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Der Böögg, in Action.<br data-editable="remove">
Der Böögg, in Action.
Bild: EPA/KEYSTONE

Fischlein, Gilli und Filippo – 7 Gründe, warum ich als Basler das Sechseläuten supertoll finde

Das Naserümpfen über das Zürcher Sechseläuten ist weit verbreitet. Vor allem natürlich in Basel. Zu Unrecht. 
18.04.2016, 14:2518.04.2016, 15:31
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
Chefredaktor
Maurice Thiriet
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Das Zürcher Sechseläuten, weitherum als «Bonzenfasnacht» verschrien, ist unterschätzt. Denn das Sechseläuten hat nicht nur für den elitär-erlauchten Kreis der Zünfter und ihrer Angehörigen etwas zu bieten, sondern auch für alle Auswärtigen, wie etwa die Basler. Also für mich. Und zwar hat es Unterhaltungswert zu bieten. Viel Unterhaltungswert: 

Gillis Talk-Show

Markus Gilli entschuldigt sich bei Christoph Blocher, weil dieser vom TeleZüri-Podest gefallen ist.
YouTube/loofighter

Die ansonsten von Heerscharen von Kommunikationsberatern uniform-weichgeschliffene Elite aus Wirtschaft, Politik und Kultur erweist dem TeleZüri-Chef Markus Gilli alljährlich mit lustigen Umhängen, Hüten und weiteren Zunft-Utensilien die Ehre. Auf dem Podest am Rande des Sechseläuten-Platzes geben sie auf Gillis improvisierte Fragen gut gelaunt Antworten, die Letzterer nicht hört, weil ihn die Produzenten von Sekunde eins an dauernd über Kopfhörer warnen, der Bögg könnte gleich explodieren. Gefühlt nach vier Sekunden unterbricht Gilli jeweils die Monologe der Mächtigen dieses Landes skrupellos mit einem «Ah, ich hör grad, de Böögg brännt immer no! Lueged mer doch grad schnäll, wär isch de nächschti Gascht?» 

Das gesamte Treiben auf dem Sechseläuten-Platz mitsamt Böller, Reiterei und Böögg-Abbrennen ist seit Beginn der Ära des Schweizer Privat-TVs nichts weiter als die Kulisse für den Altmeister des Schweizer TV-Talks und die am hochkarätigsten besetzte Talkshow des Jahres*. 

Mein Erbe 

Ein Bruchteil des Erbes aller Ghostwriter-Nachkommen.<br data-editable="remove">
Ein Bruchteil des Erbes aller Ghostwriter-Nachkommen.
Bild: KEYSTONE

Mit jedem Sechseläuten wächst meines und das Erbe meines Bruders als Ghostwriter-Söhne um geschätzt einen sechsstelligen Betrag. Dutzende von Politikern und Wirtschaftsgrössen aus der ganzen Schweiz sind jeweils eitel genug, die Einladungen der Zürcher Zünfte anzunehmen und vergessen dabei, dass dies auch das Halten einer oder mehrerer Reden beinhaltet. Das Problem: Die Zürcher Zünfter besuchen sich seit Menschengedenken gegenseitig in ihren Lokalen und halten spöttische Reden und Gegenreden. Wenn sie etwas können, dann das.

Da will man als auswärtiger Gast natürlich nicht abfallen und engagiert hochspezialisierte Ghostwriter, die für horrende Beträge bereits ein halbes Jahr im Voraus mit der Recherche des Publikums beginnen, die Reden über den Tag verteilt auf dessen jeweiligen Alkoholpegel massschneidern und zum Schluss den Rednern in tagelangen Klausur-Sessions Timing, lockere Performance und Setzen der Pointen einpeitschen. 

Ross-Spektakel 

Zunftreiter lenken ihre Pferde um den Scheiterhaufen.<br data-editable="remove">
Zunftreiter lenken ihre Pferde um den Scheiterhaufen.
Bild: KEYSTONE

Hunderte von Zünftern müssen am Sechseläuten mit einem Pferd ausgestattet werden, zwecks Umrundung des Bögg-Scheiterhaufens. Weil die Zunftreiter den Rest des Jahres eher in reitfernen Milieus zubringen, leihen die Bauern und Pferdebesitzer aus der ganzen Schweiz den Zünftern natürlich nicht die besten Rösser, die sie im Stall haben aus, sondern eher die fauleren, die sich nicht so rasch stressen lassen. 

Das ist im Trubel des Sechseläutens nützlich, obwohl die Pferde auch da zusätzlich ziemlich flächendeckendem Einsatz von Tranquilizern ruhig gestellt werden müssen, kann aber beim anstrengenden Ritt um das Feuer zum Problem werden. Die Kombination von ungeübtem Reiter, viel Alkohol, gestresstem Pferd, spritzfreudigem Tierarzt und einer weitgehend ungeschützten Zuschauermenge sorgt zuverlässig für einen anständigen Nervenkitzel. Leider zu sehr auf Kosten der Pferde. 

Die Geschichte von Filippo

Filippo Leutenegger, FDP-Stadtrat, wartet auf die Weinausgabe.<br data-editable="remove">
Filippo Leutenegger, FDP-Stadtrat, wartet auf die Weinausgabe.
Bild: KEYSTONE

Eine der schönsten Geschichten um das Zürcher Sechseläuten aus der jüngeren Vergangenheit ist diejenige von Stadtrat Filippo Leuteneggers (FDP) Nichtaufnahme in die Zunft zur Schneidern. Monatelang musste sich Leutenegger der Prüfung der Zunftmitglieder unterziehen und diese auf eigene Kosten bei sich zu Hause bewirten und zu Kreuze kriechen.

Statt dass die Zünfter ihm von Anfang an gesagt hätten, dass einer, der früher gegen Atomkraftwerke demonstriert hat, sowieso keine Chance hat, liessen sich die Schneidern von Leutenegger Honig um den Bart schmieren und üppige Mähler und Weinselektionen kredenzen. Nachdem sie den Spass daran ein wenig verloren hatten, lehnten sie seine Aufnahme in geheimer Abstimmung 2011 zum zweiten Mal schnöde ab.  

Daraufhin mied Leutengger das Sechseläuten beleidigt, nun als Stadtrat ist er wieder mit von der Partie. Und hält wenn immer möglich grösstmögliche Entfernung zu allen Schneidern. 

Noble Chaoten 

Zunftleute, am Böllern.<br data-editable="remove">
Zunftleute, am Böllern.
Bild: KEYSTONE

Sind normalerweise die Fussball- und Eishockey-Fans bekannt dafür, sich zu vermummen, unter Ausschluss weiblicher Teilnehmer betrunken durch die Strassen zu ziehen und laute pyrotechnische Erzeugnisse abzubrennen, tun das am Sechseläuten ältere, gesetzte Herren.

Da ihre Aktivitäten würdevoller verpackt sind als diejenigen der Sportfans, ist die Repression der Staatsgewalt denn auch ungleich geringer. Die Polizei besteht einzig darauf, dass keine Reiter einen Blutalkoholwert von mehr als 0,5 Promille aufweisen. Verstösse gegen diese Vorschrift sind nicht bekannt. Ihre Einhaltung wird aber auch nicht kontrolliert. 

Bögg-Pannen

Der Bögg, korrekt explodierend.<br data-editable="remove">
Der Bögg, korrekt explodierend.
Bild: EPA/KEYSTONE

Der Böögg ist ein unzuverlässiger Geselle und jährlich berichten sämtliche Zeitungen und Lokalradio- und TV-Stationen des langen und breiten darüber, wieviel Sprengstoff im diesjährigen Böögg verbaut sei und wo genau und wie dieser knalle. Der Böögg-Erbauer ist jeweils vor dem Sechseläuten der Mann der Stunde, was Medienpräsenz anbelangt und wird schon fast wie ein Heiliger verehrt. 

Wenn der Böögg dann mal brennt, macht sich oft genug Ernüchterung breit, weil der Hauptböller im Kopf des Bööggs nicht zündet, vor der Zündung abfällt oder der Scheiterhaufen nicht richtig brennt. Oder weil der Böögg – wie in den Jahren '93 und '94 – lange vor der Hauptexplosion vom Scheiterhaufen in den Schlamm fällt.

Einmal liess sich der Böögg ohne nennenswerte Gegenwehr sogar mitsamt Sprengmaterial von Linksradikalen entführen. In keiner anderen Stadt wäre das denkbar und die Basler bedanken sich jeweils für das willkommene Fasnachtssujet.

Politische Korrektheit

Vertreterinnen der Zunft zum Fraumünster.&nbsp;<br data-editable="remove">
Vertreterinnen der Zunft zum Fraumünster. 
Bild: KEYSTONE

Ähnlich wie die katholische Kirche spüren auch das Sechseläuten und die Zünfte die Begehrlich- und Unwägbarkeiten der modernen Welt. Mit Nachdruck verlangen etwa feministische Kreise, dass Frauen ebenfalls am Sechseläuten teilnehmen und so Gleichberechtigung erfahren dürfen. Tierschützer ihrerseits verlangen, dass Schluss ist mit Pferderuhigstellung und das traditionelle Fischewerfen der Zunft zur Schiffleuten musste wegen der Tierschützer auch eingestellt werden.

Die Zunftmeister geben dann in den Medien jeweils wortreich Auskunft darüber, warum die einen Forderungen erfüllt werden und andere nicht. Diese Antworten sind immer so lustig hingebogen, dass am Schluss niemand mit dem Ergebnis zufrieden ist. So hat die Zunft zur Schiffleuten gesagt, das Fischewerfen sei eingestellt worden, weil die Berufsfischer die Fische lieber verkaufen würden. Den Frauen verweigerte man die Teilnahme weiterhin lange. Aber nicht, weil sie Frauen sind – Gott bewahre –, sondern weil diese sich auf die Äbtissinnen des Fraumünsters als Gründermütter beriefen, welche ja wohl keine Handwerkerinnen gewesen seien, aber am Sechseläuten nun mal nur Handwerker-Zünfte zugelassen seien. 

*TeleZüri gehört der AZ Medien AG, die zusammen mit deren Verleger Peter Wanners BT Holding auch die Mehrheit an watson hält.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Coach Cpt. Blaze
18.04.2016 15:09registriert August 2014
Auch als Berner finde ich das Sechseläuten supertoll - an und für sich ein hundsgewöhnlicher Montag und du erhältst erst noch Überzeit gutgeschrieben obwohl dich dieser Anlass 0-komma-garnicht interessiert! :-D
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Ich-meins-doch-nicht-so
18.04.2016 16:06registriert Januar 2014
Welcher der aufgeführten Gründe stützt nun ihre These, dass dies ein tolles Fest sei? Die sedierten Pferde, ihr auf eher peinliche Weise wachsendes Erbe oder die Borniertheit älterer Herren, die für einmal den richtigen getroffen hat?
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TanookiStormtrooper
18.04.2016 15:29registriert August 2015
Eine Rede schreiben um sich über Bonzen lustig zu machen?
Verflucht, und ich mach das ganze auch noch Gratis!
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