Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
[Themenbild Grippe, gestellte Aufnahme] Ein Mann, der erkrankt ist, liegt mit einer Tasse Tee auf dem Sofa und haelt sich den schmerzenden Kopf, aufgenommen am 27. Oktober 2007 in Zuerich. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

[Themed picture of influenza, posed picture] A sick man lies with a cup of tea on a sofa and touches his aching head, pictured in Zurich, Switzerland, on October 27, 2007. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Die Grippe fesselt derzeit viele ans Bett. Bild: KEYSTONE

Lohnabzug oder Krankenbesuch vom Chef: So wollen Firmen die Grippe-Absenzen reduzieren

Arbeitgeber wollen, dass ihre Mitarbeiter möglichst wenig fehlen. Die Motivationsmethoden, die sie dazu anwenden, kommen auch beim Arbeitgeberverband nicht immer gut an.



Die diesjährige Grippesaison ist aussergewöhnlich lang und heftig. So bleiben immer noch viele Arbeitsplätze in Schweizer Unternehmen verwaist, die Mitarbeiter hüten stattdessen das Bett. Gemäss Schätzungen verursacht die Grippe in der Schweiz volkswirtschaftliche Kosten zwischen 100 und 300 Millionen Franken pro Jahr. Um die Ausfälle gering zu halten, wenden viele Arbeitgeber Kniffs an, teils zum Leid ihrer Mitarbeiter. 

Der Lohn wird gekürzt

Wer krank ist, erhält in den ersten drei Tagen keinen Lohn. Was für die meisten unvorstellbar ist, ist bei einigen Unternehmen gang und gäbe. Auch juristisch ist dies legal und wurde auch schon von der Rechtssprechung gestützt. 

Ein Unternehmen, das diese Praxis der sogenannten Karenztage seit Jahren anwendet, ist die EMS-Group, die von der SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher geleitet wird. Wer beim Bündner Unternehmen arbeitet, kriegt im ersten Dienstjahr während den ersten drei Krankheitstagen keinen Lohn, im zweiten während zwei und im dritten wird der erste Krankheitstag nicht entlöhnt. Ab dem vierten Dienstjahr wird jeder Tag bezahlt. Diese Regelung habe sich bewährt, sagte Conrad Gericke, Generalsekretär der EMS-Chemie 2015 gegenüber dem Tages-Anzeiger. Auf Anfrage von watson meinte er nur, dass sich die Praxis seit dem Artikel nicht geändert habe. 

Hansjörg Schmid, Sprecher des Verbands Angestellte Schweiz, findet diese Regelung unsympathisch. «Diese Praxis führt dazu, dass die kranken Mitarbeiter doppelt bestraft werden. Sie sind krank und erhalten erst noch keinen Lohn.» Er empfiehlt Betroffenen, bei Möglichkeit den Arbeitgeber zu wechseln. 

Gesunde Mitarbeiter werden belohnt

Du warst im letzten Jahr keinen Tag krank? Wenn dies der Fall ist, würdest du in einigen Schweizer Firmen eine Belohnung kriegen. In Form einer Bonuszahlung oder von zusätzlichen Ferientagen.

«Wer krank ist, kommt nicht wegen 500 Franken zur Arbeit.»

Silvia Joos, Leiterin Personaldienste Eniwa

Eine Firma, die Mitarbeiter ohne Absenzen belohnt, ist die Eniwa in Buchs, die frühere IBAarau. Beim Energiedienstleister bekommen Mitarbeiter im ersten absenzenfreien Jahr 300 Franken, im darauffolgenden zweiten Jahr 400 Franken und im dritten 500 Franken. «Wir haben das System 2014 eingeführt, da die Kurzabsenzen zuvor enorm zugenommen hatten», sagt Silvia Joost, Leiterin Personaldienste bei Eniwa. Das Bonus-System habe sich bislang bewährt, ergänzt sie. Seit der Einführung  gibt es gemäss ihren Angaben rund 50 Prozent weniger Kurzabsenzen. Auch die Mitarbeiter würden das Belohnungssystem sehr positiv aufnehmen. «Es ist ja nicht so, dass wir jemandem etwas wegnehmen.»

Anderer Meinung ist Hansjörg Schmid, Sprecher des Verbands Angestellte Schweiz: «Dies ist eine unzulässige Ungleichbehandlung der Angestellten.» Zudem könne dies zur Folge haben, dass sich eine Krankheit verschlimmere, sich die Genesung verlangsame oder dass Arbeitskollegen angesteckt würden.

Die Ansteckungsgefahr sei seit der Einführung der Belohnung nicht gestiegen, ist Silvia Joost überzeugt. Denn: «Wer krank ist, kommt nicht wegen 500 Franken zur Arbeit.»

Der Chef macht einen Krankheitsbesuch

Stell dir vor, du liegst mit Fieber im Bett, als es plötzlich an der Tür klingelt. Es ist dein Chef, mit einem Blumenstrauss in der Hand. Er macht einen Krankenbesuch.

«Ich kenne einen Arbeitgeber, der schon am zweiten Krankheitstag mit einem Blumenstrauss vor dem Wohnsitz des betreffenden Mitarbeiters steht, um gute Besserung zu wünschen.»

Christoph Mörgeli

Von einer solchen Unternehmenspraxis berichtete einst der frühere Nationalrat Christoph Mörgeli in einem Gastbeitrag in der «Aargauer Zeitung». Er schrieb: «Ich kenne einen Arbeitgeber, der schon am zweiten Krankheitstag mit einem Blumenstrauss vor dem Wohnsitz des betreffenden Mitarbeiters steht, um gute Besserung zu wünschen. Ist der Angestellte wirklich krank, freut er sich über die Aufmerksamkeit. Ist er nicht zu Hause oder spielt er mit dem Modellflugzeug im Garten, wird er künftig weniger fehlen.»

Für Mörgeli eine sinnvolle Praxis, wie er im Artikel weiter schreibt. Ein Unternehmen, das tatsächlich auf Hausbesuche setzt, ist die EMS-Chemie in Basel, dies bestätigte Gericke gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Bei kürzeren Erkrankungen sei dies eine völlig abstruse Idee, so Schmid von Angestellten Schweiz. «Der Chef hat hoffentlich besseres zu tun.» Und auch Simon Wey vom Schweizer Arbeitgeberverband ist skeptisch: «Krankheitsbesuche sind eher heikel, da sie das Vertrauensverhältnis beeinträchtigen können.» Zudem sei ein Arzt besser dazu qualifiziert, den Gesundheitszustand von Arbeitnehmenden zu beurteilen.

Kranke können von Zuhause aus arbeiten

Nicht jeder ist der Meinung, man solle eine Grippe zuerst richtig auskurieren, bevor man wieder arbeitet. So sagte der Arbeitsmedizinier Claude Sidler zum Magazin «Astrea Apotheke»: «Manchmal ist ein reduziertes Pensum im Homeoffice eine gute Zwischenlösung, sofern dies der Arbeitgeber ermöglicht.» Und gegenüber von «20 Minuten» präzisierte er: «Die Arbeitgeber nützen die Möglichkeit viel zu wenig aus, Angestellten, die sich nicht 100 Prozent fit fühlen, eine sogenannte angepasste Tätigkeit vorzuschlagen.»

«Die Zeit zu Hause soll zur Erholung genutzt werden, um danach für den Arbeitgeber wieder vollumfänglich arbeitsfähig zu sein.»

Simon Wey, Fachspezialist Arbeitökonomie beim Schweizerischen Arbeitgeberverband

Simon Wey, Fachspezialist beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, sieht dies etwas anders: «Die Zeit zu Hause soll zur Genesung genutzt werden, um danach für den Arbeitgeber wieder vollumfänglich arbeitsfähig zu sein.» Nur in begründeten Einzelfällen könne eine solche Home-Office-Lösung sinnvoll sein. Etwa dann, wenn der Arbeitnehmer zwar ansteckend sei, aber dennoch voll leistungsfähig.

Krankheitszeugnis ab dem ersten Absenztag

Arbeitgeber dürfen ab dem ersten Krankheitstag ein Arztzeugnis verlangen. Es ist in der Praxis aber die Ausnahme. Bei den meisten Arbeitgebern wird erst ab dem dritten Absenztag die Bestätigung durch einen Arzt verlangt. 

Arbeitnehmern sei ein Vertrauensvorschuss zu gewähren, sagt Simon Wey. Für Spezialisten des Arbeitgeberverbands gibt es aber Ausnahmefälle: «Dort, wo ein Missbrauchsverdacht besteht, kann ein Arztzeugnis bereits ab dem ersten Krankheitstag ein gangbarer Weg sein.»

Bestimmt hast auch DU einen dieser kranken Typen im Büro:

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

Wie befriedigend es doch ist, wenn das eine Ding perfekt in das andere passt

Das könnte dich auch interessieren:

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Barcelona soll 2030 autofrei werden

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Ade Pelz: Schweizer zeigen Canada Goose die kalte Schulter

Einst bot er Forschern in der Arktis Schutz vor Kälte, in den letzten Wintersaisons prägte er modisch Schweizer Stadtbilder – der pelzbesetzte Parka, besonders derjenige der Marke Canada Goose. Nun flaut der haarige Hype ab. 

Er war der grosse Renner der letzten Schweizer Winter: der Jackenhersteller Canada Goose. Hätte man für jede Sichtung dieser omnipräsenten Parkas mit Kojotenkapuze einen Franken gekriegt, hätte man sich selbst bald schon eines der teuren Exemplare leisten können. Und das alles trotz heftiger Kritik der Tierschutzorganisationen.

Diese Saison hatten die Status-Parkas aber einen schweren Start. «Im Vergleich zu 2017 ist der Verkauf der Jacken und Mäntel der Marke stark eingebrochen», sagt …

Artikel lesen
Link zum Artikel