Schweiz
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epa08688482 A handout photo made available by Sanofi shows an employee in the production of a possible Covid-19 vaccine in Frankfurt am Main, Germany, 15 September 2020 (issued 22 September 2020). The pharmaceutical company Sanofi officially started the production of its potential vaccine against COVID-19 in Frankfurt on 22 September 2020 to ensure that protection against corona infection is immediately available at the time of approval. According to Sanofi, clinical testing of this vaccine candidate began in early September. If all clinical testings are successful, Sanofi expects application for approval oft he vaccine in the first half of 2021.  EPA/MARTIN JOPPEN / SANOFI / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Mehrere Pharmafirmen positionieren sich schon im (PR-)Wettrennen um einen möglichen Corona-Impfstoff. Bild: Sanofi via keystone

Interview

«Beim Corona-Impfstoff ist so ziemlich alles anders als bei der Grippe-Impfung»

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, erklärt im grossen Interview, wie es bei den Corona-Impfstoffen aussieht.



Die Meldungen über weitere Erfolge bei der Corona-Impfstoffentwicklung gingen jetzt wegen den US-Wahlen etwas unter. Können Sie kurz zusammenfassen, was sich bei der Forschung in den letzten Tagen getan hat?
Jürg Utzinger: Es gibt zurzeit zwei Impfstoffe, die sehr weit fortgeschritten sind. In allererster Linie sind es die Entwicklungen der US-deutschen Kollaboration Pfizer/Biontech und der US-amerikanischen Moderna. Beim ersten Impfstoff wurde anfangs November 2020 bekannt, dass in 9 von 10 Personen ein Schutz vor einer Corona-Infektion erfolgte. Beim zweiten werden wahrscheinlich in den nächsten Tagen Ergebnisse von der grossangelegten Phase-III-Studie bekannt. Interessant ist, dass hinter beiden Produkten die gleiche Technologie steckt.

Hierzulande spricht man bei dieser Technologie vor allem von m-RNA. In impfablehnenden Kreisen hört man laute Skepsis, es wird gar behauptet, dass damit die DNA angegriffen werde. Was ist so besonders an diesen Impfstofftypen?
Wir haben in den letzten Jahren viel von dieser m-RNA-Technologie hören können. Jetzt ist es aber das erste Mal, dass tatsächlich auch ein Impfstoff entwickelt und getestet wurde und kurz vor der Zulassungsprüfung steht. Das ging sehr schnell, so dass ich eine gewisse Skepsis und Unsicherheit davor verstehen kann. Der Wissensstand ist noch nicht so gross wie bei anderen Impfstofftypen. Die m-RNA-Technologie bleibt aber höchst interessant und vielversprechend – wie gerade belegt von den neuesten Daten von Pfizer/Biontech.

Warum ist das so?
Das Besondere an dieser Technologie ist, dass sie Teile des Virus selbst beinhaltet. Die Forschung vermutete, dass solche Partikel eine Immunabwehr hervorrufen können. Die vielversprechenden Tests haben nun gezeigt, dass dem tatsächlich so ist. Die Forschung arbeitet da – trotz der Neuartigkeit der Technologie – nach höchsten ethischen und wissenschaftlichen Standards, damit die Sicherheit gewährleistet ist und es nicht zu unerwünschten schwerwiegenden Nebenwirkungen kommt.

Literatur zur Impfstoffforschung nannte immer den Unterschied zwischen einer Immunreaktion und einem tatsächlichen Schutz. Wurde wirklich bewiesen, dass die erforschten m-RNA-Impfstoffe auch vor einer Corona-Infektion schützen?
Ja, zumindest ist das so beim Produkt von Pfizer/Biontech. Der Impfstoff wurde in einer sogenannten Phase-III-Studie mit mehreren Zehntausend Probanden getestet als wichtiger Bestandteil des Zulassungsverfahrens. Die Probanden erhielten entweder den Impfstoff oder ein Placebo und wurden während Wochen und Monaten beobachtet. Die Daten zeigen, dass 9 von 10 tatsächlich geimpften Personen Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufweisen. Was aber noch fehlt, sind detaillierte Daten bezüglich der Altersstruktur der Probanden, und wie lange der Schutz anhält. Diese Daten sind wichtig, damit man weiss, wie gut der Impfstoff bei welchen Bevölkerungsgruppen und wie lange er wirkt.

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Jürg Utzinger (links) und Taskforce-Epidemiologe Marcel Tanner in einer Zeit, als Abstandhalten und Händeschütteln noch keine Gefahr darstellten. (Archivbild) Bild: sda

Die Hoffnung ist ja, dass es am Ende mehrere Impfstoff-Typen gibt. Die Virologin Isabella Eckerle aus Genf vermutete etwa im watson-Interview, dass es für bestimmte Risikogruppen einen anderen Wirkstoff geben wird.
Ob und wie das am Ende zutrifft, ist Teil der aktuellen Forschung. Aber ich teile die Einschätzung von Frau Professor Eckerle. Stellen Sie sich vor: Aktuell gibt es mehr als 150 Impfstoff-Kandidaten in verschiedenen Stadien der Entwicklung, wobei über 50 bereits klinischen Tests unterzogen wurden, und ein gutes Dutzend in der Phase III. Wir hören viel von den m-RNA-Kandidaten, daneben gibt es aber auch andere Technologien. Es ist interessant und wichtig, dass nicht alles auf eine Karte gesetzt wird, sondern verschiedene Ansätze verfolgt werden. Es ist gut möglich, dass erst die zweite Generation von Impfstoffen den absoluten Durchbruch markieren wird. Das ultimative Ziel muss es sein, dass am Schluss für jede Bevölkerungsgruppe – sei es nach Alter oder Vorerkrankungen – erforscht wird, welcher Impfstofftypus am besten wirkt und ohne Nebenwirkungen fair und schnell allen Leuten zugänglich gemacht werden kann.

Übrigens: Könnt ihr euch noch an den Echinaforce-Hype erinnern?

Video: sda/SDA

Wie kann man sich solche Grosstests an x-zehntausenden Probanden vorstellen?
Die Art der Durchführung der Phase III verrät das: Ein im Labor entwickelter Impfstoff, welcher erfolgreich Phasen I und II im Menschen durchlaufen hat, wird an einer grossen Anzahl an gesunden Probanden in sogenannten Infektions-Hotspots angewendet. Die Personen, die da mitmachen, machen das auf freiwilliger Basis und können gemäss höchsten ethischen Standards jederzeit vom Versuch zurücktreten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie werden über mögliche Risiken informiert und wochen- bis monatelang begleitet. Das Ganze passiert unter Einhaltung von höchsten ethischen, wissenschaftlichen und Sicherheitsprinzipien – überall auf der Welt.

«Die Forschung arbeitet da – trotz der Neuartigkeit der Technologie – nach höchsten ethischen und wissenschaftlichen Standards.»

Jürg Utzinger

Aber dann muss ich schon naiv fragen: Woher weiss man, dass ein Impfstoff tatsächlich schützt? Ich war nun mehrere Tage wegen den US-Wahlen inmitten grosser Menschenmengen. Mein COVID-19-Test diese Woche war negativ. Wäre es nicht möglich, dass auch geimpfte Probanden wochenlang nie in Kontakt mit dem Virus kommen?
Genau deshalb kommt ein Impfstoff in der Phase III des Zulassungsverfahrens an einer sehr grossen Anzahl von Probanden zur Anwendung. Kommt man in dieser Phase zum Schluss, dass bei 30'000 bis 40'000 Personen vor allem jene, die ein Placebo erhalten haben, mit dem Coronavirus infiziert wurden, dann kann man mit grosser Sicherheit sagen, dass der Impfstoff wirkt. Die Studien sind so angelegt, dass statistische Signifikanz nachgewiesen werden kann – das Resultat ist somit nicht einfach ein Zufall, sondern eben dem Impfstoff zu verdanken. Und deshalb forschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerade jetzt mit Hochdruck weiter: Solche Impfstoff-Grossversuche sind auf relativ hohe Fallzahlen angewiesen. In der Schweiz überlegte man sich im Sommer auch Probanden zu testen; damals waren die laborbestätigten Sars-CoV-2-Fälle allerdings sehr tief und es hätte eine enorm hohe Probandenzahl benötigt, um einen Nachweis der Wirksamkeit eines Impfstoffkandidaten zu belegen.

Aber das bedeutet – zynisch gesagt – dass die Impfstoff-Forschung von hohen Fallzahlen profitiert?
Das ist eine überspitzte Aussage; vor allem muss man die Fallzahlen der einzelnen Staaten mit ihrer Bevölkerungszahl relativieren. Es ist aber schon so, dass eine Gegend mit vielen Neuinfektionen normiert auf, sagen wir pro Million Einwohner, als Hotspot bezeichnet werden kann, und die Wirksamkeit von Impfstoffen sinnvollerweise in solchen Hotspots getestet wird.

Die Zulassungsbehörden betonten, dass bei ihnen das «Safety-First-Prinzip» gelte. Wir haben aber jetzt diese laufende Zulassungsprüfung: Die Pharmafirmen senden den Behörden fortlaufend neue Daten, um den ganzen Prozess zu beschleunigen. Kann sowas wirklich eine genaue Zulassungsprüfung ersetzen, die zuvor jahrelang dauerte?
Das ist so nicht ganz korrekt. Es waren nicht die Behörden, die jahrelang für die Zulassung brauchten. Die Entwicklung eines neuen Impfstoffs, inklusive Prüfung von den Zulassungsbehörden, dauerte im Schnitt zehn oder mehr Jahre. Dieser Prozess wurde nun enorm beschleunigt durch sogenannte «Rolling Procedures». Die Behörden werden aber wie zu normalen Zeiten die Daten der Impfstoffentwickler ganz genau prüfen und keine Kompromisse eingehen, wenn es um die Sicherheit der Bevölkerung geht. Da habe ich grösstes Vertrauen.

Die Schweiz sichert sich zurzeit grosse Mengen an Impfstoffdosen. Wie wird die Logistik nun vorangehen?
Ich kann als Vergleich das Beispiel der Impfung gegen Influenza geben. Es galt: Nach der Grippesaison ist vor der Grippesaison. Kantone, Spitäler und Institute haben im Frühling zum Telefon gegriffen und ihre Bestellungen für den kommenden Herbst/Winter durchgegeben. Die Impfstoffe wurden dann geliefert und bis zum Beginn der Grippesaison im Kühlschrank gelagert. Die Lieferanten konnten da auf Erfahrungswerte setzen und ihre Produktionen gut planen.

Beim Coronavirus ist das aber anders.
Richtig, und zwar so ziemlich alles. Einerseits haben wir hier das Vorkaufsrecht einzelner Staaten, und die nutzen das. So auch die Schweiz. Wenn wir aber von den Produktionsfirmen hören, dass bis Ende Jahr erst gegen 50 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen können, dann überrascht es nicht, dass es bei den aktuellen Impfstoffen eine riesige Nachfrage gibt. Das wird sich zwar mit der Zeit entspannen und einpendeln, wir müssen aber jetzt schon an einem guten und fairen Verteilschlüssel arbeiten und Preise ja nach Kaufkraft anpassen, damit jene Bevölkerungsgruppen zuerst geschützt werden, die den Schutz am meisten benötigen – beispielsweise spezielle Risikogruppen und Gesundheitspersonal.

Und die Logistik? Die ist dann wie beim Grippe-Impfstoff?
Nein, das ist das zweite Problem. Die m-RNA muss bei sehr kalten Temperaturen gelagert werden. Die Rede ist von −70 Grad Celsius. Das wird logistisch gesehen eine riesige Herausforderung werden und ich kann mir vorstellen, dass es hier zu einer Zentralisierung kommt, weil die Kühlkette nicht bis in alle entlegenen Orte, wie zum Beispiel in Afrika südlich der Sahara, gewährleistet werden kann.

«Die m-RNA muss bei sehr kalten Temperaturen von minus 70 Grad gelagert werden.»

Jürg Utzinger

Die Schweiz ist im europaweiten Vergleich bekannt für die überdurchschnittlich hohe Impfskepsis. Kann es sein, dass wir hier auf hunderten Impfdosen sitzen bleiben?
Wir müssen die Argumente der Impfskeptikerinnen und -skeptiker ernst nehmen, und dennoch denke ich, dass dies zur Zeit ein Nebenschauplatz ist. Wir dürfen sicherlich keinen Druck ausüben und keinen Impfzwang ausüben. Erfolgreicher erscheint mir deshalb eine ehrliche und transparente Kommunikation. Die Bevölkerung muss auch verstehen, dass man mit einer Impfung nicht nur sich selbst, sondern auch andere schützt – das Prinzip von Public Health.

Wirst du dich gegen das Coronavirus impfen lassen?

Sie verfolgen die ganze Impfstoff-Entwicklung täglich mit. Haben Sie volles Vertrauen in die Forschung, oder gibt es bei Ihnen auch irgendwelche offenen Fragen?
Wir leben in einer unglaublichen Zeit: Bisher dauerte es Jahre bis Jahrzehnte, bis ein neuer Impfstoff entwickelt wird. Und das wurde praktisch über Nacht beschleunigt, weil die Forschung weltweit offen und transparent zusammengearbeitet hat, ohne die ethischen, wissenschaftlichen und Sicherheitsgrundsätze zu kompromittieren. So wurde wenige Wochen nach der ersten Covid-19-Infektion in China das Genom des Virus dekodiert und der ganzen Menschheit offen zur Verfügung gestellt. Diese «Open Science» hat vieles verändert und ich hoffe, dass auch der daraus resultierende Impfstoff als «Global Public Good», als globales öffentliches Gut, anerkannt wird. Die grosse Frage, die ich mir aktuell stelle, ist, wie wir es erreichen, dass ein schützender Impfstoff allen Menschen rasch und fair zugänglich gemacht wird, egal ob man reich oder arm ist, oder im Norden oder im Süden lebt.

Wer ist Jürg Utzinger?

Jürg Utzinger ist Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH) und Professor für Epidemiologie an der Universität Basel. Er besitzt einen MSc in Umweltwissenschaften und einen PhD in Epidemiologie. Er stellte sich am Freitag dem watson-Interview.

So kam das Coronavirus in die Schweiz – eine Chronologie

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