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Die Verkäufe im Buchhandel nehmen ab wegen der Online-Konkurrenz

La librairie peut-elle encore être sauvée?
Insbesondere die veränderten Konsumgewohnheiten belasten kleine lokale Geschäfte, darunter auch Buchhandlungen.bild: Keystone / Imago / Unsplash, montage watson
Röstibrücke

Wie KI und Online-Betrug Buchhandlungen retten könnten

Seit Jahren geht es bergab: Die Buchverkäufe im Laden leiden unter der schwachen Wirtschaft und der Online-Konkurrenz. Gleichzeitig setzen Überproduktion und Bildschirmzeit dem ganzen Buch-Ökosystem zu.
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03.05.2026, 09:3403.05.2026, 09:34
Nicolas feuz

Dass die Buchverkäufe im Laden schrumpfen, ist nichts Neues. Das Problem ist schon seit über zehn Jahren bekannt. In den 2010er-Jahren berichteten Medien regelmässig über jährliche Rückgänge von durchschnittlich 4 bis 5 Prozent.

Die Pandemie 2020 hat den Buchhandlungen kurzzeitig Aufwind gegeben – wohl auch, weil andere Freizeitangebote plötzlich wegfielen oder stark eingeschränkt waren. Und weil viele schnell merkten: Dass es auf Dauer keine Option sein konnte, den ganzen Lockdown nur vor Bildschirmen zu verbringen. Leider hielt dieser Effekt nicht lange an.

Röstibrücke

Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.

Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Die Auswirkungen der geopolitischen Instabilität

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022, den darauffolgenden weiteren internationalen Konflikten und einer zunehmend angespannten Weltlage, zeigen die Buchverkäufe im Laden wieder nach unten.

Ein Grund für diesen erneuten Dämpfer – wenn auch nicht der einzige – liegt in der wirtschaftlichen Lage und der sinkenden Kaufkraft. Ausgelöst wurde das unter anderem durch steigende Energiepreise: Benzin, Gas, Strom. Die Folgen davon spürt man auch bei Lebensmitteln und vielem mehr.

Und speziell in der Schweiz kommt der jährliche Prämienschock bei der Krankenversicherung dazu. Gleichzeitig hinken die Löhne den steigenden Kosten hinterher – mit der Folge, dass bei allem gespart wird, was nicht absolut notwendig ist. Ganz vorn auf der Streichliste: Freizeit und Kultur.

Auch die Westschweiz bleibt davon nicht verschont

Die Jahre 2024 und 2025 waren für die meisten Buchhandlungen ziemlich düster, da sie mit Umsatzrückgängen kämpfen mussten, die den Zahlen aus der Zeit vor Covid gleichen. Das erste Quartal 2026 bestätigt den Trend und zeigt Verkaufsrückgänge zwischen 5 und 6,5 Prozent. In Frankreich wächst die Sorge zusätzlich, seit die bekannte Buchhandelskette Gibert kürzlich unter gerichtlichen Sanierungsschutz gestellt wurde. Vergleichbare Entwicklungen sieht man auch in Belgien und in Québec.

Und auch die Westschweiz steht kaum besser da, besonders mit Blick auf die Buchhandlungen von Payot, die als verlässlicher Gradmesser für den Markt gelten.

Heisst das also, dass die Leute weniger lesen als früher? Wahrscheinlich schon, zumindest teilweise. Aber längst nicht in dem Ausmass, das den Rückgang der Verkäufe im Laden erklären würde. Da spielen noch einige andere Faktoren mit.

Die Gründe für den Rückgang der Buchverkäufe

Gerade in Frankreich wächst der Markt für gebrauchte Bücher jedes Jahr um rund 10 Prozent. Hauptgrund ist die angespannte wirtschaftliche Lage, die die Diskussion über die Preise neuer Bücher wieder anheizt, die viele als zu hoch empfinden. Dabei wird oft übersehen: Abgesehen von ein paar Vielleserinnen und Viellesern, die 50 bis 100 Bücher pro Jahr verschlingen, bleibt Lesen im Vergleich zu anderen Hobbys ein ziemlich günstiges Vergnügen.

E-Books und Hörbücher

Diese Märkte bleiben bis heute eher eine Nische. Das gedruckte Buch hält sich erstaunlich gut, stärker als man vor 10 oder 20 Jahren erwartet hätte, als CDs, DVDs und Blu-rays in Musik und Film nach und nach von digitalen Plattformen verdrängt wurden.

Die neuen Generationen

Aufgewachsen im digitalen Dauerzustand hätten sie den Markt für Tablets wie Kobo oder Kindle eigentlich boomen lassen können, haben es aber nicht getan. Und noch heute hört man oft von jungen Leserinnen und Lesern, dass sie nach einem ganzen Tag vor Bildschirmen, privat, in der Schule oder im Job, lieber zur gedruckten Version greifen, um beim Lesen wirklich abzuschalten.

Das zeigt auch der Besuch von Buchmessen: Die Zahlen gehen nicht zurück, weder bei den Jüngeren noch bei den Älteren.

Die Übertragung der Einkäufe

Haben grosse Einkaufszentren, vor allem jene am Stadtrand, einen Einfluss? Die Frage ist heikel und sorgt für Streit, weil es nicht nur um Buchhandlungen geht, sondern um den gesamten lokalen Einzelhandel.

Manche behaupten, grosse Einkaufszentren würden leer stehen, aber das habe ich anders beobachtet: Viele berichten übereinstimmend, dass Einschränkungen beim Zugang und Verkehr, etwa die zunehmende Einführung von Tempo 30 in Städten, dazu der Abbau von Parkplätzen oder deren hohe Kosten, die Leute eher dazu bringen, ihre Einkäufe in Einkaufszentren am Stadtrand zu erledigen.

Und langfristig könnte diese Politik, egal wie man sie bewertet, den kleinen Läden in den Innenstädten das Genick brechen, darunter auch den Buchhandlungen. Denn die Vorstellung, dass Menschen von ausserhalb künftig massenhaft den öffentlichen Verkehr nutzen, um in der Innenstadt einzukaufen, wirkt ziemlich unrealistisch. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die geplante Eröffnung einer Fnac im Einkaufszentrum von Avry Centre im Kanton Fribourg.

Das Konsumverhalten der Menschen

Wenig überraschend ist der grösste Konkurrent der Buchhandlungen und des lokalen Einzelhandels ganz generell der Wandel im Konsumverhalten. Immer mehr Menschen kaufen online ein. Ein weiteres Symptom unserer permanent vernetzten Gesellschaft, das zulasten des sozialen Austauschs geht.

Eine neue Realität auf dem Markt

Die Kundschaft in den Läden wird weniger und mit ihr verschwinden auch die fundierten Empfehlungen von Fachleuten. Wer eine Buchhandlung betritt, taucht in eine Welt der Fantasie ein, mit jemandem an der Seite, der einen im besten Fall auf Schätze aufmerksam macht, die man allein nie entdeckt hätte.

Wer im Internet unterwegs ist, steht dagegen ziemlich allein da. Wenn man nicht genau weiss, wonach man sucht, oder besonders experimentierfreudig ist, greift man schnell zu den stark beworbenen Produkten. Ob die Werbung direkt vom Verlag kommt oder über Influencer läuft, macht dabei kaum einen Unterschied. Deren Unabhängigkeit ist oft nur scheinbar, denn in ihren Social-Media-Videos verschweigen sie gern, dass sie dafür bezahlt werden.

Im Buchmarkt führen diese neuen Konsumgewohnheiten dazu, dass sich Käuferinnen und Käufer immer stärker auf Bestseller konzentrieren. Die Lust, etwas Neues zu entdecken oder ein Risiko einzugehen, geht dabei verloren. Die Folge: Die Kluft zwischen etablierten Autorinnen und Autoren und Debütierenden wird immer grösser. Die Realität ist ziemlich hart: Wer neu in die Literaturszene einsteigt, hat kaum Chancen, wahrgenommen zu werden, selbst wenn der Text ein echter Glücksgriff ist.

Vielleicht liegt es auch an der Flut neuer Autorinnen und Autoren, die sich während der Pandemie kurzerhand als Schriftstellerinnen und Schriftsteller versucht haben und die Verlage mit Manuskripten überschwemmt haben – und es bis heute weiter tun.

Ein Teil der Schuld liegt auch bei den Verlagen selbst: Sie bringen mehr Neuerscheinungen auf den Markt, als gut ist, und sorgen damit für eine regelrechte Flut an Titeln in den Buchhandlungen. Die Folge: Bücher verschwinden oft schon nach zwei bis vier Wochen wieder von den Tischen, worauf ein Dasein als einzelnes Exemplar im Regal folgt. Für Vertreterinnen und Buchhändler wird es gleichzeitig unmöglich, jedes Buch zu vertreten, schlicht weil die Zeit fehlt, auch nur einen Bruchteil der Neuerscheinungen zu lesen. Und nebenbei gehen dabei auch einige echte Perlen unter.

Und dann ist da noch dieser ironische Satz, den man in der Buchbranche immer wieder hört: «Heute hat man das Gefühl, es gibt mehr Leute, die schreiben, als solche, die lesen.» Aber das ist wieder eine andere Baustelle.

Eine weitere Gefahr für kleine Buchhandlungen

Zurück zu den Buchverkäufen: Es gibt noch ein weiteres Risiko, das vielen gar nicht bewusst ist. Viele kleine Buchhandlungen überleben nur dank zwei oder drei Grosskunden, etwa Schulen, Bibliotheken oder Mediatheken. Gleichzeitig schrumpfen die Kulturbudgets Jahr für Jahr, vor allem wenn diese Einrichtungen staatlich finanziert sind. Fällt dann nur einer dieser Kunden weg, kann das die Finanzen einer kleinen Buchhandlung massiv ins Wanken bringen oder sie im schlimmsten Fall zur Schliessung zwingen.

In Québec zum Beispiel wird der Rückgang der Buchverkäufe klar dadurch verstärkt, dass Bibliotheken und Schulen weniger einkaufen.

Kürzlich musste ich mich ziemlich zusammenreissen, als ich erfahren habe, dass ein Lehrer an einer öffentlichen Schule seine Klasse angewiesen hatte, mein Buch für den Unterricht auf Amazon zu kaufen. Ich habe ihm freundlich, aber deutlich gesagt, was ich davon halte, und erklärt, warum das problematisch ist. Seine Antwort war ehrlich gemeint: Er hatte sich darüber schlicht keine Gedanken gemacht und dachte, es sei für die Schülerinnen und Schüler einfacher, als extra in eine Buchhandlung zu gehen. Er hat mir versprochen, das künftig nicht mehr zu tun, meinte aber auch, dass viele seiner Kolleginnen und Kollegen in der Westschweiz ähnlich handeln.

Künstliche Intelligenz und Cyberkriminalität

Zum Schluss bleiben mir zwei Hoffnungen für die Buchhandlungen und den lokalen Einzelhandel insgesamt.

Zum einen die Hoffnung, dass sich die Menschen langsam von ihrer Bildschirm-Abhängigkeit lösen und wieder mehr zum Lesen zurückfinden. Eine aktuelle Studie aus Frankreich zeigt: Im Schnitt wird nur etwa 18 Minuten pro Tag gelesen, während täglich rund 3 Stunden an Bildschirmen verbracht werden. Gleichzeitig gibt es Hinweise, auch wenn sie noch nicht eindeutig belegt sind, dass sich immer mehr Leute schrittweise von sozialen Netzwerken abwenden und wieder stärker ins echte Leben zurückkehren.

Ein möglicher Grund dafür ist die wachsende Müdigkeit gegenüber Fake News, die zuletzt mit dem Aufkommen von KI noch einmal deutlich zugenommen haben. Klar, künstliche Intelligenz kann in vielen Bereichen nützlich sein. Aber man kann sich auch fragen, ob sie langfristig nicht dazu führt, dass soziale Netzwerke an Bedeutung verlieren und am Ende nur noch für jene attraktiv bleiben, die sie als Spielwiese sehen, während sich alle anderen wieder stärker echten sozialen Beziehungen zuwenden.

Zum anderen zeigt die jüngste Veröffentlichung der Kriminalstatistik in der Schweiz wenig überraschend einen starken Anstieg der Online-Kriminalität in all ihren Formen. Natürlich werden sich Polizei und Justiz weiter wappnen, um Delikte wie Romance Scams, Sextortion, CEO-Betrug oder falsche Polizistinnen und Bankberater zu bekämpfen. Aber zu glauben, dass sie sich genauso intensiv um die vielen kleineren Betrugsfälle im Onlinehandel kümmern werden, wäre wohl ziemlich naiv.

Wie uns ein renommierter Professor an der Universität einmal sagte: Das Strafrecht ist nicht dazu da, Leichtgläubige zu schützen. Und wenn der Schaden nur ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Franken beträgt, wird kaum ein Staatsanwalt ein Verfahren einleiten, um Täter zu identifizieren, die irgendwo am anderen Ende der Welt sitzen. Dazu kommt: Die zunehmende Zahl kleiner Online-Betrugsfälle dürfte wohl auch dazu führen, dass Versicherungen Leistungen immer häufiger verweigern.

Ein mögliches Übel zum Guten

Am Ende braucht es vielleicht erst eine regelrechte Explosion von Fake News in den sozialen Netzwerken und Betrugsfällen im Onlinehandel, damit ein Umdenken einsetzt und unsere Gesellschaft wieder zu gewissen Werten zurückfindet.

Das ist keine rückwärtsgewandte, nostalgische Verklärung eines Lebensstils, der am Verschwinden ist, sondern eher ein Versuch, die Prioritäten neu zu ordnen. Das kulturelle Niveau einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, was und wie viel sie liest. Eine lesende Gesellschaft kann hinterfragen, analysieren, Ideen einordnen und den kritischen Geist entwickeln, der nötig ist, um Desinformation etwas entgegenzusetzen. Es wäre also höchste Zeit, Bildschirme bewusster zu nutzen und sich wieder stärker auf Werte zu konzentrieren, die den sozialen Zusammenhalt stärken.

Die Freude am Einkaufen vor Ort wiederzuentdecken und den lokalen Handel zu stärken, statt alles online zu bestellen, gehört klar dazu. Und ganz ehrlich: Deine mentale Gesundheit wird es dir danken. Und nicht vergessen: Lesen gilt als besonders wirksam gegen Stress, oft sogar stärker als viele andere Freizeitbeschäftigungen, und ist damit auch ein ziemlich guter Gradmesser für Lebensqualität.

Nicolas Feuz ist ...
... von Haus aus Jurist. Von 1999 bis 2010 war er Untersuchungsrichter, anschliessend wurde er Staatsanwalt des Kantons Neuenburg – ein Amt, das er seit 2011 bis heute innehat, mit Spezialisierung auf die Bekämpfung des Drogenhandels. Seit 2010 schreibt er parallel dazu Kriminalromane – sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche.
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bild: Rosie&Wolfe
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