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Zahnarzt packt aus: «Einige Kollegen versprechen ihren Patienten das Blaue vom Himmel»

Der pensionierter Zahnarzt Peter Frei (69) aus Sursee packt aus: So schlimm steht es um seinen Berufsstand und darum sind gewisse Patienten daran mitschuldig.

Raphael Zemp / ch media



Dentist Martin von Ziegler inspects a patient's teeth with a mirror and probe in his dental practice in Zurich, Switzerland, pictured on April 6, 2010. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Zahnarzt Martin von Ziegler untersucht am 6. April 2010 in seiner Praxis in Zuerich mit Spiegel und Sonde die Zaehne eines Patienten. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Zahnarztdichte ist in den letzten Jahren angestiegen. Bild: KEYSTONE

Was ist am Vorwurf der Überbehandlung mit Zahnimplantaten dran? Und warum fühlt sich der Zahnarzt zuweilen als Coiffeur? Das verrät uns Peter Frei. Der pensionierte Fachzahnarzt für Oralchirurgie mit Weiterbildungsausweis für Implantologie war fast ein halbes Jahrhundert in der Zahnmedizin tätigt und hat so die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt. Vor einem Jahr hat er seine Praxis in Sursee abgegeben und arbeitet nun noch einen halben Tag pro Woche ehrenamtlich als externer Instruktor an der Universität Basel.

Peter Frei, Patientenschützer sagen: Zahnärzte drehen ihren Patienten oft unnötige aber finanziell lukrative Zahnimplantate an. Teilen Sie diese Kritik?
Ja, ich teile diese Beobachtung. Es gibt viele Zahnärzte, die übereilt und ohne sorgfältige Vorabklärung Zahnimplantate einsetzen. Der Eingriff mag sich für sie finanziell lohnen, ist aber oft nicht im Interesse des Patienten und verstösst deshalb in vielen Fällen gegen die Regeln der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO). Die Mundgesundheit der Patientinnen und Patienten ist oberstes Gebot. Deshalb bin auch ich der Meinung: Ein Implantat soll fehlende Zähne und nicht einfach Zähne ersetzen. Erst gilt es alle anderen zahnerhaltenden Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen.

Bild

Peter Frei

Heute aber ist diese Haltung nicht mehr so stark vertreten.
Das stimmt. Hauptgrund mag die hohe Dichte an praktizierenden Zahnärzten in gewissen Regionen sein. Um in einem solchen Umfeld überleben zu können, werden Behandlungen favorisiert, die sich rechnen. Dabei muss es nicht immer eine Luxuslösung mit Implantaten sein. Es ist wie im Wirtshaus: da gibt es ja auch nicht nur das teuerste Entrecôte auf der Karte.

Ecken sie damit nicht an bei Arbeitskollegen?
Die Kolleginnen und Kollegen, die mich lange und gut kennen, kennen auch meine Einstellung zum Beruf. Hersteller von Implantaten haben mich auch schon kritisiert: Ich würde zu wenige Implantate einsetzen! Für mich ist das, wie bereits erwähnt, eine Frage der Ethik. Im Zentrum unseres Handelns müssen das Wohl und die Wünsche des Patienten stehen – und nicht die Gewinnmaximierung. Glück und Zufriedenheit im Beruf waren für mich immer wichtig. Es ist wunderbar, wenn ich heute noch schöne Komplimente von meinen ehemaligen Patienten bekomme.

Gibt es noch andere Gründe, warum aus der Zahngesundheit mehr und mehr ein Zahngeschäft geworden ist?
Nun, der gesellschaftliche Wandel hat auch in unserer Branche seine Spuren hinterlassen und der Patient ist in den letzten Jahren immer mehr zum Kunden geworden. Statt zu heilen verkaufen Zahnärzte Produkte wie Implantate oder ein makelloses Lächeln. Diese Werteverschiebung zusammen mit der gestiegenen Zahnärztedichte hat letztlich dazu geführt, dass die Werbung für zahnmedizinische Behandlungen massiv zugenommen hat – mit verheerenden Auswirkungen für unseren Berufsstand.

Inwiefern?
Patienten prägen sich Werbebilder ein, die wenig mit der Realität zu tun haben, und kommen mit solchen Vorstellungen in die Praxis. Vergleichbar mit jenen Leuten, die mit einem Foto von einem berühmten Star in der Hand zum Coiffeur gehen, in der Meinung, sie würden nach dem Schnitt genau gleich aussehen wie ihr Idol auf dem Bild. Nach einem klärenden Gespräch bleibt in beiden Fällen oft Ernüchterung übrig. Gewisse Zahnärzte wiederum wissen diese übertriebene Anspruchshaltung auszunützen, versprechen ihren Patienten das Blaue vom Himmel. Sie verkaufen ihren Kunden so sehr teure wie auch unnötige Eingriffe und können ihre Versprechungen meistens nicht einhalten.

Worin liegen denn die grössten Gefahren für Patienten?
Bei unvollständigen Vorabklärungen und/oder unsachgemässer Behandlung drohen ernsthafte Schäden. Entsprechend wichtig ist deshalb eine fundierte theoretische sowie auch praktisch-chirurgische Ausbildung. Während in der Schweiz darauf grossen Wert gelegt wird, lässt die Ausbildung in vielen anderen Länder jedoch zu wünschen übrig. Das Einbringen eines Implantates ist kein Bagatelleingriff!

Was schlagen Sie vor, wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken?
So bedenklich diese Entwicklung ist: Das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen. Allerdings wird auch dieser Trend eine gewisse Selbstkorrektur nach sich ziehen. Bis es soweit ist, kann es aber noch dauern. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Patienten richtig informiert werden über mögliche gesundheitliche Folgen von Eingriffen und über kostengünstigere Alternativen. Sie haben ein Recht darauf verständlich aufgeklärt zu werden!

Und wie so oft hat sich der Wandel der Zeit wohl nicht nur negativ ausgewirkt.
Sie haben recht. Trotz des teilweise unangebrachten, ja gar missbräuchlichen Einsatzes von Zahnimplantaten, muss hier klar festgehalten werden: Zahnimplantate sind heute ganz klar ein Segen für die Zahnmedizin. Aber nur, wenn sie sorgfältig angewendet werden und vom Patienten oder der Patientin ebenso gepflegt werden.

 

So teuer sind künstliche Zähne

Für ein Zahn-Implantat stellt ein Zahnarzt schnell ein paar Tausend Franken in Rechnung. Materialkosten sowie die Arbeit des Zahntechnikers machen dabei den kleineren Teil aus. Das zeigen jene Zahlen, die uns Beat Steger präsentiert. Steger hat während fast 40 Jahren in Luzern ein eigenes zahntechnisches Labor geführt – von der Materie versteht er also etwas.

Für ein Zahn-Implantat stellt ein Zahnarzt schnell ein paar Tausend Franken in Rechnung. Materialkosten sowie die Arbeit des Zahntechnikers machen dabei den kleineren Teil aus. Das zeigen jene Zahlen, die uns Beat Steger präsentiert. Steger hat während fast 40 Jahren in Luzern ein eigenes zahntechnisches Labor geführt – von der Materie versteht er also etwas.

Ein Kunstzahn besteht aus drei Teilen. Zum einen gibt es da das eigentliche Implantat. Das ist jener Teil, der einer länglichen Mutter gleicht und vom Zahnarzt in den Kieferknochen eingedreht wird. Gefertigt wird dieses aus Titan oder Keramik und kostet laut Steger um die 450 Franken. In diese künstliche Zahnwurzel wird wiederum ein Aufsatz eingeschraubt, der nochmals bis zu 250 Franken kostet.

Eine Krone aus Asien für weniger als 100 Franken

Was das Gegenüber letztlich anlächelt, ist der dritte Teil eines Kunstzahnes: die Krone. Gefertigt in einem Schweizer Zahntechnik-Labor kostet diese rund 400 bis 800 Franken, je nach Material und Ausführung. Miteingerechnet ist dabei die Arbeit des Zahntechnikers, die auf einem durchschnittlichen Stundentarif von 110 Franken basiert. Dabei sind die Preise laut Steger in den letzten Jahren eher gesunken – dank der Digitalisierung. «Softwaregesteuerte Fräsmaschinen übernehmen heute gewisse Arbeitsschritte, die zuvor von Hand gemacht werden mussten».

Einigen Zahnärzten ist das noch immer zu teuer. Sie fertigen Kronen gleich selber an – in einer Sitzung und mit eigenen Maschinen. «In puncto Genauigkeit und Qualität können diese Produkte allerdings nicht mit jenen aus professionellen Labors mithalten», sagt Steger, «auch weil Zahntechniker andere Materialien verwenden, die sie genauer bearbeiten können.» Wieder andere Zahnärzte lassen Zahnkronen in Asien fertigen. Transportkosten eingerechnet sind diese schon ab unglaublich billigen 90 Franken zu haben. (zar) 

Wer braucht schon einen Zahnarzt?

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