DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Thomas Müller (SVP), Ruth Humbel (CVP), Jonas Projer, Soziologe Ueli Mäder und Fabian Molina (SP). bild: screenshot/srf

«Ein kalter Wind» – SP-Molina fröstelt's in der Sozialhilfe-Arena und SVP-Müller taucht ab

Sparen bei der Sozialhilfe? Ein emotional aufgeladenes Thema, wie diese «Arena» unter Beweis stellte.



Das Land friert. Völlig unerwartet ist im späten März die Winter-Nachhut über die Grenze marschiert. Und auch menschlich fröstelt es gerade fürchterlich. «Es weht ein kalter Wind in diesem Land», warnte Neo-Nationalrat Fabian Molina gleich zu Beginn der Sendung bedeutungsschwer in die Kamera.   

Molinas Warnung erfolgte mit Blick auf das Sozial-Barometer der Schweiz, das in den letzten Tagen um einige Grad gefallen war. Der Nationalrat hatte soeben eine Kürzung bei den Ergänzungsleistungen um 700 Millionen Franken beschlossen. Und in Bern gingen Demonstranten gegen den Abbau der Sozialhilfe auf die Strasse.

Notwendige Einsparung oder Hauruck-Übung mit dem Vorschlaghammer? Weitsichtige Planung oder schleichender Abbau?

Tatsache ist: Die Sozialausgaben steigen seit Jahren kontinuierlich an. Die Sozialwerke sind in Schieflage geraten. 

Während draussen Temperaturen rund um den Gefrierpunkt herrschten, stieg die Fieberkurve im Leutschenbach-Studio rapide an. Müller und Molina, das war von Beginn an klar, würden heute wohl eher keine Blutsbrüderschaft schliessen. Und auch Ruth Humbel kriegte vom jungen Zürcher Molina ihr Fett weg. 

Thomas Müller, SVP-Nationalrat und als Ex-CVP-Mann politischer Überläufer, hatte für die mahnenden Worte Molinas nicht viel übrig. Ein Meister im Geld verteilen sei jener und Unterstützer der Sozialindustrie. Tatsache sei, dass im Sozialwesen vieles im Argen liege. Sozialmissbrauch, zum Beispiel und Leute, die lieber Sozialhilfe beziehen, anstatt zu arbeiten. Das gehe nicht mehr, so Müller.

Müller vertrat die altbekannte These der Volkspartei, dass das Schweizer Sozialsystemen von Profiteuren und Betrügern ausgehöhlt werde. Und dass diejenigen, die's wirklich nötig hätten, darunter litten. 

Eine, die's nötig hat, ist Eveline Friedli. Die 55-jährige ehemalige Bank-Angestellte musste ganz untendurch. Scheidung, Jobverlust, alleine Kinder grossziehen und dann die Arthrose im Handgelenk. Friedli, Sozialhilfeempfängerin, seit mehr als 20 Jahren, hatte einen Zettel in die Arena mitgebracht, der hartes Brot war: Darauf war notiert, was ihr nach Abzug der lebensnotwendigen Kosten im Monat von der Sozialhilfe bleibt: 650 Franken. «Einmal im Monat kann ich eine Pizza essen gehen, vielleicht einmal ein Kaffee mit einer Freundin im Migros-Restaurant.»

Die Sozialhilfeempfängerin

abspielen

Video: streamable

Friedli, das muss der Richtigkeit halber erwähnt werden, ist natürlich eine der guten Sozialhilfeempfänger. Wirklich arm, wirklich krank, wirklich ganz grosses Pech gehabt im Leben. Aber was ist mit denen, die ihr Unglück selber verschuldet haben: jungen Leuten zum Beispiel, die lieber auf der faulen Haut liegen, anstatt wie pflichtbewusste Menschen arbeiten zu gehen? Oder die, die ihr Sozialhilfegeld für Autos ausgeben, während die Kinder hungern? 

Es sei nicht fair, dass jemand, der arbeitet, am Ende des Monats weniger Geld in der Tasche habe, als jemand der Sozialhilfe bezieht, sagte Müller.

Viele Sozialhilfebezüger seien auch arbeitstätig, konterte Molina, nur reiche ihnen der Lohn halt nicht. 

Warum ausgerechnet die Schwachen noch weniger haben sollten, wenn das Geld knapp ist, leuchtete in der ganzen Debatte nicht ganz ein. Ruth Humbel vertrat hier eine etwas abweichende Meinung von ihrem Verbündeten Müller. Überhaupt «differenzierte» die CVP-Nationalrätin ziemlich viel in dieser Sendung. Das tönte zwar durchaus vernünftig und wohlüberlegt, war am Ende aber erstaunlich durchsichtig. Wenn Humbel zu Bedenken gab, dass «die Sozialpolitik, die wir betreiben, in der Bevölkerung mehrheitsfähig sein muss», dann ist das zwar in der in der Überlegung richtig, aber auch gehörig opportunistisch. Mit dieser Argumentation ist den Sparübungen jedenfalls kaum Grenzen gesetzt. Überhaupt: Wer definiert, wie wenig wenig genug ist? Das Volk? Experten? Eigene Erfahrungen? Die Moral? Das Gefühl?

Die CVP-Frau

abspielen

Video: streamable

Eine etwas andere Sicht auf die Dinge lieferte Ueli Mäder. Auf die Frage, ob das Sozialwesen Kürzungen vertrage, antwortet der emeritierte Professor ziemlich unzweideutig: «Nein. Auf keinen Fall.» Man sei jetzt schon am unteren Plafond angekommen. Im Gegenteil brauche es vielleicht eher ein Spürchen Grosszügigkeit, damit die Leute in der Sozialhilfe wieder Luft zum Atmen bekämen. Dann funktioniere auch die Integration in die Arbeitswelt – eines der erklärten Ziele der Sozialhilfe – wieder besser. 

Dass gewisse Leute «innerlich fast explodierten» beim Thema Sozialhilfe, sei verständlich. Gerade deshalb sei es wichtig, ihnen den «gesamten Kontext» zu erklären. 

Mäder hatte im Gegensatz zu den restlichen Gästen keine politische Rolle auszufüllen. Er sprach mit Elan und ohne Sticheleien. Seine Folgerungen waren überzeugend, nur redete der Soziologe erstens unglaublich schnell, und hatte zweitens einen leichten Hang zur ausschweifenden Didaktik. Moderator Jonas Projer verzweifelte denn auch regelmässig an den als «Viertelsätzen» angekündigten Referaten Mäders.

Der Soziologe

abspielen

Video: streamable

Ach ja, Müller. Wo war der eigentlich? Fast hätte man ihn vergessen, dabei stand er doch die ganze Zeit neben Ruth Humbel. Aber er war verstummt. Nur von Zeit zu Zeit streifte noch ein fernes Echo im St.Galler-Dialekt die Runde. Etwa, als das Thema Flüchtlinge verhandelt wurde. Klar, durften Flüchtlinge nicht fehlen. Immerhin sind 90 Prozent von ihnen von der Sozialhilfe abhängig, wie man nicht müde wurde zu betonen. Für Müller ein Unding. «Tickende Zeitbomben» seien die vorläufig Aufgenommen, stellte der Oberleutnant a.D. fest. Dafür kassierte er einen Rüffel von Moderator Projer, aber da war Müller schon weiter: Die Grenzen zu schliessen, das müsse die Schweiz endlich wieder lernen. Und diejenigen, die unrechtmässig hier sind, die müssten halt wieder gehen.

Der SVP-Mann

abspielen

Video: streamable

Das waren ähnlich konstruktive Voten, wie sie vorhin von Fabian Molina getätigt wurden. Molina verknüpfte die Sozialfrage mit der Kampfjetbeschaffung, wofür ihm von Müller das Prädikat «Linkspopulist» verliehen wurde. Der SVP-Mann seinerseits brachte es fertig, keine 20 Sekunden später die Personenfreizügigkeit für die Missstände im Sozialwesen verantwortlich zu machen. Dass jemand der SVP die Populismus-Masche streitig machte, ging offenbar nicht an.

Der Linkspopulismus

abspielen

Video: streamable

Die Sozialhilfedetektive, die das Parlament nach einem Entscheid des EGMR flugs wieder auf eine rechtliche Grundlage stellte, fielen dann leider vor lauter Flüchtlingen wieder aus dem Programm. Das war ein bisschen schade, schliesslich stellten sich hier nicht nur rechtsstaatliche und finanzielle Fragen, sondern auch moralische: Ist es sinnvoll und zielführend, Sozialhilfe-Empfänger unter Generalverdacht zu stellen? Ist man sich bewusst, welches Bild von Sozialhilfeempfängern damit in der Bevölkerung erzeugt wird? Und lohnt sich das alles wirklich?

Zwischenruf aus dem Publikum zu diesem Thema: Eine ältere Dame, mutmasslich enttäuschte CVP-Wählerin, griff Humbel frontal an. Es sei eine Schande, was ihre Partei mache. «Denkt mal ein bisschen nach, bevor ihr wegen einiger schwarzer Schafe die weissen über den Berg jagt.»

Die schwarzen und die weissen Schafe

abspielen

Video: streamable

Was sie von dieser Sendung mitgenommen habe, wollte Projer zum Schluss von der Sozialhilfeempfängerin Friedli wissen. Friedli schnitt eine Grimasse und sagte: «die Leute hier politisieren zwar viel, aber von der Realität wissen sie nicht viel.» 

Das Schlusswort

abspielen

Video: streamable

Die Realität. Eine schwache Währung in einem kalten Land.

Unsere «Arena»-Berichterstattung 

AHV-«Arena»: Erst die letzte Frage des Moderators gibt etwas Hoffnung

Link zum Artikel

Pfister schimpft mit SVP-Chef in der «Arena»: «Das träufelt Gift in die Gesellschaft!»

Link zum Artikel

«Güselsack!»: In der Burka-«Arena» lockt SVP-Rüegger Moderator Brotz aus der Reserve

Link zum Artikel

Karin Keller-Sutter faxt in der E-ID-«Arena» Programmier-Nerd Mäder die Leviten

Link zum Artikel

Palmöl-«Arena» ist, wenn SP-Molina in die Mitte rückt und damit Juso-Jansen ärgert

Link zum Artikel

Feminismus-«Arena»: Steffi Buchli wird sauer und SVP-Steinemann gibt die Anti-Feministin

Link zum Artikel

Jugend-«Arena» – oder wie eine 16-Jährige gestandene Nationalräte in die Mangel nimmt

Link zum Artikel

In der Iran-«Arena» tanzt Markus Somm aus der Reihe – bis dieser Rentner ihn stoppt

Link zum Artikel

Atom-Zoff: In der Mühleberg-«Arena» vermag ein Teilnehmer alle anderen zu überstrahlen

Link zum Artikel

Der Islam und das SVP-Sünneli: So verlief die neuste Burka-«Arena»

Link zum Artikel

In der Bundesrats-«Arena» gibt Moderator Brotz den Schmutzli – und drischt auf alle ein

Link zum Artikel

12 Sätze, wie gemacht für die SRF-«Arena» – oder das Weihnachtsessen von watson

Link zum Artikel

In der SRF-«Arena» lügen sie wohl alle – nur einer bleibt dem Geschehen ganz fern

Link zum Artikel

Drogen-«Arena»: Kokser Anton Kohler verzweifelt an SVP-Abstinenzlerin Geissbühler

Link zum Artikel

Freysingeroskar und die Biolügie – die Gegner der Homo-Ehe im «Arena»-Dickicht

Link zum Artikel

Die «Arena» war ein Schlachtfeld – und alle stürzen sich auf Veganerin Meret Schneider

Link zum Artikel

Er poliert, sie politisiert: Wie Toni Brunner die Frauen-«Arena» crasht

Link zum Artikel

Jetzt weht ein anderer Wind in Bern: Rytz steckt in der Spezial-«Arena» ihr Revier ab

Link zum Artikel

«Ueli, es wird nicht wahrer, wenn du schreist» – alle gegen den SVP-Polteri in der «Arena»

Link zum Artikel

Sündenbock Rösti, dann die EU: So buhlten die Parteichefs in der «Arena» um letzte Stimmen

Link zum Artikel

Ronja Räubertochter und die jungen Milden – das war die Jungparteien-«Arena»

Link zum Artikel

Roger Köppel sprengt die Zürcher Ständerats-«Arena» – zumindest fast

Link zum Artikel

Gesundheits-«Arena»: Im Lobbyismus-Streit verzichtet SP-Frau Gysi glatt auf das Kamera-Sie

Link zum Artikel

Klima-«Arena»: SP-Frau verblüfft mit Flugscham-Aussage, SVP-Mann leugnet den Klimawandel

Link zum Artikel

Symbolik mit dem Vorschlaghammer und ein denkwürdiger Satz – das war die EU-«Arena»

Link zum Artikel

Bei der SVP ist der Wurm drin: In der Wahlkampf-«Arena» schiessen alle gegen Rösti

Link zum Artikel

«Das ist eine Frechheit»: Juso-Jansen liest in der AHV-«Arena» den Männern die Leviten

Link zum Artikel

«Das ist eine Katastrophe» – Fisch-Forscher eröffnet Pestizid-Arena mit einem Hammer

Link zum Artikel

Vier Frauen für ein Halleluja? Das war die Frauenstreik-«Arena»

Link zum Artikel

«Das stimmt einfach nicht» – Martullo-Blocher wird in der «Arena» vorgeführt

Link zum Artikel

Verkehrs-«Arena»: SVP-Imark attackiert Klimajugend und Rytz windet sich beim Benzinpreis

Link zum Artikel

SVP-Rutz schiesst in der «Arena» ein Eigentor – dann eilt diese junge CVPlerin zur Hilfe

Link zum Artikel

Ein kleiner Patzer und ein Maurer-Witz – der Einstand von Sandro Brotz in der EU-«Arena»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum dieser Bio-Bauer keine Angst vor der Trinkwasser-Initiative hat

Es brodelt in der Bio-Branche. Die Trinkwasser-Initiative spaltet die Gemüter. Der Berner Bio-Bauer ist enttäuscht über die Nein-Parole von Bio Suisse. Bei einem Rundgang über seinen Hof erzählt er von seiner Vision – und erklärt, warum er kein Nutella isst.

Durch die malerische Landschaft des Berner Seelands, vorbei an den typisch rund geschwungenen Dächern der Berner Bauernhäuser, durch die Gemeinde Grossaffoltern führt ein einsamer Weg auf den Hof von Markus Bucher. Er trägt den lieblichen Namen «Farnigasse». Und die Farnigasse gibt Buchers Reich seinen Namen. Das «Farngut» des Bio-Bauern ist umgeben von blühenden Apfelbäumen und frisch bepflanzten Knoblauch-Feldern. Es ist ruhig auf dem Hof. In der Ferne sind einige Feldarbeitende zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel