Sein assistierter Suizid entspricht wohl den Gesetzen, aber kaum den Richtlinien der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Diese werden derzeit überarbeitet.

Im Februar lief die Vernehmlassungsfrist ab. Ende Jahr soll die definitive Fassung veröffentlicht werden. Die Regeln werden gelockert, doch Bedingung für Sterbehilfe bleibt eine tödliche Krankheit. Die Ärztegesellschaft lehnt den Altersfreitod ab. Darunter versteht man, dass ein Senior ab einem gewissen Alter, zum Beispiel 85, selber und ohne Diagnose den Entscheid fällen kann. Diese Debatte läuft derzeit bei Exit: An der nächsten GV wird über eine Anpassung der internen Regeln abgestimmt.

Er redet ohne Pause

Goodall hat schon als 102-Jähriger gewusst, wie man Medienaufmerksamkeit herstellen und dadurch die Verhältnisse verändern kann. Seine Universität konnte es «aus Sicherheitsgründen» nicht mehr akzeptieren, dass der alte Mann weiterhin ein Büro hatte, und kündigte ihm den Raum. Er wandte sich an die Öffentlichkeit. Die Arbeit sei ihm wichtig: «Ich habe nicht viel anderes zu tun.» Er löste damit eine Debatte um alte Arbeitskräfte aus. Die Universität lenkte ein und stellte ihm wieder ein Zimmer zur Verfügung.

Im Basler Flughafen versuchen Goodalls Begleiter, ihn vor den Medien zu schützen. «Eine letzte Frage», sagen sie. Doch Goodall redet und redet und beantwortet eine letzte Frage nach der anderen. Lächelnd verabschiedet er sich, rollt davon und verschwindet im Lift. Ein Tourist will wissen: «War das der berühmte Australier?»

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    Alle Leser-Kommentare
  • rolf.iller 08.05.2018 14:42
    Highlight Highlight Also den Freitod kann ja selber jeder, jederzeit ohnehin wählen, dafür braucht es keine Organisation und keine Gesetze.

    Wenn dabei eine Organisation legal und geordnet helfen kann, hat das aber so seine Vorteile. Es gibt weniger Lokomotivführer, die zum Psychiater müssen und man kanns in würde tun.

    Ich verstehe nicht, warum eine Freiheit, die einem keiner Nehmen kann, zum Problem wird, sobald jemand anders einem dabei hilft.
  • türülüü 08.05.2018 14:26
    Highlight Highlight Natürlich sollte man wie über sein Leben, auch über seinen Tod selbst bestimmen können. Nur möchte ich noch folgenden Gedankenanstoss einbringen:
    Falls die Gesellschaft sich dahingehend verändert, dass (stattlicher) Selbstmord mittels Euthanasiezentren (analog zu "Soylent Green") gebilligt wird, werden dann ältere, "unnütze" Personen nicht von ihrem sozialen Umfeld dazu aufgefordert? Würde nicht schon fast eine soziale Pflicht ihrerseits entstehen, damit sie sich vorzeitig durch Selbsttötung verabschieden, und somit sie keine wertvollen Ressourcen mehr verbrauchen? Ethik des freien Willens..
    • Gawayn 08.05.2018 15:10
      Highlight Highlight Endlich einer der die Dinge nicht nur nach Mainstream betrachtet, sondern weiter denkt.

      Das Problem ist nicht, Recht auf Freitod haben oder nicht.

      Sondern, das sollte es akzeptiert werden, es schnell mal ein nahe gelegter Ausweg wird.

      Du bist nun gut 80 und hast die AHV schon bezogen was du eingezahlt hast?
      Dein Vermögen fängt an zu schwinden und die Familie möchte bald mal erb.. äh um dich schmerzlich trauern?

      Das kommt schneller als man denkt das man die Alten dann in den "noblen Freitod" lenken wird.

      Ich möchte nicht in so einer Gesellschafft leben...
  • Jarl Ivan 08.05.2018 10:02
    Highlight Highlight Er ist 104 Jahre alt. Lasst ihn gehen wenn es sein Wille ist. Fragt euch, ist es Lebenswert 2tage in einer Wohnung zu liegen bis jemand einem findet.
    • MSpeaker 08.05.2018 13:15
      Highlight Highlight Ist es. Meine Oma hatte mit 92 einen Schlaganfall und lag auch gute 2 Tage am Boden. Danach musste sie erst in die Reha dann ins Altersheim wo sie nochmals 3 Jahre lebte und froh war zu leben.

      Natürlich kann das bei ihm anders sein. Was mich etwas wundert ist, dass er überhaupt noch lebt. Oft ist es so, dass man im hohen Alter zienlich baöd stirbt, wenn der Lebenswille weg ist.
  • Snag 08.05.2018 09:58
    Highlight Highlight Letzte Hinrichtung in Australien: 1967, Abschaffung der Todesstrafe: 1985. Der Staat durfte bis vor gar nicht all zu langer Zeit noch Menschen töten. Wenn jemand aber freiwillig aus dem Leben scheiden möchte, wird es ihm nicht verwehrt. Es ist doch nur fair, wenn wir selber bestimmen können, wann genug ist. Wir wurden nämlich nicht gefragt, ob wir überhaupt auf diese Erde kommen möchten. Ob jemand mit 30 unheilbar krank ist oder mit 104 einfach genug vom Leben hat, sollte dabei keine Rolle spielen.
  • beaetel 08.05.2018 09:39
    Highlight Highlight Dann gäbe es die ganzen fürsorgerischen Vorwände nicht mehr, die dazu führen, dass tagtäglich unschuldige Menschen verhaftet, weggesperrt und zwangsgespritzt werden. In der Schweiz. Aus sogenannt medizinischen Gründen. Einfach nur skandalös!
  • Bivio 08.05.2018 09:39
    Highlight Highlight Ich bin ein grosser Befürworter der Sterbehilfe. Jedoch frage ich mich ob es sinnvoll ist, wenn die Schweiz zum Hort für sterbewillige Ausländern wird.
    Gerade dies verhindert eine ernste Diskusion in den betroffenen Ländern, da dann immer argumentiert wird: "sollen die Leute doch in die Schweiz oder nach Holland gehen".
  • NaSkivaL 08.05.2018 09:13
    Highlight Highlight Die grösste denkbare Einmischung in die Privatsphäre.
    Kein Staat, kein Arzt und auch sonst keiner hat das Recht, einen geistig gesunden Menschen per Befehl ins Leben zu zwingen.
    Das ist immer noch tiefstes Kirchen-Mittelalter. Wann kommen wir endlich von diesem ganzen abergläubischen Unsinn weg?
    Noch unsinniger wird der ganze Mist im Hinblick auf die Übervölkerung. Die Vermehrung wird finanziell mit Steuergeldern gefördert und Senioren wird das freie und willige Sterben verboten.
    Das ganze System ist krank!
  • Leode_ 08.05.2018 09:07
    Highlight Highlight Bewundernswert dieser Mann!
    Ich finde ein Recht auf den Tod sollte ein Menschenrecht sein und nicht, dass man dafür um die halbe Welt reisen muss...
  • Caturix 08.05.2018 08:01
    Highlight Highlight Der oder die Staaten haben überall ihre Nase drinn. Sie wissen alles was gut ist für Ihre Bürger. Mich regt das Tierisch auf diese Einmischun die auch bei uns immer schlimmer wird.
    Sie sagen sogar wenn man sterben darf. Schon traurig das ein 104 Jahre alter Mann so weit reisen muss um zu sterben weil es in seinem Land verboten ist.
    • DerSimu 08.05.2018 09:06
      Highlight Highlight Ich sehe Deinen Punkt und bin grundsätzlich derselben Meinung ürdest Du das auch sagen, wenn es um Suizid mittels Schusswaffe ginge? Ist ja schliesslich das Todschlagargument der Waffengegner (Wortspiel nicht beabsichtigt)
    • lilie 08.05.2018 13:35
      Highlight Highlight @DerSimu: Wenn man schnell, schmerzfrei und legal mittels von einem Arzt verabreichte Medikamente sterben kann, braucht niemand mehr eine Schusswaffe.
    • DerSimu 08.05.2018 13:43
      Highlight Highlight @lilie naja aber es gibt einen unterschied zwischen sterbehilfe und unkontrolliertem suizid. Und so wie caturix das schreibt klingt es für mich eher nach letzterem.
    Weitere Antworten anzeigen
  • meliert 08.05.2018 07:19
    Highlight Highlight ich verstehe ihn voll und ganz und habe Verständnis für seine Entscheidung.
  • amRhein 08.05.2018 07:09
    Highlight Highlight Warum darf man über seinen eigenen Tod nicht selbst frei entscheiden?

    Ich bin der Meinung, über sein Leben und Sterben sollte man selbst entscheiden können, soweit die möglich ist.
    • flugi777 08.05.2018 12:04
      Highlight Highlight Ja das finde ich auch und zwar auch dann wenn man nicht todkrank ist.
    • MSpeaker 08.05.2018 13:20
      Highlight Highlight Das ich mal einem SVP Sympathisanten zustimmen muss... Ich denke man muss schon aufpassen was den Freitod angeht. Wenn die Hemmschwelle zu tief ist, dann steigt einfsch die Suizidrate und die ist in der Schweiz schon sehr hoch.

      Es ist ein grober Fehler anzunehmen, dass Leute die sterben wollen das wirklich wollen und nicht lieber hilfe hätten aber zB keinen Ausweg mehr sehen. Ansonnsten können wir gleich Dienste wie die dargebotene Hand abschaffen.

      In diesem Fall ist es natürlich etwas anders, in dem Alter verstehe ich den Wunsch und der 'Schaden' im Umfeld ist minim.
    • Baba 08.05.2018 14:26
      Highlight Highlight @amRhein - sorry für den Blitz, danebengetippt. Ihr Kommentar verdient natürlich ein ❤

78-jähriger Mann in Basel überfallen und ausgeraubt

An der Klybeckstrasse in Basel ist am Donnerstagabend ein 78-jähriger Mann von drei Männern ausgeraubt worden. Das Opfer blieb unverletzt, die Täter konnten nicht gefasst werden, wie die Basler Staatsanwaltschaft am Freitag mitteilte.

Die Tat ereignete sich um 22.15 Uhr auf der Höhe des Klingentalgrabens bei der Kaserne. Zwei Männer hätten dem Passanten den Weg versperrt, worauf ihn ein dritte Person von hinten gepackt habe. Dem Opfer wurde das Portemonnaie geraubt.

Die drei Täter flüchteten, …

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