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Wir haben die watson-User nach ihren Erlebnissen mit Gewalt an Homosexuellen oder Transmenschen gefragt.  bild: shutterstock

«Es geht ja nur darum, wen ich liebe» – LGBT-watson-User erzählen von ihren Erfahrungen 



Gewalt und Beschimpfungen gegen Homosexuelle und Transmenschen sind weit verbreitet – auch in der Schweiz. Wir haben die watson-User nach ihren Erlebnissen gefragt und teilweise schockierende Antworten erhalten. Darunter sind aber auch solche, die Hoffnung machen. 

«Ich glaube, die hätten ihn totgeschlagen.» 

watson-User Aliyah

«Ich war auf dem Heimweg vom Ausgang. Es war wirklich schon sehr spät, etwa 5 Uhr morgens. Als ich am einen Bahnhof ausstieg, um zum nächsten Zug zu gelangen, beobachtete ich eine ziemlich prekäre Situation. Es waren ein Homosexueller und eine Truppe Jugendlicher darin involviert. Die Jugendlichen schubsten den Mann hin und her, stiessen ihn immer wieder gegen das Bahnhofsgebäude, schlugen auf ihn ein und beleidigten ihn ganz brutal. Ich ging dann dazwischen und versuchte, zu schlichten. Es half nix. Dann habe ich halt auch zugeschlagen. Die Truppe machte einen Abgang. Mit dem netten Herren habe ich noch lange Gespräche geführt und ihn zu einer einigermassen normalen Zeit zu seinem Hausarzt begleitet. Zum Glück hat er sich «nur» zwei Rippen und die Nase gebrochen und ein paar blaue Flecken abbekommen. Ich glaube, wenn ich nicht durch Zufall da gewesen wäre, hätten die ihn totgeschlagen.» 

«Glück im Unglück, sie liessen von uns ab.»

watson-User Pumuckl96

«Ich bin mit meinem ersten Freund, als wir beide 16 waren, nachts in Zürich vom Thermalbad zum Bahnhof gelaufen. Wir haben Händchen gehalten; waren erst seit kurzem zusammen. In einer Seitenstrasse entdeckten wir einige Typen Mitte 20 und liessen unsere Hände los. Sie hatten es anscheinend doch gesehen. Einer sagte: «Kann ich euch was fragen? Seid ihr schwul? Wir haben das gesehen! Schwuchteln!» Wir probierten sie zu ignorieren, aber das ging nicht mehr. Sie liefen uns mit und packten meinen Freund an der Jacke. Wir begannen zu rennen. Einer der Typen folgte uns und ich sah aus dem Augenwinkel, wie er mit dem Fuss gegen den Kopf meines Freundes kicken wollte. Er kam aber nicht genügend weit hoch und fiel rückwärts auf den Boden – Glück im Unglück, sie liessen von uns ab. Wenn heute jemand fragt, warum ich in der Öffentlichkeit keine Händchen halte, erzähle ich diese Geschichte.» 

«Ich hatte danach lange Angst, mich mit meiner Freundin in der Öffentlichkeit als Paar zu outen.»

watson-User Minoe McLee

«Wir waren damals noch jung, vielleicht 17 Jahre alt. Meine Freundin und ich waren unglaublich verliebt und genossen die Anwesenheit der jeweils anderen sehr. Angestarrt und angemacht wurden wir ständig: «Ihr seht gar nicht aus wie Lesben», kam da zum Beispiel, oder: «Kann man euch mieten?» Verbale Attacken tun weh, man kann sie aber ignorieren.
Eines Abends, als wir aber auf dem Nachhauseweg waren – im Zug mit einigen anderen Passagieren notabene – und gemeinsam Musik hörten, turtelten und lachten, setzte sich eine Gruppe junger Männer direkt in das Abteil hinter uns. Sie begannen, uns dumm anzumachen. Zuerst nur verbal, doch als einer der Typen anfing, mich über den Sitz hinweg anzufassen, stiess ich ihn fort. Dann ging alles sehr schnell. Er schlug mir zweimal mit voller Wucht auf den Kopf ein. Ich wurde ohnmächtig und als ich wieder zu mir kam, das weiss ich noch, hielt mich meine Freundin. Wir beide konnten uns nicht bewegen. Die Augenzeugen, die das ganz bestimmt mitbekommen haben, lasen in ihren Gratiszeitungen.
Ich habe Anzeige erstattet, doch die Polizei meinte, bei dieser «nicht schwerwiegenden Straftat» würde man die Überwachungskameras nicht auswerten. Es würde sowieso nichts bringen. Ich hatte danach lange Angst, mich mit meiner Freundin in der Öffentlichkeit als Paar zu outen.» 

«Im Grunde ist es so irrsinnig, denn es geht ja nur darum, wen ich liebe.» 

watson-User Yannick

Ich bin männlich, 16 Jahre alt und habe mich letztes Jahr bei meiner Familie geoutet. In meiner neuen Klasse ging ich also mit Hoffnung rein und versuchte zum ersten Mal, mich selbst zu sein. Das ist schwierig für mich, weil ich ungewöhnliche Interessen habe und diese früher nie gezeigt habe. Ich hatte immer Angst davor, dass Leute herausfinden würden, dass ich schwul bin. Ich bin jetzt seit einem halben Jahr in dieser Klasse und fühle mich relativ wohl. Ich habe nie jemanden gesagt, dass ich schwul bin, weil mich nie jemand gefragt hat. Aber ich denke, für meine Mitschüler ist es ziemlich offensichtlich. Wenn mich jemand fragen würde, würde ich nicht lügen.
16 Jahre, jeden Tag, immer noch beschäftigt mich das. Im Grunde ist es so irrsinnig, denn es geht ja nur darum, wen ich liebe. Warum sollte das ein so grosses Problem sein?
Jedenfalls höre ich ständig, wie Altersgenossen das Wort «schwul» als herablassenden Begriff benutzen und es eine «Beleidigung» ist. Ich denke, es sind kleine Dinge wie diese, die eine grosse Auswirkung auf LGBT-Menschen haben. Eine NEGATIVE. Ich hoffe, dass ich eines Tages 100 % ich-selbst sein kann und mehr Selbstbewusstsein habe, um anderen zu zeigen, dass ich stolz bin, schwul zu sein.» 

«Nach mehreren Selbsttötungsversuchen half mir ein psychiatrischer Klinikaufenthalt, das Erlebte zu verarbeiten.» 

watson-User Lukas 

«Noch im Blickfeld des Lehrerzimmers passten sie mich ab, schlugen mich, verletzten mich blutig. Es waren meine Klassenkameraden, Kameraden von der Schule. Kräftig gebaut, sie mussten ja im landwirtschaftlichen Familienbetrieb mithelfen. Dagegen hatte ich als schmächtiger Typ keine Chance. Meine Eltern führten keinen Landwirtschaftsbetrieb. Ich wusch mein Blut jeweils am Dorfbrunnen ab. Meine Familie sollte nichts mitbekommen.
Ein paar Jahre später verlagerte sich die Denunziation an den Bahnhof, in den Zug. Meine Gewerbeschule war in der Stadt. Man bat mir keinen Sitzplatz an, besetzte ihn absichtlich, stellte mir Beine, warf mir Papierbällchen nach. Wir kannten uns alle. Die Erwachsenen kannten uns. Helfer gab es keine. Nach mehreren Selbsttötungsversuchen half mir ein psychiatrischer Klinikaufenthalt, das Erlebte zu verarbeiten. Meine Kindergartenfreundin ist bis heute an meiner Seite geblieben, so auch meine Familie. Auch unter den Kameraden, die mich verletzten, gibt es solche, die nicht dem heterosexuellen Klischee entsprechen. Es zeigt, dass die sexuelle Orientierung so vielfältig ist, wie die Fantasie. Ich bin also nicht der Einzige, das beruhigt mich. Heute geniesse ich meine seit 12 Jahren bestehende homosexuelle Beziehung. Jeder im Dorf weiss davon. Ich stehe dazu.» 

«Im Grossen und Ganzen sind die Schweizer tolerant.»

watson-User Jorge 

«Mit meinem Partner lief ich vor etwa zwei Jahren in Luzern tagsüber auf dem Gehsteig vom Inseli zum Bahnhof. Es war Frühjahr, tagsüber. Aus der Gegenseite nahten zwei Typen. Der Eine sagte dann auf Hochdeutsch, als sie an uns vorbei liefen: «Schwuchteln». Mein Partner und ich liefen nicht Händchen haltend nebeneinander.
Wir leben in einem Bergkanton. Hier hatten wir noch nie Probleme. Im Grossen und Ganzen sind die Schweizer tolerant. Es gibt aber immer und überall eine geistig beschränkte Minderheit, bei denen andere Lebensformen ihre Vorstellungskraft und somit deren geistigen Horizont übersteigt.» 

«Ich habe mal eingegriffen, als ein paar Glatzköpfe einen Transvestiten angreifen wollten.»

watson-User Gavi

«Ich selber bin hetero, habe aber mal eingegriffen, als ein paar Glatzköpfe einen Transvestiten angreifen wollten. Sie kamen ihm schon bedrohlich nahe. Ich sah es vom Auto aus, bin dann direkt auf die Gruppe zugefahren, habe angehalten und ihm zugeschrien, er solle einsteigen. Etwas weiter weg habe ich ihn wieder ausgeladen. Da wo er eigentlich hin wollte. Das war in Norddeutschland. Ich würde das heute wieder so machen.» 

«Personen, welche nicht der ‹bünzligen› Sexualnorm entsprechen, sollte man mit Hochachtung begegnen, nicht mit Verachtung.» 

watson-User Regina

«Ich selbst bin nicht lesbisch, habe einen Neffen, der schwul ist. Vor drei Jahren fragte mich seine Mutter, ob es okay sei, wenn er einen freund an unser Weihnachtsfest mitnehmen würde. Natürlich war die Antwort Ja. Ich realisierte dann erst an diesem Fest, dass das sein momentaner Lebenspartner ist.
Sie sind heute immer noch zusammen und die beiden sind ein fester Bestandteil unserer Weihnachtspartys. Personen, welche nicht der ‹bünzligen› Sexualnorm entsprechen und auch dazu stehen, sollte man mit Hochachtung begegnen, nicht mit Verachtung. Ich wünsche mir einen entspannteren Umgang mit Menschen, die etwas anders sind oder denken oder aussehen. In diesem Sinne: Seid grosszügig zu euren Mitmenschen – und zu euch.» 

Die Kampagne der LGBT+-Helpline gegen Verbrechen aus Hass:

1 / 8
Die LGBT+ Helpline kümmert sich um Verbrechen gegen schwule und lesbische Menschen
quelle: lgbt+ helpline
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(rar)

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