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Gebirgsstock im Herzen der Schweiz: 25 Tonnen schweres Modell des Gotthardmassivs im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 2015 in Mailand. 
Gebirgsstock im Herzen der Schweiz: 25 Tonnen schweres Modell des Gotthardmassivs im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 2015 in Mailand. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS
Serie – der Gotthard

Mythos Gotthard: Politisches Urgestein

29.05.2016, 17:4229.05.2016, 18:18

Die Begriffe «Mythos» und «Gotthard» finden schnell zueinander. Das ist eigentlich erstaunlich, denn der Gotthard ist weder markant wie das Matterhorn noch lieblich wie die Rigi oder gefürchtet wie die Eigernordwand. Genau genommen ist es nicht einmal ein Berg.

Serie zum Gotthard
Der Gotthard – Sinnbild der Schweiz, Teil des kulturellen Gedächtnis, Festung und Nadelöhr des europäischen Verkehrs. Anfang Juni wird der Gotthard-Basistunnel mit pompösem Staatsakt und Volksfest eingeweiht. In der watson-Serie zum Gotthard liest du alles über den berühmtesten Berg und längsten Tunnel der Schweiz.

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Dennoch versinnbildlicht das Gotthardmassiv wohl wie keine andere Erhebung der Alpen die Schweiz. Der Journalist Helmut Stalder, der kürzlich das Buch «Gotthard. Der Pass und sein Mythos» veröffentlicht hat, bezeichnet den Gotthard als «eigentlichen Identitätsfelsen der Schweiz». 

Zum einen liegt das an der zentralen Lage des Gebirgsstocks, über den die Europäische Kontinentalwasserscheide verläuft und in dem die Kultur- und Sprachräume der vielsprachigen Schweiz aneinandergrenzen. Zum andern steht das Massiv für die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit der Schweiz – hier befand sich der Kern des Réduits, in dem sich das Land während des Zweiten Weltkriegs vor der Bedrohung durch die Achsenmächte einigelte. 

Vor allem aber trägt die Gotthard-Saga – ähnlich wie Rütlischwur, Tell-Sage, Burgenbruch oder Schlacht von Sempach – zur patriotisch überhöhten Erzählung von der Entstehung der Schweiz bei. Der Gotthard ist in dieser Sicht gleichsam der steinerne Kern, um den herum sich die Eidgenossenschaft kristallisiert.

Identitätsfelsen auf der Briefmarke: Die Sonderbriefmarke «Gottardo 2016» zur Eröffnung des Basis-Gotthardtunnels ist mit echtem, pulverisiertem Gotthardgestein bedruckt. 
Identitätsfelsen auf der Briefmarke: Die Sonderbriefmarke «Gottardo 2016» zur Eröffnung des Basis-Gotthardtunnels ist mit echtem, pulverisiertem Gotthardgestein bedruckt. Bild: SCHWEIZERISCHE POST

Das Réduit

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Das Reduit
quelle: keystone / gaetan bally
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«Er ist ein Teil der politischen Selbstverklärung der Schweiz und gehört spätestens seit dem 18. Jahrhundert zu den nationalen Symbolen.»
Schriftsteller Peter von MattAargauerzeitung.ch
Tell-Denkmal in Altdorf: Tell-Sage, Rütlischwur und Burgenbruch gehören zum Mythologie-Inventar der Schweiz. 
Tell-Denkmal in Altdorf: Tell-Sage, Rütlischwur und Burgenbruch gehören zum Mythologie-Inventar der Schweiz. Bild: KEYSTONE

«Ohne Gotthard gäbe es die Schweiz nicht»

Die Schweiz als «Gotthardstaat» verdankt ihre Existenz indes nicht diesem zentralen Felsmassiv, sondern vielmehr dem Pass, der es durchschneidet. Die Eidgenossenschaft entstand nicht zuletzt durch den Pass und am Pass; dieser kürzesten europäischen Nord-Süd-Verbindung. Die Schweiz wäre ohne Gotthardpass wohl nicht entstanden, sagt auch Buchautor Stadler: 

«Ohne Gotthard gäbe es die Schweiz nicht. Er ist der einzige Ort, an dem man den Alpenwall in einem einzigen Auf- und Abstieg überwinden kann. Deshalb konnte sich die Schweiz hier als Passstaat etablieren. Und weil die Pässe strategisch wichtig waren, liessen die rivalisierenden europäischen Grossmächte die Schweiz bestehen.»
Helmut Stadler«11 Fragen an» / ofv.ch

In der Tat gewann die Gotthardroute von Basel über den Unteren Hauenstein und den Gotthardpass nach Mailand stark an Gewicht, als die Schöllenen erschlossen wurde. Damit stieg auch die Bedeutung der Gebiete in der Zentralschweiz: Die Könige und Kaiser des Deutschen Reichs – erstmals die Staufer im Jahr 1231 – verliehen ihnen Privilegien, um die wichtige Verbindung zu den norditalienischen Reichsteilen zu sichern. 

Salomon Gessner: «Ansicht der Teufelsbrücke oberhalb der Schöllenenschlucht», 1781.
Salomon Gessner: «Ansicht der Teufelsbrücke oberhalb der Schöllenenschlucht», 1781.Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, GS-GUGE-GESSNER-S-1-7

Der Pass als Katalysator

Für die Entstehung der Eidgenossenschaft dürfte der Pass auch insofern als Katalysator gewirkt haben, als er einen Anreiz zur Zusammenarbeit schuf. Die ersten Bündnisse zwischen den Kantonen der Urschweiz im 13. und 14. Jahrhundert wurden nicht zuletzt geschlossen, um den gemeinsamen Unterhalt der Gotthardroute zu regeln und die Einkünfte daraus zu sichern. 

Eidgenössische Expansion entlang der Gotthardroute: Die Leventina und die Ennetbirgischen Vogteien (grau) 1403-1798. 
Eidgenössische Expansion entlang der Gotthardroute: Die Leventina und die Ennetbirgischen Vogteien (grau) 1403-1798. Bild: Wikipedia

Entstehung und Aufstieg der Eidgenossenschaft, die der Gotthardroute entlang weit nach Süden in die Lombardei hinein expandierte, sind daher tatsächlich mit dem Gotthard verbunden – wenn dieser als Geburtshelfer der Schweiz auch nie die überragende Rolle spielte, die man ihm früher zumass. Die neuere Geschichtsforschung hat seine Rolle für die Entwicklung der Eidgenossenschaft relativiert.

Abnehmende Bedeutung

Als zentrale Verbindung von Nord nach Süd entstand er erst mit der Zähmung der Schöllenen, und auch danach blieben die Bündner Pässe wichtiger als der neue Weg nach Süden. Mit dem Brenner konnte der Gotthard im Hinblick auf das Transportvolumen ohnehin nicht konkurrieren

Nach einer kurzen Blütezeit im 13. Jahrhundert nahm seine Bedeutung sogar eher wieder ab, bis in den 1830er-Jahren eine durchgehende Fahrstrasse gebaut wurde. Erst mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 dominierte der Gotthard den Schweizer Nord-Süd-Verkehr endgültig. 

Von der Teufelsbrücke bis zur Gotthardpost

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Von der Teufelsbrücke bis zur Gotthardpost
quelle: wikimedia/roland zumbühl
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Der Gotthard-Scheiteltunnel
quelle: eth-bibliothek zürich, bildarchiv / fotograf: braun, adolphe / ans_05449-013-pl
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Symbol für Fortschritt

Der Gotthardtunnel machte die Schweiz zum Tunnelland. Der Tunnel als nationales Symbol ergänzte den Pass – wobei er noch mehr als die frühen Brückenbauten in der Schöllenen den technischen Fortschritt verkörpert. Und als internationales Gemeinschaftsprojekt – Italien und das Deutsche Reich finanzierten den Bau damals mit – versinnbildlicht er auch die europäische Zusammenarbeit, wie von Matt betont:  

«Der Gotthard als Pass und der Gotthard als Tunnelsystem sind zwei nationale Symbole von je ganz eigener Art. Als Pass wird er heute noch von politischen Pathetikern als Herz der Schweiz gehandelt, als Tunnelsystem aber ist er das Paradestück der Schweizer Technologiegeschichte. In dieser Hinsicht verkörpert er den Fortschrittswillen der Schweiz, aber auch den frühen Willen des Landes zu europäischer Zusammenarbeit.»
Peter von Matt
Die Gotthardroute als europäisches Projekt: Der preussische Ministerpräsident Bismarck verhalf der Gotthardvariante zum Durchbruch.<br data-editable="remove">
Die Gotthardroute als europäisches Projekt: Der preussische Ministerpräsident Bismarck verhalf der Gotthardvariante zum Durchbruch.
Bild: Getty Images Europe

Im Gotthard treffen letztlich zwei Mythenstränge zusammen: das Bergmassiv als Sinnbild des Beständigen, Beharrenden und Wehrhaften und der Verkehrsweg – kulminierend in Pass und Tunnel – als Chiffre für Dynamik, Handel, Verkehr und technischen Fortschritt.

Diese Pole des Beharrens und des Fortschritts, die entweder in fruchtbarer Dialektik miteinander in Beziehung treten oder einander als Antagonismen blockieren, haben die Schweizer Mentalität geprägt. Wie es der Schriftsteller Peter von Matt formuliert: 

«Die Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus, ein janusköpfiges Voraus- und Zurückschauen zugleich, ist eine Eigentümlichkeit der Schweiz im politischen wie im literarischen Leben.»
Peter von Matt
Tagesanzeiger.ch
Helmut Stalder
Gotthard. Der Pass und sein Mythos
ISBN: 978-3-280-05617-2
296 Seiten
April 2016
54 Fr.
Bestellen: ofv.ch

Als es am Gotthard noch gemütlich zu und her ging

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