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epa06473078 Marine One carrying US President Donald Trump lands at the heliport during the 48th annual meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Thursday, January 25, 2018. The meeting brings together enterpreneurs, scientists, chief executive and political leaders in Davos January 23 to 26.  EPA/GIAN EHRENZELLER

Die Marine One mit dem US-Präsidenten Donald Trump an Bord landet in Davos. Bild: EPA/KEYSTONE

«You have a meeting? Nein? Ah, so sorry!» – ein Streifzug durchs WEF-Davos

Trumps Besuch in Davos gehörten die Schlagzeilen. Aber neben dem WEF und seinem berühmt-berüchtigten Aushängeschild gibt es im Bündner Bergdorf noch andere seltsame Gestalten. Ein Streifzug.



Trump umbringen? Das hat wahrscheinlich nie jemand weniger glaubhaft angekündigt als Paul. Irgendwann in den frühen Morgenstunden des Donnerstags muss es gewesen sein, als der St. Galler Exportspediteur in die Davoser Pianobar wehte, wo sich das WEF-Schwemmgut sammelt, nachdem in Hotelbars der Zapfenstreich verkündet und die Teelichter ausgeblasen wurde. «I'm gonna kill Trump», lallte Paul, bevor ihn eine Kompanie Polizisten aus dem Lokal schleifte, die Mütze aufsetzte und freundlich zum Bahnhof spedierte. Es ist 10 Uhr morgens am Bahnhof Davos Dorf und Paul ist mit seiner Erzählung voll in Fahrt. Gerade eben hat er ein paar «Hetis» gekickt, «du musst mit den Klischees aufräumen, weisst du». Homos könnten halt auch ganz gut mit den Fäusten, und mit den Füssen sowieso. Dafür hat Paul dann auch eins auf die Nase gekriegt, die hängt jetzt kolossal schief an der Wurzel und an der Nasenspitze bildet sich der erste Schorf.

Abseits der Kongressräume, neben den Hotels mit den vielen Sternen und den Flaniermeilen, wo einem Facebook- und Google-Hostessen mit Heidi-Klum-Lächeln vertrösten – «You have a meeting? Nein, ah, so sorry, dann morgen, heute ist leider geschlossene Gesellschaft» – und wo sich verdächtig macht, wer sich einmal zu oft auf den Fersen dreht, da passieren auch noch andere Sachen. Nichts Weltbewegendes, keine Proteste, keine politischen Ausrufezeichen, es wurde ja geschaut, dass alles seine wohlgeordnete Richtigkeit hat, auch wenn man dafür vielleicht die eine oder andere Polizeirichtlinie ein bisschen grosszügiger auslegen musste. Es sind eher leise Lebenszeichen, wie sie in den Seitenstrassen jeder menschlichen Gemeinschaft aufflackern. Man vergisst ja in diesen Tagen schnell mal, dass Davos eine normale menschliche Gemeinschaft ist.

Es kann vorkommen, dass man in Davos auf dem Trottoir gleitet, und auf der anderen Strassenseite prahlhanst ein junger Herr im Zweireiher und mit Lackschuhen ins Telefon, dass er die WhatsApp-Nummer des Ministers habe, die WhatsApp-Nummer! Immerhin. Besser als die Visitenkarte, schlechter als die Facebook-Freundschaft. Und es kann vorkommen, dass einem in Davos ältere Männer im Pelzmantel entgegengeschoben kommen, ein Flackern in den Augen, schlingernder Gang, und es ist gut möglich, dass es nicht der Dom Perignon war, sondern ein schwaches Nachglühen der Macht, die einen kurz anstrahlte wie die Heizpilze die Raucher vor einem der unzähligen Bitcoin-Pavillons.

Donald Trump ist in der Schweiz

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Donald Trump ist in der Schweiz
quelle: ap/ap / evan vucci
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Davos Platz nach Davos Dorf. Eine kleine Weltreise zu Fuss. Kleine Trippelschritte und grosse Limousinen. Paul bleibt dann an der ersten Polizeikontrolle hängen, die eigentlich gar keine war, aber Paul musste dem Polizisten den Witz mit dem Schnee erzählen – «also, der geht so, kommt ein Mann in eine Bar und fragt, ‹wo gibts denn hier Schnee.› Und meine Kollegin, von Tuten und Blasen und Schnupfen keine Ahnung, sagt die also allen Ernstes, ‹Schnee? Geh doch auf den Säntis!›» – und jetzt gestikuliert Paul und der Polizist gestikuliert auch und der Verkehr muss erst einmal warten. Trump kommt nämlich, mit dem Helikoptertross von Kloten übers Sarganserland angeflogen, drei Puma-Helikopter, zwei Black-Hawk-Helikopter und die zwei Präsidentenmaschinen, und wenn der Verkehr nicht ehrfürchtig stillsteht, dann könnte es eben gefährlich werden, wie ein verkabelter Hochleistungs-Polizist zu bedenken gibt.

Sylvia und Robert waren schon hier, als Clinton 2001 seine Aufwartung machte, da war alles noch eine Spur kleiner und unaufgeregter, sagt Sylvia und Robert verscheucht Hobby-Helispotter, die sich vor seine Linse verirrt haben. «Trump, nun ja, man muss nicht mit allem übereinstimmen, was er sagt, aber er sagt es – und wie er es sagt. Meine Freundin, die Heidi, die sagt immer: wenn Trump twittert, dann fühlt es sich für mich immer so an, als ob er mich persönlich anspricht. Das ist doch schön, oder?»

Bild

Das grosse Warten auf Trump. bild: watson

Vor dem Salexer Horn wehen die Rotoren der Hubschrauber feinen Schneestaub über den See. Polizisten in Faserjacken und mit dem Halfter am Oberschenkel stapfen neben Einheimischen durch den hüfttiefen Schnee. Wie friedlich hier alles ist. Und wie gleich die Leute hier im Schnee scheinen.

Natürlich dominiert Trump an diesem Donnerstag. Er macht ja nicht gerade auf Understatement, aber wenn man die Leute sprechen lässt und ihnen zuhört, dann schwingt erstaunlich viel Sympathie mit für den US-Präsidenten mit.

In der Bahnhofsmafia-Pizzeria schielt Vito Corleone ziemlich grämig auf die Zufallszusammenkunft am Rundtisch der einsamen Herzen. Sein Mittagsangebot ist ganz ok, man könnte es aber auch ablehnen, Aglio e Olio für 18 Franken die kleine Portion, 3cl Mineral für 5.50, der Espresso 4.50. Die Davoser Wucherpreise, Auslöser für kapitalismuskritische Worte von WEF-Gründer Klaus Schwab, haben hier keinen Platz. Richard, am anderen Ende der 60, ist Chauffeur auf Abruf, und macht das hier eigentlich nur zum Spass. Die träfen Sprüche sprudeln aus ihm heraus: «Ich nehm' den griechischen Salat, aber ohne Griechen!» Im Schlepptau hat er seinen Kompagnon Simon, abstehende Ohren und schiefe Zähne, die ohne Unterlass klein gemahlene Pizzastücke auf Richards Hemdärmel schnalzen, die von Simon diensteifrig wieder wegwischt werden. Richard hat nichts gemerkt, er doziert den Anwesenden – Peter, pensionierter Chirurg und Ferienhausbesitzer und Noah, Ex-Profisportler und Glyphosat-Warner – warum Trump  am Ende vielleicht doch gar nicht so übel sei. Es ist das alte Lied der angeblichen Unabhängigkeit Trumps, und die Vorteile eines Kabinetts voller schwerreicher Männer, die immun gegen Korruption seien. «Eine Hand wäscht die andere, das ist das Prinzip», hangelt sich Richard ans Ende seiner rostigen Argumentationskette.

Peter ist skeptisch, er will hier eigentlich nur Ferien machen, wandern und den Kopf lüften, und jetzt stochert er voll im Auge des Sturms herum. «Die Machtkonzentration und die mangelnde Transparenz sind ein Problem hier oben, aber man vergisst halt oft, dass persönliche Beziehungen in der Diplomatie und in der Wirtschaft Gold wert sind.» Peter sagt oft zustimmend, «das ist so», um anschliessend auszuführen, warum genau das Gegenteil richtig ist. Ein angenehmer Gesprächspartner. Noah schaltet sich erst ins Gespräch ein, als sich die beiden Chauffeure mit Händedruck verabschiedet haben. Ein sanfter Hühne mit Knollennase und Fingern, die aussehen als wären sie der Wurstfüllmaschine entnommen. Er erzählt, wie er vergiftet wurde mit GLB und dass uns allen das Bewusstsein für die Umwelt und die Eigenverantwortung abhanden gekommen ist. Deshalb sei er gegen die Pharmalobby und für No Billag. Und ja, Trump, so schlecht sei er nicht.

Später, zwischen den braunen Schneepfützen an der Bushaltestelle, erzählt Noah von dieser Youtube-Sendung die er kürzlich gesehen habe, da wird alles erklärt, warum es immer gegen die Russen geht, und weshalb die Rothschilds eben doch hinter allem Übel stecken. Ein bisschen wie die Protokolle der Weisen von Zion, einfach digital aufbereitet. Dann holt er sein Eisbärenkostüm und fährt so mit dem Fatbike vor die Kameras der Journalisten.

Trump-Besuch in Davos sorgt für Aufregung

Video: srf/SDA SRF

Es gibt einen Ort in Davos, da ist das WEF ganz weit weg. Man muss das Landwassertal hoch wandern, beim Bahnhof Platz die steile Spitzkehre meistern, an der Heilsarmee vorbei und an der Pauluskirche, wo ein Transparent mahnt, dass die Wirtschaft den Menschen dienen soll, und nicht umgekehrt.

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Jesus will dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern – christliche Missionare am WEF. bild: watson

In der Haltebucht neben dem Grossverteiler stehen eine handvoll junge Menschen mit Bongo-Trommeln und Smile-Keksen und einer Botschaft für alle, die nicht rechtzeitig ihre Schritte beschleunigen: «Jesus wants to bring a smile to your face.» Was machen christliche Missionare am WEF? «Wir beten für die WEF-Teilnehmer», erklärt Sarah. Für ihr Seelenheil? «Ja, und dass sie am Ende des Tages Gutes tun». Sarah stammt aus einer evangelikalen Familie im Mittleren Westen, Vater Pastor, Mutter Pastor und nur einmal in ihrem Leben zweifelte sie kurz, als sich ihre Eltern scheiden liessen.

Mit Politik hat Sarah nichts am Hut, der Glauben leitet sie über Kontinente, komplizierte Sachverhalte und abgründige Theodizee-Fragen. Es laufe gut, die gratis Kekse seien ein Renner. Kein Wunder, Davos huldigt während des WEF schamlos der Gratiskultur. Gratis Eintritt in Clubs, gratis Getränke, gratis Essen –  ein kleines Trostpflaster für die 27'000 Franken Anmeldegebühr und die 60'000 Franken Mitgliedergebühr und den Kleinwagen-Preis, den man in Davos während des WEF für eine Wohnung bezahlt.

Dann seufzt Sarah. Es scheine ihr, dass die Davoser keine sehr gläubige Community seien. Kaum jemand wolle gemeinsam mit ihr beten. Aber, und dann hellt sich ihr Gesicht wieder auf, die Liebe Gottes sei nicht auf Anerkennung angewiesen und schon gar nicht auf Dankbarkeit. Eine Einbahnstrasse zum persönlichen Glück.

Vielleicht leitet auch Klaus Schwaab, den Gründer des WEF der unerschütterliche Glaube. Dass der Bedeutungsverlust, den das WEF in den letzten Jahren erlitten hatte, wieder rückgängig gemacht werden könne. Dass er das Ruder herumreissen könnte. Weg vom Bonzen-Basar hin zum Lagerfeuer der globalen Gemeinschaft.

Wer sich draussen herumtreibt, auf den Strassen zwischen Davos Dorf und Davos Platz, der sieht tatsächlich einen fantastischen Rummelplatz, aber vielleicht nicht so, wie Schwab sich das vorstellt: Narren, Gaukler, Glücksritter, Wachleute in Uniformen, Geblendete, Erleuchtete, kettenbewehrte Limousinen, und den einen oder anderen Prediger. Im Sermon-Package: Gott, Bitcoins, oder einfach nur die bedingungslose Liebe zu sich selbst.

Video: srf

WEF 2018

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