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Pro Tell hat ein Problem: Sie wird auch waffenfreundlichen Bürgerlichen zu radikal

Verzwickte Nähe zu den Scharfmachern von Pro Tell: Der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli teilt sich das Präsidium der «Parlamentarischen Gruppe für ein freiheitliches Waffenrecht» mit Luc Addor, dem Vizepräsidenten von Pro Tell. Im Dilemma steckt auch der Berner SVP-Nationalrat Werner Salzmann.
10.04.2018, 06:22
Henry Habegger / Nordwestschweiz

Die Nähe zur Waffenlobby Pro Tell bekam dem Ruf von Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) nicht gut. Im Bundesratswahlkampf 2017 trat er in den Lobbyverein ein, was zu einem öffentlichen Donnerwetter führte. Kurz nach seiner Wahl trat Cassis wieder aus.

Jetzt droht einem Parteikollegen von Cassis ein ähnliches Schicksal. Der Urner Ständerat Josef Dittli (60) ist pikanterweise nicht nur Nachfolger von Cassis als Präsident des Krankenkassenverbandes Curafutura. Dittli hat auch eine ähnlich heikle Nähe zu Pro Tell.

«Die derzeitigen Ereignisse bei Pro Tell stimmen mich schon etwas nachdenklich»
Josef Dittli

Der ehemalige Urner FDP-Regierungsrat ist Co-Präsident der «Parlamentarischen Gruppe für ein freiheitliches Waffenrecht» im Bundeshaus. Der andere Co-Präsident ist der Walliser SVP-Nationalrat und Waffenfreak Jean-Luc Addor. Und das Sekretariat der Gruppe wird von Pro Tell gemanagt, wo Anwalt Addor derzeit als Vizepräsident und starker Mann amtet. Oder, je nach Standpunkt, wütet.

Werner Salzmann, SVP, und Josef Dittli, FDP (von links)
Werner Salzmann, SVP, und Josef Dittli, FDP (von links)
Bild: keystone

Addor, der in einer Art Putsch die Macht bei Pro Tell übernahm, sorgte 2017 mit einer parlamentarischen Initiative für Aufsehen: Bürger sollen in der Öffentlichkeit Waffen tragen dürfen wie in Amerika. Das sei in Zeiten von Terroranschlägen «eine zusätzliche Sicherheitsmassnahme», so der Anwalt.

SVP-Nationalrat und Waffenfreak Jean-Luc Addor
SVP-Nationalrat und Waffenfreak Jean-Luc Addor
Bild: KEYSTONE

«Die Schweizer Waffenlobby radikalisiert sich», titelte soeben die «NZZ am Sonntag». Unter Hinweis auf Addor, der teilweise «fanatische Ideen vertrete», etwa die Einführung der Todesstrafe, sowie auf andere aktuelle Vorstandsmitglieder. Addor, der gerne mit gezogener Waffe posiert, wurde schon wegen Rassendiskriminierung verurteilt. Nach dem zweiten Abgang eines gemässigten Präsidenten seit 2016 sucht Pro Tell derzeit einen neuen Vorsitzenden. Am Samstag hält der Klub in Bern die Generalversammlung ab. Mit Bundesrat Guy Parmelin (SVP) als Gast.

Der radikale Kurs der Pro-Tell-Führung ist auch Dittli nicht geheuer. «Die derzeitigen Ereignisse bei Pro Tell stimmen mich schon etwas nachdenklich», sagt er. Er sei «klar» gegen die Forderung von Addor und «gleichgesinnten Protagonisten», die öffentliches Waffentragen wollen. «Die Schweiz ist nicht der Wilde Westen!», sagt Dittli, selbst nicht Mitglied von Pro Tell. Das Co-Präsidium der Parlamentariergruppe wolle er aber nicht abgeben: «Ich vertrete dort aber nicht die Interessen von Pro Tell, sondern meine persönliche Haltung, die in den grossen Zügen der Haltung der FDP.Die Liberalen entspricht.»

Ganz deckungsgleich sind diese Interessen kaum. Die Gruppe wurde als Reaktion auf die geplante Übernahme der EU-Waffenrichtlinie durch die Schweiz gegründet. Dittlis FDP dagegen hat sich kürzlich für ein Ja ausgesprochen.

Im Dilemma steckt auch der Berner SVP-Nationalrat Werner Salzmann (55), der sehr aktiv gegen die EU-Richtlinie weibelt. Aber für die Pro-Tell-Forderung nach bewaffneten Bürgern ist er nicht mehr, obwohl er die Addor-Initiative noch unterschrieb: «Sonst könnten die offiziellen Sicherheitsleute im Krisenfall nicht unterscheiden, wer gut und wer böse ist», sagt er. Salzmann präsidiert derzeit die Sicherheitskommission des Nationalrats, die dieser Tage ihre Haltung zur EU-Waffenrichtlinie festlegt.

Ex-Pro-Tell-Chef warnt

Einig sind sich Waffenfreunde und Pro Tell, dass die EU-Richtlinie bekämpft werden muss. So auch Alt-Nationalrat Willy Pfund (FDP, SO), der 2016 im Zorn über den Kurs des Addor-Lagers als Pro-Tell-Präsident abtrat: Die geplante Umsetzung laufe auf «das Sturmgewehr als verbotene Waffe» hinaus. Aber für Pfund (78) ist klar: Diese «unsinnige und gefährliche Forderung» nach Waffentragen in der Öffentlichkeit gefährde das liberale Schweizer Waffenrecht. «Die Öffentlichkeit reagiert heute sensibler als vor einigen Jahren auf solche Fragen», warnt Pfund. (aargauerzeitung.ch)

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Video: srf/SDA SRF
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