Letzte Woche informierte Schweiz Tourismus zusammen mit der Konferenz der regionalen Tourismusdirektoren (RDK) über Overtourism in der Schweiz. Kurz zusammengefasst wurde festgestellt: kein «Overtourism» in der Schweiz, aber ernstzunehmende Engpässe. Massen- oder Übertourismus ist weltweit kein neues Phänomen, in der Schweiz gibt es ihn aber nicht flächendeckend.
Fast 60 Prozent der watson-User stimmten dieser Einschätzung in unserer Umfrage zu. Für fast 3 von 10 Personen ist Übertourismus in der Schweiz aber flächendeckend ein Problem. Klar ist auf jeden Fall: Das Thema bewegt. Jetzt stehen die Sommerferien vor der Tür. Und damit werden wieder tausende Menschen die Schweiz bereisen, ihren Liebsten mit einer WhatsApp-Nachricht und der ganzen Welt auf den sozialen Medien die Schönheit unseres Landes zeigen. Das kann einen Run auf bestimmte Orte auslösen.
Wie kann man dem vorbeugen? Ist es wirklich so schlimm? Was ist mit bisherigen Hotspots geschehen? Wir haben bei Markus Berger, Leiter Unternehmenskommunikation von Schweiz Tourismus, nachgefragt.
Markus Berger, letzte Woche sagte Schweiz Tourismus, unser Land sei punktuell von «Overtourism» betroffen. Wo sind diese Orte?
Markus Berger: Normalerweise sind das so fünf bis sieben Orte. Im Wesentlichen natürlich Luzern und Zermatt, vielleicht kann man noch Interlaken dazunehmen.
Wie gehen diese touristischen Zentren damit um?
Der Vorteil von Luzern und Zermatt ist, dass dies traditionelle und alt gewachsene Destinationen sind. Die betreiben seit fast 200 Jahren Tourismus. Sie wurden nicht über Nacht von Gästen überfallen. In Zermatt leben praktisch alle direkt oder indirekt vom Tourismus. Da ist die Akzeptanz hoch. Luzern ist ein grösserer Ort mit mehr Menschen, die nichts mit dem Tourismus zu tun haben. Da kann es schwieriger werden.
Diese Destinationen sind ja bekannt. Aber dann gibt es noch jene, die «plötzlich gestürmt» werden. Das klassische Beispiel ist der Aescher. 2014 postete Ashton Kutcher ihn als Geheimtipp auf Facebook, 2015 druckte National Geographic ein Bild davon auf die Frontseite ihres Buches «Places of a Lifetime» und 2016 teilte Roger Federer seinen Besuch im Alpstein in den sozialen Medien. Wie soll man damit umgehen?
Ja, die sozialen Medien haben diese Phänomene befeuert. Aber grundsätzlich gab es das auch schon früher. In den 1980er-Jahren wurde der Heidi-Film in Japan gezeigt. Wenig später wurde Maienfeld – touristisch nicht vorbereitet – mit Gästen aus dem Land der aufgehenden Sonne überschwemmt. Auch beim Aescher hat man Massnahmen getroffen.
Welche?
Der Aescher war vor rund vier Jahren wohl auf dem Höhepunkt. Man hat mittlerweile aber Vorkehrungen getroffen. Es gibt eine Besucherlenkung, Parkplätze, ein neues Betreiberkonzept im Gasthaus, diverse Warnschilder für die Wanderwege. Probleme gibt es mittlerweile eigentlich nicht mehr.
Aber voll ist es im Aescher noch immer?
An schönen Tagen werden wir nicht verhindern können, dass es dort viele Leute hat. Aber die Besucherströme sind jetzt geregelt und es wird nicht mehr viel kaputt gemacht. Die Karawane zieht auch weiter: Durch Instagram und Co. sind die Leute schnell an einem Ort und schnell wieder weg. Zudem lernen die Orte, mit dem Andrang umzugehen.
So wie in Iseltwald, wo ein Drehkreuz beim Steg installiert wurde?
Iseltwald ist ein gutes Beispiel. Durch die koreanische Netflix-Serie «Crash Landing on You» pilgerten plötzlich unzählige Touristen zu den Drehorten. Oder vor allem zu jenem in Iseltwald. Es gibt ja in der Schweiz noch einige andere davon.
Und was hat man gemacht?
Das Drehkreuz machte die Runde. Vor Ort wurden mehr Abfalleimer aufgestellt, es gibt bessere Wegweiser und Rundfahrttickets mit dem Schiff. Das hat die Lage entspannt. Aber auch hier gilt: Die Massnahmen schaffen Abhilfe und der Hype geht vorbei.
Schön wäre ja, wenn die Orte sich auf die Hypes vorbereiten könnten. Kann man die Hypes nicht vorhersehen?
Das ist kaum möglich. Die Dynamik kann schnell entstehen. Wer weiss schon, was im Herbst aufkommen wird? Teilweise erhalten wir die Meldung von ausländischen Märkten, dass ein Ort in der Schweiz zum Trend werden könnte. Aber meist merken es die Destinationen selbst zuerst und kommen dann auf uns zu.
Was geschieht dann?
Wir schauen es zusammen mit den Destinationen an. Tourismus-Direktor Martin Nydegger reiste schon an solche Orte. Wir geben Tipps und vernetzen die Destinationen unter sich.
Das löst die Probleme aber kurzfristig kaum.
Nein, einen Quick Fix gibt es meist nicht. Aber es gibt einige Massnahmen, die schnell umsetzbar sind. Und wir wollen die Aufmerksamkeit verteilen.
Wie läuft das konkret bei Iseltwald?
Wie erwähnt gibt es in der Schweiz noch weitere Drehorte von «Crash Landing on You». Wir versuchen, die ebenfalls bekannt zu machen. Wir luden auch einige Influencer aus Korea auf einen Schweiz-Trip ein, um ihnen noch andere Orte zu zeigen. Das Ziel ist es, eine Kette mit vielen kleinen Perlen anzufertigen und den Gästen so weitere Optionen zu geben.
Das hört sich ein wenig an, wie das «flatten the curve» während der Coronapandemie. Funktioniert das Konzept?
Kurzfristig ist das schwierig. Aber langfristig ist das der Weg. Die Absicht der Tourismusbranche ist nicht, dass wir Gäste abwimmeln, sondern dass wir besser organisieren und den Fächer neben den bereits bekannten Highlights öffnen.
Ein Problem ist ja auch, dass heute jede und jeder einen Schnappschuss eines Orts im Internet posten kann?
Ja, wir arbeiten mit weltweit rund 3000 Influencern und Content Creators zusammen. So können wir das ein wenig steuern. Davos-Klosters hat beispielsweise fast keine chinesischen Gäste. Wir schickten darum chinesische Journalisten und Content Creators auf Wanderwege und E-Biketouren rund um Davos-Klosters. Das wird einen Effekt haben. Aber ja, all die privaten Accounts auf den sozialen Medien können wir nicht steuern. Die machen dann in der Summe allerdings viel mehr aus.
Da gehöre ich mit meiner wöchentlichen «Rauszeit»-Serie bei watson und meinem Instagram-Account ja auch dazu. Wie wollen sie diese kleineren steuern?
Das können wir nicht beeinflussen.
Finden Sie, man sollte touristische Geheimtipps für sich behalten?
Dazu machte ich vor circa sechs Jahren eine spannende Erfahrung. Wir waren mit ausländischen Influencern bei Crans Montana unterwegs an einem See. Es war wunderschön. Dann machten die Influencer unter sich ab, dass sie kein Geo-Tagging machen und den Namen des Sees nicht verraten werden. Sie wollten, dass die Leute diesen selber finden konnten.
Das ist aber scheinheilig. Wenn ich ein Bild online sehe, finde ich mit Google im Normalfall innert Sekunden raus, was da drauf ist.
Ich will damit sagen, dass sich viele Influencer ihres Handelns durchaus bewusst sind und sich diese Fragen schon stellen. Die Ambivalenz ist schwierig. Sie wollen schöne Orte zeigen, aber nichts zerstören.
Das ist ein guter Punkt. Ich erhalte neben Lob auch immer wieder Kommentare, die sagen, dass ich mit dem Verraten von Ausflugstipps diese kaputt mache.
Die Frage ist ja, warum geht der Ort kaputt? Das Problem sind vor allem Littering und Menschen, die irgendwo ihr Geschäft verrichten. In Lavertezzo hatten wir diesen Ansturm durch den Post eines italienischen Bloggers, der das Verzasca-Tal als «Malediven Mailands» anpries. Mittlerweile sorgen dort unter anderem Ranger für Ordnung und es wurden Toitoi-WCs bereitgestellt.
Littering ist eines der Hauptärgernisse gemäss Ihrer Umfrage.
Ja, es sind die gesellschaftlichen Themen. Diese spitzen sich beim Tourismus zu. Da sind aber nicht nur die ausländischen Gäste das Problem. Wir kennen die Bilder von den Wiesen am Zürcher Seebecken, die nach schönen Wochenenden übersät sind mit Abfall. Dort hat es auch viele Einheimische, die sich nicht an die Regeln halten und die Natur oder Mitmenschen nicht respektieren.
Ein anderes Thema sind die kulturellen Unterschiede, die bei Touristinnen und Touristen teilweise auffällig sind und über die sich Einheimische ärgern. Was kann man dagegen tun?
Es ist einfach, auf die ausländischen Gäste zu zeigen. Wir vergessen dabei manchmal, dass wir in anderen Ländern auch Gäste sind und da nicht alle Gepflogenheiten kennen. Das kann auch ohne Absicht passieren. Aber klar: Wir arbeiten auch mit Reiseanbietern zusammen und machen diese darauf aufmerksam, worauf Schweizerinnen und Schweizer empfindlich reagieren. Die Gäste sollen sich auch leichter informieren können, was bei uns für (ungeschriebene) Regeln fürs Zusammenleben gelten. Wichtig ist aber noch etwas anderes.
Bitte.
Haupttreiber für Overtourism sind die Schweizerinnen und Schweizer. Inlandstouristen machen über 50 Prozent der Gäste aus. An einem schönen Samstag ist es überall voll. Dann sind auch die Einheimischen unterwegs. Und das soll auch so sein. Wir müssen uns dem einfach bewusst sein.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Tourismus. Da wissen Sie sicher auch, wie man Massenansammlungen von Touristinnen und Touristen ein Schnippchen schlagen kann?
Wenn ich selbst auf Reisen bin, überlege ich mir dreimal: Will ich wirklich das Matterhorn sehen? Muss ich am Samstag zur Kapellbrücke? Ich erkundige mich im Voraus. Und wenn ich schon weiss, dass es voll sein wird, und trotzdem hin will, gehe ich mit einer ganz anderen Einstellung hin. Aber besser ist: Ich gehe an einen anderen Ort oder zu einer anderen Zeit.
Blaise Pascal