Schweiz
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Thomas N., mutmasslicher Mörder von Rupperswil, bild: Tele M1

Anklage wegen mehrfachen Mordes im Fall Rupperswil: Thomas N. Bild: Tele M1

Interview

Gerichtspsychiater zum Fall Rupperswil: «Thomas N. wird wohl nie wieder freikommen»

Die Staatsanwaltschaft Aarau-Lenzburg erhob am Donnerstag Anklage im Fall Rupperswil. Dem Beschuldigten Thomas N. werden unter anderem mehrfacher Mord, sowie mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind vorgeworfen. Der langjährige Gerichtspsychiater Andreas Frei sagt, dass eine lebenslange Verwahrung bei Thomas N. sehr wahrscheinlich sei.



Herr Frei, mehr als ein Jahr nach der grausamen Tat in Rupperswil erhebt die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau Anklage. Wieso hat es so lange gedauert?
Andreas Frei: Es handelte sich um eine extrem komplizierte Untersuchung, die Polizei musste unzählige Spuren auswerten und Befragungen durchführen, zudem nehmen die Gutachten viel Zeit in Anspruch. 16 Monate sind nach meiner Erfahrung in so einem Fall eine durchaus übliche Zeitspanne.

Andreas Frei

Andreas Frei, leitender Arzt Fachstelle Forensik Psychiatrie Baselland. Bild: zvg

Die Staatsanwaltschaft plädiert unter anderem auf mehrfachen Mord – bekommt der mutmassliche Täter lebenslänglich?
Das ist eine juristische Frage. Das Strafmass spielt bei Thomas N. aber ohnehin keine grosse Rolle. Viel eher die Frage nach der Massnahme.

Im Raum steht die sogenannte lebenslängliche Verwahrung.
Ja, nach allem, was man weiss, handelt es sich bei Thomas N. um einen hochgefährlichen Täter, der an einer psychischen Störung leidet, die nur schwer oder gar nicht zu behandeln ist. Dafür spricht etwa, dass er bereits vor der Tat konkrete Vorbereitungshandlungen unternommen hatte. Auch die Rückfallgefahr dürfte extrem hoch sein.

Sie rechnen also mit einem Antrag auf lebenslängliche Verwahrung?
Ja. Ein starkes Indiz dafür ist, dass die Staatsanwaltschaft zwei Gutachter auf den Fall angesetzt hat – eine Voraussetzung für die lebenslängliche Verwahrung.

Bislang wurde erst eine lebenslange Verwahrung rechtskräftig ausgesprochen, alle anderen hob das Bundesgericht auf. Wird Thomas N. lebenslang verwahrt?
Ich denke schon. Nach der heutigen Praxis ist es praktisch ausgeschlossen, dass er je wieder frei kommt. 

Thomas N. soll vier Menschen auf brutale Art und Weise umgebracht und sich mehrmals sexuell am minderjährigen Sohn der Familie S. vergangen haben. Was können Sie über die Persönlichkeit des Beschuldigten sagen?
Es gibt starke Hinweise darauf, dass Thomas N. zum Zeitpunkt der Tat an einer Paraphilie litt, einer Störung der Sexualität, die sich in seinem Fall auf Kinder richtete. Wenn man sich die Details der Tat vergegenwärtigt, hat er zudem unverkennbar sadistisch gehandelt. Aus dieser Mischung ergibt sich die Untherapierbarkeit.

Die Staatsanwaltschaft hat bei Thomas N. auch «umfangreiches kinderpornographisches Material» sichergestellt, wie sie in der Medienmitteilung schreibt.
Ja, aber man muss vorsichtig sein. Der Grossteil der Leute, die Kinderpornographie konsumieren, wird nicht durch sogenannte Hands-on-Delikte, also Übergriffe, straffällig. Dass Thomas N. im Besitz von kinderpornographischem Material war, deutet wie gesagt auf eine paraphile Störung hin.

Wird es sich für Thomas N. in irgendeiner Weise günstig auswirken, dass er von Anfang an geständig war, und auch geständig geblieben ist?
Das mag vielleicht günstig sein für eine eventuelle nachfolgende Therapie. Hinsichtlich Strafmass oder der Einschätzung der Gefährlichkeit ist das aber unerheblich.

Angenommen, Thomas N. wird tatsächlich zu einer lebenslänglichen Verwahrung verurteilt, wie geht es dann weiter mit ihm?
Man wird eine Therapie versuchen, auch wenn diese aussichtslos sein sollte. Er wird wohl in einem Hochsicherheitsgefängnis in einen speziellen Therapietrakt kommen, und dort einer gruppentherapeutischen Behandlung unterzogen.

Der Vierfachmord in Rupperswil hat die Schweiz erschüttert wie wenige Kriminalfälle zuvor ...
Ja, spontan kommen mir in den letzten 30 Jahren nur fünf bis zehn vergleichbare Fälle in den Sinn. Der fünffache Kindermörder Werner Ferrari, der als Babyquäler bekannt gewordene René Osterwalder, sowie der ‹Mord am Zollikerberg›, bei dem der zu lebenslänglich verurteilte, mehrfache Mörder und Vergewaltiger Erich Hauert die Pfadfinderin Pascale Brumann tötete.

Der ‹Mord am Zollikerberg› veränderte nicht nur Strafvollzug, er führte schlussendlich auch zur Einführung der lebenslänglichen Verwahrung. Wird der Fall Rupperswil dereinst eine ähnliche Auswirkungen auf Justiz, Polizeiarbeit oder Forensik haben?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Ausgangslage ist eine völlig andere. Beim Mord am Zollikerberg handelte es sich um einen verurteilten, lebenslänglich inhaftieren Täter, Thomas N. hingegen war ein unbeschriebenes Blatt. Die Polizei hat im Fall Rupperswil zudem, nach allem was bekannt ist, mit einer unglaublichen Akribie gearbeitet.

Es gab also im Vorfeld keine Anzeichen, dass Thomas N. zur Tat schreiten würde?
Nein, zumindest wäre mir nichts darüber bekannt. Klar, es gibt Fälle von Mehrfachtötungen, bei denen man im Nachhinein mit einer gewissen Berechtigung sagen kann: Man hätte es ahnen können. Aber bei Thomas N. gab es nichts dergleichen. Jedenfalls nichts, das ein prophylaktisches Handeln gerechtfertigt hätte.

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau äussert sich nicht über den Umfang und den Inhalt der psychiatrischen Begutachtung. Dies werde erst an der Hauptverhandlung geschehen, wie Sprecherin Fiona Strebel sagt. Wann der Prozess stattfinden wird, könne man heute noch nicht abschätzen. (wst)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 08.09.2017 03:01
    Highlight Highlight Wenn die Psychiater vor den Morden von Rupperswil ein Gutachten hätten erstellen müssen von Thomas, dann hätten sie den jungen Junioren-Trainer als gesunden jungen Mann beschrieben. Als ein nützliches Glied der Gesellschaft. Darum sind die Gutachten der Psychiater nach der Tat absolut nichts wert - aber auch rein gar nichts.

    Ich möchte ja schon gerne wissen, wieviel so ein Psychiater für so ein nutzloses Gutachten kassiert. Kein Wunder, steigen unsere KK-Prämien ins Unglaubliche. Diese forensischen Gutachten sind eine freche, dreiste Absahnerei, mehr nicht.
    • Aglaya 08.09.2017 07:29
      Highlight Highlight Forensische Gutachten werden nicht über die Krankenkasse finanziert, sondern die Kosten zählen zu den Gerichts-/Untersuchungskosten, die dem Verurteilten auferlegt werden, im Falle eines Schuldspruchs.
    • satyros 08.09.2017 14:24
      Highlight Highlight Man könnte jetzt schon einwenden, dass eine solche Tat ein ziemlich einschneidendes Ereignis ist, das Wohl Seiten der Psyche des Beschuldigten offenlegt, die man sonst nicht erkannt hätte. Aber ja: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.
  • Spooky 08.09.2017 02:04
    Highlight Highlight Die Psychiatrie war noch nie eine exakte Wissenschaft. Anstatt forensische Gutachten von forensischen Psychiatern erstellen zu lassen, könnte man genausogut Mike Shiva damit beauftragen. Bei Mike Shiva wäre es zwar um Einiges teurer, aber die Trefferquote garantiert genauer.
  • Pumpido 08.09.2017 00:04
    Highlight Highlight Was denn sonst????
  • Michael Mettler 07.09.2017 21:08
    Highlight Highlight Weiss jemand warum diese Mischung der psychischen Krankheiten untherapierbar ist?
  • ChiefJustice 07.09.2017 20:40
    Highlight Highlight Dass das Geständnis keine Auswirkung auf das Strafmass haben soll ist wohl entweder ein Verdreher oder dann eine Fehlaussage des Psychiaters. Ein sofortiges Geständnis nicht strafmindernd zu berücksichtigen wäre bundesrechtswidrig und wird vom BGer nicht gestützt.
    • Madison Pierce 07.09.2017 22:04
      Highlight Highlight Auf Mord steht soweit ich weiss zwingend lebenslange Haft. Da hilft ein Geständnis nichts. In anderen Fällen könnte man mit einem Geständnis evtl. eine Verurteilung wegen Totschlags oder vorsätzlicher Tötung erreichen, aber bei einer so geplanten Tat wird das nicht in Frage kommen.
    • Randy Orton 07.09.2017 22:36
      Highlight Highlight Auf die Entscheidung für eine lebenslange Verwahrung wird ein Geständnis aber keinen Einfluss nehmen, das meint der Psychiater.
    • Judge Dredd 07.09.2017 23:24
      Highlight Highlight @Madison
      Däru hat schon recht mit seiner Aussage. Auf jede Straftat, inkl. Mord, steht laut StGB eine minimale und eine maximal Strafe:

      Ein Mord wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 10 Jahren oder einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe bestraft.

      So besteht auch bei Mord die Möglichkeit auf Strafmilderung durch ein Geständnis.

      Wo der Psychiater jedoch recht hat ist, dass über das Strafmass hinaus eine Verwahrung angeordnet werden kann (eine sogenannte Massnahme). Diese wird unabhängig von Milderungsgründen gefällt und stützt sich nur auf das diagnostizierte Gefährdungspotential
    Weitere Antworten anzeigen
  • satyros 07.09.2017 19:22
    Highlight Highlight Bei allem Respekt für Gerichtspsychiater, deren Arbeit und Erfahrung: Auch bei den Fragen ob und welche Massnahme angeordnet wird, ob eine solche Anordnung vor Bundesgericht standhält und ob sich ein Geständnis strafmildernd auswirkt handelt es sich um juristische Fragen, die nicht in deren Fachbereich fallen. Und welche Störungen hier genau vorliegen, ist wohl kaum mittels Ferndiagnose gestützt auf Medienberichte möglich.
    • Max Dick 07.09.2017 22:55
      Highlight Highlight Falsch, es geht ja nicht um die Bestrafung, sondern um die Verwahrung. Darüber hat dann zwar im Endeffekt auch der Richter zu entscheiden, aber diese Frage geht sehr wohl in den Bereich der Gerichtspsychiatrie.
    • satyros 08.09.2017 00:59
      Highlight Highlight Für die Anordnung der Massnahme ist das Gericht zuständig und es ist damit eine juristische Frage. Sie kann vom Gericht nicht ohne Beizug von Fachgutachten - für die lebenslange Verwahrung zweier unabhängiger Gutachten - beantwortet werden. In diesen Gutachten steht jedoch nicht "es ist eine lebenslange Verwahrung anzuordnen". Diese Frage muss das Gericht selber beantworten. Darauf hat das Bundesgericht auch schon mehrfach hingewiesen.
  • Digichr 07.09.2017 18:06
    Highlight Highlight Wenn das so wäre, wäre es ja gut. Ich habe aber meine Zweifel, wenn ich so lese was Richter so entscheiden.
    • Robi14 08.09.2017 00:08
      Highlight Highlight Richter entscheiden eigentlich nicht, sie legen ein Gesetz aus (über das Sie und ich letztendlich abstimmen können).

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