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Jan Fehr ist Professor am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Er forscht zu Antikörpertests in der Schweiz. bild: epa / corona immunitas

Verwirrung um Immun-Tests – warum das Testen für Einzelne jetzt keinen Sinn macht

Apotheken, Arztpraxen und private Initiativen werben damit, dass Antikörpertests Gewissheit über die Immunität von Einzelnen liefern können. Das sei unseriös, sagt Infektionsspezialist Jan Fehr und erklärt, wann die Tests Sinn machen – und wann nicht.



Auch nach den ersten Lockerungen der Schutzmassnahmen ab dem 26. April wird ein Grossteil des öffentlichen Lebens weiterhin eingeschränkt bleiben. Home Office, geschlossene Restaurants, Abstand halten – von Normalität kann nicht die Rede sein.

Umso hoffnungsvoller blickt man darum auf die Wissenschaft und Forschung. Solange kein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 bereitsteht, sollen Antikörpertests für mehr Klarheit sorgen. Mit diesen Bluttests kann bestimmt werden, wer bereits am neuen Coronavirus erkrankte, Antikörper gebildet hat und jetzt immun ist. Je besser erfasst werden kann, wie weit sich das Virus bereits ausgebreitet hat und wie es um die Immunität der Schweizer Bevölkerung steht, umso einfacher können die Sicherheitsmassnahmen des Bundes gesteuert – und dann eben auch weiter gelockert werden.

Verwirrung um Immun-Tests

Nun scheint aber grosse Verwirrung um solche Antikörper-Tests zu herrschen. Während Forscher warnen, dass die Tests noch nicht weit genug entwickelt seien, bieten erste Arztpraxen und Apotheken auf eigene Faust bereits Antikörpertests an. Die Permanence MedCenter in Luzern schreibt auf ihrer Webseite: «Wir bieten Immunitäts-Tests an, die Ihnen zeigen, ob Sie gegen das Covid-19-Virus immun sind.» Das ganze Prozedere sei unkompliziert und dauere nur 15 Minuten. Die mehrheitlich aus Wirtschaftsvertretern bestehender Initiative «Corona Immunity», wirbt gar damit, dass schon ab Mai mit einer eigens entwickelten Technologie das einfache Testen zu Hause möglich sein soll.

Dass solche Versprechen eingehalten werden können, bezweifelt Jan Fehr, Infektionsspezialist und Professor am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Er verstehe zwar, dass sich die Leute mit einem Immun-Test Gewissheit verschaffen wollten. Doch weder seien die Tests sicher genug. Noch wisse man, ob überhaupt eine Immunität nach dem Nachweis von Antikörpern bestehe und wie lange eine Immunität gegen das Coronavirus anhalte. Fehr sagt: «Wir brauchen zuerst die wissenschaftliche Grundlage, daran arbeiten wir.»

epa08361132 A team of paramedics during a serology test with a resident ithat can discover whether a person has ever been exposed to the novel coronavirus, Cascais, Portugal, 13th April 2020. The Cascais City Council has today initiated a study that seeks to evaluate covid-19 in the municipality and what the level of immunity may be in order to make decisions in the field of health and economic activity.  EPA/TIAGO PETINGA

Solche Schnelltests sind noch zu unsicher, als dass sie sichere Ergebnisse zur Immunität liefern könnten. Bild: EPA

Was Fehr sagt, hat Gewicht. Er beschäftigt sich intensiv mit den Möglichkeiten und Grenzen von Antikörpertests. Seit Wochen arbeitet er mit ausgewiesenen Spezialistinnen und Spezialisten aus dem ganzen Land unter Hochdruck am nationalen Forschungsprogramm «Corona Immunitas». Das Ziel des Projekts ist es, Informationen zur Durchseuchung der Schweizer Bevölkerung zu sammeln. In einem weiteren Schritt sollen Informationen gesammelt werden, inwieweit die Leute immun sind und insbesondere auch darüber, wie lange die Immunität anhält.

«Selbsttests sind realitätsfern»

Wer sich also testen lassen wolle, sollte das nicht zur privaten Zwecken tun, sondern lediglich innerhalb sorgfältig aufgegleisten Studien. «Wir brauchen Testpersonen. Aber nicht, um dem Einzelnen Sicherheit über die eigene Immunität geben zu können», sagt Fehr. Die Studie werde Personen per Stichprobe auswählen. Insbesondere Selbsttests für Zuhause seien derzeit absolute Zukunftsmusik. «Das anzubieten, ist realitätsfern.» Besonders deutlich illustriere das das Beispiel der ersten HIV-Selbsttests, die vorletztes Jahr auf den Markt kamen – wohlgemerkt über dreissig Jahre nach der Entdeckung des Virus.

Hätte Fehr eine Glaskugel, würde er gerne hineinschauen. Viele Antworten auf offene Fragen, kann er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gehen. Sehr vorsichtig wagt er eine Prognose: «An der Universität Zürich arbeitet ein Team von Virologen daran, einen Test zu entwickeln, der bis jetzt sehr vielversprechend aussieht. Ich gehe davon aus, dass die Wissenschaftler in den kommenden Wochen die Validierung der Labor-Antikörpertests abschliessen können.» Es geht also vorwärts: «So rasch wie möglich, aber auch so sorgfältig wie nötig.»

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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hardy18 23.04.2020 06:16
    Highlight Highlight Apotheken würden dir auch ein Auto verkaufen...
  • wilhelmsson 22.04.2020 14:01
    Highlight Highlight 👇🏻
    Benutzer Bild
  • no-way 22.04.2020 13:34
    Highlight Highlight es gibt auch statistiche probleme, ist einen altbekannter Problem wenn man testet mit einen bevölkerung, die kaum den erreger gehapt hat. Beispiel: annahme 200'000 infizierte in der Schweiz ugfr 2.5% der Bevolkerung. Man testet 1 million zufällig, nut 25000 haben das virus. Das Test ist 95% gut für richtige Positiv, aber hat auch 4% falsche positiv (positive resultat aber keinen infektion). Resultat: 975'000* 4% = 39'000 falsche positive + 23'750 richtige positive, total 62'750 positive resultat und mehr als die hälfte ist falsch. Also man muss warten bis 30-40% der Bevolkerung sich infiziert
  • beaetel 22.04.2020 12:26
    Highlight Highlight Bisherige Fakten: Egal um welche Tests es sich handelt, sie haben keine Trefferquote von 100 %, sind also ungenau. Wieviel Sinn Tracing macht, erschliesst sich mir ebenfalls nicht. Angenommen man wird angesteckt. Bis man es merkt, vergehen Tage, in denen man angeblich andere ansteckt, die logischerweise wiederum andere anstecken, bis sie es merken! Und die Masken? Obwohl wir hier in der Schweiz fast keine tragen, gehen die Neuinfektionen zurück! Wieso? Und zuletzt. Bis jetzt hiess es, der Virus hätte sich genetisch nicht verändert. Im Club gestern dann das Gegenteil. Fragen über Fragen.
    • genauleser 22.04.2020 14:40
      Highlight Highlight Massnahmen (Tests, Tracing, Masken, Social Distancing) helfen eben alle auch, wenn sie nicht 100% sind.
      Es gibt eigentlich fast nie irgendwo 100%, trotzdem kommt man zu potte (denk an die Masern etc.).
      Anscheinend ist das Corona-Virus nicht allzu dynamisch mit Mutationen - jährlich nötige Impfungen kennen wir ja auch schon.
    • Pat the Rat, einfach nur Pat the Rat 22.04.2020 18:17
      Highlight Highlight Aber sicher macht Tracing Sinn, wenn Alle mitmachen:

      Klar geht es eine Weile bis Du merkst, dass Du infiziert bist.

      Aber derjenige, der dich angesteckt hat merkt es früher.

      Und der, der Ihn angesteckt hat merkt es noch früher. Und durch Tracing erhältst Du so bereits eine Meldung, wenn Er es erfährt.

      Folglich erfährst Du es bevor Du Symptome hast und kannst somit Andere vor einer Ansteckung durch Dich schützen...

  • Dave1974 22.04.2020 12:06
    Highlight Highlight Ich bin noch sehr skeptisch, was die Zuverlässigkeit und auch der Sinn dieser Tests angeht.
    Wenn überhaupt, dann kann man damit erst mal nur etwas Licht in die Dunkelziffern bringen und auch die Verteilung, resp. die Verteilwege besser analysieren.
    Ob man dann überhaupt immun ist und/oder wie lange, da wird weltweit vermutet, was das Zeug hält.

    Nur helfen Vermutungen eben niemandem und damit kann man im schlimmsten Fall auch wieder Leben aufs Spiel setzen.

    Sicher wüssten viele gerne, ob sie das Ding schon durch haben - und dann?
  • Moudi 22.04.2020 12:04
    Highlight Highlight Was jetzt.. Testen oder nicht? Laut BAG ja?
    • SaraSera 22.04.2020 13:21
      Highlight Highlight @Moudi: Ja, testen - aber nur innerhalb von Studien. Nicht zu privaten Zwecken.
    • ands 23.04.2020 13:05
      Highlight Highlight Testet man 1000 Personen, kann man ungefähr sagen, wie viele davon infiziert waren. Damit lassen sich z.B. Aussagen zur Dunkelziffer bei den Infektionen ableiten.
      Testet man eine Person, kann man mit so ca. 95% Sicherheit sagen, ob sie infiziert war. Diese Information nützt dieser Person aber nichts, weil sie (a) nicht gesichert ist und weil man (b) nicht weiss, ob man nach einer Infektion immun ist.
  • FrancoL 22.04.2020 11:59
    Highlight Highlight Dieser Satz sticht mir ins Auge;
    "Noch wisse man, ob überhaupt eine Immunität nach dem Nachweis von Antikörpern bestehe und wie lange eine Immunität gegen das Coronavirus anhalte"

    In diesem Zusammenhang ist zB auch die Herdemimmunität zu betrachten. Wenn man nicht weiss wie lange die Immunität anhält dann scheint es mir mehr als fraglich ob man zB auf Herdenimmunität setzen will. Dies als Gruss an alle die die die Herdenimmunität so hoch loben.
    • Thomas G. 22.04.2020 12:35
      Highlight Highlight Genau! Die Durchseuchungs-Phantasien gewisser Kreise sind reiner Wahsinn. Leute die das fordern sollen sich gefälligst zuerst selbst und ihre Familien anstecken, dann 4 Wochen isolieren. Danach schauen wir mal
    • Ueli der Knecht 22.04.2020 13:43
      Highlight Highlight Auch diejenigen, die glauben, wir hätten bis Ende Jahr bereits einen Impfstoff, mit dem wir die ganze Bevölkerung durchimpfen können, muss man enttäuschen:

      https://watson.ch/!824016529#comment_2556462
      "Bisher ist nicht einmal hinreichend untersucht, ob von Covid-19 Genesene gegen SARS-Cov-2 resistent sind, und falls, wie lange deren Immunität anhält."

      Auch die Langzeitwirkung von Covid19 sind noch lange nicht bekannt. Es mehren sich aber Hinweise, dass Covid19 mittel- und längerfristige Gesundheitsprobleme (mit) verursacht. Auch das braucht noch einige zeitraubende Studien.
    • wilhelmsson 22.04.2020 13:49
      Highlight Highlight Von anderen Corona-Viren weiss man aber auch, dass die Immunität teilweise nur knapp ein Jahr bestehen bleibt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Andreas Karz 22.04.2020 11:53
    Highlight Highlight Schon lustig. Mit diesen Tests würde man sofort erkennen, dass jede Grippe viel heftiger ist als Corona. Als sagt man uns, der Test tauge nichts. Und wer glaubts?
    • genauleser 22.04.2020 14:33
      Highlight Highlight IQ-Tests gäbt es sonst online.
    • guineapig 22.04.2020 14:41
      Highlight Highlight Zum tausendfünfhundertdreiundsiebzigsten Mal:

      Es ist absolut Wurst, wie hoch z.B. die effektive Sterblichkeit gemessen an der reellen Anzahl Infizierter ist. Tatsache ist, dass sich dieses Virus massiv schneller verbreitet als eine normale Grippe und deshalb innert kürzester Zeit die Kapazitäten des Gesundheitssystems komplett lahmlegen kann.
      DAS macht es so gefährlich (auch für die uninfizierten, die anderweitig behandelt werden müssen).
      Andere Länder haben zur Genüge bewiesen, was passiert wäre, wenn man ein paar Tage länger mit strengen Massnahmen zugewartet hätte.
  • Nelson Muntz 22.04.2020 11:51
    Highlight Highlight Also keine DIY Tests im bald wieder offenem Baumarkt?
  • Amadeus 22.04.2020 11:24
    Highlight Highlight Ich finde, Professor Fehr zeigt schön auf, was viele Leute nicht zu berücksichtigen scheinen. Die Wissenschaft arbeitet langsam aber gründlich. Natürlich will man immer schnelle Antworten, aber Forschung braucht Zeit. Übrigens, hat man die Permanence MedCenter in Luzern kontaktiert für eine Stellungnahme? Das wäre gründlicher Journalismus.

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