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20 Eritreer verlieren ihren Status – jetzt prüft der Bund 2800 weitere Dossiers

03.09.18, 09:37 03.09.18, 12:21


Das Staatssekretariat für Migration (SEM) überprüft derzeit die vorläufige Aufnahme von Eritreerinnen und Eritreern. Bisher hat es die Dossiers von 250 Personen unter die Lupe genommen. Rund 20 von ihnen dürften den Status der vorläufigen Aufnahme verlieren.

Als das SEM ankündigte, die Dossiers von 3400 vorläufig aufgenommenen Eritreerinnen und Eritreern zu überprüfen, befürchteten Flüchtlingsorganisationen, ein grosser Teil könnte den Status der vorläufigen Aufnahme verlieren. Die ersten Ergebnisse zeigen nun, dass es ein kleiner Teil sein wird.

Bei neun Prozent habe sich die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme als rechtlich vertretbar und verhältnismässig erwiesen, sagte Staatssekretär Mario Gattiker am Montag vor den Medien. Das werde zu rund 20 Aufhebungsverfügungen führen. Diese können vor dem Bundesverwaltungsgericht angefochten werden.

ARCHIVBILD ZUR MELDUNG DER SICHERHEITSPOLITISCHEN KOMMISSION DES STAENDERATES ZU MINDESTSTANDARDS FUER SICHERHEITSFIRMEN, AM DONNERSTAG, 30. AUGUST 2018 ---- Asylbewerber aus Eritrea und ein Angestellter der privaten Sicherheitsfirma Argo 1 Security Service vor der Zivilschutzanlage von Lumino am Mittwoch, 20. August. Etwa 50 Asylbewerber aus Eritrea sind seit Ende Juli 2014 in der Zivilschutzanlage von Lumino untergebracht.  (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Asylbewerber aus Eritrea und ein Angestellter der privaten Sicherheitsfirma Argo 1 Security Service vor der Zivilschutzanlage von Lumino. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Das Ergebnis liegt über den langjährigen Erfahrungswerten bei der Überprüfung von vorläufigen Aufnahmen: Gewöhnlich sind die Voraussetzungen für eine Aufhebung in rund vier Prozent der Fälle gegeben. Laut dem SEM hat die höhere Quote damit zu tun, dass in der ersten Phase viele Dossiers von Personen überprüft wurden, die ihre Dienstpflicht in Eritrea bereits erfüllt haben.

Tiefere Quote in zweiter Phase

Bis Mitte 2019 wird das SEM nun weitere 2800 vorläufige Aufnahmen eritreischer Staatsangehöriger überprüfen. In jedem einzelnen Fall wird geprüft, ob eine Rückkehr nach Eritrea im Kontext der individuellen Verhältnisse wieder zumutbar ist.

Das hängt zum einen von der Integration der Betroffenen in der Schweiz ab. Zum anderen wird beispielsweise berücksichtigt, ob diese in Eritrea Zugang zu einer minimalen Gesundheitsversorgung haben. Gattiker geht davon aus, dass die Quote bei der weiteren Überprüfung tiefer liegen wird. Liegt sie bei drei bis vier Prozent, verlieren etwa 100 Personen den Status der vorläufigen Aufnahme.

Nur noch Nothilfe

Die Betroffenen müssen die Schweiz verlassen. Wie viele Personen am Ende ausreisen werden, ist aber offen: Zwangsausschaffungen sind nicht möglich, da Eritrea solche nicht akzeptiert. Wer das Land nicht freiwillig verlässt, hat nur noch Anspruch auf Nothilfe.

Zur Frage, ob dies sinnvoll sei, wollte sich Gattiker nicht äussern. Der Gesetzgeber habe so entschieden, stellte er fest. Es handle sich allerdings um eine tiefe Zahl von Betroffenen, vergleichbar mit jener von Personen aus anderen Ländern.

Auch zur Frage, ob sich der Aufwand der Überprüfung überhaupt lohne, wenn am Ende nur wenige zurückgeschickt werden könnten, verwies Gattiker auf den Gesetzgeber. Das SEM ist zur periodischen Überprüfung der vorläufigen Aufnahmen verpflichtet.

Praxis verschärft

Das SEM hatte im Sommer 2016 die Praxis gegenüber Eritreern verschärft. Es beschloss, eritreischen Staatsangehörigen nicht mehr allein wegen der illegalen Ausreise aus dem Land Asyl zu gewähren. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte entsprechende Asylentscheide.

Vor rund einem Jahr hielt das Gericht in einem Urteil fest, dass es die Rückkehr abgewiesener Asylsuchender aus Eritrea in ihr Heimatland als grundsätzlich zumutbar erachtet. Ende 2017 beschloss das SEM, die vorläufige Aufnahme von rund 3400 Eritreerinnen und Eritreern zu überprüfen.

Trotz Nationaldienst

In einem weiteren Urteil vom Juli präzisierte das Bundesverwaltungsgericht, dass die Rückkehr abgewiesener Asylsuchender aus Eritrea auch dann zulässig und zumutbar ist, wenn diese danach ein Aufgebot für den Nationaldienst erhalten könnten.

Das Gericht kam zum Schluss, dass es zwar eine unverhältnismässige Last darstelle, auf unabsehbare Zeit eine niedrig entlöhnte Arbeit für den Staat ausführen zu müssen. Das allein stehe der Wegweisung jedoch nicht entgegen. Ausserdem komme es im Nationaldienst nicht flächendeckend zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen.

Dieser Entscheid bestätige die geltende Wegweisungspraxis des SEM und habe damit keinen Einfluss auf die laufende Überprüfung der vorläufigen Aufnahmen, schreibt das SEM.

Rasch Rechtssicherheit schaffen

In der nächsten Phase werden vor allem Dossiers von Familien, unbegleiteten Minderjährigen und jungen Personen in Ausbildung überprüft. Das Ziel sei es, bei diesen Gruppen rasch Rechtssicherheit zu schaffen, hält das SEM fest. So könnten Integrationsmassnahmen bei jenen weitergeführt werden, die vorderhand bleiben dürften.

Anschliessend werden die Verfügungen aller anderen Personen überprüft. In jedem einzelnen Fall wird auch geprüft, ob eine Person seit der vorläufigen Aufnahme straffällig geworden ist. Nicht überprüft werden rund 400 vorläufige Aufnahmen, die ab September 2017 verfügt wurden. Bei diesen wurde die neue Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bereits berücksichtigt.

Weiterhin hohe Schutzquote

Amnesty International Schweiz kritisiert die Aufhebung vorläufiger Aufnahmen. Es gebe keine Anzeichen für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in Eritrea, schreibt die Organisation in einer Mitteilung. Die restriktive Politik des SEM sei deshalb verfehlt.

Das Staatssekretariat betont seinerseits, dass weiterhin viele Personen aus Eritrea Asyl erhalten. Die Situation in dem Land sei nach wie vor asylrechtlich relevant, sagte Gattiker. Rund 50 Prozent der Asylsuchenden aus Eritrea würden als Flüchtlinge anerkannt, weitere 25 Prozent vorläufig aufgenommen. (sda)

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Video: srf/SDA SRF

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    Alle Leser-Kommentare
  • LifeIsAPitch 03.09.2018 11:47
    Highlight Diese "verschärfte Praxis" ist ein reiner Papiertiger und Augenwischerei. Solange keine Rücknahmeabkommen abgeschlossen werden und ein Leben in Eritrea perspektivlos bleibt, wird überhaupts nichts bewirkt. Und dass das Land keinerlei Interesse an solchen Abkommen hat, scheint logisch, ist die Diaspora doch massgeblich dafür verantwortlich, dass bitter benötigte Devisen nach Eritrea fliessen. Ergo werden wir uns bei diesem Thema auch weiterhin im Kreis drehen.
    69 2 Melden
    • Oh Dae-su 03.09.2018 20:02
      Highlight Würde ich jetzt so direkt nicht sagen. Die Nothilfe besteht im Gegensatz zur Sozialhilfe grösstenteils aus Naturalien. Das macht die Eritreische Diaspora für das Regime sofort uninteressanter, da kaum mehr freie Devisen vorhanden sind.
      7 3 Melden
  • mogad 03.09.2018 10:16
    Highlight Aufhebung vom Status "vorläufig aufgenommen" weil die Dienstpflicht in Eritrea bereits erfüllt wurde, und aufgrund einer verschärften Praxis des SEM. Die Aufhebung kann angefochten werden. Ausgeschafft wird niemand. Eritrea blockt. Eine verschärfte Praxis also, die in einem teuren Bürokratiemoloch verendet. Was bleibt sind immer mehr Sanspapiers, die nach Jahren demonstrierend (Demo wird von den Hilfswerken organisiert) nach ihrer Legalisierung verlangen. Der Rechtsstaat schützt, wer schummelt, sich nicht Regel und Gesetz hält. So siehts aus.
    209 23 Melden
    • Rumbel the Sumbel 03.09.2018 12:14
      Highlight Sehe ich auch so. Und wer nicht Schummelt wird ausgeschafft.
      22 0 Melden
    • Oberon 03.09.2018 15:30
      Highlight @Rumbel the Sumbel
      Das kommt noch dazu und niemand soll sich Fragen warum die Toleranz immer weiter sinkt.
      19 1 Melden
  • Favez 03.09.2018 09:53
    Highlight Im Titel: "20 Eritreer müssen gehen"
    Dann steht im Artikel: "Zwangsausschaffungen sind nicht möglich, da Eritrea solche nicht akzeptiert."
    Gehen muss also niemand sondern kann.
    Diese 20 Personen werden einfach Nothilfe statt Sozialhilfe bekommen (sofern sie darauf angewiesen sind).
    194 5 Melden
    • w'ever 03.09.2018 10:34
      Highlight selbst wenn sie ausgeschafft werden könnten/müssten, würden sie wohl auf wunderbare weise einfach nicht mehr auffindbar sein.
      120 6 Melden
  • pachnota 03.09.2018 09:43
    Highlight Nur 9%?
    Ein sehr verhaltener Testlauf des SEM.
    119 10 Melden
    • Ueli der Knecht 03.09.2018 14:30
      Highlight 91% dürfen bleiben. Ganz legal.

      91% der Eritreer sind völlig legitim in der Schweiz. Sie sind legal eingereist, haben sich rechtstaatlich korrekt verhalten, und der Rechtstaat hat ihren legalen Aufenthaltsstatus sogar doppelt gemoppelt festgestellt und bestätigt.

      Dieses rechtstaatliche Resultat passt dir offenbar nicht.

      Ich hoffe nun, dass du trotzdem beistimmen kannst, dass 91% dieser Migranten nicht illegal sind, so wie euereiner das ständig kolportiert, resp. pauschalisiert allen Migranten unterstellt.

      Kein Mensch ist illegal!
      1 8 Melden
    • Roland Bach 04.09.2018 19:11
      Highlight Ueli, doch ist er, wenns das Gesetz sagt. Grenzen gibt es aus einem Grund.
      Dank verblendeter Idealisten wie ihnen strömen immer mehr Menschen in die Schweiz, die dem Land nur schaden.
      Scheint als hat die Schweiz ihre Lektion mit den Balkanern/Kosovaren nicht gelernt.

      Und bis dahin zahlt die Schweiz brav weiter, für die guten Eritreer.
      1 1 Melden
    • Ueli der Knecht 04.09.2018 20:15
      Highlight "Dank verblendeter Idealisten wie ihnen strömen immer mehr Menschen in die Schweiz, die dem Land nur schaden."

      Mal abgesehen davon, dass deine Argumentation unanständig ist, sie ist auch unsachlich. Migranten schaden dem Land nicht. Längerfristig bringen sie das Land weiter.

      Die Schweiz würde ohne Migration nicht nur aussterben, sondern auch die Finanzierung der AHV und somit deiner Rente auf's Spiel setzen.

      Deine Behauptungen entbehren daher jeglicher sachlichen Grundlage, einerseits dass Migranten illegal seien, und anderseits sie würden dazu noch dem Land schaden. Beides ist falsch.
      0 2 Melden
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