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Fabian Molina, SP-ZH, stellt eine Frage in der Debatte um die Selbstbestimmungsinitiative an der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 6. Juni 2018 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Fabian Molina bei der Debatte um die Selbstbestimmungsinitiative im Nationalrat. Bild: KEYSTONE

Der nette Herr Molina

Ex-Juso Präsident Fabian Molina ist seit gut 100 Tagen im Nationalrat – und mit 27 Jahren der jüngste Parlamentarier im Bundeshaus. Grund genug, um mit dem Zürcher einen Kaffee zu trinken, ein paar Zigaretten zu rauchen und über die grossen Themen zu plaudern.



Fabian Molina sitzt schon seit einer Weile am Tisch nebenan, aber die äusserliche Unscheinbarkeit lässt ihn verschmelzen mit der lustig-zusammengewürfelten Ausseneinrichtung dieses Treatment-Cafés in den Ausläufern des Zürcher Kreis 4. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in einem dieser Strandkörbe sitzt, die überall ausser auf Sylt und in vernachlässigten Hinterhofgärten fürchterlich deplatziert wirken, und zudem Kopf und Oberkörper ihrer Bewohner wegschlucken.

Kurz: man sieht ihn nicht.

Er rutscht dann einen Tisch rüber, in Jeans und gestreiftem T-Shirt, weisse Turnschuhe, legt Zigaretten auf den Tisch und bestellt einen Kaffee und frischgepressten Orangensaft im Grossformat. Nebenan eine der typischen Zürcher Sommerbaustellen, die in dieser Stadt an jeder Ecke aus dem Boden spriessen, sobald das Thermometer die 20-Grad-Marke überschreitet, mit Büezern in ärmellosen T-Shirts über braungebrannten Körpern, die Zigarette ewig im Mundwinkel balancierend, und in denen sich alle Büromitarbeiter einen Moment lang in einer romantischeren und archaischeren Welt wiedererkennen.

Molina, der Student.

Er sollte ja jetzt eigentlich seine Bachelorarbeit schreiben. Aber er wurde in den Nationalrat gewählt, sagen die, die ihn mögen. Rutschte unverdient durch die Hintertüre rein, sagen die, die in ihm einen Profiteur und eine weitere gottverdammte linke Zecke sehen. Eigentlich ist er einfach nachgerückt für Tim Guldimann, den selbsternannten Nationalrat der fünften Schweiz, der Grosses angekündigt hatte für alle Auslands-Schweizer und Kosmopoliten, bis ihm irgendwann plötzlich eingefallen ist, dass Berlin von Bern doch etwas weiter entfernt liegt als, sagen wir, Potsdam. Molina für Guldimann, das ist eigentlich gar kein allzuverkehrter Tausch, wenn man sich's recht überlegt.

ARCHIVBILD ZUM RUECKTRITT VON TIM GULDIMANN AUS DEM NATIONALRAT, AM SONNTAG, 18. FEBRUAR 2018 - Tim Guldimann (SP-ZH) verfolgt die Debatte im Nationalrat waehrend der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 29. Mai 2017 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Tim Guldimann mag nicht mehr: Am 18. Februar verkündete der ehemalige Schweizer Botschafter in Berlin seinen Rücktritt aus dem Nationalrat.  Bild: KEYSTONE

Bilder, die einem in diesen Moment durch den Kopf gehen: Molina mit nassem Haar und schiefem Grinsen, Daumen nach oben, nachdem er mit einem Karton-Gripen in den Fluss gestürzt war, eine dieser Juso-Metaphern, die haften bleiben wie Kaugummi am Hosenboden, erst drei Jahre alt sind die Bilder, aber sie sehen aus wie in dem Pleistozän der Videoplattform-Ära. Molina, wie er am 1. Mai 2000-irgendwas im flippigen Studio des mittlerweile eingestampften Jugendsender Joiz steht, und sich fürchterlich darüber aufregt, dass die Rechte jeden Faustschlag und jeden Farbbeutel den Linken ankreidet.

Die Linken und die Rechten stehen sich dabei gegenüber wie in die Jets und die Sharks in der «West Side Story»: Rechts die Jets, angeführt von Anian Liebrand, links die Sharks, mit Molina an der Spitze, im Hintergrund tänzeln unruhig die loyalen Bandenmitglieder; Nervöses mit den Füssen scharren, Knöchel massieren, und Messer wetzen. (Molinas Gang hat im Rückblick natürlich gewonnen, nur schon weil ihr Anführer heute im Nationalrat sitzt, während Cabecilla Liebrand in einem Rosenkrieg seine Partei verlassen hatte und vergangenes Jahr wegen übler Nachrede verurteilt wurde.)

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Ganz so dramatisch war's nicht in der Joiz-Sendestube: Szene aus «West Side Story». Bild: wikimedia commons

Erst gerade war Molina im «TeleZüri» und versuchte vergeblich Andreas Glarner wegen der Aufweichung des Waffenexportverbots ins Gewissen zu reden, im April war er in der «Arena» und geigte Hardcore-Sozialhilfesparer Thomas Müller die Meinung, im März öffnete er anlässlich seines Einzugs ins Parlament den Journalisten von der «Schweizer Illustrierten» die Tür zu seiner WG, und auf Twitter knallt er fast jeden Tag etwas Moralisch-Pointiertes in die Timeline seiner Follower: Molinas Gesicht ist einem in letzter Zeit auf ziemlich vielen Kanälen entgegengeflimmert.

«Wer noch nie gekifft hat, lügt entweder, oder ist der langweiligste Mensch der Welt.»

Was halten Sie eigentlich von der Personalisierung der Politik, Herr Molina? (Wir duzen uns natürlich in Wirklichkeit, weil ja niemand unter 30 sich oder sein Gegenüber so ernst nehmen könnte, dass er aufs Siezen bestehen würde, abgesehen von Jungunternehmern, Adelstöchtern oder den frühen Sebastian Kurz, der das alles irgendwie in sich vereint). Ein Problem, gibt Molina zu, zu dem er selber beitrage. Man könne das Spiel entweder mitspielen und die Plattform nutzen, um kluge Botschaften zu verbreiten. Oder man verweigere sich und komme dann im medialen Diskurs überhaupt nicht vor. Molina, der Profi. Und überhaupt, er sässe ja jetzt auch nicht hier, wenn er sich diesen Regeln nicht beugen würde. Erwartbarer Konter, aber trotzdem gut. Man fällt ja auch drauf rein.

Molina legt dann ziemlich ansatzlos los, mit Kokain, passenderweise. Swissaid, sein Noch-Arbeitgeber, wird in ein paar Tagen ein Podiumsgespräch zum Thema lancieren, Molina macht ein bisschen Werbung, aber das Thema Drogen beschäftigt ihn. Was er von einer Legalisierung hält? Wichtig, notwendig, zweifellos, der Drogenkonsum sei eine gesellschaftliche Realität in der Schweiz, das hätten mittlerweile auch viele Fachleute erkannt, aber was ihn eben ärgert, ist dieser Blick, der stramm Richtung Liberalisierung marschiert und dann an der Grenze plötzlich Halt macht und blind wird für alles, was dahinter passiert. «Die viel wichtigeren Gründe für eine Legalisierung sind doch die Auswirkungen die der Drogenkonsum in den Herkunfts- und Transitländern hat!»

Man mokiert sich dann noch ein bisschen über Politiker, die in einer «Vice»-Umfage Cannabis nicht von Kokain unterscheiden können und über andere Politiker, die eine Scheibe gehabt haben wollen, weil sie vor Urzeiten mal in einem Auto gesessen sind, in dem noch viel früher einmal jemand eine Hanfzigarette angesteckt hat. Molina mit einem Bonmot, das eigentlich ins Sudelheft jedes Gymnasiasten gehört: «Wer noch nie gekifft hat, lügt entweder, oder er ist der langweiligste Mensch der Welt.» Molina lacht jetzt sein Molina-Lachen, etwas zwischen Jauchzen und Keuchen und Bösewicht-Gewieher, es sieht körperlich ein bisschen anstrengend aus, ist aber sehr ansteckend.

Anderes Thema: das Parlament. Darum hat man sich ja eigentlich getroffen. Die erste Session ist durch, plusminus 100 Tage ist es her, seit er vereidigt wurde. Molina hat fünf Fragen eingereicht, drei Interpellationen, zwei Motionen und einmal wurde er in einer Ratsdebatte von Erich Hess als Philosoph bezeichnet. Ist schon etwas wichtiges passiert? «Man muss jedenfalls aufpassen, dass man nicht verdummt.» Wie meint er das? «Der ganze politische Kleinkram, die Sitzungen, die Aktenbündel, die man mit sich rumschleppt, man wird reingezogen in Details, die grösstenteils völlig irrelevant sind, aber über die man trotzdem Bescheid wissen muss», eine Fliessband-Arbeit sei das.

«Entweder du stirbst in Reinheit deiner Ideologie, oder du machst Politik und dir dabei halt die Hände dreckig.»

Im Selbstporträt auf der Parlaments-Webseite schreibt er über sich: «In der Bundesversammlung muss man Allianzen schmieden und Kompromisse eingehen, um Mehrheiten zu finden. Als Ex-Juso-Chef  werde ich aber auf Provokationen nicht ganz verzichten.» Das tönt nach einer von Bundeshausweibeln abgesegneten Provokation, nimmt er sich das selber ab? Molina ist abgebrüht, die Frage hat er natürlich so ähnlich erwartet, er erzählt von einer Begegnung mit einem Apo-Typen an der Platzspitz-Besetzung vor ein paar Wochen: «Ich habe ihm lange erklärt, dass man im Parlament einfach zuerst einmal seine Arbeit machen muss, Kompromisse eingehen, Bündnisse schmieden.» Politische Büezer-Arbeit eben, schon wieder. Unbequem sei er aber natürlich schon, wobei das in dieser Fraktion nicht viel mit der politischen Haltung zu tun habe. Molina-Lachen.

Er zündet sich eine dieser Zigaretten an, die man auf Knopfdruck in einen Atemspray verwandeln kann. «Das Wichtigste: die grossen Ideen, die Visionen, nie aus den Augen zu verlieren.» Rauch wird ausgeblasen, im Hintergrund fangen die Jungs mit den schweren Geräten an den Strassenbelag zu bearbeiten. Also kein Widerspruch, als Beinahe-Revolutionär in einem Parlament zu sitzen? Molina holt Sartre aus dem Gepäck, metaphorisch, aber es würde nicht erstaunen, wenn er ein abgegriffenes Reclam-Büchlein aus der Seitentasche zieht. «Les mains sales», die schmutzigen Hände, eine Parabel auf den ewigen Widerstreit zwischen  ideologischem Purismus und politischer Machbarkeit. «Entweder du stirbst in Reinheit deiner Ideologie, oder du machst Politik und dir dabei halt die Hände dreckig.» Mann, tönt das abgeklärt.

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Bild: abebooks

Man kann sich natürlich nicht vorstellen, dass sich Molina tatsächlich die Hände schmutzig macht, im moralischen Sinne, immerhin hat er auch schon erklärt, dass die Juso das soziale Gewissen der Mutterpartei sei. Molina hat dann auch noch ein paar dieser Marx-Engels-Hegel-Überbau-Standardtermini im Repertoire, vielleicht rutschen die ihm auch rein, wer weiss. Aber man muss aufpassen mit diesen Bildern, Molina ist ziemlich gut darin, falsche Fährten zu legen.

Jetzt määndriert man langsam Richtung Molinas Hauptthema: die Demokratie im 21. Jahrhundert. Daran wird sich der Lauf der Welt entscheiden, ist der gebürtige Illnauer überzeugt. Welche Entscheidungen werden wann von wem getroffen und betreffen wen wo? «Es ist absurd, dass wir in der Schweiz derart viel auf unsere direkte Demokratie geben, aber vergessen, dass wir eigentlich gar nichts bestimmen können.»

Genauer bitte! «Die Mitbestimmung ist trotz Initiativen, Referenden, usw., schlussendlich faktisch gering, wir können zwar über politische Themen abstimmen, aber ein wirtschaftliches Mitbestimmungsrecht gibt es zum Beispiel nicht. Die Leute merken, dass es so nicht weitergehen kann, dass uns diese Ungleichheit an den Abgrund führen wird, dass die Klimakatastrophe mit jedem Jahr mehr drängt, aber ihnen fehlt der Glaube daran, dass die Politik eine Antwort auf diese Herausforderungen hat. Und sie haben ja ein Stück weit recht!» Wieder so ein entwaffnender Molina-Flankenangriff, Politiker sprechen ja eigentlich erst dann gern über ihren begrenzten Einfluss, wenn sie sich in irgendwelche unrettbaren Interessenskonflikte verstrickt haben. Aber gut, wir befinden uns ja auch noch in der Theorie.

Molina zitiert irgendwann Milo Rau, den Theatermacher, dessen Ansatz des Weltparlaments auch eine Motion aus der Feder des SP-Politikers sein könnte. Kosmos-Demokratie, heisst es bei Molina. Ein Schritt runter in der politischen Hierarchieebene: Was ist mit der EU-Frage? Molina hat ja vor seinem Amtsantritt angekündigt, das Thema besetzen zu wollen – und somit ein bisschen Guldimanns Erbe fortzuführen. Das Rahmenabkommen, das gegenwärtig im Parlament diskutiert wird, bietet da bestes Profilierungsmaterial: «Wenn die flankierenden Massnahmen tatsächlich zur Disposition stehen sollten, wie von Bundesrat Ignazio Cassis angekündigt, dann wird dieses Abkommen scheitern, und dann bleiben als Alternativen nur die Abschottung oder der EU-Beitritt.» Es ist klar, welche der Alternativen für den SP-Politiker die richtige ist.

Ein

Bild: DPA

Nur: Hat die EU nicht auch allzu offensichtlich grobe Defizite? Fehlendes Mitspracherecht der Bevölkerung, ein zahnloses Parlament, eine gemeinsame Wirtschafts-, aber keine gemeinsame Fiskalpolitik, das Nord-Süd-Gefälle, das peinliche Geschachere um Menschen in der Flüchtlingsfrage als wären es Frachtgüter, die Abschottung an den Aussengrenzen, überhaupt der eingelegte Rückwärtsgang in zahlreichen Mitgliedstaaten in Richtung mehr Nationalismus? Molina fixiert einen, sperrt die Augen auf, verwirft die Hände, das Signal, dass das Gegenüber nichts verstanden hat: «Les mains sales! –  die EU ist kein perfektes Gebilde, bei weitem nicht, aber sie ist das einzige realexistierende Projekt in Europa, das einen Schritt in Richtung Demokratisierung grösserer Bezugsrahmen ist! Und das EU-Parlament kann Mark Zuckerberg zitieren und ihm sagen: ‹So nicht!› Die EU ist nicht besser oder schlechter als die Schweiz, aber sie ist stärker – und deshalb demokratischer.» Punkt, so ist das.

Gut, noch einmal die Partei. Zuerst aber ein Espresso, noch eine Zigarette, es macht immer noch nicht Klick, Molina bleibt bei der echten Variante. Ziemlich müde sei er, die Arbeit im Nationalrat fordernd, letzten Freitag, nach den Schlussabstimmungen, sei er am Abend nicht mehr weggegangen, er wisse nicht, wann er das letzte Mal an einem Freitag zuhause geblieben sei.

«Die einen wollen einen Aufstand für mehr Gerechtigkeit, die anderen einen Kampf für mehr Abschottung. Aber das Ziel ist, glaube ich, das gleiche: eine demokratischere Welt.»

Fabian Molina ist 27, das, kurz zur Einordnung, ist das Alter, in dem Rockstars sterben, gewöhnliche Menschen Sinnkrisen haben oder aus Versehen Kinder bekommen. Es kann schon einmal passieren, dass man ihn unter der Woche zu später Stunde in einer Beiz im Kreis 4 antrifft, in der man eher keine Politiker vermutete. Stört es ihn eigentlich, dass sein Alter immer und überall thematisiert wird? Wenn ja, dann lässt er es sich nicht anmerken. Er wolle die Jungen vertreten im Parlament, erklärte er bei jeder Gelegenheit. Jung sein ist zwar noch kein Programm, bei einem Parlament mit Altersdurchschnitt zwischen 56 und 51 Jahren ist es aber schon mal kein schlechtes Argument.

Telefon bei Roland Rino Büchel, der selber zwar auch noch nicht allzu alt ist, aber doch so etwas wie der Doyen der Aussenpolitik bei der SVP. Büchel sitzt mit Molina in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats und redet tatsächlich zuerst einmal darüber, dass Molina in seinem Alter ja noch nicht die gleiche Lebenserfahrung haben könne wie ein 60-Jähriger. Nach der altväterlichen Feststellung aber holt Büchel zu einer Lobeshymne aus: Ein Politiker mit Leib und Seele sei Molina, mit einem beeindruckenden Intellekt gesegnet, sowohl in der Kommission als auch im Plenum schon das Wort ergriffen, kurz: einer, der das Zeug habe, einmal eine grosse Rolle in der Partei zu spielen.

Ökologisch und liberal: Das Parteien-Ranking

Jetzt würde Molina vielleicht sein Molina-Lachen lachen, aber wenn man ihn fragt, ob er schon ein bisschen die nationalen Wahlen im nächsten Jahr im Hinterkopf hat, winkt er ab. Er sei zuversichtlich, dass die SP die Wahlen gewinnen werde, aber das sei natürlich keine Garantie für seinen eigenen Sitz. Gut, aber ist das PR-Zuversicht oder echte Zuversicht? In den Baum, der aus dem aufgerissenen Asphalt emporwächst, japanischer Schnurbaum, zwitschert und fiept es. Jetzt die Welt-Diagnose, die Vogelperspektive, sie ist entscheidend für die Herleitung des molinschen Optimismus: «Die Polarisierung nimmt in der ganzen westlichen Welt zu, weil die Leute genug haben von Pflästerlipolitik. Sie wollen eine Veränderung, sie sind sich vielleicht bloss noch nicht sicher, wie diese Veränderung aussehen soll. Die einen wollen einen Aufstand für mehr Gerechtigkeit, die anderen einen Kampf für mehr Abschottung. Aber das Ziel ist glaube ich das gleiche: eine demokratischere Welt.»

Er spüre einen neuen Radikalismus, sagt Molina. Und die SP ist die geeignete Partei, um diese radikale Stimmung aufzunehmen? «Ja, weil sie nicht die Fehler der Sozialdemokraten in anderen Ländern Europas gemacht hat, die mit dem dritten Weg ihre Werte verkauft haben, erstens. Und weil sie sich extrem erneuert hat in den letzten zehn Jahren, zweitens.»

Trotz der Lobeshymne: Molina, so scheint es, hat ein gespaltenes Verhältnis zu dieser Partei. Er kann sie in einem Moment heftig kritisieren und im nächsten fast liebevoll über sie sprechen. Ein Eltern-Kind-Verhältnis oder eine Hassliebe wie zur eigenen Fussballmannschaft. Wie steht es eigentlich um den inneren Zusammenhalt dieser Truppe? Man hat ja das Gefühl, die Wogen seien auch schon glatter gewesen. Molina selber hat an der Delegiertenversammlung der Zürcher SP den Streit um das Verhältnis zum ungeliebten Regierungsrat Mario Fehr mit einer Beziehung verglichen: Sein Ratschlag an die Delegierten («Hört auf eure Herzen») hat jedenfalls dazu geführt, dass man es noch einmal zusammen probiert. Molina dazu: «Ich bin Demokrat, ich akzeptiere diesen Entscheid. Die SP war ohnehin immer dann am stärksten, wenn sie interne Konflikte zugelassen hat.» Aber was die Medien aus der Affäre Fehr gemacht haben, das sei dann doch ziemlich übertrieben gewesen. Den Kommentar des Chefredakteurs dieses Mediums zum Knatsch in der SP bezeichnete er als «ehrlich gesagt einfach Bullshit.»

Man hätte gerne noch den Parteipräsidenten ein paar Worte zu Molina verlieren lassen, aber Christian Levrat nimmt das Telefon nicht ab. Dann halt Roger Nordmann. Der Fraktionschef der SP im Bundeshaus ist kurz angebunden, hat aber nur nette Worte parat: «Sehr fit und stark in den Dossiers, er machte einen guten Eindruck in dieser kurzen Zeit.» Anschliessend gleich noch ein Telefon mit Erich Hess, der auch einmal jung war und als Jung-SVP-Präsident eine Zeitlang Gegenspieler von Molina. Er scheint sich sehr zu freuen, dass ihn jemand anruft, sein Eindruck scheint: «Fabian Molina? Nun ja, sehr korrekt, aber eher trocken.»

Die grossen Fragen sind besprochen, die kleinen wurden gestreift. Vielleicht noch kurz die persönliche Geschichte des Fabian Molina durchblättern, das politische Erweckungserlebnis, das wollen ja alle wissen, liegt noch gar nicht so weit zurück, nicht so wie zum Beispiel bei Christoph Blocher, der sich wahrscheinlich selber gar nicht mehr daran erinnert. Auch eine gewisse Neugier, ob die Geschichte von Molinas Politisierung tatsächlich so gut ist, wie immer behauptet: Vater Chilene, Dutzende Male im Gefängnis wegen seiner politischen Gesinnung, in den 80er-Jahren Flucht aus dem Heimatland aus politischen Gründen. Der Sohn merkt 2006 mit 16 im gehässigen Abstimmungskampf über das Ausländer- und Asylgesetz, dass Politik dann interessant wird, wenn sie persönlich betroffen macht. In der Primarschule in Ilnau («ein herziges Kaff mit 3’000 Einwohnern») der einzige mit Migrationshintergrund («und das habe ich auch zu spüren bekommen»), dann endlich die Aufnahme in den Juso-Zirkel, grosse Erleichterung, dass es im Zürcher Oberland doch noch irgendwo Gleichgesinnte gibt.

Natürlich sei es eine auch gute Geschichte für die Medien, sagt Molina, aber sie sei eben wahr. Ausserdem könne er ja nicht bei jedem Interview eine andere Geschichte erzählen, das sei der Glaubwürdigkeit nun nicht gerade förderlich. Der Molina-Schalk wieder.

Wie geht es weiter? Wie sieht Molinas Agenda für den Sommer aus? Er kündigt vorsorglich seinen Ärger über den AHV-Steuer-Deal an, der ihn an der Delegiertenversammlung überkommen werden wird (die Delegierten beschliessen an der DV zwei Tage später schliesslich, dass eigentlich noch nichts beschlossen ist – ob man im Herbst das Referendum ergreifen wird oder eine Urabstimmung durchführen soll, mal schauen).

Im Sommer geht's dann auf grosse Ego-Retraite, Molina muss ein bisschen planen, wie es weiter gehen soll, kam ja alles ziemlich überraschend. Das 40-Prozent-Pensum bei Swissaid wird er im August an den Nagel hängen. Zuerst aber eine Woche Ferien auf Malta. Wieso Malta? Da passieren doch nur Sprachaufenthalte und Flüchtlingsrettungen? «Es ist der jährliche Ausflug unserer Theater-Truppe und ein Kollege besitzt ein Ferienhaus auf Malta.» Stimmt, er spielt ja auch noch Theater, hat man in der «Schweizer Illustrierten» gelesen, seine Paraderolle: das Schaf (weiss man vom «Landboten»). Malta-Ferien unter Laien-Schauspielern also, tönt nach ein bisschen Kultur und viel Alkohol. Molina bestätigt. Herzhaftes Molina-Lachen.

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