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Sophie Hunger freut sich in Lausanne über den Grand Prix Musik. Auch im Bild: Bundesrat Alain Berset.
Sophie Hunger freut sich in Lausanne über den Grand Prix Musik. Auch im Bild: Bundesrat Alain Berset.Bild: KEYSTONE

Prostata-Rocker in Deckung! Der Shit, der Sophie Hunger entgegen stürmte, fliegt zurück

Gefühlte 100'000 Neider empören sich über den Grand Prix Musik an Sophie Hunger. Die Zürcher Musikerin Nadja Zela eilt ihr auf Facebook grandios zu Hilfe.
19.09.2016, 14:5921.09.2016, 17:18

Zahlenmystiker werden jubeln: Die bisherigen Preisträger des Schweizer Grand Prix Musik heissen Heinz Holliger (77), Franz Treichler (55) und Sophie Hunger (33). Zwischen ihnen liegen je 22 beziehungsweise 2 mal 22 Jahre. In Holliger und Treichler zusammen (132) haben also 4 Hungers Platz. Alles gehört zusammen. Irgendwie.

Darüber dass Treichler (von den Young Gods) und Holliger die 100'000 Franken Preisgeld des Bundesamts für Kultur (BAK) erhielten, nervte sich in den letzten beiden Jahren keiner. Für Treichler freute man sich, Holliger interessierte nicht, weil Klassik. Doch als Sophie Hunger übers Wochenende in der Schweiz war, um den Preis entgegen zu nehmen, stürmte ihr der Shit nur so entgegen. Die Begründungen:

  • Eine, die in Berlin sitzt und die Schweiz kritisiert, hat unser Steuergeld nicht verdient.
  • Sie ist arrogant!
  • Wieso kriegt sie so viel Geld und nicht ein Spengler?
  • Es gibt noch ungefähr 3500 Musikerinnen und Musiker in der Schweiz, die viiiiel begabter sind als sie!
  • Ihre Stimme ist scheisse!
  • Ich hab noch nie von ihr gehört, wieso kriegt sie meine Steuergelder?
  • Wieso, gopferdammi, kriegt sie schon wieder einen Preis und nicht ich?
  • Eine Schweizer Musikerin, die sich Hunger nennt? Find ich doof. (Anm. der Redaktion: Es handelt sich um den Mädchennamen ihrer Mutter.)
  • Die hat in ihrem Leben schon 400'000 Franken an Preisgeldern eingesackt! Skandal!
  • Der Teufel kackt doch stets auf den selben Haufen.
  • Sie hat sowieso nur gewonnen, weil sie eine Frau ist. Und jung.
  • Es handelt sich hier um eine typische Mauschelei im Kulturbetrieb.
  • Sie hat mal Bono von U2 kritisiert! Dabei kann sie viel weniger!
  • Kulturpreise und ihre Jurys gehören abgeschafft. Grundsätzlich.
  • Jury kommt von bescheuert.
  • Wenn ihre Musik gut wäre, würde sie damit auch genug Geld verdienen.
  • Sie ist doch nur ein ständiger Insidertipp.
  • Sowieso haben keine Kulturschaffenden ausser Andreas Thiel und Chris von Rohr unser Steuergeld verdient.

Die Quellen: Facebook, Twitter, «Blick»-Kommentare, «Tages-Anzeiger», Polo Hofer, Chris von Rohr und ein paar Musik machende Menschen, von denen wir bisher nicht wussten, dass sie Musik machen. Kurz: die Neidgesellschaft. Sophie Hungers souveräne Reaktion:

Natürlich kann man der Jury vorhalten, dass die Wahl von Sophie Hunger etwas fantasielos ist. Allerdings auch konsequent: «Mann» ging nicht mehr und «alt» auch nicht, es kamen also weder Polo, Chris, Büne Huber, Kuno Lauener noch Stephan Eicher in Frage. Und schaut man sich dann so bei den U45-Jährigen um, so ist Sophie Hunger mit weitem Abstand die eigenständigste, talentierteste, international erfolgreichste und also verdienstvollste.

Sophie Hunger «Supermoon»

Ja, Sophie Hunger ist als Diplomatentochter in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen. Aber wirft jemand Dieter Meier vor, dass sein Vater Privatbankier war? Und sind wir Chris von Rohr böse, weil er auf dem gestopften Lyceum Alpinum in Zuoz zum ersten Mal Schlagzeug spielte? Sind wir neidisch? Nein.

«Hat mir in den letzten 20 Jahren mal jemand vorgerechnet, was Pedro Lenz an Fördergeldern kassiert hat? Oder Martin Suter? Oder Jürg Halter oder Anaconda?»
Nadja Zela, Musikerin

Die beste Antwort auf die «biedermeierischen Prostatarocker» und ihre Anhänger, die Hunger nichts gönnen können, kommt allerdings direkt aus der Musikszene selbst: Nadja Zela (früher bei den Bands Fingerpoke, Rosebud und Fifty Foot Mama) schrieb auf Facebook eine ebenso grosszügige wie grossartige Stellungnahme, die alle Hunger-Kritiker und Büro-Feuilletonisten abtrocknet.

Es dürfte sich dabei mittlerweile um den meist geteilten Facebook-Post der Schweizer Musikgeschichte handeln. Wir verleihen Nadja Zela dafür den Prix Courage et Générosité für Schweizer Kulturschaffende.

Nadja Zela «Immaterial World»

Zelas ganze Kritiker-Kritik

Die Damen und Herren Kulturpreiskritiker

Je höher der Adler fliegt, je grösser seine Schwingen, desto mehr Leute wollen ihn abschiessen ...

Sie schiessen, werte Kulturkritikerinnen und Kritiker. Sie schiessen! Sie schiessen auf eine Frau, die einen einmaligen Kulturförderpreis erhalten hat, der nicht mal annähernd ans Jahresgehalt des Chefredaktors der Tageszeitung des unten gelinkten Artikels herankommt. Sie geben sich kritisch und tun sich als Fachpersonen hervor in dieser Musikpreisgeschichte um Sophie Hunger.

De facto haben die meisten von Ihnen, werte Kulturredaktorinnen, Musikjournalisten und Privat-Rock'n'Roll-Dozenten keine Ahnung vom Rockmusikeralltag. Sie haben noch nie vor 10'000 Leuten auf einer Bühne gestanden. Sie haben weder eine Ahnung davon, was für ein Druck es ist ein solches Projekt zu stemmen, noch wissen Sie etwas über Performing Arts und der Arbeit, die damit verbunden ist. Sie haben keinen Blassen wie man ein Lied schreibt und wie man ein Jack-Kabel korrekt wickelt. Sie wissen nicht, warum man den Geruch eines warm gelaufenen Fender Twin liebt oder wie man als Band probt, Sie ahnen einfach nicht, warum man sich Weekend für Weekend zu viert in einen alten VW-Bus quetscht und die A1 runterbrettert, um für 14 Stunden geistige, kulturelle, organisatorische und physische Arbeit einen Hungerlohn zu kassieren. Sie werden das Mysterium nie erfassen und begreifen.

Nichtsdestotrotz massen Sie sich an, diesen neuen Förderpreis, die Kommission und sogar die Preisträger, die sich mit diesem Mysterium seit Jahren befassen, in Frage zu stellen. Ich finde das einigermassen erstaunlich. Und im Falle jener, die eine Ahnung von dieser Arbeit haben, wie zB. Polo Hofer, Chris von Rohr und Mark Fox, welche sich in niederträchtiger Manier über eine erst 33-jährige Berufskollegin auslassen, ist es einfach nur beschämend und ich verurteile die alten Herren für ihren achtlos dahingeworfenen Frust, und den «Blick» gleich mit, der diesen biedermeierischen Prostatarockern eine Plattform für ihr gehässiges Geschwätz bietet.

Der Hunger sei der Lohn auch zum x-ten Male gegönnt! Ob man sie mag oder nicht ist komplett irrelevant. Ihre Ausstrahlung ist zweifelsohne breit und grenzüberschreitend. Und eben sieht man an ihrem Beispiel ja, was aus jemandem wird, der fett gefördert wird! Sie tourt in ganz Europa. Das schreit nach mehr Förderung, nicht nach Kritik!

Die Kritik an einem Kultur-Preis, ausgerechnet aus Kulturkreisen, und dann das noch genau zu dem Zeitpunkt, wenn er erstmals einer Schweizer-IN verliehen wird, erstaunt unsereins Musikerinnen schon sehr. Das deutet doch wieder mal klar darauf hin, dass Frau sich sowas doppelt verdienen muss. Oder hat mir in den letzten 20 Jahren mal jemand vorgerechnet, was Pedro Lenz an Fördergeldern kassiert hat? Oder Martin Suter? Oder Jürg Halter oder Anaconda? Preisgelder, ja? Verdient oder nicht? Anybody? Nein, sowas rechnet niemand auf. Warum wohl? Das dürfen Sie sich gerne selber beantworten.

Sie sorgen sich um die Art der Vergabe eines Musik-Preises, ja? Wie würden Sie denn im kleinsten Musikmarkt der Welt Musik fördern? Machen Sie doch mal paar konstruktive Vorschläge anstatt herumzunölen auf allen Kanälen.

Ich habe soeben etwas recherchiert: Die Schweiz, meine Damen und Herren, gibt jährlich etwa 4,5 MILLIARDEN Franken fürs Militär aus und Anfang diesen Jahres wurde beschlossen, die Ausgaben zu erhöhen und in anderen Bereichen einzusparen.

Sehen Sie, werte Musikpreiskritiker, Kultur ist in unserem Land die Warze am Hintern des Staatshaushalts. Meine Meinung ist deshalb, dass man gerne noch 3000 Musikpreise mehr einrichten sollte und sowohl Heavy-Metaller, Rapper, Experimentaljazzer, Pianisten, Popper, Kindermusiker, Prog-Rocker, Zwölfton-Nerds, wie Jodelgruppen und so weiter fördern sollte mit Einsparungen von den soeben erhöhten 500 Millionen bei der Landesverteidigung.

Aber Schiessen ist in der Schweiz einfach immer noch beliebter als Feiern. Deshalb sparen wir bei der Kultur und zielen weiter fröhlich auf die Feuilleton-Vorzeigedame des Schweizer Independent-Pop, die den ganzen Frust jetzt abkriegt.

Werte Hunger-Privathasser, Kulturförderungskritiker, Frauenfeinde, Frustrocker: Reden wir doch lieber darüber, wo das Geld im Land wirklich verschwindet für nix und wieder nix. Wer zahlt wieviel Steuern und wer hinterzieht nochmal am meisten? Und warum genau zahle ich für die Armee etwa zehntausend mal mehr Steuern mit meinem Musiker-Hungerlohn als für Kultur und werde gezwungen korrupte Grossbanken zu retten, wenn diese das Land in eine immense Krise reinreiten?

Hungrige Grüsse Nadja Zela Musikerin, Zürich

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82 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ohniznachtisbett
19.09.2016 16:47registriert August 2016
Ganz ehrlich, ich finde ja die Sophie Hunger macht ganz gute Musik. Ihre politischen Statements müssten nicht immer sein, aber es ist halt Mode als "Ausgebrochener aus der miesen und engen Schweiz", aus dem ach so hippen Berlin seinen Senf zu allem und jedem zu geben (z.B. auch Frank A. Meyer). Zum Redaktor der den Artikel geschrieben hat: Ja, Dieter Meier wurde in den 80ern angefeindet wegen seiner Herkunft. Linksautonome fanden es eine Frechheit, dass er als Gutbetuchter auch einen günstigen Bandraum für seine Punkband in der Roten Fabrik mieten durfte...
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Luca Brasi
19.09.2016 17:49registriert November 2015
Provinzposse. Überraschung, auf blick.ch und facebook gibt es undifferenzierte Kritik? Nein wirklich? Wenn ich jeden Schwachsinn von gelangweilten Menschen, die sich im Internet wichtig machen, ernst nehmen würde und dazu Stellung beziehen müsste, wäre ich nur noch am Schreiben. Leute empören sich und andere Leute empören sich, dass sich Leute empören. Social media...get a life, guys.
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purzelifyable
19.09.2016 17:49registriert Juli 2015
Ich glaube, ich habe noch nie bewusst was von Sophie Hunger gehört. Aber allein dass sie "mal Bono kritisiert" hat, macht mir die Dame extrem sympathisch.
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