«Sind kein ausländischer Zugbauer»: Siemens hält zu SBB-Milliardendeal
Selten hatte eine trockene öffentliche Ausschreibung für so viel Wirbel gesorgt. Im November gaben die SBB bekannt, 116 neue Doppelstockzüge für die S-Bahn bei der deutschen Firma Siemens zu kaufen. Hinzu kommt eine Option für weitere 84 Züge. Kostenpunkt: 2 Milliarden Franken. Der Aufschrei war darum gross, weil in der bisher grössten Beschaffung der Bahn der einheimische Anbieter Stadler leer ausging.
Stadler-Patron Peter Spuhler sprach von einem «Fehlentscheid» und reichte beim Bundesverwaltungsgericht Rekurs ein. Er machte geltend, Stadler habe nur minim teurer offeriert und sei unverständlicherweise bei gewissen Punkten schlechter bewertet worden. Mittlerweile hat Spuhler seine Beschwerde zurückgezogen. Der Zuschlag an den deutschen Konzern ist rechtskräftig.
Siemens wagt sich aus der Deckung
Die Siegerfirma Siemens blieb in dieser aufgeheizten Debatte bisher still. Bis jetzt. Nachdem der Konzern am Donnerstagvormittag den Vertrag mit den SBB unterzeichnet hatte, trat Siemens-Schweiz-Chef Gerd Scheller vor die Medien. Er versuchte herauszustreichen, wie stark sein Unternehmen mit der Schweiz verbunden ist. «Wir sind kein ausländischer Zugbauer, der auf Durchreise ist und Züge verkaufen will», betonte der Manager.
Scheller untermauerte diese Feststellung mit Zahlen. Siemens beschäftigt hierzulande 6000 Angestellte an mehr als 20 Standorten. Damit ist das Unternehmen einer der grössten industriellen Arbeitgeber in der Schweiz. Das Unternehmen setzt hierzulande jährlich 3 Milliarden um und kauft für eine halbe Milliarde bei 1900 einheimischen Lieferanten ein.
Die neuen S-Bahn-Züge für Zürich und die Westschweiz werden zwar im Siemens-Werk im deutschen Krefeld gefertigt. Dennoch seien die Schweizer Angestellten direkt am Grossprojekt beteiligt, betonte Domenic Fried, Leiter Rollmaterial bei Siemens Mobility Schweiz. So sollen «wesentliche Leistungen» von hier aus erbracht werden. Dazu gehören die Projektleitung, die Testfahrten, die Einführung des Zuges oder auch die Gewährleistungsarbeiten. Wie viel von den Gesamtkosten auf die Schweiz entfällt, konnte Fried allerdings auf Nachfrage dieser Zeitung nicht spezifizieren.
Der Konzern blieb auch bei der zentralen Frage des offerierten Preises vage. Den Entscheid für Siemens begründeten die SBB damit, dass diese Züge bei den Investitionskosten als auch im Betrieb, etwa bei Energieverbrauch, Trassenkosten und Instandhaltung, überzeugten. Über eine Nutzungsdauer von 25 Jahren ergeben sich laut der Bahn dadurch Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe.
Wie Siemens diesen Betrag herausfährt, darüber schwieg sich Gerd Scheller aus. Daran konnten auch mehrmalige Nachfragen von Journalisten nichts ändern. Scheller argumentierte mit dem Geschäftsgeheimnis. Es liefen weltweit noch Ausschreibungen, weshalb Siemens solche Kalkulationen nicht vorzeitig öffentlich machen könne.
So bleibt weiterhin im Dunkeln, wie Siemens den Konkurrenten Stadler konkret ausstechen konnte. Auch Peter Spuhler monierte, im Verlauf des Gerichtsverfahrens seien inhaltlich relevante Passagen geschwärzt worden. Gerd Scheller betonte, man arbeite in anderen Projekten eng mit Stadler zusammen. «Das funktioniert gut. Und ich will den Wirbel aus der Vergangenheit nicht weiter kommentieren.»
Ab 2031 sind die Züge startbereit
Der Siemens-Manager will also nach vorne blicken. In den nächsten zwei Jahren arbeiten die Ingenieure des Konzerns nun an den Doppelstöckern. 2028 soll die Fertigung beginnen. Mit der ersten Zulassungsfahrt ist ab 2029 zu rechnen. Und ab 2031 können die Pendlerinnen und Pendler in Zürich und in der Westschweiz dann in die neuen Züge, genannt Desiro-Dosto, steigen. 95 werden im Zürcher S-Bahn-Netz unterwegs sein, 21 in der Romandie.
In den Stosszeiten sollen zwei der je 150 Meter langen Züge aneinandergekoppelt unterwegs sein. Eine solche Doppeltraktion bietet laut SBB 45 Sitzplätze mehr als die bisherigen S-Bahn-Züge sowie über 30 Prozent mehr Stehplätze. Zudem bieten die neuen Züge niederflurige Einstiege an allen Türen, mehr Komfort in der 1. Klasse durch verstellbare Sitze und einen grösseren Sitzabstand sowie Steckdosen an den Sitzplätzen in der 1. und 2. Klasse. In den Multifunktionszonen – den Flächen für Velos, Kinderwagen und Stehplätze – soll es Steckdosen zum Aufladen von E-Bikes geben.
In den Zügen werden zudem mehr und grössere Bildschirme eingebaut sowie ein Lichtband über den Türen, das die richtige Ausstiegsseite anzeigt. Pro Zug soll es zwei Toiletten geben, eine davon barrierefrei.
