Schweiz
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Alte Maschinen produzieren die neue Schweizer Zigarette.

Interview

Wie aus dem Traum eines rauchenden 12-Jährigen die erste reine Schweizer Zigarette wurde 

Mit alten Maschinen aus Rumänien stellt der Thurgauer Roger Koch die erste Zigarette her, die ausschliesslich Schweizer Tabak enthält. «Heimat» heisst sie deshalb. Seit drei Wochen ist sie im Verkauf und schon bald steht sie in den Gestellen von Coop und den Valora. 



«Alle fragen danach, seit Tagen», sagt die Kiosk-Frau am Limmatplatz in Zürich. Leider habe sie aber noch keine im Angebot. Sie meint die Schweizer Zigaretten-Marke «Heimat», die seit Kurzem an ausgewählten Kiosken und online erhältlich ist. Vis-à-vis gibt's das begehrte Produkt. «Sie laufen gut», die Feedbacks seien gemischt, sagt der Mann hinter der Kiosk-Scheibe. Er sei gespannt, ob sich die Zigarette aus reinem Schweizer Tabak auf dem Markt etablieren könne. 

Erfinder der Schweizer Zigarette ist Roger Koch, Gründer und Geschäftsführer der Ostschweizer Firma Koch & Gsell.

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Roger Koch (links) mit Nico Arn, seinem einzigen festen Mitarbeiter, beim Versand der Zigaretten. 

Koch hat mit der eigenen Zigaretten-Marke eine Idee aus seiner Kindheit verwirklicht. Er spazierte vor 29 Jahren mit seinem Grossvater Ernst Gsell im thurgauischen Zihlschlacht durch den Wald. Sie rauchten gemeinsam Zigaretten. 12 Jahre alt war er damals und die Erzählungen des Grossvaters von Tabak, der in der Schweiz angebaut wird, gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. 

Sofort umsetzen liess sich vorerst nichts. Koch wurde Lehrer, danach gründete er eine Übersetzungsfirma. 1999 packte er das Projekt an und begann in seinem Garten selber Tabak zu pflanzen. Lange tüftelte er, musste einige rechtliche Hürden überspringen, bis er schliesslich die Zulassung bekam und alles auf eine Karte setzte. 

Mittlerweile darf man fast nirgends mehr rauchen, überall gibt es Anti-Rauchbewegungen. Warum bringen Sie in so einer Zeit eine neue Zigarette auf den Markt?
Roger Koch: Ich habe mich das kaum je gefragt. Ich wollte einfach eine reine Schweizer Zigarette herausbringen, die ich selber gerne rauchen würde. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass es anderen Menschen in der Schweiz auch so geht wie mir. Und: Immer wenn ein Trend in eine Richtung geht, dann hat es auf der anderen Seite des Trends wieder viel Platz.

Der Name «Heimat» klingt etwas konservativ für eine «Szene-Zigarette». Wie sind Sie auf ihn gekommen?
Wir wollten weder einen französischen Namen wie Parisienne, noch einen italienischen wie Muratti oder englischen wie Lucky Strike. Wir wählten einen Namen, der keine weiteren Erklärungen braucht und die Herkunft des Produkts sofort klarmacht. «Heimat» gleich Schweiz – und weil es auf Deutsch ist auch «Heimat» gleich Deutschschweiz. 

«Wie wir bestehen wollen? Ehrlich gesagt, das wissen wir noch nicht.»

Wir haben die Zigarette getestet. Sie schmeckt nicht nach Zigarette, sondern nach Krummen. Warum soll das jemand rauchen wollen?  
Fast die ganze westliche Welt hat sich über etwa 100 Jahre an den klassischen American Blend gewöhnt, bei welchem zum Virginia und Burley Orient-, beziehungsweise Gewürztabake beigemischt werden. Unser Swiss-Blend schmeckt anders – natürlicher, authentischer, wie wir finden. 

Oder einfach wie Krumme ... Warum sollen die Leute auf ihre Zigarette umsteigen?
Es gibt zwei Möglichkeiten, an ein Produkt heranzugehen: Sie möchten das absolut Beste herstellen, oder sie möchten das relativ Beste herstellen. Im ersten Fall machen Sie es so lange ...

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Rumänische Leiharbeiter in der Produktionshalle in Steinach.

... Sie beantworten die Frage nicht. Wie wollen Sie gegen die Konkurrenz bestehen?
Wie wir bestehen wollen? Ehrlich gesagt, das wissen wir noch nicht. Aber wenn wir es nicht ausprobiert haben, wissen wir erstens nicht, ob wir bestehen können und zweitens nicht, wie wir es geschafft haben.  

Apropos geschafft haben: Wie bewerkstelligten Sie, aus dem Nichts eine Zigaretten-Firma auf die Beine zu stellen. Woher kommt das Geld?
Im Jahr 2015 zog ich mich aus meinem selber gegründeten Lektorats- und Übersetzungsbüro zurück. Ich machte «All-in», investierte mein ganzes Erspartes in die Zigaretten-Firma. Zudem fand ich vier Investoren. Alle drei sind Nicht-Schweizer, was doch überrascht, für ein Produkt, das so eng mit der Schweiz verbunden ist. Einheimische fand ich jedoch keine. Jetzt arbeite ich mit drei Liechtensteinern und einem Deutschen zusammen. 

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Mehrere Päckchen «Heimat Dunkel», bevor sie die Produktionshalle verlassen.

Einen ersten Erfolg können Sie bereits verbuchen. Ab Ende Mai gibt es die «Heimat» bei Coop und an allen Valora-Kiosken. Wann schreiben Sie Schwarze Zahlen?
Wir hoffen, dieses Jahr 400'000 Päckli zu verkaufen. Bei Null sind wir wohl erst nach drei Jahren. 

«Unsere Maschinen kommen aus allen Herren Länder und sind im Durchschnitt 40 Jahre alt.»

Eingangs sagten Sie, mit 70'000 verkauften Päckchen sei die Ernte 2014 bereits ausverkauft. Womit wollen Sie denn jetzt die restlichen 330'000 Päckchen produzieren?
Keine Angst. Wir haben noch genügend Tabak. Allerdings ist es so, dass wir immer den Jahrgang der Tabak-Ernte angeben. Je nach Wetter schmeckt dieser anders. Momentan arbeiten wir an der 2015er-Mischung, diese wird nun etwas früher für die Produktion verkauft. Weil das letzte Jahr ein sehr sonniges Jahr war, werden die 2015-Ernte-Zigaretten leicht anders schmecken. Das ist gewollt. Man soll die Natur spüren. Wir wollen nichts künstlich ausgleichen, damit die Zigarette immer gleich schmeckt. 

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Die Maschinen kommen aus Tschechien, England oder Italien.

Stimmt es, dass Sie Ihre Zigaretten mit alten Maschinen aus Rumänien produzieren?
Nicht ganz. Unsere Maschinen kommen aus aller Herren Länder und sind im Durchschnitt 40 Jahre alt. Die rumänische Firma New Wave Incomprest kauft solche Maschinen und restauriert sie. Solche haben wir gekauft. Zudem produzieren rumänische Leiharbeiter auf den Maschinen, die sie selbst zusammengebaut haben. Bis Ende Jahr wollen wir dieses Know-how auf Schweizer Mitarbeiter übertragen haben. Das ist nicht ganz einfach, weil es keine Schweizer Operatoren für so alte Maschinen mehr gibt. Momentan sind ein fester Mitarbeiter und fünf rumänische Leiharbeiter im Betrieb. 

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