DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung sind umstritten.
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung sind umstritten.Bild: AP

Angst vor Strahlung – Politik könnte das ultraschnelle 5G-Internet verhindern

Filme unterwegs innert Sekunden downloaden und vernetzte Autos autonom fahren lassen – das verspricht die Spitzentechnologie 5G. Dafür müsste das Parlament die Strahlen-Grenzwerte lockern, doch dagegen formiert sich Widerstand. 
23.02.2018, 06:1023.02.2018, 07:01

Hundert Mal schneller surfen als bisher: Das könnte in der Schweiz bald möglich sein – dank der Technologie 5G. Wie der Swisscom-Netzchef Heinz Herren gestern im Tages-Anzeiger angekündigt hat, soll der Ausbau des ultraschnellen Mobilfunknetzes bereits Ende dieses Jahres starten, zwei Jahre früher als ursprünglich geplant.

Die Technologie verspricht nicht nur ein ganz neues Surf-Erlebnis, sie könnte auch unsere Mobilität revolutionieren. Denn erstmals wäre dank 5G autonomes Fahren mit vernetzten Fahrzeugen möglich.

Eine wichtige Voraussetzung fehlt jedoch noch, damit die Schweiz in die neue Technologie-Ära eintauchen kann. Die bestehende Mobilfunkinfrastruktur reicht nicht aus, um die riesigen Datenmengen zu übermitteln, die künftig anfallen.

Schon seit Jahren wächst der Datenhunger in der Schweiz unaufhaltsam. Weil immer mehr internetfähige Geräte im Umlauf sind, verdoppelt sich das verbrauchte Datenvolumen jedes Jahr aufs Neue. Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht – erst recht nicht, wenn nach der Einführung von 5G noch viel mehr Daten durch die Netze gejagt werden.

Der Datenverbrauch nimmt rasant zu.
Der Datenverbrauch nimmt rasant zu.Quelle: bakom

Antennen sollen stärker strahlen dürfen

Bereits vor einem Monat schlug die zuständige Kommission des Ständerats deshalb Alarm. Um einen «Kollaps der Mobilfunknetze» zu verhindern, müsse der Bundesrat die Strahlenschutzvorschriften lockern, forderten die Politiker in einer Motion. Die Mobilfunkantennen sollen also stärker strahlen dürfen, damit mehr Daten übermittelt werden können.

Auch der Bundesrat sieht Handlungsbedarf, wie er in seiner am Mittwoch publizierten Antwort schreibt. Noch in der Frühlingssession debattiert der Ständerat über den Vorstoss.

Dort droht allerdings heftiger Widerstand. Eine starke Minderheit aus SP-, CVP- und FDP-Politikern wollte in der Kommission nichts von einer Anhebung der Strahlengrenzwerte wissen. Denn bis heute ist nicht abschliessend geklärt, welche gesundheitlichen Auswirkungen Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper hat. Als das Parlament vor etwas mehr als einem Jahr zum letzten Mal über eine Anhebung der Grenzwerte debattierte, überwogen die Bedenken – der Vorschlag wurde abgeschmettert.

«Ich habe noch bei kaum einem Geschäft so viele Briefe aus der Bevölkerung bekommen.»
Stefan Engler, CVP-Ständerat

Stefan Engler (CVP), der Vizepräsident der zuständigen Fernmeldekommission, rechnet damit, dass das Thema auch dieses Mal wieder emotional debattiert wird. «Wir befinden uns in einem Dilemma: Einerseits reden alle von der Digitalisierung und wollen von ihren Vorzügen profitieren, andererseits ist es vielen Leuten unwohl beim Gedanken, mehr Mobilfunkstrahlung in Kauf zu nehmen.» Wie der Rat entscheiden wird, sei deshalb noch höchst ungewiss.

Wie emotional das Thema aufgeladen ist, zeigt sich auch daran, dass die Kommissionsmitglieder seit Wochen mit Bürgerbriefen eingedeckt werden. Die Absender klagen darüber, unter der Mobilfunkstrahlung zu leiden und warnen vor einer Erhöhung der Grenzwerte. «Ich habe noch bei kaum einem Geschäft so viele Briefe aus der Bevölkerung bekommen», so Engler.

Die Bedenken gelte es ernst zu nehmen, so der Bündner. Er vertraue darauf, dass der Bundesrat alle relevanten Aspekte nochmals sorgfältig gewichte, bevor er die Strahlenschutzverordnung anpasse. Eine Einführung des Mobilfunkstandards 5G ist aus seiner Sicht aber unumgänglich. «Sonst droht die Schweiz in der Digitalisierung gesellschaftlich und volkswirtschaftlich den Anschluss zu verlieren.»

«Bevor die Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier noch nicht geklärt sind, wäre es fahrlässig, die Grenzwerte zu erhöhen.»
Brigitte Häberli-Koller, CVP-Ständerätin

Zu den Gegnerinnen zählt seine Parteikollegin Brigitte Häberli-Koller: «Bevor die Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier noch nicht geklärt sind, wäre es fahrlässig, die Grenzwerte zu erhöhen», sagt die Thurgauerin. Sie verweist auf eine noch ausstehende WHO-Studie, die neue Erkenntnisse verspricht.

Die vielen Zuschriften von Leuten, die unter dem Elektrosmog litten, hätten sie berührt, so Häberli-Koller: «Wir sind es diesen Menschen schuldig, ganz genau hinzusehen.»

Befürwortest du die Anhebung der Strahlengrenzwerte?

Bau tausender neuer Antennen als Alternative

Die Weltgesundheitsorganisation WHO beurteilte Mobilfunkstrahlung 2011 als «möglicherweise krebserregend». Wasserdichte Studienergebnisse existieren allerdings noch nicht. Wie das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) in einem Bericht schreibt, ist bisher erst mit Sicherheit bewiesen, dass die Mobilfunkstrahlung das Körpergewebe erwärme.

Die einzige Alternative, um die 5G-Technologie ohne Anpassung der Strahlenschutzverordnung einzuführen, wäre der Bau tausender neuer Antennen im ganzen Land, heisst es beim Bakom auf Anfrage. Dies dürfte nicht nur im Hinblick auf drohende Einsprachen schwierig sein. Der Bau neuer Anlagen käme nach Angaben von Bakom-Sprecherin Caroline Sauser auch rund zehn Mal teurer als eine Erweiterung der bestehenden Stationen.

Heute gelten in der Schweiz insbesondere an Orten, an denen sich Menschen lange aufhalten, strengere Strahlenschutzvorschriften als in anderen europäischen Ländern. Darauf beruft sich auch die Swisscom. «Nach einer Anpassung der Grenzwerte würden wir immer noch unter den empfohlenen Grenzwerten der WHO liegen», so Sprecher Armin Schädeli. Er betont, für «den Aufbau flächendeckender und voll leistungsfähiger Netze» sei eine «moderate Anpassung» der Strahlenschutzverordnung zwingend notwendig.

So funktioniert Social Networking in der Realität

Video: watson/Lya Saxer, Knackeboul
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

120 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
bebby
23.02.2018 06:38registriert Februar 2014
Die Swisscom wirf nicht umhin kommen, tausende kleiner Cells einzurichten, damit 5G wirklich umgesetzt werden kann, zB in Ampelmasten. Mit stärkerer Sendeleistung wäre einzig das Towersharing möglich. Die Swisscom benutzt 5G nur als Argument, dabei geht es ihr darum Geld zu sparen.
Notabene ist die Strahlung durch dect Telefone und Wifi und vorallem das eigene Telefon stärker als die der Antennen, weil die näher beim Körper sind, und je weniger Antennen, desto mehr strahlt das eigene Telefon.
20814
Melden
Zum Kommentar
avatar
Eine_win_ig
23.02.2018 06:43registriert Dezember 2016
Wie sagt man so schön? 5er oder Weggli, beides gits nid.
6813
Melden
Zum Kommentar
avatar
peigi
23.02.2018 07:35registriert Juni 2016
Lustig: bei Handystrahlung will man eine restlose wissenschaftliche Klärung, dass Strahlung nicht schädlich ist (was streng genommen so wie gefordert nicht möglich ist).
Wenn s aber z.B. darum geht Homöpathie in die Grundversicherung aufzunehmen argumentieren (oftmals) die gleichen Kreise, dass die wissenschaftlichen Studien (die alle im besten Fall der Homöopathie Placeboeffekte belegen) sowieso nicht gelten.
Fazit: auch wenn man 100 jährige Langzeitstudien machen würde in denen man von tausenden Probanden jede Metrik analysiert wären die Kritiker nicht zu überzeugen...
5610
Melden
Zum Kommentar
120
Zenit auf dem Stellenmarkt laut Studie erreicht

Das Wachstum der Stellenausschreibungen in der Schweiz geht nicht mehr weiter. Der Zenit auf dem Stellenmarkt scheine erreicht zu sein, lautet daher das Fazit einer Auswertung der Universität Zürich und des Personaldienstleisters Adecco Group.

Zur Story