Schweiz
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Im Schweizer Pavillon betrachten Besucher eine Ausstellung, die das Gotthardmassiv zeigt, am Freitag, 1. Mai 2015, in Mailand, Italien. (Keystone/Ti-Press/Samuel Golay)

Visitors of the Swiss pavillon take a look at the exposition of the Gotthard massif in Milano Italy, on Friday, May 1, 2015. (Keystone/Ti-Press/Samuel Golay)

Gebirgsstock im Herzen der Schweiz: 25 Tonnen schweres Modell des Gotthardmassivs im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 2015 in Mailand.  Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Serie – der Gotthard

Mythos Gotthard: Politisches Urgestein



Die Begriffe «Mythos» und «Gotthard» finden schnell zueinander. Das ist eigentlich erstaunlich, denn der Gotthard ist weder markant wie das Matterhorn noch lieblich wie die Rigi oder gefürchtet wie die Eigernordwand. Genau genommen ist es nicht einmal ein Berg.

Serie zum Gotthard

Der Gotthard – Sinnbild der Schweiz, Teil des kulturellen Gedächtnis, Festung und Nadelöhr des europäischen Verkehrs. Anfang Juni wird der Gotthard-Basistunnel mit pompösem Staatsakt und Volksfest eingeweiht. In der watson-Serie zum Gotthard liest du alles über den berühmtesten Berg und längsten Tunnel der Schweiz.

Dennoch versinnbildlicht das Gotthardmassiv wohl wie keine andere Erhebung der Alpen die Schweiz. Der Journalist Helmut Stalder, der kürzlich das Buch «Gotthard. Der Pass und sein Mythos» veröffentlicht hat, bezeichnet den Gotthard als «eigentlichen Identitätsfelsen der Schweiz». 

Zum einen liegt das an der zentralen Lage des Gebirgsstocks, über den die Europäische Kontinentalwasserscheide verläuft und in dem die Kultur- und Sprachräume der vielsprachigen Schweiz aneinandergrenzen. Zum andern steht das Massiv für die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit der Schweiz – hier befand sich der Kern des Réduits, in dem sich das Land während des Zweiten Weltkriegs vor der Bedrohung durch die Achsenmächte einigelte. 

Vor allem aber trägt die Gotthard-Saga – ähnlich wie Rütlischwur, Tell-Sage, Burgenbruch oder Schlacht von Sempach – zur patriotisch überhöhten Erzählung von der Entstehung der Schweiz bei. Der Gotthard ist in dieser Sicht gleichsam der steinerne Kern, um den herum sich die Eidgenossenschaft kristallisiert.

HANDOUT - Die Sonderbriefmarke

Identitätsfelsen auf der Briefmarke: Die Sonderbriefmarke «Gottardo 2016» zur Eröffnung des Basis-Gotthardtunnels ist mit echtem, pulverisiertem Gotthardgestein bedruckt.  Bild: SCHWEIZERISCHE POST

Das Réduit

«Er ist ein Teil der politischen Selbstverklärung der Schweiz und gehört spätestens seit dem 18. Jahrhundert zu den nationalen Symbolen.»

Schriftsteller Peter von Matt Aargauerzeitung.ch

Das 1895 erstellte Tell-Denkmal in Altdorf, aufgenommen im September 2003. Die Bronze-Statue des in Bauerntracht gekleideten und mit Armbrust bewehrten Wilhelm Tell und seinem Sohn Walter war eine Auftragsarbeit mit klaren Vorgaben, wie z.B. Kuehnheit des Audrucks und Entschlossenheit der Haltung der Figuren. Im Hintergrund ist eine alpine Landschaft mit einer Burg dargestellt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)  === ,  ===  : DIA]

Tell-Denkmal in Altdorf: Tell-Sage, Rütlischwur und Burgenbruch gehören zum Mythologie-Inventar der Schweiz.  Bild: KEYSTONE

«Ohne Gotthard gäbe es die Schweiz nicht»

Die Schweiz als «Gotthardstaat» verdankt ihre Existenz indes nicht diesem zentralen Felsmassiv, sondern vielmehr dem Pass, der es durchschneidet. Die Eidgenossenschaft entstand nicht zuletzt durch den Pass und am Pass; dieser kürzesten europäischen Nord-Süd-Verbindung. Die Schweiz wäre ohne Gotthardpass wohl nicht entstanden, sagt auch Buchautor Stadler: 

«Ohne Gotthard gäbe es die Schweiz nicht. Er ist der einzige Ort, an dem man den Alpenwall in einem einzigen Auf- und Abstieg überwinden kann. Deshalb konnte sich die Schweiz hier als Passstaat etablieren. Und weil die Pässe strategisch wichtig waren, liessen die rivalisierenden europäischen Grossmächte die Schweiz bestehen.»

Helmut Stadler «11 Fragen an» / ofv.ch

In der Tat gewann die Gotthardroute von Basel über den Unteren Hauenstein und den Gotthardpass nach Mailand stark an Gewicht, als die Schöllenen erschlossen wurde. Damit stieg auch die Bedeutung der Gebiete in der Zentralschweiz: Die Könige und Kaiser des Deutschen Reichs – erstmals die Staufer im Jahr 1231 – verliehen ihnen Privilegien, um die wichtige Verbindung zu den norditalienischen Reichsteilen zu sichern. 

Schöllenenschlucht, Teufelsbrücke, Teilansicht; Ansicht der Teuffelsbrücke oberhalb der Schöllenenschlucht; Schöllenen, 1781

Salomon Gessner: «Ansicht der Teufelsbrücke oberhalb der Schöllenenschlucht», 1781. Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, GS-GUGE-GESSNER-S-1-7

Der Pass als Katalysator

Für die Entstehung der Eidgenossenschaft dürfte der Pass auch insofern als Katalysator gewirkt haben, als er einen Anreiz zur Zusammenarbeit schuf. Die ersten Bündnisse zwischen den Kantonen der Urschweiz im 13. und 14. Jahrhundert wurden nicht zuletzt geschlossen, um den gemeinsamen Unterhalt der Gotthardroute zu regeln und die Einkünfte daraus zu sichern. 

eidgenössische Ennetbirgische Vogteien

Eidgenössische Expansion entlang der Gotthardroute: Die Leventina und die Ennetbirgischen Vogteien (grau) 1403-1798.  Bild: Wikipedia

Entstehung und Aufstieg der Eidgenossenschaft, die der Gotthardroute entlang weit nach Süden in die Lombardei hinein expandierte, sind daher tatsächlich mit dem Gotthard verbunden – wenn dieser als Geburtshelfer der Schweiz auch nie die überragende Rolle spielte, die man ihm früher zumass. Die neuere Geschichtsforschung hat seine Rolle für die Entwicklung der Eidgenossenschaft relativiert.

Abnehmende Bedeutung

Als zentrale Verbindung von Nord nach Süd entstand er erst mit der Zähmung der Schöllenen, und auch danach blieben die Bündner Pässe wichtiger als der neue Weg nach Süden. Mit dem Brenner konnte der Gotthard im Hinblick auf das Transportvolumen ohnehin nicht konkurrieren

Nach einer kurzen Blütezeit im 13. Jahrhundert nahm seine Bedeutung sogar eher wieder ab, bis in den 1830er-Jahren eine durchgehende Fahrstrasse gebaut wurde. Erst mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 dominierte der Gotthard den Schweizer Nord-Süd-Verkehr endgültig. 

Von der Teufelsbrücke bis zur Gotthardpost

Symbol für Fortschritt

Der Gotthardtunnel machte die Schweiz zum Tunnelland. Der Tunnel als nationales Symbol ergänzte den Pass – wobei er noch mehr als die frühen Brückenbauten in der Schöllenen den technischen Fortschritt verkörpert. Und als internationales Gemeinschaftsprojekt – Italien und das Deutsche Reich finanzierten den Bau damals mit – versinnbildlicht er auch die europäische Zusammenarbeit, wie von Matt betont:  

«Der Gotthard als Pass und der Gotthard als Tunnelsystem sind zwei nationale Symbole von je ganz eigener Art. Als Pass wird er heute noch von politischen Pathetikern als Herz der Schweiz gehandelt, als Tunnelsystem aber ist er das Paradestück der Schweizer Technologiegeschichte. In dieser Hinsicht verkörpert er den Fortschrittswillen der Schweiz, aber auch den frühen Willen des Landes zu europäischer Zusammenarbeit.»

Peter von Matt

BERLIN, GERMANY - MARCH 23:  A statue of Prussian statesman Otto von Bismarck stands in Tiergarten park on March 23, 2015 in Berlin, Germany. Germany will commemorate the April 1st 200th anniversary of von Bismarck. Otto von Bismarck was instrumental in the creation of a unified German state and was among the most influential politicians of late 19th-century Europe.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Die Gotthardroute als europäisches Projekt: Der preussische Ministerpräsident Bismarck verhalf der Gotthardvariante zum Durchbruch.
Bild: Getty Images Europe

Im Gotthard treffen letztlich zwei Mythenstränge zusammen: das Bergmassiv als Sinnbild des Beständigen, Beharrenden und Wehrhaften und der Verkehrsweg – kulminierend in Pass und Tunnel – als Chiffre für Dynamik, Handel, Verkehr und technischen Fortschritt.

Diese Pole des Beharrens und des Fortschritts, die entweder in fruchtbarer Dialektik miteinander in Beziehung treten oder einander als Antagonismen blockieren, haben die Schweizer Mentalität geprägt. Wie es der Schriftsteller Peter von Matt formuliert: 

«Die Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus, ein janusköpfiges Voraus- und Zurückschauen zugleich, ist eine Eigentümlichkeit der Schweiz im politischen wie im literarischen Leben.»

Peter von Matt
Tagesanzeiger.ch

Helmut Stalder
Gotthard. Der Pass und sein Mythos
ISBN: 978-3-280-05617-2
296 Seiten
April 2016
54 Fr.
Bestellen: ofv.ch

Als es am Gotthard noch gemütlich zu und her ging

Quiz: Von den Helvetiern bis zum Bankgeheimnis – kennst du die Schweizer Mythen?

Quiz
1.Im Jahr 58 v. Chr. schlugen die Römer bei Bibracte in Gallien die Helvetier unter Führung Divicos vernichtend. Die Legende sagt, unsere keltischen Vorfahren hätten ...
Bild zur Frage
... die Römer schon in Gallien angegriffen, um sie daran zu hindern, Helvetien zu erobern.
... als Hilfstruppe des Ariovist dessen Invasion Galliens unterstüzt.
... ihre Städte und Dörfer verbrannt, um nach Gallien auszuwandern.
2.Reisen wir über 1000 Jahre weiter in der Schweizer Geschichte. Wir alle kennen die Szene: Wilhelm Tell schiesst auf Geheiss des Landvogts Gessler seinem Sohn Walter mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf. Was steckt dahinter?
Bild zur Frage
Eine historisch verbürgte Tatsache.
Eine Wanderlegende, die vermutlich aus Skandinavien stammt.
Eine alte helvetische Sage.
3.Der Schwur der drei Eidgenossen auf dem Rütli gehört zu den Gründungsmythen der Eidgenossenschaft. Wann wurde er zum ersten Mal erwähnt?
Bern, Die drei Eidgenossen
Wikipedia
1470/74 im «Weissen Buch» von Sarnen
Wikipedia
1470/74 im «Weissen Buch» von Sarnen
1534/36 im «Chronicon Helveticum» von Aegidius Tschudi
1534/36 im «Chronicon Helveticum» von Aegidius Tschudi
1804 in Schillers Drama «Wilhelm Tell»
1804 in Schillers Drama «Wilhelm Tell»
4.Der Bundesbrief von 1291 gilt als Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft, allerdings erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Warum erst seit dann?
Bild zur Frage
Wikipedia
Das Dokument wurde erst im Jahr 1889 im Schwyzer Kantonsarchiv entdeckt. Der Fund erregte grosses Aufsehen und machte den Bundesbrief populär.
Zuvor hatte der deutschsprachige Bundesbrief von Brunnen aus dem Jahr 1315 als Gründungsdokument gegolten. Er wurde aber 1884 als Fälschung entlarvt.
Als Bern 1891 sein 700-jähriges Bestehen feiern wollte, kam man auf die Idee, zugleich eine 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft abzuhalten. Der Bundesbrief passte zu diesem Datum.
5.Der Legende nach sollen die Eidgenossen die Burgen der Vögte erstürmt und zerstört haben. Welche gehörte nicht dazu?
Burgruine Schwanauhttps://de.wikipedia.org/wiki/Schwanau_(Insel)#/media/Datei:Schwanau.jpg
Wikipedia
Gesslerstein
Zwing Uri
Schwanau
6.Bei der legendären Schlacht am Morgarten wurde ein habsburgisches Ritterheer vernichtet. Woher kamen zahlreiche Bewaffnete in Herzog Leopolds Heereszug?
Schlacht bei Morgarten, Gem älde von K. Jauslin
www.morgarten2015.ch
Aus Luzern, Zug und Zürich
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Aus Wien, Graz und Pressburg
Wikipedia
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Aus Bern, Freiburg und Basel
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7.Die Sage des Helden von Sempach, Arnold von Winkelried, fand auch im Ausland Anklang. Welcher Befehlshaber nannte sich aufopfernde Kämpfer «Winkelried»?
Winklerieds Tod bei Sempach
Wikipedia
Wallenstein, Generalissimus der Kaiserlichen im Dreissigjährigen Krieg
Wikipedia
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Prinz Eugen, Feldherr in den österreichischen Türkenkriegen
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Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine
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8.Wann erklärte sich die Eidgenossenschaft erstmals als neutral?
Neutralität, Schweizer Militärpostkarte
Museum Altes Zeughaus Solothurn
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Im Französisch-Niederländischen Krieg (1674)
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Am Wiener Kongress (1815)
Wikipedia
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9.Wir machen wieder einen grossen Zeitsprung vorwärts: 1935 trat das «Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen» in Kraft, in dem das Bankgeheimnis verschärft wird. Was war der Zweck dieses gesetzgeberischen Schritts?
[EDITOR'S NOTE: Topical image, posed picture with fake money] A briefcase with bundles of fake banknotes of Swiss Francs, pictured on July 21, 2011. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)
KEYSTONE
Der Schutz jüdischer Vermögen in der Schweiz vor dem Zugriff der Nazis.
Die Verhinderung ausländischer Bankenspionage.
Die Erleichterung der Steuerhinterziehung für Kunden aus dem Ausland.
10.Im Zweiten Weltkrieg blieb die Schweiz verschont. Lange galt als Hauptgrund dafür der militärische Widerstandswille, symbolisiert durch das Réduit – das befestigte Rückzugsgebiet der Armee in den Alpen. Wo schwor General Guisan das Offizierkorps auf die Réduit-Strategie ein?
An old Swiss military cannon camouflaged as a stone, which belongs to the old Swiss army fortress on Guetsch hill at over 2300 meters above sea level above Andermatt in the Gotthard region, Switzerland, pictured on May 16, 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Eine als Stein getarnte Militaerkanone der alten Festung der Schweizer Armee auf dem Guetsch auf ueber 2'300 Meter ueber Meer oberhalb von Andermatt im Gotthardgebiet, aufgenommen am 16. Mai 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
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