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Wie Infantino die Fifa täuschte, um zwei Kontrolleure auszuschalten

Wie Infantino die Fifa täuschte, um zwei strenge Kontrolleure auszuschalten

Rechtzeitig vor der Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten erhält Infantino von der Schweizer Justiz einen hilfreichen Persilschein – es geht um einen umstrittenen Privatflug auf Kosten des Weltfussballverbands.
09.03.2023, 22:01
Henry Habegger / ch media
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Der inkriminierte Flug fand am 11. und 12. April 2017 statt. Mit einigen Begleitern flog Fifa-Chef Gianni Infantino von Surinam nach Genf – per Privatjet. Dabei hatte die Fifa-Administration für das Team eigentlich einen Linienflug gebucht – der allerdings an diesem Tag aus technischen Gründen verschoben worden war.

FIFA president Gianni Infantino poses on the green carpet before the ceremony of the Best FIFA Football Awards in Paris, France, Monday, Feb. 27, 2023. (AP Photo/Michel Euler)
Fifa-Chef Gianni Infantino.Bild: keystone

Wegen dieses Privatflugs gingen später, im Zug der Affäre um nicht protokollierte Treffen zwischen Infantino und dem damaligen Bundesanwalt Michael Lauber, diverse Strafanzeigen gegen den Fifa-Chef ein. Von Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung oder sogar Betrug war die Rede.

Dieses Strafverfahren um den Surinam-Flug haben die beiden ausserordentlichen Bundesanwälte Hans Maurer und Ulrich Weder nun eingestellt.

«Strafrechtlich nicht zu beanstanden»

Gegenüber CH Media sagt Maurer: «Wir kamen zum Schluss, dass die Benutzung des Privatflugs, der 129'300 US-Dollar kostete, unter strafrechtlichen Gesichtspunkten nicht zu beanstanden war.» Denn: «Der Flug war unseres Erachtens durch das Fifa-Spesenreglement für hochrangige Amtsträger abgedeckt. Aus Gründen der Vertraulichkeit wusste Fifa-intern neben Infantino selbst nur gerade eine Person vom wahren Grund des Treffens mit Vasilios Skouris, einem früheren langjährigen Präsidenten des Europäischen Gerichtshofes.»

Dass Infantino wegen des Flugs in der Folge in ein Strafverfahren verwickelt wurde, hat er sich selbst zuzuschreiben. Gegenüber der internen Compliance der Fifa liess er nämlich verlauten, er habe ein dringendes Treffen mit der Uefa wahrnehmen müssen. Konkret war von einem Meeting mit Uefa-Präsident Aleksander Ceferin die Rede. Nur zeigte sich: Ceferin war an jenem Tag gar nicht in der Schweiz, sondern in Armenien. Infantino tischte der Fifa also offensichtlich eine Lüge auf.

Es sei eine Notlüge gewesen, liess Infantino später, als er wegen des Strafverfahrens in der Klemme steckte, via «NZZ» diffundieren. Den Termin mit Ceferin habe es zwar tatsächlich nicht gegeben. Aber, so die neue Version, Infantino habe im April 2017 nicht offenlegen können, mit wem er sich traf. Diese Person, wie jetzt auch die beiden Sonderermittler Maurer und Weder bestätigen, ist Vasilios Skouris, Grieche, ehemals Präsident des Europäischen Gerichtshofs.

Abgeschossene Fifa-Ethiker ermittelten gegen Infantino

Der Hintergrund des Treffens war brisant: Infantino war dabei, einen veritablen Putsch zu organisieren. Er suchte Ersatz für die beiden Fifa-Chef-Ethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély, die er loswerden wollte. Aber Infantino wollte nicht, dass dies Fifa-intern bekannt wurde. Er plante demnach einen Überraschungscoup, einen Unterzug.

Und dafür hatte Infantino durchaus ein Motiv.

Der Deutsche Eckert und der Schweizer Borbély hatten den Ruf, unbestechlich gegen Missstände innerhalb der Fifa vorzugehen. Sie hatten 2015 die Verbandsgrössen Sepp Blatter und Michel Platini kaltgestellt. Dass sie zuvor unter dem gleichen Blatter eingesetzt worden waren, demonstrierte ihre Unabhängigkeit. Vor allem aber: Sie hatten in jenem Jahr 2017 eine Voruntersuchung gegen Blatters Nachfolger Infantino eingeleitet. Das machte am 27. April 2017 der «Spiegel» publik: Infantino werde verdächtigt, «die Präsidentschaftswahl des afrikanischen Kontinentalverbandes CAF beeinflusst und damit gegen den Ethikkodex des Verbands verstossen zu haben.» Infantino musste befürchten, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Blatter und Platini und von der Ethikkommission jahrelang gesperrt zu werden.

Infantino leistete ganze Arbeit, der Putsch gegen Eckert und Borbély folgte auf dem Fuss: Sie wurden Anfang Mai 2017 von der Fifa buchstäblich in die Wüste geschickt. Formal lief es so, dass die beiden dem Kongress in Bahrain gar nicht erst zur Wiederwahl vorgeschlagen wurden. Stattdessen wurden zwei Infantino-Günstlinge vorgeschlagen und gewählt: der erwähnte Skouris sowie die Kolumbianerin Maria Claudia Rojas. Auf seiner Reise nach Südamerika hatte Infantino in jenem April 2017 auch Rojas getroffen. Das sollte sich später für Infantino auszahlen, denn dieselbe Rojas war es, die, nunmehr Fifa-Chefethikerin, Infantinos Surinam-Flug 2020 als unbedenklich einstufte.

Zurück zum Strafverfahren gegen Infantino, das jetzt eingestellt wurde. Ermittler Hans Maurer sagt: «Wer die Idee hatte, die bisherigen Ethik-Verantwortlichen Eckert und Borbély zu ersetzen, wissen wir nicht. Aber es ist nachvollziehbar, dass der Fifa-Präsident eine Person wie Skouris, die bei der Fifa eine derart wichtige Funktion übernehmen sollte, persönlich treffen wollte.»

Dass gegenüber der internen Compliance von einem Treffen mit Uefa-Präsident Ceferin die Rede war - genauer: von einem «geplanten Besuch bei der Uefa» - sei zwar offensichtlich nicht die ganze Wahrheit gewesen, aber strafrechtlich nicht relevant, so Maurer.

«Bedeutend gewichtigeres Hauptverfahren» läuft noch

Strafrechtlich nicht, aber ethisch? Darf der Fifa-Boss also seine Compliance in die Irre führen?

Kritiker werfen ein, selbst wenn man ihm ein hehres Motiv für das Treffen mit Skouris attestiere: Er hätte die Compliance nicht anlügen müssen. Sondern ein «vertrauliches Treffen» geltend machen und auf spätere Informationen verweisen können.

Der Zeitpunkt für die Verfahrenseinstellung ist pikant - nächste Woche will sich Infantino in Kigali in Ruanda vom Fifa-Kongress als Präsident wiederwählen lassen. «Unsere Agenda hat nichts zu tun mit der Agenda der Fifa», so Maurer. Die Einstellung des Surinam-Teils, eines Nebenverfahrens, sei mit Blick auf Fokussierung auf das Hauptverfahren gefallen, eine Verzögerung sei nicht zu rechtfertigen gewesen. Und das bedeutend gewichtigere Hauptverfahren um die nicht protokollierten Treffen laufe noch, betont Maurer.

Demnach wäre der Zeitpunkt der Surinam-Einstellung ein Zufall - und jedenfalls kein Grund zur Entwarnung für Infantino.

Die Einstellung des Surinam-Verfahrens ist faktisch rechtskräftig, da nur Infantino sie anfechten könnte. Was er natürlich nicht tun wird.

Infantino «verzichtet» auf Schadenersatz

Die Fifa «begrüsste» die Einstellung des Verfahrens, wie sie mitteilte. Und weiter: «Die Schweizerische Bundesanwaltschaft ist zu dem Ergebnis gelangt, dass die vom Büro des Präsidenten und der Reiseabteilung der Fifa getroffenen Reisevorkehrungen im Einklang mit den Compliance-Regeln und -Vorschriften der Fifa standen.» Zu diesem Schluss sei zuvor auch schon die Fifa-Ethikkommission gekommen.

Zudem lässt die Fifa verlauten: «Nach der Entscheidung der Bundesanwaltschaft trägt der Bund alle durch die Ermittlungen verursachten Kosten. Der Fifa-Präsident hat auf die Geltendmachung der ihm zustehenden Schadensersatzansprüche und Entschädigungen verzichtet.»

Infantino glaubt also, auch noch Anrecht auf Schadenersatz zu haben. Schadenersatz wofür? Das führt die Fifa in der Mitteilung nicht aus.

Zudem gibt Infantino seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Justiz nun anerkenne, dass die Fifa« ihre Vergangenheit hinter sich gelassen hat und als glaubwürdige und respektierte Organisation etabliert ist».

Weiterhin am Laufen ist das Verfahren wegen der nicht protokollierten Treffen in der so genannten «Schweizerhof»-Affäre, das die Sonderermittler Weder und Maurer seit dem 15. Dezember 2015 führen, unter anderem gegen Infantino und gegen den früheren Bundesanwalt Lauber. Dort geht es um Verdacht auf Verletzung des Amtsgeheimnisses, des Amtsmissbrauchs und der Begünstigung sowie der Anstiftung dazu. Das «diesbezügliche Beweisverfahren und das Untersuchungsverfahren sind noch im Gang», so die Sonderermittler. (aargauerzeitung.ch)

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55 Kommentare
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What’s Up, Doc?
09.03.2023 23:07registriert Dezember 2015
Der Laden ist durch und durch korrupt und durchtrieben, eigentlich sind solche Nachrichten keine Überraschung.
1870
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MadPad
09.03.2023 23:14registriert Mai 2016
Kann man diese korrupte FiFa endlich zerlegen? Solange sie noch in der Schweiz ansässig sind, sobald sie sich in den nahen Osten abgesetzt haben, werden sie es sicher noch wilder als jetzt schon treiben. (Falls das überhaupt noch geht...)
1312
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PassierscheinA38
09.03.2023 22:43registriert April 2021
Unglaublich, dieser Filzdschungel!
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