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Ausbruch Dietikon

Die 32-jährige Aufseherin Angela Magdici hat den 27-jährigen Gefangenen Hassan Kiko aus seiner Zelle befreit.
Bild: kapo

Flucht aus dem Gefängnis Limmattal: Verstecken sich Hassan und Angela in Italien?

Die Polizei hat eine Grossfahndung ausgelöst, nachdem eine Aufseherin einem Syrer zur Flucht verholfen hat.

Bettina Hamilton-Irvine / limmattaler zeitung



Aus dem Gefängnis Limmattal ist in der Nacht von Montag auf gestern ein Insasse geflohen. Gemäss bisherigen Erkenntnissen hat eine 32-jährige Aufseherin um Mitternacht den 27-jährigen Gefangenen aus seiner Zelle befreit und ist mit ihm aus dem Dietiker Gefängnis geflohen.

Wie das Amt für Justizvollzug gestern mitteilte, bestehen Hinweise darauf, dass sich die beiden Flüchtigen ins Ausland abgesetzt haben. Woher diese Hinweise stammen, wollte die Leitende Staatsanwältin Claudia Wiederkehr gestern aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Sie sagte jedoch, es sei sofort eine internationale Fahndung ausgelöst worden; es gebe «ganz starke Hinweise» darauf, dass die beiden bereits im Ausland seien.

Bild

Foto von Januar 2015: Hassan Kiko zeigt auf Facebook seinen Sixpack.
bild: facebook

Mehr Details gab die Kantonspolizei Zürich gestern Abend bekannt: In einem Fahndungsaufruf machte sie Fotos und Namen der Geflüchteten sowie weitere Details publik. Demnach sollen sich Angela Magdici und Hassan Kiko mit einem schwarzen BMW X1 mit dem Kennzeichen ZH 528 411 nach Italien begeben haben.

Kiko, ein Coiffeur aus Syrien, wurde im Dezember vom Bezirksgericht Dietikon zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Er soll im Auto eines Kollegen in Schlieren ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Wie Wiederkehr auf Anfrage sagt, hat der Mann, der seither in Sicherheitshaft sass, das Urteil angefochten.

«Ein absolutes Novum»

Dass Häftlinge in der Schweiz aus Gefängnissen flüchten, kommt nur sehr selten vor. Im Kanton Zürich kam es in den letzten zwölf Jahren nur zwei Mal zu einem Ausbruch, wie Rebecca de Silva, Mediensprecherin des Zürcher Amts für Justizvollzug, auf Anfrage sagt.

Im Jahr 2010 flüchtete je ein Insasse aus dem Gefängnis Horgen und Affoltern. Einer der beiden kehrte innerhalb eines Monats freiwillig wieder zurück, der andere wurde verhaftet. Die Zürcher Gefängnisse seien in Bezug auf Technik und Infrastruktur sehr sicher, sagt de Silva. Auch Wiederkehr betont, gerade das erst fünfjährige Gefängnis Limmattal sei auf dem neusten Stand.

Die Sicherheit des Gebäudes hatte in diesem Fall jedoch nichts mit der Flucht zu tun. «Der grösste Risikofaktor ist der Mensch», sagt de Silva. Die Mediensprecherin betont aber auch, dass es im Kanton Zürich «ein absolutes Novum» sei, dass eine Betreuungsperson einem Gefängnisinsassen zur Flucht verhelfe: «So etwas haben wir noch nie erlebt.» Selbst Fachpersonen, die seit Jahrzehnten in der Branche arbeiteten, könnten sich an keinen entsprechenden Fall erinnern.

ARCHIV - ZUR MELDUNG UEBER EINE AUFSEHEREN, DIE EINEN STRAFGEFANGENEN AUS DEM GEFAENGNIS LIMMATTAL BEFREIT HABEN SOLL, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Blick auf das Gefaengnis LImmattal, aufgenommen am Donnerstag, 5. September 2013 in Dietikon. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

An der Sicherheit des Dietiker Gefängnisses wird nicht gezweifelt.
Bild: KEYSTONE

Ob sich zwischen Kiko und Magdici eine Liebesbeziehung entwickelt hatte, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. «Wir wissen nichts davon, gehen dem Thema aber nach», sagt de Silva. «Wir werden untersuchen, welchen Umgang die beiden hatten und wie nahe sie sich standen.» Der Austausch zwischen Betreuungspersonen und Häftlingen sei ein wichtiger Bestandteil des Jobs. Dass sich dabei zu viel Nähe ergebe, sei nicht auszuschliessen.

Betreuerin drohen 3 Jahre Haft

Wie sich die Flucht genau ereignete, ist noch nicht klar. De Silva erklärt aber, dass pro Nacht jeweils zwei Betreuungspersonen anwesend sind: Eine Person ist immer wach, die andere schläft. Dies erklärt auch, wie es möglich war, dass niemand die Flucht sah. Man werde nun Massnahmen ergreifen, um dieses Risiko in Zukunft zu verringern, so de Silva. Ein Restrisiko werde aufgrund des Faktors Mensch aber immer bleiben. Dieses könne man nie ganz ausschliessen.

Peter Zimmermann, Präsident der Organisation für Strafgefangene «Reform 91» kann sich gut vorstellen, dass der Häftling gegenüber der Betreuerin Avancen gemacht hat. So etwas sei nicht ungewöhnlich, sagt er: «Männer im Gefängnis sind auf Sex-Entzug. Erstaunlich ist es also nicht, wenn ein Häftling einer Aufseherin zuzwinkert.» Für bedenklich hält er es jedoch, wenn die Betreuerin darauf eingehe. «Da muss man sich schon fragen, ob der Kanton Zürich ein Problem bei der Personalpolitik hat», sagt Zimmermann.

Ein Problem wird auch Magdici haben, wenn sie verhaftet wird: Ihr drohen bis zu drei Jahre Haft, wie Staatsanwältin Wiederkehr sagt.

Das Gefängnis Limmattal wurde im September 2010 bezogen und ist das neuste im Kanton. Es bietet Platz für 72 Insassen. Davon sind 9 bis 24 Plätze für männliche Jugendliche ab 14 Jahren reserviert. Rund 80 Prozent der Insassen befinden sich in Untersuchungshaft. Die Auslastung des Gefängnisses beträgt zurzeit 95 Prozent.

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