DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
In this Tuesday, Nov. 10, 2015 photo, Lorenzo Vidino, of Milan, Italy, top left, director of the Program on Extremism at George Washington University, addresses an audience as Rashad Ali, of London, below right, senior fellow at the Institute for Strategic Dialogue, looks on during a meeting titled

Dschihad-Experte Lorenzo Vidino bei einem Vortrag in London.
Bild: Steven Senne/AP/KEYSTONE

Dschihad-Experte Lorenzo Vidino: «Neu ist die Art, wie die Terroristen agieren – mit militärischer Taktik»

pascal ritter / schweiz am Sonntag



Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Herr Vidino, die Terroristen attackierten in Paris ein Restaurant, einen Konzertsaal und ein Fussballstadion. Warum gerade diese Ziele?
Lorenzo Vidino: Offensichtlich sind das einfache Ziele, die eine hohe Zahl an Opfern garantieren. Die Terroristen greifen das Alltagsleben von normalen Menschen an. «Charlie Hebdo» war ein strategisches Ziel. Jetzt attackieren sie Orte, wo Sie und ich an einem Freitagabend hingehen könnten. So säen die Terroristen Angst.

Lorenzo Vidino

ist Direktor des Forschungsprogramms Extremismus an der George Washington University. Er publiziert zum Phänomen des Islamismus in Europa und in den USA. Er forschte am Center for Security Studies der ETH Zürich.

Frankreich hat den IS militärisch angegriffen. Die Schweiz verfolgt eine zurückhaltende Aussenpolitik. Sind wir sicher vor solchen Anschlägen?
Die Schweiz ist kein Hauptziel der Terroristen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass sie absolut sicher ist. Vor einem Jahr flogen Anschlagspläne von Islamisten in der Schweiz auf. In Syrien und im Irak wurden auch schon Schweizer Dschihadisten trainiert. Die Schweiz ist aber nicht im gleichen Ausmass gefährdet wie England oder Frankreich.

Solange wir keine Antwort darauf haben, wie wir die Sicherheit erhöhen, ohne die Grundwerte der westlichen Gesellschaft preiszugeben und solange der IS in Syrien und im Irak ein Rückzugsgebiet hat, müssen wir mit solchen Anschlägen rechnen.

Lorenzo Vidino, Terrorismus-Experte

Interessieren sich die Terroristen überhaupt für die Aussenpolitik verschiedener Staaten oder kämpfen sie pauschal gegen die westliche Kultur?
Es ist ein Mix aus beidem. Im Communiqué des IS, dessen Echtheit sich noch zeigen muss, sind beide Elemente vorhanden. Der IS kritisiert Frankreich wegen der Bomben, aber auch weil sich Franzosen über den Propheten Mohammed lustig gemacht hätten. Und wegen des Kopftuchverbots. Es ist eine Kombination aus Aussen- und Innenpolitik. Die Schweizer Aussenpolitik ist weniger aggressiv als die britische, amerikanische oder französische. Aber die Schweiz gibt den Islamisten andere Gründe, sie nicht zu mögen. Etwa das Minarettverbot oder islamophobe Äusserungen von Politikern.

Europa wurden in den letzten Jahren immer wieder Ziel von Anschlägen. Was ist jetzt anders?
Seit den Anschlägen in Madrid vor zehn Jahren hatten wir keinen Anschlag mehr mit derart vielen Toten. Neu ist die Art, wie die Terroristen agieren: mit militärischer Taktik. Nie da gewesen ist die Anzahl Personen, die mit dem IS verbunden sind. Darum fürchte ich, dass es weitere solche Anschläge geben wird.

«Es ist nicht sehr vernünftig, den Islam pauschal zu kritisieren. Das ist destruktiv und das, was die Terroristen wollen, nämlich den ‹Clash of Civilizations› anheizen.»

Lorenzo Vidino, Dschihadismus-Experte

Warum konnte der Anschlag trotz allen Sicherheitsvorkehrungen nicht verhindert werden?
Die Franzosen gehen von über 2000 potenziellen Gewalttätern aus. 1200 Personen gingen nach Syrien, um zu kämpfen. Wie will man die alle überwachen? Die Ressourcen sind beschränkt. Mit dem Islamischen Staat zu sympathisieren und Entsprechendes auf Facebook zu posten, ist zudem noch kein Verbrechen. Es gilt die Meinungsfreiheit. Überwachungen dürfen zudem nur in einem beschränkten Rahmen durchgeführt werden.

In der Schweiz geben gewisse rechte Politiker dem Islam die Schuld und einer liberalen Einwanderungspolitik. Ist das eine berechtigte Kritik oder genau das, was die Terroristen wollen?
Offensichtlich ist es nicht sehr vernünftig, den Islam pauschal zu kritisieren. Das ist destruktiv und das, was die Terroristen wollen, nämlich den «Clash of Civilizations» anheizen. Auch die Anschläge auf die Flüchtlinge zurückzuführen, ist falsch. Die grosse Mehrheit stellt keine Gefahr dar. Gleichzeitig können wir nicht ausschliessen, dass, wenn Hunderttausende in kurzer Zeit nach Europa kommen und wir nicht überprüfen können, wer sie sind, auch einige wenige mit Verbindungen zum Terrorismus darunter sind. Alles andere wäre naiv. Was wir aber am wenigsten brauchen können sind Politiker, welche die Anschläge für ihre politische Agenda missbrauchen.

Was wäre eine angemessene Reaktion auf den Terror?
Es ist eine heikle Situation. Es gibt kaum noch Spielraum, die Gesetze zu verschärfen, ohne Grundwerte unserer westlichen Gesellschaften preiszugeben. Wir können den Geheimdiensten mehr Geld geben oder international besser zusammenarbeiten. Einer der Hauptgründe für diese Krise ist aber der Islamische Staat. Er breitet sich wie ein Krebsgeschwür aus. Solange wir darauf keine entschiedene Antwort haben und solange der IS in Syrien und im Irak ein Rückzugsgebiet hat, müssen wir mit solchen Anschlägen rechnen.

«Dieses Mal ist es Krieg»: Das sagen die Zeitungen zum Attentat in Paris

Alles zu den Anschlägen in Paris

Video zeigt Festnahme von Salah Abdeslam – weiterer Komplize von Paris-Attentätern identifiziert

Link zum Artikel

Die Namen des Horrors von Paris

Link zum Artikel

«Eagles of Death Metal»-Frontmann nach Auftritt im Bataclan: «Jeder sollte eine Waffe haben»

Link zum Artikel

6 Indizien dafür, dass der IS schwächer ist, als wir dachten

Link zum Artikel

Anonymous will IS-Terroristen mit Trojaner​ in die Falle locken

Link zum Artikel

«Daesh»: Ein Wort im Krieg – ein Wissenschaftler erklärt, wie Sprache Macht ausübt

Link zum Artikel

Warum es den IS zur Weissglut bringt, wenn Hollande und Obama ihn «Daesh» nennen

Link zum Artikel

Drei (!) Trottel schreiben was auf Facebook und «20 Minuten» macht daraus: «Schweizer Extremisten feiern Attentäter» – vielen Dank!

Link zum Artikel

Mit diesen Liedern verarbeiten watson-User die Anschläge von Paris

Link zum Artikel

Kreml reagiert mit Ausweisungen auf Sanktionen

Link zum Artikel

«Für die Muslime ist klar, dass die Anschläge nichts mit der Religion zu tun haben» – Höchster Muslim der Schweiz warnt vor Stigmatisierung

Link zum Artikel

IS-Zelle in Winterthur? «Daran besteht kein Zweifel mehr»

Link zum Artikel

Das Ziel des Islamischen Staats ist eine blutige Apokalypse

Link zum Artikel

Das sagt der Bruder von Salah und Ibrahim Abdeslam zum Attentat

Link zum Artikel

Eine Rückkehr zu mehr Nationalismus kann den Terror nicht bekämpfen – unser Fortschritt schon

Link zum Artikel

900 Euro und zwei Stunden Zeit: So leicht kommen Terroristen an eine Kalaschnikow

Link zum Artikel

«Man hat wirklich gedacht: Ich sterbe jetzt. Hoffentlich tut's nicht weh und es geht schnell»

Link zum Artikel

Über 2,5 Millionen Likes: Dieser emotionale Facebook-Post einer Bataclan-Massaker-Überlebenden geht um die Welt

Link zum Artikel

Was ist wann und wo passiert? – Die Chronik der Pariser Terrornacht

Link zum Artikel

Paris ist nicht sicher, wir sind nicht sicher – und damit werden wir leben müssen

Link zum Artikel

Handy-Video zeigt, wie Menschen aus dem Club Bataclan fliehen (Achtung: Schockierende Szenen!)

Link zum Artikel

«Zum Teufel mit dir, Tod!» – Das sagt Karikaturist Joann Sfar zu den Anschlägen

Link zum Artikel

Video: Hier stürmt die Polizei das Bataclan

Link zum Artikel

Augenzeuge des Bataclan-Massakers: «Es war ein Blutbad»

Link zum Artikel

«Hier in Paris fragen sich jetzt alle: Warum immer wir?»

Link zum Artikel

Von Bologna bis «Charlie Hebdo»: Die schlimmsten Terroranschläge in Europa

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Kurdin, Jesidin, Deutsche: Warum Düzen Tekkal nicht mehr schlafen kann

Düzen Tekkal (41) ist derzeit die wichtigste Stimme der Kurden in Deutschland. Im Interview sagt sie, dass es noch nicht zu spät ist, Rojava zu retten. «Aber jetzt muss schnell gehandelt werden.»

Wenn Düzen Tekkal einmal loslegt, dann gleich richtig. Die Deutsche mit kurdisch-jesidischen Wurzeln nimmt kein Blatt vor den Mund. Seit Wochen kritisiert sie den türkischen Angriffskrieg in Rojava öffentlich und in einer scharfen Deutlichkeit: dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan völkerrechtswidrig handelt, dass er eine ethnische Säuberung vornimmt, dass er mit seinem Handeln dem Islamischen Staat zu neuer Kraft verhilft.

Tekkal ist derzeit die wichtigste Stimme der Kurden in …

Artikel lesen
Link zum Artikel