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Kiffen ist spiessig, deshalb müssten Kiffer gegen die Cannabis-Legalisierung sein

Kommentar

Kiffen ist spiessig, deshalb müssten Kiffer gegen die Cannabis-Legalisierung sein

20.04.2016, 15:0321.04.2016, 10:03

Zürich, Bern und andere Schweizer Städte wollen in Pilotversuchen kontrolliert Cannabis verkaufen. Der Verein «Legalize it!» plant gar eine eidgenössische Volksinitiative. Auf einen bislang unterschätzten Aspekt der Cannabis-Legalisierung verweist Thomas Widmer vom «Tages-Anzeiger»: 

«Jede Droge ist so stark wie ihr Image. Möglich, dass eine Hanfabgabe unter staatlicher Aufsicht den Hanfmythos killt.»
Thomas Widmer
 quelle: quelle: tagesanzeiger.ch

Soll heissen: Wenn Cannabis nicht mehr verboten ist, entspricht dessen Genuss auch keinem Akt der Auflehnung gegen Staat, Gesellschaft und System mehr. Widmer lässt offen, ob das zu einer Abnahme des Cannabis-Konsums in der Schweiz führen würde und wenn ja, ob das aus seiner Sicht zu begrüssen sei.

Mit der Bezeichnung «Hanfmythos» allerdings trifft er den Nagel auf den Kopf. 

Die Stiftung Sucht Schweiz geht davon aus, dass mehr als ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren schon Erfahrung mit Cannabis hatte. Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, Kiffen in der Schweiz sei Mainstream. Aber eigentlich wäre das noch beschönigend.

Kiffen ist, was Tätowierungen, Motorradfahren und Heavy Metal schon länger sind: Vergangene Symbole der Auflehnung, die ins Gegenteil verkehrt wurden und vielerorts dazu dienen, Spiessigkeit zu kaschieren. Wer im 21. Jahrhundert anders sein will, hat kein Tattoo. Wer am Wochenende mit dem Töff Passfahrten unternimmt, hat mit Wyatt and Billy aus «Easy Rider» nichts gemein.

Und als es 2014 am Metallica-Konzert im Basler St.Jakob-Park in Strömen zu regnen begann, zogen sich die «Heavys» in den hinteren Rängen umgehend ihre mitgebrachten Pellerinen über – transparent, so dass die Lederkutten mit den Metallnieten trotzdem sichtbar aber trocken blieben.

In die gleiche Kategorie gehört das Kiffen: Wer dabei auch nur im Entferntesten an Woodstock denkt, muss wirklich guten Stoff erwischt haben.

Woodstock Festival of Arts and Music (August 1969).
Woodstock Festival of Arts and Music (August 1969).Bild: AP

Erinnern wir uns an den Miniskandal, als Cédric Wermuth an der SP-Delegiertenversammlung 2008 am Rednerpult kiffte. Die Frage lautete schon damals: Wer ist der grössere Spiesser? Jene, die sich über Wermuth echauffieren? Oder Wermuth selbst, der sein Jointli offenbar für eine Provokation hält.

Der damalige Juso-Präsident Cédric Wermuth an der SP-Delegiertenversammlung in Fribourg (28.06.2008).
Der damalige Juso-Präsident Cédric Wermuth an der SP-Delegiertenversammlung in Fribourg (28.06.2008).Bild: sandro campardo/KEYSTONE

Der einzige Aspekt am Kiffen, der mit viel Goodwill noch als Auflehnung begriffen werden kann, ist die formale Verletzung des Bundesgesetzes über die Betäubungsmittel und die psychotropen Stoffe, das de jure gilt, de facto aber nicht mehr durchgesetzt wird.

Wird Cannabis aufgrund einer Volksabstimmung aus dem Katalog der Betäubungsmittel gestrichen, würde es dem Alkohol gleichgesetzt. Ein Genuss- oder Suchtmittel, je nach Konsummuster. Aber sicher kein kulturelles oder politisches Statement. Wer sich den Hanfmythos und damit das Revoluzzer-Feeling beim Rauchen bewahren möchte, so lächerlich diese in der Gegenwart auch erscheinen, der müsste an der Urne also konsequenterweise mit Nein stimmen.

Angesichts der Hunderttausenden Kiffer in der Schweiz ist also höchst ungewiss, ob die Cannabis-Legalisierung eine Chance hätte. Aufgrund einer unheiligen Allianz mit rechtsbürgerlichen Law-and-Order-Verfechtern könnte sie sogar regelrecht Schiffbruch erleiden. Wobei sich spiessige Kiffer und rechtsbürgerlich natürlich nicht ausschliessen.

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