Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
ARCHIV -- ZUM PARTEIWECHSEL DER EHEMALIGEN NATIONALRAETIN CHANTAL GALLADE VON DER SP ZU DEN GRUENLIBERALEN, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG -- Chantal Gallade, Nationalraetin ZH, von der SP Schweiz orientiert an einer Medienkonferenz der Reformorientierten Plattform der SP Schweiz zur Praesentation

Macht einen auf Luther: Chantal Galladé. Bild: KEYSTONE

Löpfe vs Blunschi

Man liebt den Verrat, aber selten die Verräterin – nein, Galladé verdient Lob

Chantal Galladé hat ihren Wechsel von der SP zu den Grünliberalen als nationales Spektakel inszeniert. Perfekt – aber auch hinterhältig. Oder nicht doch mutig? Ein Pro und Kontra.



Als Vertreterin des rechten Flügels der Sozialdemokraten hat sich Chantal Galladé einen respektablen Ruf geschaffen. Jetzt ist sie – zumindest kurzzeitig – eine nationale Figur geworden. Grund dafür ist ihr sorgsam inszenierter Austritt aus der SP und der Übertritt zur GLP. Der «Tages-Anzeiger» hat ihr dafür ein grosses Interview gewährt, die «Arena» gar kurzfristig ihr Programm auf den Kopf gestellt.

Jeder Polit-PR-Berater wird Galladé für ihren Coup Hochachtung zollen. Sie selbst sieht sich jedoch in der Rolle eines modernen Martin Luthers und will nach dessen Devise gehandelt haben: «Hier stehe ich und kann nicht anders.» Grund dafür sei, dass die SP sich europapolitisch auf einem Irrweg befinde, erklärte sie jedem, der es hören wollte.

Christian Levrat, Parteipraesident SP Schweiz, spricht bei einer Konferenz der SP Europa, am Samstag, 21. Mai 2016 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Europapolitisch auf Schleuderkurs: SP-Parteipräsident Christian Levrat. Bild: KEYSTONE

SP-Insider kaufen ihr diese Nummer nicht ab. So schreibt Koni Loepfe, der langjährige SP-Präsident der Stadt Zürich, im Wochenblatt «P.S:»: «Sie hatte mit der Partei noch eine Rechnung offen und begleicht sie vier Wochen vor den Wahlen im wirksamsten Moment. Sie erreicht damit, wie im Kommentar vom ‹Tages-Anzeiger› bereits erfolgt, die Darstellung der SP als intolerant, als Fahrzeug, das den rechten Flügel am liebsten abwerfen möchte.» (Offenlegung: Koni ist mein Bruder.)

In die gleiche Kerbe schlägt auch Daniel Binswanger in der «Republik»: Galladé sei eine ambitionierte Politikerin, «der die SP nicht die Karriere ermöglicht hat, auf die sie einen Anspruch zu haben glaubt. Jetzt zahlt sie es den Genossen heim.»

Die Verbindung von Rache und Sachpolitik kann auch fruchtbar sein. Es ist unbestritten, dass sich die SP in Sachen Europapolitik derzeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Galladé ist nicht die Einzige, die den sturen Kurs der Partei bemängelt. Selbst Koni Loepfe gibt zu: «Mit dem Vorwurf, dass die SP beim Rahmenvertrag auf einer schlechten Welle reitet, hat sie leider recht.»

Der Hotelbesitzer (und ehemaliger SP Nationalrat) Peter Bodenmann in seinem Hotel in Brig, aufgenommen am 13. November 2003.   (KEYSTONE/Gaetan Bally)  : FILM, Mittelformat]

Wiegelt ab: der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann. Bild: KEYSTONE

Altmeister Peter Bodenmann hingegen glaubt, dass das ganze Theater letztlich für die Katz sei. «Wir werden über das Rahmenabkommen abstimmen. Schneller als wir denken», sagte er in der «SonntagsZeitung». «Dank der SP und den Gewerkschaften, dank neuer flankierender Massnahmen wird es auch angenommen.»

Galladés Parteiübertritt war Polittheater – mehr nicht. Hätte sie tatsächlich ein Gewissensproblem, hätte sie auch ganz anders vorgehen können. «Ein stiller Übertritt nach den Wahlen und eine Anstandspause zum Übertritt in eine andere Partei wäre auch ein Weg gewesen», so Koni Loepfe.

Stattdessen hat sich Galladé nun ihre Viertelstunde des nationalen Ruhms erstritten. Der Preis dafür dürfte happig sein. Nochmals Bodenmann: «Madame Galladé sollte bedenken: Man liebt den Verrat, aber selten die Verräterin.»

Warum man Galladé nicht genug loben kann

Überläufer sind eher unsympathische Figuren. Ihnen haftet der Geruch des Opportunismus, wenn nicht des Verrats an. Mit solchen Vorwürfen muss sich auch Chantal Galladé herumschlagen, seit sie im «Tages-Anzeiger» ihren Wechsel von der SP zu den Grünliberalen angekündigt hat. Viele Ex-Parteikollegen reagierten empört, allen voran SP-Präsident Christian Levrat.

Man kann sie teilweise verstehen. Die 46-jährige Winterthurerin hat den Sozialdemokraten viel zu verdanken. Sie sass 15 Jahre für die Partei im Nationalrat. Und der Zeitpunkt des Wechsels nur drei Wochen vor den Zürcher Wahlen wirkte nicht ideal. Man wurde den Verdacht nicht los, dass sie ihrer neuen Partei einen Gefallen tun und bisherige SP-Wähler abwerben will.

SP Nationalrat Daniel Jositsch, rechts, spricht mit Chantal Gallade ueber seine Nomination als Staenderat an der Delegiertenversammlung der SP Kanton Zuerich am Donnerstag, 16. April 2015 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Beim Wahlvolk beliebt, in der Partei weniger: Chantal Galladé und Daniel Jositsch. Bild: KEYSTONE

Aber ist Galladé eine Verräterin? Nein, sie hat konsequent gehandelt. Seit Jahren politisierte sie auf dem rechten SP-Flügel. Sie war Mitglied der Reformplattform, zu deren Gründern Pascale Bruderer und Daniel Jositsch gehören, Galladés Ex-Lebenspartner. Sie waren und sind Zugpferde der Partei. Nicht zuletzt dank ihnen ist die SP im Ständerat so stark wie nie zuvor.

Honoriert wurde das wenig. Programmatisch steht die SP weit links. Die «Reformer» wurden an den Rand gedrängt und teilweise verhöhnt. Es erstaunt wenig, dass es einer Chantal Galladé auf gut Schweizerdeutsch «den Nuggi rausgehauen» hat. Das Fass zum Überlaufen brachte die harte Linie in der Europapolitik und das Nein zum Rahmenabkommen.

Damit hat sich die SP verrannt, denn ihre mittelständische Basis dürfte wesentlich EU-freundlicher eingestellt sein als die Gewerkschaften mit ihrer kompromisslosen Verteidigung der flankierenden Massnahmen gegen Lohndumping. Galladé ist so etwas wie die Personifizierung dieser urbanen Progressiven, mit ihrem Austritt hat sie den wunden Punkt der SP offengelegt.

Und tatsächlich hat ein Umdenken begonnen. Fraktionschef Roger Nordmann liess am Freitag in der «Arena» Flexibilität beim Lohnschutz durchblicken. Christian Levrat bekannte sich tags darauf an der Delegiertenversammlung in Goldau offen zum Rahmenabkommen. Der Galladé-Eklat war dafür nicht allein verantwortlich. Aber er hat vielleicht den letzten Schub gegeben.

In der «Arena» wurde auch deutlich, dass Chantal Galladé nicht aus Überzeugung die Partei gewechselt hat, sondern primär aus enttäuschter Liebe. Fast schon flehentlich rief sie den Gewerkschafter Daniel Lampart auf, gemeinsam an einen Tisch zu sitzen und Lösungen beim Lohnschutz zu finden. Für ihren mutigen Schritt verdient sie Lob und nicht Tadel.

In gewisser Weise kann man sie als Visionärin bezeichnen, die die SP auf den Pfad der europapolitischen Tugend zurückgeführt hat. Deshalb war vielleicht sogar der Zeitpunkt gar nicht schlecht. Gerade im Kanton Zürich leben viele dieser progressiven Mittelständler. Wenn die SP sich nun zum Rahmenabkommen bekennt, könnte sie am 24. März profitieren.

Löpfe vs. Blunschi: Wer hat recht?

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Bundesrat lehnt Lohndeckel für Bundeskader ab

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

97 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Töfflifahrer
04.03.2019 12:27registriert August 2015
Galladé als Visionärin bezeichnen? Na, na, na. Das ist reines Kalkül was die Dame hier abzieht.
19048
Melden
Zum Kommentar
TanookiStormtrooper
04.03.2019 12:41registriert August 2015
Auch die Gewerkschaften sind ja grundsätzlich für das Rahmenabkommen und haben nur mit dem Lohnschutz Mühe. Im Gegensatz zur SVP, die ihn aus Prinzip ablehnt.
Ein wirksamer Lohnschutz wäre auch etwas, dass der EU naheliegen sollte. Auf der Insel dürfte die Stimmung gegen Osteuropäer, die für weniger arbeiten, auch ein Punkt sein, weshalb die Briten keine grosse Lust mehr auf die EU hatten. Ein solcher Lohnschutz wäre also im Interesse von ganz Europa, damit die rechten Spalter nicht dauernd "die Ausländer klauen deinen Job!" brüllen können.
16137
Melden
Zum Kommentar
Salvador Al Daliente
04.03.2019 13:06registriert October 2018
Die Rache der Prozessionsraupe...
769
Melden
Zum Kommentar
97

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel