Schweiz
Medien

«20 Minuten» in Halbwahrheiten und Beleidigungen eingekleidet

«20 Minuten» in Halbwahrheiten und Beleidigungen eingekleidet – für Tamedia kein Problem 

Auf der heutigen Frontseite von «20 Minuten» prangt ein Minarett – direkt neben dem Logo der Pendlerzeitung. Für Medienwissenschaftler Otfried Jarren sind die Frontseiten ethisch bedenklich – für den Verlag nicht. 
20.11.2018, 16:3521.11.2018, 11:45

Die Frontseite der heutigen Ausgabe der Pendlerzeitung «20 Minuten» sieht anders aus als gewohnt. Neben der Aufforderung, bei der Selbstbestimmungsintiative ein «Ja» in die Urne zu legen, prangt ein Minarett. Die Titelseite wurde gekauft – vom Egerkinger Komitee um SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Gekostet hat die Frontseite 164'500 Franken, wie «20 Minuten» berichtet. 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Frontseite von 20 Minuten gekauft wurde. Bereits am 7. November wurde das Deckblatt verkauft. Die Operation Libero, Economuisse und weitere Gegner der Selbstbestimmungsinitiative warben im ähnlichen Stil  für ein «Nein».

Bild
Bild

Die Frage des Egerkinger Komitees «Sollen türkische Richter unser Minarettverbot aushebeln können?» suggeriert, dass am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) mehrere türkische Richter eine Entscheidungsmacht hätten. Dem ist nicht so. Jeder Unterzeichnerstaat der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) entsendet einen Richter in den EGMR. 47 Staaten haben die EMRK unterzeichnet, folglich sitzen 47 Richter im Gremium des EGMR. Işıl Karakaş ist die einzige türkische Richterin im EGMR. Zudem entscheiden Richter des EGMR nie alleine über einen Sachverhalt. Sie sind immer mindestens zu dritt.

Auch das von der Operation Libero gestaltete Frontblatt zeugt von wenig Gespür. Während der Satz «Die Ewiggestrigen haben abgestimmt» als Abwertung des politischen Gegners fungiert, wirkt der darauffolgende wie eine Drohung. («Du lebst ein Leben lang mit ihrer Entscheidung»)

«Hier hat Tamedia, also der Verlag, eine Prüfpflicht», erklärt Otfried Jarren, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung an der Universität Zürich. Die Redaktion von 20 Minuten habe keinen Einfluss auf den Inhalt von Werbeinseraten, so der Kommunikationswissenschaftler: «Das ist gut so und soll auch so bleiben.» Jarren kritisiert jedoch, dass der Verlag hier offenbar keine Prüfung vorgenommen habe. Dabei ist die prominente Platzierung dieser Anzeige zu beachten.

Otfried Jarren, Praesident der Eidgenoessischen Medienkommission, EMEK, aeussert sich zum Positionspapier "Zukunft der Medien- und Kommunikationsordnung Schweiz", am Montag, 30. Oktober 2017 ...
Otfried Jarren, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung an der Universität Zürich Bild: KEYSTONE

«Die Titelseiten sind sehr problematisch, nicht nur wenn man bedenkt, dass 20 Minuten eines der wichtigsten Meinungsmedien der Schweiz ist», fährt Jarren fort. Zudem verstosse das Blatt klar gegen die Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung.

«Die Titelseiten sind sehr problematisch.»
Otfried Jarren

Auf Anfrage von watson verweist Marco Boselli, Chefredaktor von 20 Minuten, an den Verlag. Dieser antwortet mit einer schriftlichen Stellungnahme: 

«Als Medium steht 20 Minuten allen Inserenten offen – auch politischen Parteien. Politische Inserate werden aber immer von unserem Rechtsdienst juristisch beurteilt und freigegeben, wenn sie rechtlich unbedenklicht sind. Dass im Abstimmungskampf zum Teil mit harten Bandagen gekämpft wird, gehört zur Politik.»

«Das Inserat verstösst nach Auffassung des Rechtsdiensts nicht gegen Gesetz und Recht.»
Remo Arpagaus, Leiter Rechtsdienst Tamedia

Auf das Inserat des Egerkinger Komitees angesprochen sagt Remo Arpagaus, Leiter des Rechtsdienstes bei Tamedia: «Das Inserat verstösst nach Auffassung des Rechtsdiensts nicht gegen Gesetz und Recht.» Letztlich entscheide der Verlag, ob ein Inserat publiziert werde oder nicht. «Der Rechtsdienst beurteilt Inserate, die ihm vorgelegt werden, allein aus juristischer Sicht», so Arpagaus. (ohe)

Was hältst du von den 20 Minuten-Frontseiten?
An dieser Umfrage haben insgesamt 4360 Personen teilgenommen

SBI-Instagram-Live-Debatte: Wermuth vs Reimann

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Präsident des Iran schenkt Parmelin dieses Buch – das steckt dahinter
Am Rande der UN-Generalversammlung, die diese Woche in New York stattgefunden hat, hat der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin den iranischen Präsidenten Masoud Peseschkian getroffen. Nach dem Treffen hat Peseschkian Parmelin ein Geschenk gemacht: Ein Buch, in dem angeblich die Verbrechen der USA gegen den Iran dokumentiert sein sollen. Schau dir im Video an, wie Parmelin das Buch erhält:
Zur Story