Nach 25 Minuten führt Ambri am 7. März 2024 im Play-in gegen Lugano 4:0. Und gibt diese komfortable Führung noch aus der Hand, am Ende steht es 4:4 und das Rückspiel in Lugano geht 1:3 verloren.
Es ist ein historisches Scheitern. Fast so schmerzhaft wie die verspielte 3:0-Führung im Playoff-Viertelfinal von 2006 gegen den verhassten Rivalen, der dann zu seinem bisher letzten Meistertitel stürmt. In seiner Historie hat es Ambri in bisher acht Anläufen nicht geschafft, Lugano in einer Playoff-/Play-in-Serie zu bezwingen. Es ist ein Drama, das zum Mythos dieses Klubs passt. Zur melancholischen Aussenseiterromantik und einem Selbstverständnis, das sagt: Lieber 1000 Mal verlieren, als so zu werden wie das «Geld-Lugano». Aber das macht es nicht weniger schmerzhaft.
Ambri wird auch dieses jüngste Play-in-Drama gegen Lugano verarbeiten. Zur Inspiration genügt ein Blick in die Curva Sud. Dorthin, wo die treusten der Treuen stehen. In der Kurve wehen seit Jahrzehnten Fahnen mit dem Konterfei des indianischen Freiheitskämpfers, Medizinmannes und Kriegshäuptlings Geronimo aus den 1880er-Jahren im Südwesten der USA. Der Legende nach waren seine Worte: «Ich hätte mich nie ergeben sollen. Ich hätte kämpfen sollen, bis ich der letzte Überlebende bin.»
Das sind Worte, die Ambri auch im anstehenden Winter ermutigen, motivieren, inspirieren, aufrichten, wärmen und trösten werden. Es sind Worte, die Ambri auch helfen werden, wenn Dominik Kubalik letztlich nur als «Phantom der Leventina» in die Geschichte der neuen Saison eingehen sollte: Dominik Kubalik, der offensive Märchenprinz, der als Liga-Topskorer den wundersamen 5. Platz der Qualifikation 2018/19 möglich gemacht hat, ist wieder da.
Aber bleibt er auch? Bis zum 15. Dezember kann er aus dem Vertrag aussteigen und in die NHL zurückkehren und zu einem Phantom werden, das einfach von einem Tag auf den anderen einfach verschwindet und alle schönen Träume und Hoffnungen könnten sich dann auflösen wie ein Morgennebel. Ein Topskorer, der aus Amerika heimkehrt und kühnste Träume weckt und zugleich ein Hoffen und Bangen auslöst, ob er denn auch wirklich bleibt – das passt zu Ambri, zur DNA, zur der an Dramen so reichen und an Triumphen so armen Geschichte dieser wunderbaren Traumfabrik unseres Hockeys.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
Er ist
Er kann
Erwarte
Benotung: 1 bis 10.
Luca Cereda lebt als Mann der Leventina die Werte von Ambri: Leidenschaft, Mut, Demut, Empathie und Geduld und er hat die Grösse, auch zu seinen Schwächen zu stehen. Er ist ein Mann der Leventina, hat die DNA dieses Vereins wie kein Zweiter vor ihm verstanden und ist ein Musterbeispiel für Empathie und Demut.
Cereda, 43, hat die Grösse, auch zu seinen Schwächen zu stehen. Er steigt in seine achte Saison als Ambri-Coach, noch niemand hat diesen Klub auch nur annähernd so lange trainiert, geführt, gecoacht. Er träumt manchmal davon, ein Grotto zu führen oder Rancher in den unendlichen Weiten der texanischen Prärie zu werden. Das einfache Leben. Fast scheint es so, als könne er selber bestimmen, wie lange er Ambri-Trainer bleiben möchte. Aber in sieben Jahren hat er Ambri zwar zum märchenhaften Spengler-Cup-Triumph geführt, aber nur ein Mal in die Playoffs.
Es spiegelt eine sportliche Realität, über die Cereda einmal gesagt hat: «Wir müssen über unseren Verhältnissen spielen, wenn wir Mannschaften mit grösseren Budgets hinter uns lassen wollen. Aber es ist schwierig, sieben Monate lang besser zu spielen, als man eigentlich ist.» Das ist der ewige Spagat dieses Klubs und mit dem Umzug in die Gottardo-Arena ist die Erwartungshaltung gestiegen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein anderer Coach aus diesem Team mehr herausholen würde. Aber es würde nicht überraschen, wenn Cereda irgendwann zermürbt aufgibt.
In der neuen Saison wird es für ihn wahrlich nicht einfacher: Acht ausländische Spieler hat Sportchef Paolo Duca engagiert, aber niemand weiss, ob der beste – Dominik Kubalik – auch tatsächlich bis zum Schluss der Saison bleiben wird. Dominik Kubalik ist, solange er in Ambri weilt, in jedem Spiel gesetzt. Von den restlichen sieben Ausländern müssen also in jedem Spiel zwei auf die Tribüne. Tja, wer die Wahl hat, hat die Qual. Reichlich Stoff für Polemik vor und nach jedem Spiel.
Janne Juvonen ist ein guter Goalie. Wahrscheinlich wäre der ZSC hinter seiner fabelhaften Abwehr auch mit ihm Meister geworden. Das Problem ist, dass es Ambri in allen Mannschaftsteilen (aber vor allem in der Verteidigung) an Talent fehlt. Ein dritter ausländischer Verteidiger könnte Wunder bewirken. Die Suche nach einer Schweizer Nummer 1 im Tor muss daher für Paolo Duca allerhöchste Priorität haben; Ambri kann es sich eigentlich nicht leisten, auch 2025/26 weiterhin eine Ausländerlizenz mit einem ausländischen Torhüter zu blockieren.
Vielleicht, aber nur vielleicht, könnte aus Gilles Senn doch noch diese helvetische Nummer 1 werden. Aber er hat bisher in den letzten sechs Jahren eigentlich nur in der Saison 2022/23 mehr oder weniger überzeugt. Und auch da bloss in einer reduzierten Rolle (17 Spiele, Abwehrquote von 92,16 Prozent). Aber wer weiss: Vielleicht ist der sensible Titan in der Leventina, im Tal der letzten Hockeyromantiker am Ort seiner Bestimmung angelangt und kann das Erbe von Pauli Jaks (dem Finalgoalie von 1999) antreten.
Will Ambri eine Chance auf die Playoffs haben, werden Jesse Virtanen und Tim Heed erneut knapp 25 Minuten pro Spiel spielen bzw. arbeiten müssen. Simone Terraneao und vor allem Rocco Pezzullo haben zwar letzte Saison positiv überrascht, aber es fehlen weiterhin zwei Schweizer Verteidiger, die der soliden NL-Mittelklasse zugeordnet werden können.
Erst recht nach dem Abgang von Tobias Forler (zu Mannheim). Wird Elia Riva auch in seinem zweiten Jahr in Zug nicht glücklich, wird es an der Zeit, die Schatulle zu öffnen und den verlorenen Sohn (verliess Ambri 2011 als 13-Jähriger in Richtung Lugano) nach Hause zu holen.
Erstaunlich, aber wahr: Ambri hat letzte Saison mehr Tore erzielt als der SC Bern, Meister und Champions-League-Sieger Servette und Biel, der Finalist von 2023. 153 waren es, so viele wie seit 2007/08 nicht mehr, als Erik Westrum mit 72 Punkten Liga-Topskorer wurde. Ambri hatte das drittbeste Powerplay, acht Spieler erzielten zehn oder mehr Treffer.
Die offensive Herrlichkeit ist der Ertrag des engagierten, leidenschaftlichen und bissigen Tempospiels, das inzwischen zur DNA Ambris gehört und es möglich macht, ein Maximum aus dem vorhandenen Talent herauszuholen. Aber nun ist der Topskorer Michael Spacek nach Genf weitergezogen und Alex Formenton ist heimgekehrt nach Kanada. Hat Ambri noch einen Stürmer, der 50 Punkte produzieren kann?
Ja, natürlich: Dominik Kubalik. Der Liga-Topskorer von 2018/19 (50 Spiele / 57 Punkte / 25 Tore), der Traumpartner von Dominic Zwerger, der offensive Märchenprinz schlechthin, ist wieder zurück. Aber eben: Mit der latenten Gefahr, dass er bis zum 15. Dezember doch wieder einen NHL-Vertrag bekommt. Wenn er bis zum Saisonschluss bleibt, dann wäre eine erhebliche Aufwertung der Offensive erforderlich. Aber wir wissen eben noch nicht, ob er bis zum Saisonende bleibt. Hat Ambri noch einen ausländischen Stürmer, der neben Dominik Kubalik 50 Punkte erreichen könnte? Jonathan Ang? Philippe Maillet? Vielleicht. Aber wahrscheinlich nicht. Geht Dominik Kubalik in die NHL zurück, wird Ambris offensive Feuerkraft geringer sein als letzte Saison. Und sonst – natürlich – grösser.
Wäre das Tessin ein unabhängiger Staat, dann müsste der Präsident einer sein wie Filippo Lombardi: charismatisch, eitel, mit Sinn für Populismus und Diplomatie, bestens in der Politik und der Wirtschaft vernetzt, lokal tief verwurzelt und doch weltgewandt und mit abgeschlossener Vermögensbildung.
Filippo Lombardi ist der beste und wirkungsmächtigste Präsident der modernen Geschichte Ambris. Einerseits hat er den Klub zu seinen Ursprüngen zurückgeführt und ihm mit dem Engagement von Luca Cereda und Paolo Duca wieder eine Seele vermittelt. Und andererseits ist es ihm gelungen, im kargen Bergtal der Leventina ein nigelnagelneues Stadion zu finanzieren und zu bauen. Besser geht nicht. Mit dem früheren Schiedsrichterchef Andreas Fischer nimmt schon wieder ein neuer Mann auf dem Schleudersitz des Klubmanagers Platz.
Aber er ist einer, der die DNA Ambris in seiner Hockeyseele trägt: Er stürmte einst fünf Jahre für Ambri (1988 bis 1993) und hat als Schiedsrichter-Chef die hohe Kunst der Diplomatie erlernt. Und wer könnte denn Paolo Duca, wenn er sich wieder über die Schiedsrichter aufregt, besser beruhigen als der ehemalige Schiedsrichter-Chef? Wer weiss, vielleicht werden einmal Luca Cereda, Paolo Duca und Andreas Fischer als Ambris heilige Hockey-Dreifaltigkeit in die Geschichte eingehen.
Eine Saisonvorschau von Eismeister Zaugg mit Rang-Prognosen zu allen Teams folgt kurz vor dem Saisonstart.
Idee, Konzept und Inhalt: Klaus Zaugg. | Redaktionelle Betreuung: Adrian Bürgler, Olivier Meier. | Technische Umsetzung: Nicole Christen, Carlo Natter, Philipp Reich, Jelle Schutter. | Spielerportraits: nationalleague.ch.